„Zwischenzeit“ soll auch 2019 Motto der Ruhrtriennale bleiben

Stefanie Carp zog eine positive Bilanz ihrer ersten Spielzeit. Foto: Daniel Sadrowski / Ruhrtriennale 2018
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Stefanie Carp blickt auf eine erste und wildbewegt politische Spielzeit zurück :

„Künstlerisch sehr erfolgreich, politisch sehr umstritten“ bilanzierten andere diese erste Ruhrtriennale unter weiblicher Intendanz. Zur Abschlusskonferenz lud Stefanie Carp jetzt in die Dampfgebläsehalle hinter der Festspielstätte ein, diesmal sogar mit Trompetenbläser, der mit kunstvollen Tönen und artistischer Partnerin für die letzten Triennale-Veranstaltungen bis Sonntag, 23. September warb.

Intendantin Carp sieht die Bilanz ihrer ersten Spielzeit positiv. Denn wenn man die Aufgabenstellung der Ruhrtriennale ab Gründung wörtlich nimmt, herausragenden zeitgenössischen Künstlern und Künstlerinnen aus Theater, Oper, Tanz, Event und Bildender Kunst in den ehemaligen Werks- und Maschinenhallen des Reviers außergewöhnliche Möglichkeiten zur Kunst und Kultur-Wertschöpfung zu geben, so hat sie diese Aufgabe mit überzeugenden Projekten auf höchstem Niveau erfüllt. An den 32 Ruhrtriennale-Produktionen wirkten über 920 Kunstschaffende aus rund 30 Ländern mit.

Und - auch die Kasse stimmt: Kurz vor Ende des ersten von vertraglich immer drei Jahren der Künstlerische Leitung rechnete die Geschäftsführung eine Gesamt-Auslastung von über 80 % vor. Es wurden rund 27.000 Tickets ausgegeben.

Zudem besuchten etwa 24.700 Interessierte die kostenlosen Angebote in der zum Festivalzentrum ausgebauten Transall-Maschine vor der Jahrhunderthalle oder die ebenfalls im Schatten der Jahrhunderthalle entstandene neue Skulptur des Konzeptkünstlers Olu Oguibe: „Appell an die Jugend aller Nationen“.

Die meistbesuchten Zahl-Events waren:

„Universe, Incomplete“ von Christoph Marthaler (4.100 Besucher in der Jahrhunderthalle, der Stadtspiegel berichtete) , „The Head and the Load“ (3.100 im Landschaftspark Duisburg) und H.W. Henzes „Floss der Medusa“ (2.400 Besucher in der Jahrhunderthalle) mit den großartigen Bochumer Symphonikern unterm scheidenden Maestro Steven Sloane. Beim Sinken der Fregatte „Medusa“ 1816 vor dem Senegal gab es nur für Frankreichs Kolonial-Offiziere und reiche Passagiere Platz in den Booten. 150 Mann auf einem Floss ertranken, verdursteten, wurden zu Kannibalen. Erschütternd, weil nach Henzes Uraufführung 1968 nun unerwartet wieder aktuell.

Auch die Tanztheater-Produktion „Exodos“ von Sasha Waltz & Guests war harter Kunst-Tobak:

Zum 25. Jubiläum der Compagnie mit erweitertem (auch Ton-) Ensemble ist ein rauschhafter Körperbilder-Traum-Alptraum entstanden. Menschen auf der Flucht, Enge, Rettung, Sich-Verlieren in der Großstadt. Ein schwarzer Engel begrüßt am Seilzug schwebend die Zuschauer. Sie sind von Anfang an in der Halle „mitgehender“ Teil der Inszenierung. Unglaubliche Tänzer-Persönlichkeiten bewegen sich in artistischen Szenarien durch die Besuchermenge. Harte DJ-Sounds aus den legendären Berliner Clubs hämmern bis zur Schmerzgrenze auf Ohren und Solarplexus. In einem Glaskubus zwängen sich Körper, Panik, Befreiung. Körpersprache bis zur Besinnungslosigkeit. Tänzer sind in transparenten Säulen eingemauert: Schmerz auch für die Zuschauer. Keine Bestuhlung, nur einige bewusst unbequeme Bänke für wenige. Viele Besucher tanzten dann lieber mit, als zu sitzen.

