Theater-Auszeichnungen satt für das Schauspielhaus Bochum – Mitten im „Preisregen“ stand der Keller unter Wasser
Vom „Herrn der Ringe“ - und seinen Ring-Trägern

Schauspielhaus-Chef Johan Simons. Pressefoto Schauspielhaus Bochum / Jörg Brüggemann_OSTKREUZ
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Der wahre Preis-„Regen“, der derzeit über dem Schauspielhaus Bochum von Johan Simons und seiner Theaterarbeit niedergeht, ist mit „bemerkenswert“ metereologisch zu schwach beschrieben:

Bochum ist nach Meinung maßgeblicher Jurys und vieler Kritiker derzeit tatsächlich der Hotspot des gesamten deutschsprachigen Theater-Raums. Des Flamen Plan, das Bochumer Haus unter Kennern wieder ganz oben stehen zu lassen, ist schon aufgegangen.

Dabei fing alles noch überschaubar an:

Im letzten Jahr wurde das Schauspielhaus zum „Besten Theater NRW“ gekürt: An dem nur folgerichtig auch die beste „Schauspielerin des Jahres"  Sandra Hüller u.a. als „Hamlet“ und als „Penthesilea“ brilliert. Soeben erfuhren die Bochumer vom einstimmigen Jury-Entscheid, Hüller den „Theaterpreis Berlin 2020“ vor Ort beim Deutschen Theatertreffen zu verleihen. Dass Schauspieler Jens Harzer vom sterbenden Vorgänger-Bühnenstar Bruno Ganz zum neuen, (jeweils lebenslangen!) Träger des Iffland-Rings bestimmt wurde, erschien nicht nur den Bochumern konsequent, die ihn als Hüllers „Achilles“ in „Penthesilea“ umjubeln.

Doch es geht munter weiter:

Die Stadt Bensheim wird im März den mit 10.000 € und allergrößter Ehre verbundenen Gertrud-Eysoldt-Ring ebenfalls an Sandra Hüller verleihen. Und der mit 5000 € dotierte Kurt-Hübner-Regie-Preis wird für Inszenierungen an Florian Fischer verliehen, seine noch nicht einbezogene Bochumer Premiere mit „Geister“ datiert erst nach Preis-Bekanntgabe am 17. Januar 2020 in der Zeche Eins.

Doch damit nicht genug:

Für die Inszenierung von Georg Büchners „Woyzeck“ als Bochumer Ko-Produktion (Mai 2020) zuvor am Wiener Burgtheater, erhielten gleichzeitig in ihren Kategorien als Regisseur Johan Simons und als Titelrollen-Darsteller Steven Scharf – ungewöhnlicherweise als gleich zwei Nicht-Österreicher den Nestroy-Preis: der höchste österreichische Theaterpreis gilt manchem als der wichtigste im deutschsprachigen Raum. Glückwunsch!

Da war der Wasserrohrbruch im Schauspielhaus eine Gelegenheit, „mal was anderes“ zu melden. Auch wenn es um jede Vorstellung, die ausfallen musste, wirklich schade war.

Wir sprachen trockenen Fusses mit dem „Herrn der Ringe“ über ihn und seine Ring-Träger und Preis-Träger, während Johan Simons Anton Tschechows „Iwanow“ mit Iffland-Ring-Träger Jens Harzer in der Titelrolle probt. Kurz vor der Premiere am 18. Januar 2020 lädt er in den ehemaligen „kleinen Malersaal“ als Probebühne, wo die originalen Bühnenbildmaße markiert werden können. Das spätere Bühnenbild ist dreidimensional schon in Umrissen zu erkennen. Und vor der Probe gibt´s für Alle stets Körper- und Fitness-Training, Simons macht seit Jahrzehnten stets mit – ehemaliger Tänzer, der er ist.

Es braucht nur „een Kopje Koffee“ und wir sind im offenen Gespräch: „Wie bekommt ein Holländer in Wien den Nestroy-Preis?“

Johan Simons: „Es ist ja meine dritte Woyzeck-Inszenierung. Und ich dachte mir, diesmal muss es wirklich gut werden! (Lacht). Büchners berühmter Woyzeck-Stücktext ist sehr fragmentiert und was der so redet, ist manchmal kaum verständlich. Und es ist kein langer Text. Viele ergänzen den Text dann, um zu verlängern. Wir haben diesmal den Text auf das für uns Wesentliche gekürzt:

Woyzeck ist Soldat, Barbier, dient einem Hauptmann, er wird im 19. Jahrhundert für medizinische Experimente missbraucht. Er verdient damit ein bisschen Geld für sein Kind und die geliebte Marie. Die ihn mit dem Tambourmajor betrügt. Er bringt sie aus Eifersucht um.

