Stadtgespräch: Interview mit Bochums Oberbürgermeister Thomas Eiskirch
"Es ist, als ob man Steine ins Wasser wirft"

Thomas Eiskirch im Gespräch mit dem Stadtspiegel.
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„Die Zeit ist gerast - denn es ist eine extrem tolle Aufgabe, bei der man enorm viel gestalten kann.“ Mehr als die Hälfte seiner ersten Amtsperiode als Oberbürgermeister liegt bereits hinter Thomas Eiskirch. „Aber ich hoffe mal nicht, dass das auch die Hälfte meiner Amtszeit ist“, lacht er und macht damit deutlich, dass er auch bei der nächsten Kommunalwahl im Herbst 2020 wieder für das Amt kandidieren will. Und gewinnen! Denn: „Was wir hier machen wollen, geht über die Grenzen von Wahlperioden hinaus. Ich glaube, dass auch die Bürgerinnen und Bürger genug haben von Politikern, die immer nur die nächste Wahl im Blick haben.“

Was den 48-Jährigen umtreibt, das ist nicht mehr und nicht weniger als das Ziel, die Stadt fit für die Zukunft zu machen. „Die Bochum Strategie 2030“ heißt folgerichtig das Projekt, das die Entwicklung der Stadt in der nächsten Dekade beschreibt. „Es ging uns darum, zu gucken, worauf wir aufbauen können, wo wir hinkommen wollen - und was wir dafür tun müssen, um diese Ziele zu erreichen.“
Zuvor Abgeordneter seiner Partei im Landtag, kehrte Eiskirch mit der Wahl zum Oberbürgermeister in seine Heimatstadt zurück: „Woanders hätte ich mich nie um dieses Amt beworben. Ich liebe diese Stadt und bin ein großer Fan von ihr.“ Und gerade das liefert die größte Herausforderung in diesem Amt.

Die Abwärtsspirale stoppen

Dass Bochum auf einem guten Weg ist, davon ist er überzeugt: „Ich bin immer wieder erstaunt und berührt davon, wie viel sich in diesen drei Jahren in der Stadt positiv verändert hat - auch, was die Stimmung und die Haltung der Menschen angeht.“ Womit bereits eine der zentralen Veränderungen in den letzten drei Jahren beschrieben wäre: Die besondere Verbundenheit der Bochumer zu ihrer Stadt stand und steht für Eiskirch außer Frage: „Doch als ich ins Amt gekommen bin, hatten sich viele Menschen anstecken lassen von einer Stimmung der Depression, von einem Negativ-Bild, das vor allem von außen - und nicht zu Unrecht - gemalt wurde. Es gab für mich drei zentrale Aufgaben zu Beginn meiner Amtszeit - und damit meine ich nicht Politikfelder - nämlich: Sichtweise verändern, Strategie entwickeln, Menschen beteiligen.“
Die erste Aufgabe war für ihn ganz klar: „Kopf hoch, Brust raus!, also das Selbstwertgefühl und den Blick auf die eigene Stadt mit einem ganz neuen Optimismus zu versehen.“ Denn, so ist er überzeugt, nur wenn man Optimismus ausstrahle, komme auch etwas Positives zurück - und ein Erfolg ziehe den anderen nach. Zuvor habe es eine Abwärtsspirale gegeben, die sich immer schneller gedreht habe - von der Opel-Schließung über das Haushaltssicherungskonzept bis hin zu solchen Sparmaßnahmen wie der Absenkung der Wassertemperatur in den Bädern. „Diese Spirale musste man stoppen“, so Eiskirch, „und dann hatten wir sicher auch ein bisschen Glück dabei, dass eine Bewegung in die andere Richtung entsteht, die dann genauso schnell wird.“ Das Gefühl, dass Bochum eine Stadt im Aufbruch sei, in der ganz viel passiere, sei inzwischen bei vielen Menschen angekommen. Dieses Gefühl allein helfe aber auf Dauer nicht, wenn nicht auch was passiert. „Und da sind wir inzwischen kräftig dabei.“
Die zweite große Herausforderung sei es gewesen, eine Verabredung darüber zu treffen, wo sich die Stadt hin entwickelt - und genau das sei die „Bochum Strategie 2030“. Über Parteigrenzen hinweg und mit ganz vielen Akteuren in der Stadt - Bürgern, Hochschulen, Gewerkschaften, IHK - sei ein Bild entworfen worden, wie sich Bochum entwickeln soll, damit die Stadt für ihre Bürger wie auch für Menschen von außerhalb gleichermaßen attraktiv ist, und welche Schritte nötig sind, um dorthin zu kommen.
„Es war eine gute Fügung, dass zu dem Zeitpunkt, als ich gewählt wurde, viele neue Leute in leitende Funktionen gekommen sind“, macht er deutlich, dass die Entwicklung keineswegs nur auf sein Konto geht. Von den Stadtkirchen über die IHK und die Stadtwerke bis zu den Hochschulen und der Ruhr-Uni sei er auf Menschen gestoßen, die bereit waren, über den eigenen Tellerrand zu blicken, die Stadt als Ganzes im Blick zu haben und die Stadtentwicklung als eine gemeinsame Aufgabe zu verstehen. Verkrustete Strukturen aufzubrechen, Dinge neu zu denken, neue Prozesse anzustoßen - all‘ das fiel damit naturgemäß leichter. Dazu, betont Eiskirch, müsse man diese Akteure aber tatsächlich mitgestalten lassen. Diese Offenheit hätten sowohl Verwaltung als auch Politik an den Tag gelegt.
„Das dritte, was ich mir fest vorgenommen hatte, war die Frage, wie wir es schaffen, Bürgerinnen und Bürger stärker einzubeziehen - sowohl im konkreten Einzelfall, als auch was die Entwicklung der Stadt anbelangt - und ich glaube, in allen diesen drei Punkten stehen wir heute anders da als Ende des Jahres 2015.“

