Die andere Seite Bochums: „bodo“-Stadtführer Markus nimmt Besucher mit auf die Spuren der Wohnungslosen

Markus, Stadtführer des Vereins "bodo", gibt seinen Zuhörern einen Einblick in die Situation der Wohnungslosen und berichtet über die Hilfeangebote im Bereich der Innenstadt.
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  • Foto: Andreas Molatta
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Wie schnell man wohnungslos werden kann, hat Markus selbst erlebt. 1997 war das, nach seiner Scheidung. Wie wichtig es ist, dann Hilfeangebote zu bekommen, und welche Einrichtungen Unterstützung bieten, das erzählt der „bodo“-Verkäufer während einer sozialen Stadtführung, die der gemeinnützige Verein einmal im Monat veranstaltet.

Der heute 55-Jährige war 1997 nur kurz wohnungslos. Ungefähr zur gleichen Zeit fing er an, das Straßenmagazin „bodo“ zu verkaufen. „Ich habe damals bei einem Freund gewohnt. Mich hat eine Verkäuferin angesprochen und mir ein Magazin angeboten, und ich habe geantwortet, dass ich selbst nur wenig Geld hätte“, erzählt Markus, wie er zur seiner Tätigkeit kam.
Seit 2013 organisiert „bodo“ die sozialen Stadtführungen. Von den etwa 45 Magazinverkäufern in Bochum inklusive Herne ist Markus zurzeit der einzige, der seine Zuhörer mit auf die Spuren der Wohnungslosen nimmt. Begleitet wird er von Ulrich Kloda, einem ehrenamtlichen „bodo“-Mitarbeiter. „Ich vertrete den Verein, schließe die Tür auf und gebe die Magazine aus“, erklärt der 72-Jährige. Während der Führung bildet er die Nachhut. Von der Stühmeyerstraße aus, wo die Bochumer Niederlassung des Vereins angesiedelt ist, geht es zwei Stunden lang rund durch die Innenstadt.
„Ich saß in einem Café, als ein Verkäufer mir ein Magazin verkaufen wollte. Erst habe ich ihn abgewimmelt, aber er war so cool und witzig, dass ich doch eines gekauft habe. Darin stand dann etwas über die Führung“, erzählt Michael Roth (34 Jahre), einer der 14 Teilnehmer, wie er auf das Angebot aufmerksam wurde. „Man lernt Bochum von einer anderen Seite kennen“, schildert Sara Wegemann (30) ihre Eindrücke.
Zu diesem Zeitpunkt hat die Gruppe schon die ersten Einrichtungen abgelaufen, etwa die Beratungsstelle für wohnungslose Männer der Diakonie Ruhr am Westring. „Das ist keine Schlafstelle“, betont Markus. Hier erhalten wohnungslose Männer Unterstützung, wenn sie zum Beispiel eine Wohnung suchen oder Schulden haben. Auch können sie sich eine Postadresse einrichten lassen. „Außerdem kann man sich hier aufhalten, damit man Gesellschaft hat und nicht vereinsamt“, erläutert Markus. „Wird das denn angenommen?“, fragt eine Teilnehmerin, und der Stadtführer bestätigt den Bedarf. „Die Leute haben es nötig.“

„Viele Gesichter sieht man tagtäglich.“

Stark frequentiert wird auch die Bahnhofsmission von Caritas und Diakonie. Rund 100 Gäste kommen pro Tag dorthin, darunter etwa zwölf Wohnungslose. „Viele Gesichter sieht man tagtäglich“, erklärt Praktikant Jan. Früher sei die Mission in der Bahnhofshalle gewesen, weiß Markus: „Da gab es nur eine Klappe.“ Jetzt hat die Einrichtung Räumlichkeiten, in denen es neben Auskünften zu ärztlichen Hilfeangeboten und Vermittlung zu Ämtern und Beratungsstellen auch die Möglichkeit gibt, einen Kaffee oder Tee im Sitzen zu trinken.
„Wir drehen einmal pro Stunde eine Runde durch den Bahnhof“, so Jan. Die Mitarbeiter sind Ansprechpartner für Reisende, stehen vor allem Senioren beiseite und gucken nach hilfebedürftigen Personen. „Wenn jemand nicht in Ordnung ist, rufen wir den Krankenwagen. So wie es eigentlich jeder Mensch tun sollte“, sagt Jan. Ob die Bahnhofsmission auch die Wohnungslosen und Drogenabhängigen betreut, die sich am Südausgang des Bahnhofs aufhalten, möchte eine Teilnehmerin wissen. „Das gehört nicht zu unseren Aufgaben, aber viele unserer Gäste sind darunter. Wir gehen schon mal hin und sagen, dass sie ruhiger sein sollen“, erklärt Jan.
Zwei weitere Stopps während des Rundgangs sind Einrichtungen, die sich speziell an Jugendliche wenden: die Kontakt- und Beratungsstelle „Sprungbrett“ der Evangelischen Jugendhilfe Bochum an der Ferdinandstraße sowie die Notschlafstelle „Schlaf am Zug“ der Evangelischen Stiftung Overdyck an der Castroper Straße.

