Bochum und Wattenscheid 2040
Leben in einer klimaneutralen Stadt

Wie lebte es sich in einer klimaneutralen Stadt? Viele Menschen befürchten, dass sie dafür ihre gewohnte Lebensweise radikal umstellen müssen. doch ist das wirklich so? Wie verändert sich unsere Lebensweise im Vergleich zu heute in einem klimaneutralen Bochum im Jahr 2040?

Kopenhagen will als erste Stadt der Welt bereits 2025 klimaneutral sein. Dann werden die Stadt und die Einwohner nur so viel Treibhausgase ausstoßen, wie die Natur in der Stadt absorbieren kann. Bochum will das bis 2050 schaffen. Um das 1,5°-Ziel (Sonderbericht 1,5 °C globale Erwärmung)
zu erreichen, wäre es besser, das Ziel mindestens 10 Jahre früher zu erreichen.

Wohnen

Wie lebt es sich in einem klimaneutralen Bochum und Wattenscheid? Wagen wir einen Blick in die Zukunft. 2040 - die 4-köpfige Familie Nowak lebt im Erdgeschoss eines 6-Parteien Wohnhauses in Bochum-Laer. Vermieter ist die VBW. Das Haus wurde energetisch saniert. Seitdem benötigt es 20 % weniger Energie. Auf dem Dach des Hauses wurde eine Solarthermie-Anlage installiert, die bei sonnigem Wetter für warmes Wasser sorgt. Sonst wird die Wärme im Haus über eine Geothermieanlage erzeugt. Lediglich der Strom zum Betrieb der Wärmepumpen-und Solaranlage, der insbesondere zum Betrieb der Pumpen, erforderlich ist, wird noch teilweise aus dem städtischen Netz bezogen, da der über eine Photovoltaik-Anlage erzeugte Strom nicht zur vollen Deckung des Strombedarfs ausreicht.

Familie Nowak hat bei Neuanschaffungen konsequent strom- und wassersparende Geräte gekauft. Sie verbraucht heute 20-30% weniger Strom als noch vor 20 Jahren. Für Waschmaschine, Gartenbewässerung und das WC wird Regenwasser eingesetzt. Das macht sich auch bei den Kosten bemerkbar. Familie Nowak zahlt heute für Energie und Wasser deutlich weniger als vor 20 Jahren. Die Miete ist etwas gestiegen, der Vermieter musste auf diese Weise die energetische Sanierung und den Einbau der modernen Heizanlage refinanzieren. Nach jetzt 20 Jahren ist die Anlage refinanziert und für Familie Nowak ergibt sich in Summe ein erheblicher Kostenvorteil.

Verkehr und Reisen

Die Parkplätze vor dem Haus gibt es nicht mehr. Nur noch 25% der Menschen in Bochum und Wattenscheid besitzen ein eigenes Auto. Dafür wurde der Garten erweitert, Bäume wurden gepflanzt, ebenso auf der Straße, auf der ebenfalls keine Autos mehr stehen. Wenn Hr. Nowak zur Arbeit nach Essen will, ruft er per App den Shuttle-Service. Ein Shuttle bringt ihn pünktlich zur nächsten Schnellverkehrshalt. Einige dieser Mini-Shuttlebusse fahren auch schon autonom. Am ÖPNV-Halt nimmt Herr Nowak die Regionalbahn, bis nach Essen und von da geht es mit einem weiteren Shuttle zum Arbeitsplatz. Hr. Nowak arbeitet 4 Tage in der Firma,, ein bis zwei Tage von zu Hause aus. Je nachdem wie es die Arbeit erfordert. Fr. Nowak arbeitet in der Stadtbücherei, da gibt es zwar kein Homeoffice, dafür kann sie ihren Arbeitsort schnell, bequem und sicher in 15 Minuten mit dem Rad erreichen. Bochum und Wattenscheid verfügen seit 2030 über ein flächendeckendes Radwegenetz. Auch die Kinder kommen bequem mit dem Rad zur Schule. Die jüngere Tochter holt der Bikebus der Grundschule ab. Begleitet von einem Mitarbeiter der Schule und einem wechslenden Elternteil werden alle Schüler auf dem Weg zur Schule eingesammelt und fahren gemeinsam mit dem Rad in die Schule. In gleicher Weise wird der Rückweg organisiert. Ihr älterer Bruder fährt seit der 5. Klasse alleine mit dem Rad zur Gesamtschule.