Auch den Leisen eine Stimme geben

Mit sehr klaren Vorstellungen davon, wie Bürgerbeteiligung aussehen soll, sei er nach Bochum gekommen. So haben bereits zweimal große Bürgerkonferenzen stattgefunden, eine weitere folgt am 18. Mai und widmet sich dem Thema „Mobilität in Bochum“ - für Eiskirch eines der Schwerpunktthemen in diesem Jahr. Die Teilnehmer wurden repräsentativ ausgewählt und eingeladen. „Wir haben versucht, möglichst breit die Menschen anzusprechen und sie zu bitten, ihrer Stadt einen Tag zu schenken.“ Hätte man diese Bürgerkonferenzen für jedermann geöffnet, hätte man, so die Befürchtung Eiskirchs, vor allem diejenigen da gehabt, die sich ohnehin immer lautstark zu Wort melden. „Wir wollten aber den Leisen auch mal eine Stimme geben.“
Neben diesem großen Format hat Eiskirch mit seinem Amtsantritt auch das kleine Format der regelmäßigen Bürgerstunde eingeführt - individuelle Einzelgespräche mit dem OB. Ein Angebot, das es in dieser Form zuvor in Bochum nicht gab. Über 130 Gespräche haben bereits stattgefunden zu Themen, die so unterschiedlich sind wie die Menschen selbst: „Manchmal ging es um gesamtgesellschaftliche Anliegen, manchmal ganz konkret um Probleme im engsten Umfeld, etwa den Baum vor der eigenen Tür. Da ist die ganze Bandbreite vorhanden.“ Der 48-Jährige betont, wie sehr er diese Gespräche schätzt: „Manchmal ist es sogar ganz einfach, den Menschen zu helfen. Dafür muss ich mich gar nicht über irgendwelche Zuständigkeiten hinwegsetzen. Oft reicht es schon, den Menschen, aufmerksam zuzuhören.“ Und nicht zuletzt seien diese Gespräche bei der Bürgerstunde auch ein guter Seismograph, um die Stimmung einzufangen.
Ebenso neu wie die regelmäßige Bürgerstunde ist der Sommerdialog in lockerer Atmosphäre auf der Bühne am Konrad-Adenauer-Platz, der sich vorwiegend an ein jüngeres Publikum richtet. „Und als Viertes habe ich den Jugenddialog eingeführt: 18 Jugendliche - einen pro 1.000 im Alter zwischen 16 und 21 Jahren - mit denen ich eine ganze Diskursreihe mache, um deren Sichtweise auf verschiedene Politikfelder mitzubekommen. Denn gerade die Perspektive der Jugend ist in der Verwaltung immer unterrepräsentiert.“
Bürgerbeteiligung, darauf legt Bochums erster Bürger Wert, gebe es heute bei jedem größeren städtischen Bauprojekt, bei jedem neuen Spielplatz: „Das müssen die Leute aber auch annehmen und machen. Oft sagen Leute, dass sie nichts von den Themen erfahren haben. Trotz Bürgerversammlung, die es gab, sagen sie: 'Dann müssen sie jetzt noch mal eine machen‘. Die Haltung funktioniert nicht.“

