Demonstration der Bergarbeiterbewegung in Bottrop
Drohende Vergiftung des Trinkwassers durch Flutung von Bergwerkstollen

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Bereits zum achten Mal protestierten in Bottrop ehemalige Bergleute, Bergarbeiterfrauen, Stahlarbeiter sowohl zahlreiche Jugendliche und Einzelpersonen gegen die bereits eingeleitete Flutung der Bergwerkstollen der ehemaligen Zeche Prosper Haniel. Da in zahlreichen ehemaligen Bergwerken in die Stollen und Schächte hochgiftiger Sondermüll eingelagert wurde, droht mittelfristig bei einer Flutung der Stollen eine Vermischung des ohnehin mit Giftstoffen belasteten Grubenwassers mit dem Trinkwasser. Obwohl für ein Verbot zur Flutung der Bergwerke noch ein Gerichtsurteil aussteht, hat die RAG auf der ehemaligen Schachtanlage Prosper Haniel bereits die Pumpen abgestellt.

"Zur Verfüllung der Schächte werden bereits 10.000 Tonnen Sand per LKW durch die Bottroper Wohngebiete gefahren" äußerte sich Otwin Herzig von Kumpel für AUF Bottrop. Er kritisierte den Slogan der Stadt Innovation City, während gleichzeitig so ein Kahlschlag betrieben wird. 

„Uns geht es um die Familien, unsere Kinder und auch um die Umwelt und das Wasser, das wir zum Leben brauchen“, empörte sich eine der Bergarbeiterfrauen.

Zu dieser Demonstration hatte die Bergarbeiterbewegung "Kumpel für AUF" mobilisiert. Einer der Sprecher dieser Organisation, Christian Link und eine Sprecherin der Koordinierungsgruppe des politischen Internationalistischen Bündnisses moderierten auf der Auftakt- und Abschlusskundgebung. L. deckte den Giftmüllskandal in einem anderen stillgelegten Bergwerk als ehemaliger Bergmann auf und erhielt daraufhin Anfahrverbot und brachte die ganze Sache in die Öffentlichkeit. Inzwischen ist L. Rentner. Er zählte die immer länger werdende Liste der Schandtaten der RAG AG auf.

"Viele meinen, ich habe mit Bergbau nichts zu tun und die Sache betrifft mich nicht", argumentierte L., "aber diese Umweltvergiftung geht uns alle an, wenn irgendwann verseuchtes Wasser aus den Wasserhähnen fließt, denn es ist nur eine Frage der Zeit, wann sich die Giftbrühe aus den Stollen mit dem Grundwasser vermischt". Mit dieser Aussage wurde deutlich, dass es  hier nicht um die Problematik einer einzelnen Branche geht, sondern jeder im Ruhrgebiet ist vom vergifteten Grundwasser betroffen, das sogar vor den Halternern Sümpfen nicht haltmacht.

Verschiedene Rednerinnen und Redner während der Demonstration gingen darauf ein, dass es hier nicht nur um das Ruhrgebiet und den Steinkohlebergbau geht. Man suchte den Schulterschluss mit den Bergleuten von Kali und Salz ebenso wie mit den Braunkohle-Kumpel.

Besonders Diskussion löste das öffentliche Versprechen der Ruhrkohle AG "Keiner fällt ins Bergfreie", trotzdem wurden über 200 Bergleute gekündigt, obwohl für Aufgaben wie die Wasserhaltung, den Rückbau der Bergwerke usw. noch zahlreiche Arbeitskräfte benötigt werden. 

Ein Anwalt berichtete von einem ersten erfolgreichen Prozess gegen die Kündigung von über 200 Bergleuten durch die RAG. Zunächst hatten einige der über 160 Klagenden in der ersten Instanz verloren. Hier scheint sich das Blatt zu wenden. Das freche Argument der RAG-Vertreter vor Gericht, die Aussage "Keiner fällt ins Bergfreie" sei rechtlich nicht verbindlich, sondern nur eine politische Äußerung, fand bei einigen Richtern kein Gehör. 

Eine Delegation verschiedener wichtiger Betriebe aus dem Ruhrgebiet von Opel, von Daimler, von Ford, von ThyssenKrupp und von Hella sprachen auf der Bühne. Einige der Stahlarbeiter waren diese Woche schon zum dritten Mal demonstrieren (jüngste Proteste bei Thyssen Krupp). 