Ein Auto braucht Familie Nowak nicht mehr. Bis 2035 waren die Eheleute Nowak noch Pendler und fuhren erheblich längere Strecken zur Arbeit. Dann wurde die Pendlerpauschale abgeschafft und ein Umzug deutlich näher an den Arbeitsort mit mehreren tausend Euro subventioniert. Diese Angebot nahm die Familie gerne an, die Nowaks waren die Pendelei leid.

Von dem gesparten Geld fährt die Familie einmal mehr im Jahr in den Urlaub, zumeist nimmt die Familie die Bahn, bei Flugreisen wird die CO2-Erzeugung kompensiert. Seit 2030 ist die Kompensation im Flugpreis vollständig eingepreist, immer mehr Flugzeuge fliegen mittlerweile zudem mit regenerativ hergestellten Kerosin. Fliegen ist deutlich teurer geworden. Viele Ziele lassen sich 2040 in Europa aber mittlerweile besser und schneller per Bahn erreichen, denn das europäische Hochgeschwindigkeitsbahnnetz wurde deutlich ausgebaut. Auf fast allen Strecken stellt die Bahn mittlerweile eine gute Alternative zum Fliegen dar.

Jeder Einwohner in Bochum erhält von der Stadt 2040 eine Chipkarte mit monatlich 30 Euro Guthaben, dass die Einwohner ohne dafür zu zahlen, im Nahverkehr abfahren können. Wer keine Chipkarte haben möchte, kann sich das Guthaben auch auf eine gleichwertige Handy-App aufladen lassen. Mit Chipkarte oder App können auch andere Mobilitätsleistungen bezahlt werden. Braucht Familie Nowak für einen größeren Transport doch mal ein Auto, mieten sie es sich mit der App. Fahrräder oder E-Roller lassen sich so ebenfalls leihen. Das Nahverkehrsnetz im Ruhrgebiet wurde erheblich ausgebaut, die Takte verdichtet. Neben Straßen und Regionalbahnen erschließen Seilbahnen fast jeden Punkt im Ruhrgebiet schnell und zuverlässig. Den Weg von den Schnellverkehrshalten zum Zielort oder Vom Startpunkt zum ÖPNV-Halt übernehmen Mini-Shuttlebusse.

Das Fahrrad von Frau Nowak stellt ihr die Stadt Bochum über einen Dienstleister zur Verfügung. Dafür verzichtet sie auf einen kleinen Teil ihres Gehaltes. Ist das Rad defekt, kann sie es an der Bücherei abgeben, es wird kostenfrei repariert und sie bekommt ein Ersatzrad, bis ihres wieder verfügbar ist.

Einkaufen und Stadtteilzentren

Auch zum Einkaufen kommt in der Regel das Rad zum Einsatz. Für größere Transporte hat die Familie sich gerade ein Lastenrad zugelegt. Doch vieles, wie Getränke, Elektrogroßgeräte, teilweise auch Lebensmittel und andere Waren lässt sich die Familie mittlerweile liefern. Die Supermärkte haben sich darauf eingestellt. Lebensmittel zur Zubereitung von Essen anzubieten ist nur noch ein kleiner Teil des Geschäfts, in der Hauptsache werden bereits zusammengestellte frische, teilweise auch bereits vorgekochte und vorgefertigte Essen angeboten. Die Menschen kochen nur noch zu besonderen Anlässen selbst, sonst nehmen sie die frisch zubereiteten Essen aus den Märkten mit und kochen oder wärmen sie zu Hause nur noch auf.