Ein großer Freund von Veränderungen

Auf Offenheit und Kommunikation setzt er aber nicht nur nach außen, sondern auch nach innen, bei der Stadtverwaltung und ihren 6.000 Mitarbeitern. Bei Ämterbesuchen oder gemeinsamen Espresso-Pausen geht es ihm darum, zu erfahren, was die Mitarbeiter denken - jenseits der Hierarchie-Ebenen. „Ich bin ein großer Freund von Veränderungen.“
Diese neue Offenheit – nach innen wir nach außen –, so macht Eiskirch unmissverständlich deutlich, könne aber nur funktionieren, wenn die Rollen vollkommen klar sind: „Die Politik darf nicht den Eindruck bekommen, sie werde ihrer Rolle beraubt, und man darf den Menschen, die mitgestalten wollen, auch nicht suggerieren, man würde ihnen eine Entscheidungskompetenz geben, die ihnen rein rechtlich gar nicht zusteht.“ Denn man müsse aufpassen, dass nicht der Eindruck entsteht, das Gemeinwohl sei die Addition von Einzelinteressen. Doch Eiskirch ist sich sicher: „Es ist uns bisher ganz gut gelungen, den Menschen zu vermitteln, dass wir ihre Wünsche nicht nur kennen wollen, sondern vieles von dem auch umsetzen.“
Die geplante Markthalle ist wohl das prominenteste Beispiel dafür. Aber die Spielregeln müssten von vornherein klar sein. Davor, Entscheidungen zu treffen, scheut er sich nicht - im Gegenteil: „Ich glaube, es gibt nichts Schlimmeres für eine Stadt, als wenn alles so vor sich hin wabert.“ Das Risiko falscher Entscheidungen nimmt er dabei in Kauf: „Es ist wertvoller, siebenmal richtig zu liegen und dreimal falsch, als zehnmal gar nicht zu entscheiden.“ Natürlich würden im Nachhinein („hinterher ist ja jeder schlauer“) gerade falsche Entscheidungen immer noch lange diskutiert, dennoch sei er zutiefst davon überzeugt, dass Politiker und Verwaltung, die sich vor Entscheidungen scheuen, ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft nicht gerecht werden. „Ich will, dass Bochum sich positiv entwickelt. Und das funktioniert nicht durch Nicht-Entscheiden.“
Manchmal, so der 48-Jährige, sei es ihm in den letzten drei Jahren so vorgekommen, als werfe er Steine ins Wasser: „Die Wellen, die die schlagen, ziehen immer größere Kreise.“ Die Lust auf Veränderungen, die Lust, Dinge neu zu denken und Strukturen aufzubrechen, die habe er auch innerhalb von Politik, Verwaltung und Dezernentenriege erfahren. Und diese ist, so ist er sich sicher, ganz entscheidend dafür, dass Bochum heute so viel besser dasteht als noch vor drei Jahren und dass Bochums Bild nach innen und außen wieder deutlich positiver ist.
Ganz wichtig aber sei es, sich selbst und sein eigenes Handeln stets kritisch zu reflektieren - und gegebenenfalls die Stellschrauben neu zu drehen. „Ist das, was vor zwei Jahren - früher hätte man gesagt, vor zehn Jahren, aber die Zeiten drehen sich immer schneller - die richtige Antwort war, heute immer noch richtig? Oder gibt es bessere? Oder soll man Dinge besser lassen?“
2019, da ist sich Bochums erster Bürger sicher, wird das erste von mehreren Jahren werden, in dem viele der Projekte, die in den letzten Jahren angestoßen wurden, auch „auf die Straße“ gebracht werden: „Die HBB beginnt jetzt mit der Umsetzung des Viktoria-Quartiers. Genauso muss es jetzt mit Gigabit City richtig losgehen, muss mit dem Bau des Hotels am City-Tor-Süd am Bermudadreieck begonnen werden.“ Große Projekte, verbunden mit großen Baustellen. „Wir haben große Veränderungsprozesse angestoßen, die wir jetzt in einem hohen Tempo umsetzen werden.“ Dass gerade die Baustellen in der Innenstadt zu einer Belastung werden, ist ihm dabei bewusst. Doch anders gehe es nicht. „Aber ich bin froh, dass die Akteure in der Innenstadt - die IBO beispielsweise - das ebenfalls mittragen, weil auch sie die Notwendigkeit sehen, dass jetzt etwas passieren muss, bevor wir als Stadt der Entwicklung hinterherhinken. Natürlich werden alle ächzen, aber es ist ein großes und mutiges Projekt, das wir nun in Zeitraffer umsetzen.“

