Gespräch mit Mercy Dorcas Otieno vom Schauspielhaus Bochum
„Von Einer, die auszog, das Fürchten zu lernen“ - und ihr Glück fand

In der "Geschichte vom kleinen Roboterjungen" spielt Mercy Dorcas Otieno (l.) eine Wissenschaftlerin. Hier mit Puppenspielerin Franziska Dittrich und Jost Grix. Pressefoto Schauspielhaus Bochum / Björn Hickmann - stagepicture.
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  • In der "Geschichte vom kleinen Roboterjungen" spielt Mercy Dorcas Otieno (l.) eine Wissenschaftlerin. Hier mit Puppenspielerin Franziska Dittrich und Jost Grix. Pressefoto Schauspielhaus Bochum / Björn Hickmann - stagepicture.
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BOCHUM. Ausgerechnet eines der finstersten Märchen der Gebrüder Grimm war das erste richtige Theaterstück überhaupt, in dem die Schauspielerin Mercy Otieno aus Kenia mitwirken durfte, das Märchen „Von Einem der auszog, das Fürchten zu lernen“.

Das war im österreichischen Graz, im „Spielclub“ des dortigen Theaters. Sie hatte ein Plakat gesehen, auf dem Menschen mit „Migrations-Hintergrund“ gesucht wurden. Und da sie gerade persönlich an einem Scheideweg stand und auch schon einige Erfahrungen „im Fürchten Lernen“ gemacht hatte (seit sie 2006 als Au-pair nach Deutschland und Österreich vermittelt worden war) bewarb sie sich.

Ihre östereichische Au-pair Familie, bei der sie zwei Jahre gearbeitet hatte, ermutigte sie anschließend, ein Soziologie-Studium zu beginnen. Das Mercy mit vielen kleinen Jobs zu finanzieren versuchte, mit Tanzunterricht, auch Putzen, Babysitting und auch ehrenamtlich in Integrationsprojekten. Dann führte Österreich auf seinem Weg zu einem der europäischen Problemfälle prompt „Studiengebühren für Ausländer“ ein. Die erfolgreiche Studentin Mercy hätte dann kein Geld mehr für Leben und Miete gehabt.

Wie immer in ihrem im Leben, und besonders, wenn es nicht so lief, hat sie etwas gewagt: Sie bewarb sich in Graz beim Theater Spielclub, „obwohl es sich um ein ehrenamtliches, also unbezahltes Engagement handelte“.

Das Grimmsche Märchen-Projekt war der Rahmen für sehr aktuelle Themen, nicht nur in Österreich aktuell: Es ging um Ausgrenzung, Vorurteile, um Flucht-Schicksale, um Rassismus. Alle Mitwirkenden sollten ihre Geschichten einbringen. Das war für diese Mitwirkenden - und die Zuschauer hart. Und manchmal auch bitter.

Aber: Es wurde ein echter Neuanfang für Mercy. Sie konnte zum ersten Mal bewusst ihre Erlebnisse aufarbeiten und einbringen. Gerade das erste Jahr in Deutschland seinerzeit war sehr schwierig für sie gewesen, ohnehin weit weg von der Familie, in einem so fremden Land.

Doch auch sie war ja ausgezogen, um ihren Platz im Leben zu finden.

Ihre, wie sie sagt, normalen kenianischen „middle class Eltern“ (Mama ist Schneiderin in der Mode-Industrie und Papa Versicherungs-Vertreter) unterstützten ihren Wunsch nach einem Jahr im Ausland und ließen die älteste Tochter (Mercy hat noch zwei jüngere Brüder) nach Europa ziehen. „Mama sagte: Es ist Dein Leben.“. Es wurde ein Abschied „für länger“, weil lange das Geld zu knapp war für gegenseitige Besuche.

Aber: Aus dem Spielclub wurde ein richtiges Theater-Engagement in Graz:

Die damalige Grazer Intendantin Anna Badora gab der talentierten jungen Frau die schwierige Rolle der „Tituba“ in Arthur Millers „Hexenjagd“ – ein historisierendes Stück aus entsetzlicher US-Vergangenheit als Kommentar zu den Hetzjagden der McCarthy-Ära, geschrieben vom jüdischen intellektuellen Marilyn-Monroe-Ehemann. Regisseurin Anna Badora (zuvor Assistentin von Peter Zadek und dann Intendantin in Düsseldorf) hatte sie im Spielclub gesehen. Und war von Mercys Präsenz und Persönlichkeit beeindruckt, wie sie ihre junge Elevin anschließend wissen ließ. Und auch Mercy hatte sich nun endgültig entschieden, dass sie ans Theater gehen wollte.