Es sind dazu dann nur dreißig Minuten an Text herausgekommen. Doch gespielt werden eineinhalb Stunden in einer Circus-Manege. Das ist ein toller Raum. Hier hat jeder seinen Platz. Plötzlich werden starke und komplexe Momente möglich, die weit über reine Text-Sprachlichkeit hinaus gehen. – Über die Nestroy-Preise für Steven Scharf und mich habe ich mich sehr gefreut.“

Frage:  „Sie wählen oft Stücke mit harten Themen und hohem emotionalen Potenzial:

Es gibt bei Ihnen Bühnenszenen, die auch körperlich an die Substanz der Schauspieler gehen. Sandra Hüller bleibt als „Hamlet“ unglaublicherweise während der gesamten fast halbstündigen Stück-Pause wie versteinert konzentriert im weißen „Playground“ auf der Bühne stehen. Eigentlich als Theater-Vorgang ungeheuerlich.

Wissen Sie, wann es „too much“ ist? Gibt es eine Methode Simons?


Johan Simons
: „Aufgeschrieben hab ich sie noch nicht.“ (Lacht und skizziert in wenigen Zügen seine Regie-Technik zum Mitschreiben:). „Das entwickelt sich im Arbeitsprozess beim Erfinden von der Sache. Mit Sandra habe ich eine gemeinsame Methode entwickelt. Die Arbeit ist komplex und durch Annäherung bestimmt. Sandra findet dann einen persönlichen Zugang. Mein Geschmack ist rational und sehr überlegt. Ich habe natürlich eine Konzeption. Ich höre auf das, was andere sagen, wenn es darum geht, ob es verstehbar ist für das Publikum...

Ich komme vom Tanz und ich denke in zwei Sprachen:

Das gibt immer die Möglichkeit oder Anlass für Reflektion. Ich habe Freude an unterschiedlichen Text-Bedeutungen, an Sprachbildern und Spielen, die sich durch ungewöhnliche Formulierungen, Widersprüche auch im Verhältnis zur Körper-Sprache (oder auch nur innerhalb der Körpersprache) ergeben. So werden Szenen oft auch ohne Worte durch komplexe Reaktionen mit Energie aufgeladen.

Das macht die Arbeit mit großartigen Schauspielern aus. Ein guter Schauspieler oder Schauspielerin weiss ja immer, was warum passiert. Sie haben das dritte Auge. Sie wissen um ihre Wirkung. Das passiert alles in Bruchteilen von Sekunden, hunderte kleine Bild- und Text-Splitter und Assoziationen. Komplexe Schauspieler-Persönlichkeiten können darauf bewusst zugreifen. Dann entsteht sehr aktives, spannendes Theater.“.

Frage: „Sie haben ein buntes Ensemble zusammengestellt. Sandra Hüller ist ein Hamlet mit einer schwarzen Mutter. Eine närrische chinesische Totengräberin schubst silberne Schädel-Kugeln über die Bühne. All das wirkt wie selbstverständlich. Ein Welt-Ensemble (auch sprachlich), das anschließend mit Standing Ovations gefeiert wird. Wie geht das?“.

Johan Simons: „Ja, das ist schon toll hier in Bochum. Hier stehen die Schauspieler im Mittelpunkt. Sie werden geliebt und gefeiert. In Holland kennen wir das nicht so: Da denken viele im Publikum schon an die Garderobe, ans Nachhausefahren und so gibt es solche Standing Ovations wie hier nicht.

Eigentlich ist das doch wie im Fussball: Es zählt, was auf dem Platz passiert, Fussball-Spieler überzeugen durch ihr Können. Wo die her sind, das interessiert doch keinen. Das ist bei uns im Theater nicht anders.“.

Während des Interviews kommen die ersten Schauspieler auf ihre Probebühne. Der Chef im Trainingsanzug lässt sich aber nicht aus der Ruhe bringen und sagt mit seinem trockenen Humor noch:

„Iwanow“, das ist ein irres Stück. Ich habe es ein bisschen aufgeteilt. In vier Teile: So gibt es schon sehr gute Szenen und - es geht richtig ab. Da fliegen schon Funken... Götterfunken zwischen Gina Haller und Jens Harzer.“ (Etwas lauter:) “Aber wir müssen noch viel machen bis zur Premiere.“ (Und wieder mit der scheinbar mühelosen Sachlichkeit des sich immer noch anstrengenden Routiniers) „Kritik ist ja immer einfach. Aber: Es richtig zu machen, ist schwer. Wir seh´n uns bei der Premiere?!“. Der Theaterkeller ist inzwischen auch wieder trocken. (cd)

Autor:

Caro Dai aus Essen-Werden

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