Zukunftsvertrauen ist sexy

Ein ähnlich großes Risiko, das sich aber, wie sich inzwischen gezeigt hat, gelohnt hat, sei auch die Fokussierung auf das Thema IT-Security als neues großes Wirtschaftsfeld für die Stadt - neben der Gesundheitswirtschaft - gewesen. Auch dabei waren die Bochumer Hochschulen Triebfeder. „Und an jedem akademischen Arbeitsplatz hängen vier nicht-akademische.“ Aktuell gibt es in Bochum 5.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze mehr als noch 2015. Und durch die Ansiedelung von Bosch und des Max-Planck-Instituts werde sich diese Zahl noch einmal deutlich erhöhen. Auch hier zeige sich: „Wirtschaft hat viel mit Psychologie zu tun. Bochum strahlt Zukunftsvertrauen aus, nach innen und nach außen. Das ist sexy und zieht an. Und das lockt Unternehmen hierher.“ 

Wenn man den OB nach dem wichtigsten und emotionalsten Projekt seiner ersten drei Jahre im Amt fragt, so sind das nicht diese hochkarätigen Ansiedelungen aus dem Bereich der Zukunftstechnologie und auch nicht die Eröffnung des Musikforums, sondern der Neubau des Fliednerhauses für wohnungslose Menschen. „Das lag mir besonders am Herzen - und es ist eine Haltungsfrage in Bochum: für Menschen, die es schwer haben, nicht immer die Brotkrumen übrig zu lassen, sie von einer maroden Immobilie in die nächste zu stecken, sondern für sie neu zu bauen.“ Das sei eine Form der Wertschätzung, eine Haltung des sozialen Miteinanders, die ebenfalls durch einen breiten Konsens in der Stadt mitgetragen worden sei.