Das Publikum dieses auch auf andere Weise anspruchsvollen „Festivals der Künste“ war nicht nur hier international. Es kam aus aller Welt und die, die zum ersten Mal hier waren, staunten nicht schlecht, was das Revier in seinen Ex-Industriehallen kulturell so aufzubieten hat! Und was ohne die Unterstützung durch Sponsoren und Förderer (darunter die Kulturstiftung des Bundes, die Kunststiftung NRW, die Innogy-Stiftung, die Stiftung Mercator und die Allianz Kulturstiftung) nicht ansatzweise zu stemmen wäre.

Aber da war doch noch was?

„Das muss man aushalten.“, antwortete Stefanie Carp auf die vielen Fragen nach dem bundesweit bekannt gewordenen Vorfall mit ihrer Ein-, dann Aus-ladung und dann nicht erfolgreichen Wiedereinladung der schottischen HipHop-Band „Young Fathers“. Grund: wie Pink-Floyd-Grande Roger Waters und andere Prominente unterstützten die eine Initiative zum Boykott der israelischen Administration, ohne frei von Anhängern zu sein, die gänzlich auf Seiten radikaler Palästinenser hetzen. Carp parierte wohl „ungeschickt“ Fragen im Landtag, der später mehrheitlich eine Resolution verfasste, zuvor aber erklärte der subventionierende Ministerpräsident, keine Premiere mehr besuchen zu wollen. Zu diesem Zeitpunkt gab kaum jemand auch nur einen Cent für Carps weiteren Verbleib. Die aber setzte als Ruhrtriennale statt des Konzerts eine Podiums-Diskussion über „politische Boykott-Strategien in der Kunst“ an, mit Laschets prominentestem Bochumer Parteifreund als klugem Moderator an: Norbert Lammert, einst zweiter Mann im Staat und im Bundestag zum sachlich-schlagfertigen Streitschlichter gestählt, bewährte sich auch hier. Wofür sich Stefanie Carp – die es für unwürdig hält, sich mit ihrem auch antirassistischem Programm gegen etwa Antisemitismus-Vorwürfe auch nur zu verteidigen - im Namen des gesamten Triennale-Teams und ihres Publikums bedankte. Denn dies war wohl die erste Diskussion zum Thema, die nicht in festgefahrenen und hasserfüllten Tumulten demonstrierender Kontrahenten unterging.

Doch: Es gibt schon Pläne für 2019

Das schnell gegen sie interpretierbare Leitmotiv „Zwischenzeit“ will Stefanie Carp für die Zeit ihrer künstlerischen Intendanz beibehalten, auch wenn es die vollen drei Jahre bleiben. Christoph Marthaler, der als Artiste Associé dieser RT-Intendanz besonders verbunden ist, will sich dem Thema Demokratieverlust widmen. Der ungarische Opernregisseur David Marton hat sich gemeinsam mit der Opéra National de Lyon die Oper „Dido & Aeneas“ samt einer Werk-Erweiterung vorgenommen. Die renommierte Need-Companie aus Belgien (vor sechs Jahren zuletzt RT-Gast) wurde mit einer Tanztheater-Welturaufführung beauftragt. Und auch Marlene Monteiro, deren „Jaguar“-Performance aus Krankheitsgründen in diesem Jahr nicht gezeigt werden konnte, soll 2019 mit einer Produktion präsentiert werden.

Ob es zu ähnlichen Problemen mit dem Programm auch 2019 kommen könnte?

Darauf antwortete Stefanie Carp, dass ihr bisher kein geplanter Künstler als BDS-Aktivisten bekannt sei. Gut so, denn der Landtag hat inzwischen beschlossen, dass „in Nordrhein-Westfalen kein Platz für die antisemitische BDS-Bewegung“ ist. Es braucht generell deutliche Zeichen in Zeiten, in denen nichts mehr selbstverständlich scheint und differenzierte Diskussionen durch Lärm und Hass und Vorurteil schnell untergehen. (cd)

Autor:

Caro Dai aus Essen-Werden

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