Sie hatte einen Weg gefunden, auch ihre harten, bitteren, manchmal aber auch so guten Erfahrungen für ihren neuen Beruf zu nutzen: „Ja, ich musste ja manchmal auch zur Caritas gehen, um etwas zu Essen zu bekommen. Ich weiß wirklich, wie es ist, wenn man keinen Cent mehr hat. Wenn man Zeitungen verkaufen muss. Und die Leute nerven muss, um auch nur ein bisschen Geld zu verdienen. Aber ich weiß auch, dass man jeden Job immer so gut wie möglich machen muss: Wenn ich Putzen gehen musste, dann war ich die beste Putzfrau der Welt! Das wurde übrigens auch eine Vorsprechrolle bei meiner Bewerbung an der Schauspielschule, ich als Putzfrau.“

Dass sie aufgenommen wurde und wo, ist für Mercy immer noch ein kleines Wunder:

Sie wurde als allererste afrikanische Schülerin an einer der renommiertesten deutschsprachigen Schauspielschulen aufgenommen, am Wiener Max-Reinhardt-Seminar ! Bekam ein Stipendium ! Noch knapp drei Monate vorher wusste sie nicht, wie sie ihre Miete bezahlen sollte.

Aber: viele gute Freunde halfen ihr - auch ganz praktisch, zB mit Möbeln. Und mit positiver Motivation, wenn ihre Selbstzweifel einmal zu groß zu werden drohten.

Und wie kam der Kontakt zum Schauspielhaus Bochum?

„Ich habe 2017 meinen Abschluss am Max-Reinhardt-Seminar gemacht. Und beim ganz regulären Intendanten-Vorsprechen aller Schauspielschulen hat mich Chefdramaturg Vasco Boenisch spielen sehen. Und mich dann dem Intendanten Johan Simons vorgeschlagen. In der Schauspielschule hatte man mich sehr behutsam darauf vorzubereiten versucht, dass ich vielleicht nicht sofort ein Engagement bekommen würde. Und ich hatte mich innerlich schon auf eigene Projekte und ein Schauspieler-Leben in der Freien Szene vorbereitet.“.

Aber: dann gab es sogar mehrere Interessenten von verschiedenen Theatern!

„Heute bin ich aber einfach nur froh und glücklich, dass ich nach Bochum zu Johan Simons ins Ensemble kommen durfte! Ich wurde mit offenen Armen aufgenommen – vom ganzen Team! Im Haus selbst sind alle unglaublich liebevoll und hilfsbereit, hier herrscht ein besonderer Spirit. Die Arbeit mit den Kollegen ist spannend und ich lerne immer noch viel. Aber ich fühle mich nicht nur am Theater hier, sondern auch in Bochum sehr wohl.“

„Bochum – ich komm aus Dir“

Das beruht wohl auf Gegenseitigkeit. Spätestens zum 100. Geburtstag des Schauspielhauses, als Mercy Otieno in der Jubiläums-Revue „O Augenblick“ das Kult-Lied „Bochum, ich komm aus Dir“ in ihrer Muttersprache Suaheli gesungen hat (und weiterhin singt), hat das auch die härtesten Grönemeyer-Fans gerissen. Und jagte ihnen Gänsehaut die Unterarme runter wie dem Lernbegierigen bei den Gebrüdern Grimm, als man ihm die Fische ins Bett geschüttet hat. Auch, dass nicht ein einziger Kritiker der so erfolgreichen und immer schnell ausverkauften „Hamlet“-Produktion es überhaupt erwähnenswert fand, dass Sandra Hüllers Dänenprinz Hamlet eine schwarze Mutter als Königin Gertrud hat. Das fand auch Johan Simons als Chef seiner bunten Truppe bemerkenswert („Dann haben wir das wohl geschafft!“), verrät Mercy gern und: „Im heutigen Österreich wäre das vielleicht anders gewesen.“. (Aus der einstigen Europäischen Kulturhauptstadt Graz ist inzwischen auch die Heimstatt des aller-reaktionärsten, sog. „identitär“-rechtsradikalsten Teils der Strache-FPÖ geworden, den selbst diese gern verharmlosend „den Narren-Saum dort in Graz“ nennen...).