Wertschätzung für Bochums Schüler

Wertschätzung, die sollen auch Bochums Schüler erfahren: „Aber ähnlich wie beim Thema Straßen ist es bei Schulen auch so, dass nie alles so aussehen wird, wie man es sich wünscht.“ Doch man könne sich vornehmen, Schwerpunkte zu setzen: „Und ich glaube, man kann mit Fug und Recht behaupten, dass wir das bei den Schulen tun. In keinem anderen Bereich wird so viel investiert wie in die Infrastruktur von Schulen. Von 2012 bis 2022 werden wir insgesamt über 400 Millionen Euro in Schulinfrastruktur investieren - davon haben wir aktuell noch ungefähr 160 Millionen vor der Brust.“ Von den insgesamt 49 Millionen Euro aus dem Landesprogramm „Gute Schule 2020“ wurden bislang zwölf Millionen Euro abgerufen. Investiert wird das restliche Geld in ganz unterschiedliche Dinge: in den kompletten Neubau des Schulzentrums Gerthe, in den offenen Ganztag, in neue naturwissenschaftliche Räume, in Lehrschwimmbecken, aber vor allem auch in Digitalisierung. „Ich habe mir ganz fest vorgenommen - und ich hoffe, dass uns das auch gelingt -, dass in 2020 alle weiterführenden Schulen ans Breitbandnetz angeschlossen sind. Und dass das, was von draußen reinkommt, auch im Gebäude gut verteilt wird. Und wir brauchen dann ebenfalls Endgeräte und Software, mit denen man auch in Klassenstärke arbeiten kann. Das ist die Aufgabe, der wir uns stellen wollen.“ Nach den weiterführenden Schulen sollen dann die Grundschulen an der Reihe sein. Hinter den Kulissen werde eifrig daran gearbeitet, entsprechende Fördergelder zu beantragen. „Gleichzeitig haben wir aber zusätzlich noch mal zwei Millionen Euro in die Hand genommen für ein Schultoiletten-Sanierungsprogramm.“ Davon werden in zwölf Schulen die Toiletten erneuert. „Aber wir haben über 100 Schulen - und da merkt man, von welchen Dimensionen wir reden - und wenn wir hinten durch sind, können wir vorne wieder anfangen.“
Das übergeordnete Ziel seiner ersten Amtszeit für die Stadt sei es, das Vertrauen in Politik wieder zu stärken: „Dafür gibt es drei Dinge, die ich mir vorgenommen habe, auch so zu leben. Das erste ist die Devise: ,Das, was du versprichst, musst du auch halten. Da, wo das mal nicht geht, muss du das auch sagen und erklären.'“

Keine Extreme zwischen Arm und Reich

„In Bochum haben wir nicht so eine extreme Spreizung zwischen Arm und Reich wie in anderen Städten. Wattenscheid-Mitte und Stiepel sind die beiden Ausreißer, alle anderen Stadtteile sind relativ dicht beisammen. Trotzdem haben aber die Menschen in manchen Stadtteilen das Gefühl - im Bochumer Norden, im Osten oder ganz besonders in Wattenscheid -, dass die Politik sich in der Vergangenheit nicht genug um sie gekümmert habe, sie zu kurz gekommen und mit ihren Problemen allein gelassen worden sind. Und genau deshalb war eine zweite Maxime, die ich mir vorgenommen habe, mich ganz besonders um diese Menschen zu kümmern und den Fokus bei Investitionen auch auf diese Stadtteile zu legen.“ Nicht zuletzt auch deshalb, weil Menschen aus dem Gefühl heraus, abgehängt zu sein, häufig nicht mehr zur Wahl gehen. „Oder die AfD wählen.“
Als Beispiele für gelungene Impulse führt Eiskirch den Neubau des Schulzentrums Gerthe an, das das modernste und teuerste Schulgebäude Bochums werden wird, oder die Lösung zum Erhalt des Verwaltungsgebäudes der Zeche Lothringen. Und dass der TuS Harpen den ersten der von Eiskirch in seinem Wahlkampf versprochenen zehn neuen Kunstrasenplätze Bochums bekommen hat, sei ebenfalls kein Zufall gewesen: „Wir sind bewusst in den Bochumer Norden gegangen. Genauso wie wir bewusst mit dem ISEK mit einem Volumen von 30 Millionen Euro nach Wattenscheid gegangen sind. In Wattenscheid ist noch nie so viel Geld investiert worden. Und das übrigens auch mit enorm viel Bürgerbeteiligung.“ Hinsichtlich des Bochumer Ostens verweist Eiskirch auf die beiden ISEK-Gebiete Werne / Langendreer Alter Bahnhof und Laer. „Ich bin mir sicher, gerade Laer, angrenzend an das Mark 51°7-Gebiet, wird ein absoluter Boom-Stadtteil werden.“
Die dritte Maxime sei gewesen, erst das zu machen, was lange dauert: „Deshalb haben wir mit der Wirtschaftsentwicklung und dem Wohnungsbau angefangen.“ Gerade das Wohnen sei eines der wichtigsten Themen der nächsten Zeit - und eine große Herausforderung. „Wir brauchen Neubau entlang der gesamten Preiskette - vom hochpreisigen bis zum preisgünstigeren Segment. Inzwischen sind wir in Bochum so weit, dass wir jeden Euro, den Land und Bund zur Wohnraumförderung zur Verfügung stellen, auch ausgeben. Als wir vor drei Jahren hier angefangen haben - Stadtbaurat Markus Bradtke war drei Wochen vor mir da -, haben wir nur ein Drittel davon ausgegeben.“ Durch den Neubau von Wohnungen erhöhe man auch den Druck auf Besitzer von Bestandsimmobilien, zu investieren. „Wenn das Angebot knapp ist, muss man nicht modernisieren, denn man kriegt jede Hucke vermietet.“

