Mein Zweites ! Mal ...

Mein zweites Mal

Mein erster Brandeinsatz war ein Großbrand. Die Flammen schlugen so hoch aus dem Dach der Wurstfabrik, daß die Fotos des Brandobjektes noch heute an den „Trophäenwänden“ einiger Feuerwehren des Kreises hängen. Aber ich denke kaum mehr daran.

An meinen zweiten Brandeinsatz dagegen denke ich auch heute noch sehr oft…
Gegen ein Uhr nachts wurden wir damals zu einem Wohnhausbrand im ersten OG und Dachstuhl alarmiert. Als „Frischling“ half ich zunächst, die Leiter für den Angrifftrupp aufzustellen und wurde dann in Bereitstellung an unser Fahrzeug beordert. Dort machte ich dann die erste von zwei wichtigen Erfahrungen dieser Nacht:
Mit etwas mehr Zeit zum Umsehen bemerkte ich, daß das Haus für eine silbernen Hochzeit geschmückt war und erfuhr, daß unbeobachtet kochendes Essen, das für das Fest am kommenden Morgen vorbereitet worden war, den Brand ausgelöst hatte. Die Familie stand hilflos vor dem Haus und beobachtete, was um sie herum geschah. Als ich dann die junge Frau in meinen Alter sah, die ganz still auf die Flammen schaute, während ihr die Tränen über das Gesicht liefen, hätte ich ihr gern irgendwie geholfen. Aber damals wußte ich einfach nicht wie.
Eines wurde mir dadurch aber sehr drastisch bewußt: Unser Eingreifen wird zwar in aller Regel etwas zum positiven verändern können, aber „feuerwehrtechnische Handwerkskunst“ reicht eben nicht aus. Wenn wir unsere Aufgaben wirklich gut erfüllen möchten, müssen wir auch auf die Menschen in ihren Krisensituationen eingehen.
Viele Einsätze später wußte ich dann, daß es oft gar nicht viel braucht, um den Betroffenen ein wenig Orientierung in ihrer Situation, vielleicht sogar etwas Trost zu geben: Auf die Betroffenen zugehen und Sie fragen, wie es ihnen geht, aufmerksam zuhören, sie ernst nehmen und ihnen unsere Maßnahmen erklären, sobald dafür etwas Zeit ist, macht meist schon den entscheidenden Unterschied.
Wenn ich heute mit Mensche an einer Einsatzstelle spreche, weiß ich, daß sie sich in einer absoluten Ausnahmesituation befinden. Sie haben Angst, sind wütend, wissen nicht, wie es weitergehen wird und oft noch nicht einmal wo sie in dieser Nacht schlafen werden.
Ich versuche zu erklären, was wir tun und warum und wieso die Menschen immer noch nicht in ihre Wohnung zurück gehen können. Und ich nehme die gelegentlich auftretende Wut nicht persönlich, weil ich weiß, daß sie letztendlich nicht an mich adressiert ist.
Zusätzlich versuche ich, unbürokratische Lösungen für die Probleme zu finden, die ich lösen kann. Ein Sitzplatz in einem warmen Feuerwehrfahrzeug, eine Decke und ein Ansprechpartner während der Wartezeiten sind für uns eigentlich immer problemlos zu organisieren, helfen den Betroffenen aber ungemein. Ich kann mich auch an keinen Fall erinnern, in dem die für unsere „Kunden“ lästigen Sicherheitsmaßnahmen, die vorher als zusätzliche „sinnlose Schikanen“ empfunden wurden, nach einer freundlichen und vernünftigen Erklärung nicht akzeptiert wurden.

All das habe ich letztendlich durch diese junge Frau vor ihrem brennenden Haus gelernt, mit der ich nie gesprochen habe.

Bei den Nachlöscharbeiten bemerkten wir, daß einer unserer Atemschutztrupps nur um Haaresbreite einem Absturz aus 6 Metern Höhe entgangen war. Etwas später fiel uns auf, daß ein Schlafzimmer so hinter einer Paneelwand abgetrennt war, daß man die Tür aus Paneelbrettern von außen kaum bemerken konnte. Bewußtlose Personen in diesem Zimmer hätten unsere Trupps in dem verrauchten Geschoß niemals rechtzeitig finden können. Das war meine zweite Lektion in dieser Nacht: Das Technik, Ausbildung und Erfahrung zwar sehr viel Sicherheit bringen, manchmal aber trotzdem keinen Schutzengel ersetzen können.

Autor:

Rüdiger Jarnert aus Bochum

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