In stationären Einzelhandel vor Ort werden nur nach die Waren verkauft, bei denen sich die Kunden beim Kauf inspirieren lassen wollen. Das ist zum Beispiel noch beim Essen der Fall, bei dem sich die Kunden gerne von Gerüchen einem schmackhaften Aussehen und einem aktuellen Angebot leiten lassen, um zu entscheiden, was sie heute auf den Tisch bringen wollen. Bei der Mode ist es ähnlich, denn viele Menschen empfinden es weiterhin als Erlebnis in Modegeschäften vor Ort den Sachen nachzujagen, die am besten zu ihnen passen und die sie besonders an sich mögen. Auch für Einrichtungsgegenständen, Handwerkswaren und Waren, die nicht von der Stange gefertigt werden, sucht Familie Nowak weiterhin gerne Geschäfte vor Ort auf. Seitdem diese auch am Sonntag öffnen dürfen, macht die Familie auch gerne mal eine zusätzliche Shoppingtour in die Innenstadt.

Discounter abseits der Wohngebiete gibt es nicht mehr. Die Stadt lässt diese seit 20 Jahren nicht mehr zu, Gezielt werden nur noch Ansiedlungen in Stadtteilzentren gefördert. Alle Stadtteilzentren wurden in den letzten zwei Jahrzehnten kräftig herausgeputzt. Hier fühlen sich die Menschen wohl. Hier kauft auch Familie Nowak die Dinge des täglichen Bedarfs, die sie sich nicht liefern lässt. In den Stadtteilzentren gibt es mindestens ein Café, meist mehrere Kneipen, und andere Gastronomie, wo sich Familie Nowak gerne mit Nachbarn, Freunden und Bekannten nach Feierabend trifft. Die Wege, die Familie Nowak zurücklegt, sind kürzer geworden. die Familie genießt die zusätzliche Zeit, die sie dadurch gewinnt

Stadtwerke

In dicht besiedelten Stadtteilen erfolgt die Anlieferung von bestellten Waren über Lastenräder, in eher ländlichen Gebieten kommen E-Lieferwagen zum Einsatz. Den Strom auch hierfür liefern die Stadtwerke, die selbst mehr erneuerbaren Strom erzeugen als 2020 und seit 2030 nur noch erneuerbaren Strom einkaufen. Auf der ehemaligen Mülldeponie Kornharpen werden gerade Windräder montiert, die Photovoltaik-Anlage wurde schon vor ein paar Jahren nochmal erweitert. Die Stadtwerke sind der größte Betreiber von Solaranlagen in Bochum, die nicht nur auf den Dächern der städtischen, sondern auch auf vielen privaten Gebäuden von den Stadtwerken errichtet und betrieben werden. Die vom USB genutzten Müllverbrennungsanlagen wurden an das Fernwärmenetz angeschlossen und werden zur Stromerzeugung genutzt.

Die Schaffung der neuen Anlagen zur Erzeugung von erneuerbaren Energien, haben zunächst den Strom teurer werden lassen. Da die Menschen aber immer weniger Energie verbrauchen, sind insgesamt die Energiekosten insgesamt kaum gestiegen. Mittlerweile ist die Erzeugung erneuerbarer Energie günstiger als früher mittels fossiler Energie, insbesondere weil bei der Erzeugung von Energie aus regenerativen Quellen kaum externe Kosten entstehen.

Flächenverbrauch und Begrünung

Die Fläche, die in Bochum an Siedlungsraum in Anspruch genommen wird (70%), hat sich seit 2020 nicht verändert, die versiegelte Fläche, rund 30%, ist jedoch zurückgegangen. Nicht nur Parkplätze wurden zu Grünflächen, auch andere Flächen wurden zurückgebaut und neu bepflanzt. Neuer Wohnraum ist nicht auf der Grünen Wiese entstanden, sondern im Bestand, Dachgeschosse wurden ausgebaut. Gebäude aufgestockt. alte Häuser durch neue mit mehr Wohnungen ersetzt. Seit 2020 gibt es eine Flächenbilanzierung. Seitdem gilt in der Stadt die Regel, für Flächen, die neu bebaut werden, müssen andere mindestens gleich große der Natur zurückgegeben werden. Konsequent wird seit 2020 die Politik verfolgt, bevorzugt verkehrstechnisch gut erschlossene, nahe den Stadtteilzentren gelegene Flächen zu bebauen und dafür in den Außenbereichen von Siedlungen entsprechende Flächen zu renaturieren.