Wohnungsbau kann einen Stadtteil verändern

Neben der Nachverdichtung, dem Baulückenschluss und den Investitionen in den Bestand brauche es aber auch den Ausweis großer Neubauflächen. Natürlich, gibt er zu, könne er es verstehen, wenn jemand, der zuvor von seinem Wohnzimmerfenster auf ein freies Feld geguckt habe, es nicht toll findet, wenn dort plötzlich ein neues Wohngebiet entsteht, doch zeige etwa das Beispiel des Ruhrauenparks in Dahlhausen, welche Impulse so ein Großprojekt für einen Stadtteil geben kann: Wenn dort plötzlich viele junge Familien mit Kindern hinziehen, könne das den Stadtteil positiv verändern und in seiner Struktur neu beleben. „Und das ist auch für Gerthe gut, für Laer gut mit dem Ostpark und das ist auch für Wattenscheid gut, wo wir das am Wilhelm-Leithe-Weg hinter dem jetzigen Bahnhofsgebäude machen werden.“
Die Frage sei nicht, ob man diese Großprojekte mache, sondern wie man sie mache. Wenn man sich etwa die Pläne für den Ostpark zwischen Altenbochum und Laer anschaue, dann könne man sehen, dass da ein Konzept hintersteckt: „Wir sprechen über Grünflächen, Wasserführung und auch über die Mischung von Geschosswohnungsbau und Individualwohnungsbau und davon, dass wir nicht bis auf den letzten Quadratmeter verdichten, sondern eine Wohnsituation schaffen, die Lebensqualität bedeutet.“ Viele der Vorbehalte gegen das Neubaugebiet Gerthe-West werden sich daher, davon ist Eiskirch überzeugt, relativieren, wenn man miteinander ins Gespräch darüber kommt, was da wirklich passieren soll. Bis jetzt gebe es dort nicht mehr als einen Rahmenplan - „Farbfelder“ auf Papier: „Heute beginnen wir viel früher als früher, die Bürger mit in den Diskurs zu nehmen, wie sich das, was sich entwickeln wird, inhaltlich entwickeln soll. Von den Schritten hat früher die Öffentlichkeit gar nichts mitgekriegt.“

Kultur gehört zu Bochums DNA

Während Wirtschaft und Wohnen lange Realisierungszeiträume benötigten, sei Bochum in anderen Bereichen, auf dem Feld der Kultur etwa, bereits jetzt gut aufgestellt, „Da ist jeder Bochumer stolz auf das, was wir haben. Kultur gehört zu Bochums DNA. Wir haben ein Schauspielhaus, das sich gerade aufmacht, wieder in der Champions League zu spielen, wir haben die Bochumer Symphoniker, die endlich eine Spielstätte haben, die ihnen und uns das Herz aufgehen lässt, und die sich jetzt, da Steven Sloane seinen Abschied angekündigt hat, wieder aufmachen zu neuen Ufern. Und wir haben eine freie Kulturszene, - und das haben wir ja mit der verlässlichen Finanzierung deutlich gemacht - die immer wieder aufrüttelt und Veränderungen reinbringt.“ In Bochum, so ist Eiskirch überzeugt, stehen institutionelle Kultur und Off-Kultur nicht in Konkurrenz zueinander und arbeiten gegeneinander, sondern es gebe eine Verschränkung. „Beide Bereiche pushen einander, so dass es eine ganz besondere Dynamik gibt - das ist das, was ich mit der ganz spezifischen Bochumer Kultur-DNA meine.“ Und gleichzeitig zeige sich durch das hohe bürgerliche Engagement im Kulturbereich, wie sehr dieses Thema im Bewusstsein der Menschen verankert sei.