Zahlreiche Grußworte gingen aus dem In- und Ausland ein, zum Beispiel Indien. Auch von der Tierschutzpartei, deren Vertreter wegen eines eigenen landesweiten Termins nicht kommen konnte. Auch Grüße aus dem rheinischen Braunkohlerevier wurden überbracht. Sie alle dokumentierten die breite Unterstützung, die die kämpferische Bergarbeiterbewegung genießt.

Frau Gärtner-Engel, ehemalige Stadtverordnete aus Gelsenkirchen, berichtete von einem schwarzen Freitag für die Stadt Gelsenkirchen. Die Stadtverwaltung scheiterte mit ihren undemokratischen Maßnahmen, eine zuvor bestätigte Buchung einer Aula für eine Tagung der Bürgerinitiative gegen die Vergiftung der Region zu widerrufen. Gegen den Willen der Stadt Gelsenkirchen und erst nach zwei Prozessen konnte das Tribunal am Freitag in der Aula tagen. 

Der Hauptkoordinator der international Bergarbeiterkonferenz, Andreas Tadysiak, berichtete von den Kämpfen der Bergarbeiter in Indien, Peru und Rumänien. Er warnte vor den Plänen, im Ruhrgebiet Grubengas durch Fracking zu gewinnen.

Die bunte lautstarke Demonstration zog durch ehemalige Bergbauarbeiterviertel mit ihren typischen Zechenhäusern. Das Steigerlied und der Song der spanischen Befreiungsbewegung der Bergleute "Santa Barbara Bendita" wurden neben anderen Kampfliedern gesungen. Viele ausländische Anwohner freuten sich, als ein türkisches Bergarbeiterlied durch die Demonstration schallte.

Ingrid L.  ist Bergarbeiterfrau. Ihr Mann hat jahrelang auf der Zeche gearbeitet und zog sich dort Asbest-Krebs zu. Bis heute kämpft er um Anerkennung als Berufserkrankung. Wie ihm geht es Hunderten.

Ein IG Metall Vertrauensmann von VW-Kassel, berichtete von einer vorwärtsweisenden Unterschriftensammlung, die sie gegen die AfD in ihrem Betrieb gestartet haben. "Als Gewerkschafter und Arbeiter müssen wir Verantwortung für den Kampf gegen die Rechtsentwicklung übernehmen. Die Gewerkschaften müssen sich positionieren und sich von rechts abgrenzen. Gleichzeitig müssen neue Perspektiven diskutiert werden."

Auch die katastrophalen gesundheitlichen Folgen der Politik der verbrannten Erde kamen in verschiedenen Beiträgen zur Sprache. Die Ärzteinitiative gegen die Flutung der Zechen zitierte aus dem Grußwort des bekannten Arztes und Buchautors aus Bottrop, Klaus-Dietrich Runow: „Wir leben in einer durch Umweltchemikalien stark belasteten Umwelt und wir spielen mit den Gehirnen ganzer Generationen! Schon die Muttermilch enthält 350 verschiedene Substanzen – unter anderem Pestizide, Parfüm, Weichmacher aus Plastik, PCB und Dioxine.“

Ein Kläger gegen die RAG zeigte die Bedrohung für die Halterner Sümpfe, aus deren Reservoir Millionen Menschen ihr Trinkwasser beziehen. Das fordert radikale Lösungen heraus, lautete ein Beitrag des Frauenverbands Courage.

Neben der Tierschutzpartei gehört auch die Partei MLPD zu den Unterstützern der Bergarbeiterbewegung. Deren Vorsitzende berichtete ironisch, was von bürgerlicher Politik zu halten ist: Die Aussage „keiner fällt ins Bergfreie“ sei nur eine "politische Äußerung" gewesen, und deshalb auch nicht ernst gemeint – ein echter Offenbarungseid bürgerlicher Politik und ihrer Methode, Illusionen zu verbreiten, um die Leute ruhig zu halten.

Die Moderation erklärte in ihrem Schlusswort, dass diese Demonstration nicht die letzte gewesen sei. "Die wirksamste Waffe der Arbeiter bleibt der Streik", sagte Ch. Link und wünschte allen Demoteilnehmern eine frohe Weihnacht und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Glück auf!

Autor:

Ulrich Achenbach aus Bochum

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