Darüber hinaus wurden in der Stadt konsequent die Dächer begrünt, ebenso wie mittlerweile viele Fassaden. Die Stadt ist in den letzten zwei Jahrzehnten wesentlich grüner geworden, ruhiger und damit lebenswerter, aber auch bunter, überall in der Stadt wurden Blumenwiesen angelegt, sogar auf den Dächern der Haltestellenhäuschen hat die Bogestra Blumenzwiebeln gesetzt.

Den positiven Effekten stehen kaum einschneidende Veränderungen gegenüber

Wenn Familie Nowak Besuch aus anderen Städten hat, zeigt sie stolz wie sich die Stadt in letzten 20 Jahren verändert hat. Staus, Verkehrslärm oder Luftverschmutzung sind in der Stadt kein Thema mehr. Fast alle alten Gebäude wurden saniert und modernisiert, auf den Straßen ist kaum Verkehr, Die Innenstädte und Stadtteilzentren wurden wieder belebt. sie stellen nicht mehr die Einkaufszentren von einst dar, aber trotzdem kommen die Menschen gerne her, um hier zu Verweilen sich zu mit anderen zu treffen und Zeit zu verbringen.

Die Stadt konnte aufgrund des stark gesunkenen Verkehrsaufkommens die Instandhaltungskosten für Straßen deutlich senken. Ebenso sanken die externen Kosten des Verkehrs. Durch die Erhöhung der Lebensqualität stieg die Zahl der Einwohner und die städtischen Steuereinnahmen. Auf diese Weise gelang es der Stadt die Kosten, die sie aufgewendet hat, um Klimaneutralität herzustellen, zu refinanzieren.

Für Familie Nowak brachte der Weg zu einer klimaneutralen Stadt einige Umstellungen in ihrer Lebensweise mit sich. Doch wirklich gravierend waren die alle nicht. Alle Dinge, die die Familie früher unternommen hat, unternimmt sie auch 2040. Insgesamt ist das Leben in der Stadt nicht nur lebenswerter, sondern für Familie Nowak auch in vielerlei Hinsicht günstiger geworden. Allerdings zieht eine attraktive Stadt mehr Einwohner an, der Wohnraum wird knapper und die Mieten könnten steigen. Als besonders positiv empfinden die Nowaks, dass sich das Stadtbild in der klimaneutralen Stadt stark zum Besseren entwickelt hat, die Stadt ist urbaner, viel grüner und lebendiger geworden. Die Strecken, die die Nowaks in der Stadt zurücklegen, sind kürzer geworden. die Wege lassen sich viel schneller und ohne Staus wie Stress erledigen. Die Kinder können sich gefahrlos auf der Straße bewegen und sogar spielen. Die Nowaks führen ein deutlich entspannteres Leben.

In einer klimaneutralen Stadt zu leben bedeutet für die Einwohner der Stadt Veränderungen, aber keinen wirklich relevanten Verzicht, die Stadt wird sogar deutlich lebenswerter, letztlich profitieren die Einwohner in vielerlei Hinsicht. Es gibt keinen Anlass, sich vor der Entwicklung zu einer klimaneutralen Stadt zu fürchten, im Gegenteil, wir sollten uns darauf freuen, denn eine klimaneutrale Stadt ist zugleich eine attraktive Stadt mit hoher Lebensqualität.

Volker Steude
Die STADTGESTALTER - politisch aber parteilos

Autor:

Dr. Volker Steude aus Bochum

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