Mahlzeit, Billard und Wäsche waschen

Bis zum 25. Lebensjahr darf man das Angebot des „Sprungbretts“, das übers Jugendamt finanziert wird, nutzen. „Manche sind aber auch erst zwölf“, berichtet Markus. Die Jugendlichen kommen mit „jedweder Problemstellung“ her, sagt Sozialpädagogin Almuth Kimme. Sei es, dass sie Probleme im Elternhaus haben oder Hilfe bei Anträgen benötigen. Im „Sprungbrett“ erhalten sie eine Mahlzeit, können Billard oder Dart spielen, ihre Wäsche waschen und sich aus der Kleiderkammer neue Kleidung nehmen. „Manche haben nur das, was sie anhaben“, so Kimme. „Wir sind immer auf der Suche nach schmalen Jungssachen.“ 2017 besuchten 252 Jugendliche, davon etwa ein Drittel Mädchen, die Kontakt- und Beratungsstelle. Etwa 100 von ihnen sind wohnungslos.
„In der Notschlafstelle stehen acht Plätze und ein Notplatz zur Verfügung. Jährlich schlafen hier etwa 200 Jugendliche“, erzählt Markus seinen Zuhörern. „Maximal darf man zehn Tage bleiben, und nach drei Tagen gibt es ein verpflichtendes Beratungsgespräch.“ Die Jugendlichen müssen „Schlaf am Zug“ jeden Morgen nach dem Frühstück verlassen und dürfen die Zimmer nicht einrichten. „Das ist kein neues Zuhause“, betont Markus.

Suppenküche und Tagesaufenthalt

Zurück an der Stühmeyerstraße finden sich in dem Gebäude, in dem „bodo“ beheimatet ist, auch die Bochumer Suppenküche e.V. und der Tagesaufenthalt für wohnungslose Menschen der Diakonie Ruhr. „Die Suppenküche wird von 60 engagierten Bürgern betreut“, berichtet Markus. „35.000 Gäste kommen hier pro Jahr hin.“ Beim Tagesaufenthalt können sich die Wohnungslosen aufwärmen, Kaffee und Tee trinken und Zeit in Gesellschaft verbringen. „Außerdem werden manchmal Unternehmungen gemacht, zum Beispiel zum Minigolf im Stadtpark“, sagt Markus.
„Ich habe den Eindruck, dass in Bochum viel für die Wohnungslosen angeboten wird“, lautet Yvonnes (25) Fazit am Ende des Rundgangs. Die Studentin nimmt auf Empfehlung ihrer Freundin Sophia an der Führung teil, die zum zweiten Mal dabei ist. „Mich beeindruckt das Ehrenamt. Es ist toll, dass sich so viele Menschen engagieren, um zu helfen“, sagt Sophia (25). Und auch wenn es ein bisschen ein Klischee sei, verdeutliche einem die Führung, wie unverhältnismäßig manche der eigenen Probleme seien.


Soziale Stadtführung

Die soziale Stadtführung wird an jedem dritten Samstag im Monat um 11 Uhr ab der Stühmeyerstraße 33 angeboten. Anmeldungen sind unter Tel. 0231/9509780 möglich. Die Kosten betragen fünf Euro (ermäßigt 2,50 Euro).

Markus, Stadtführer des Vereins "bodo", gibt seinen Zuhörern einen Einblick in die Situation der Wohnungslosen und berichtet über die Hilfeangebote im Bereich der Innenstadt.
"Ich vertrete ,bodo'", sagt Ulrich Kloda. Der ehrenamtliche Mitarbeiter des Vereins schließt vor der Stadtführung die Räumlichkeiten des Vereins an der Stühmeyerstraße auf, begleitet jede Führung, gibt ergänzende Auskünfte und bildet die Nachhut, damit niemand aus der Gruppe verloren geht.

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