Mercy Otieno aus vollem Herzen: „Das Theater hat mir immer Glück gebracht. Und es hat mich auch das erste Mal zurück in meine Heimat Kenia gebracht. Ich konnte durch ein Projekt mit Ernst M. Binder (Grazer Autor, Regisseur und Schauspieler / Mercy wurde nach seinem Tode die erste Ernst-Binder-Stipendiatin 2017) nach Kenia fliegen, auch zu meiner Oma, die in der Nähe von Kisumu lebt. Meine Oma steht mir sehr nahe, weil sie mich aufgezogen hat. Meine Eltern mussten ja beide arbeiten. Sie kann sich aber überhaupt nicht richtig vorstellen, was ich heute hier mache.“

Haben Deine Eltern Dich schon mal auf der Bühne sehen können?

„Meine Mama konnte zur meiner Schauspielschul-Abschlussprüfung am Seminar nach Wien kommen. Und ich bin dann damals mit ihr nach Graz gefahren. Das ist ja keine Großstadt und da kannten mich viele noch vom Theater und viele haben mich herzlich begrüßt und wollten wissen, wie es mir geht. Meine Mutter denkt seitdem, dass alle mich dort kennen. Aber richtig auf der Bühne haben meine Eltern mich noch nicht gesehen. Natürlich wünsche ich mir sehr, dass sie das eines Tages können.“.

Wolltest Du immer schon ans Theater und hast Du schon in Kenia Theater gespielt?

Mercy: „Ja, tatsächlich einmal in der Schule – einen König. Das war ein großer Spaß. Aber dass es einmal mein Beruf werden könnte, lag außerhalb meiner Vorstellungskraft. Ich wollte Sprachen lernen. Denn Sprache ist auch ein Schutz und eine Waffe im Kampf gegen dumpfe Vorurteile. Geholfen hat mir da immer meine offene Einstellung zu allen Menschen. Da kam viel Positives zurück! Das ist auch ein guter Zugang zu meinen Rollen. Da brauche ich immer auch einen emotionalen Andock-Punkt.“

Das ist auch nicht anders bei ihren jetzigen Proben zum Familienstück „Die Geschichte vom kleinen Roboterjungen“ :

Hier spielt Mercy Dorcas Otieno die wissenschaftliche Teamleiterin eines ungewöhnlichen Hightech-Labors in Bochum. (Das Stück wurde eigens entwickelt fürs Theater dieser Universitäts-Stadt, in der Professor Onur Güntürkün als einer der weltweit führenden Biopsychologen im Fachbereich „Kognitive Neurowissenschaften“ forscht und lehrt!).

Das Ziel in diesem Theaterstück für die ganze Familie ist es, einen Roboterjungen mit einem echten Gehirn zu erschaffen. Mit Erfolg! Er weiß, dass das Forscherteam eine wichtige Aufgabe zu erfüllen hat – und dass er da ist, um ihnen zu helfen.
Aber: manchmal will er einfach nur in seine Traumwelt eintauchen. Und dann beginnt das Labor sich zu verwandeln... Der kleine Roboterjunge wird als Puppe von einer Puppen-Spielerin gespielt. Für Mercy eine besondere Premiere: „Die Puppenspielerin Franziska Dittrich macht das so perfekt, dass man ihre Anwesenheit völlig vergisst.“ Für ihre Rolle hat Mercy Otieno sich auch wissenschaftlich vorbereiten lassen, viel über Hirn-Funktionen und evolutionäre Hirn-Entwicklung beim Menschen lernen können. Das findet das ganze Team sehr spannend.

Dann also Toi! Toi! Toi! für die Premiere, Mercy Otieno! (cd)

„Die Geschichte vom kleinen Roboterjungen“:

Familien-Stück von Jimmy Osborn und Sue Buckmaaster, die auch Regie führt. Premiere am Samstag, 16. November 2019, um 16 Uhr im Schauspielhaus Bochum. Weitere Aufführungen: am 17. November, 16 Uhr / 24. November, 12 Uhr und 16 Uhr / 1. Dezember, 16 Uhr (anschließend Spiel- und Bastelangebot für Kinder von 6 bis 10 Jahren, begrenztes Platzangebot) / 8. Dezember, 11 Uhr (anschließend Spiel- und Bastelangebot für Kinder von 6 bis 10 Jahren, begrenztes Platzangebot) / 15. November, 16 Uhr / 22. Dezember, 16 Uhr / 25. Dezember, 16 Uhr und 29. Dezember, 17 Uhr.

Autor:

Caro Dai aus Essen-Werden

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