"Bochum ist zu dreckig"

Neben Wohnen, Arbeiten und Kultur gibt es das Lebensgefühl als viertes großes Feld auf der Agenda Eiskirchs. „Auch hier haben wir Dinge, die gut laufen - und Dinge, die nicht gut laufen.“ Ganz klar positiv sieht er die jüngst eröffnete Ehrenamtsagentur; „Damit haben wir eine neue Anlaufstelle geschaffen für Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen, aber auch für kleine Vereine und Gruppen, die Unterstützung brauchen.“ Und auch das neue Familienbüro als Anlaufstelle für alle Fragen rund um die Familie, gebündelt an einem Ort, zählt er auf das Haben-Konto. Die Defizite kann er ebenso schnell benennen - „Bäume und Optik“ sind die beiden Stichworte: „Über eine ganz lange Zeit hinweg wurden in Bochum immer mehr Bäume weggenommen, als man letztlich nachgepflanzt hat.“ Das soll sich nun ändern: „Wir haben 2018 damit begonnen, immer mehr Bäume zu pflanzen, als wir wegnehmen. In den beiden Jahren zusammen sind das 2.000 Bäume an den Straßen im Stadtgebiet; in den Bochumer Wäldern sind es noch mal 34.000 - auch da war die Zahl in der Vergangenheit deutlich niedriger.“ Und ändern soll sich auch die Optik: „Bochum ist zu dreckig“, nimmt Eiskirch kein Blatt vor den Mund. Die Gründe dafür seien vielfältig - und lägen unter anderem auch im Haushaltssicherungskonzept, durch das die Stadt Pflegestandards zurückfahren musste. „Irgendwann sieht man das einfach.“ Auch die zu komplizierte interne Organisation mit unterschiedlichen Zuständigkeiten sei ein Problem - aber letztlich auch die Menschen, die vielfach den Respekt verloren hätten: „Tugenden wie Respekt und Anstand kommen echt unter die Räder.“ Und zwar nicht nur den Mitmenschen gegenüber, sondern auch gegenüber dem eigenen Umfeld: „Es ist ja nicht so, dass der Dreck vom Himmel fällt.“ Und deshalb versuche die Stadt nun mit verschiedenen Maßnahmen, diese Entwicklung zu stoppen. So werden an drei Standorten - Buddenbergplatz, Dorstener Straße und Speckschweiz - neue Konzepte der Stadtraumpflege ausprobiert („Es wird geguckt, ob das funktioniert - und was es kosten würde, wenn wir das überall umsetzen.“), außerdem wurden nun neu die Abfalldetektive eingesetzt, „um dort stärker zu sanktionieren, wo Leute sich nicht benehmen können“. Außerdem soll gemeinsam sauber gemacht werden - bei der ersten stadtweiten Stadtputz-Aktion am 6. April. „Wir wollen einen Frühjahrsputz machen, in der Hoffnung, dass es ein bisschen so ist wie zuhause: Wenn es erst einmal sauber ist, dann achtet man auch in Zukunft ein bisschen besser drauf.“

Mehr Verantwortung - mehr Kontrollen

Letztlich sei auch das eine Frage von „Haltung zeigen“, macht Eiskirch deutlich: „Wir alle wollen, dass es hier besser aussieht und wir als Stadt sind bereit, unseren Teil dazu beizutragen. Aber wir appellieren auch an die Verantwortung jedes einzelnen - und wir werden mehr Kontrollen durchführen.“ Sauberkeit und Ordnung seien neben der Mobilität der Zukunft, die im Mittelpunkt der kommenden Bürgerkonferenz steht, sowie dem Grün in der Stadt eines der drei Schwerpunktthemen für 2019. „Auch da wissen wir, dass nicht ein Fingerschnipp genügt und alles ist anders. Aber wir wollen deutlich machen, dass wir diese drei Themen sehr ernsthaft angehen.“

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