„Träum weiter“ in den Kammerspielen stellt eine von Stereotypen geprägte Welt lustvoll auf den Kopf

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Die staunende Nil (Almila Bagriacik, l.) erfährt von ihrem Großvater (Vedat Erincin), dass er schon immer eine Vorliebe für Cross-Dressing hatte. (Foto: Küster)

Nil (Almila Bagriacik) fällt ins Koma – das ist der Ausgangspunkt für die Tragikomödie „Träum weiter“. Dabei ist das Koma jedoch eher als Metapher zu verstehen: Es steht für einen durchaus produktiven Zwischenzustand, dient aber auch als Katalysator, der Veränderungsprozesse im sozialen Gefüge in Gang bringt.

„Träum weiter“, das nun in den Kammerspielen des Schauspielhauses zur Uraufführung gekommen ist, ist das erste Theaterstück der bislang vor allem als Drehbuchautorin bekannten Nesrin Samdereli. In ihrem Auftragswerk für das Haus an der Königsallee werden Fidan (Sabine Osthoff) und Yannis (Henrik Schubert) durch das Koma ihrer Tochter mit der Tatsache konfrontiert, dass sie offenbar eine ganze Menge über Nil nicht gewusst haben. Der Frauenkleider tragende Chefarzt (Dennis Herrmann) teilt ihnen nicht nur mit, dass ihre Tochter an Epilepsie leidet, sondern auch, dass Nil lesbisch ist. Deren frühere Lebensgefährtin Nora (Anne Eigner) lässt die ohnehin überforderten Eltern dann auch noch wissen, dass Nil kein allzu gutes Bild von ihnen hatte.
Derweil ist Nil in ihrem scheinbaren Dämmerzustand nicht untätig: Sie findet sich in der Wartehalle eines Bahnhofs wieder und begegnet verschiedenen Personen aus ihrer Vergangenheit, von denen jede auf ihrer Weise einer Gesellschaft, die alle in eine heteronormative Matrix zu spannen versucht, eine Nase dreht.

Gut aufgelegte Schauspieler in einer sehenswerten Inszenierung

Derweil offenbart die sich so aufgeklärt wähnende Nora im Krankenzimmer eigene Rassismen, während Nils Eltern dem Zuschauer langsam sympathischer werden. Mutter Fidan greift schließlich zu einer drastischen Methode, um ihre Tochter ins Leben zurückzuholen.
„Träum weiter“ ist eine ebenso heitere wie berührende Auseinandersetzung mit den Fallstricken des Familienlebens und stereotypen Geschlechterrollen, die eben doch tiefer in der Gesellschaft und im Denken des einzelnen verwurzelt sind, als man das gemeinhin wahrhaben will. Dass eine türkisch-griechische Familie im Mittelpunkt steht, ist dabei gar nicht so entscheidend. Auch wer einen anderen Hintergrund hat, dürfte sich in der einen oder anderen Figur wiedererkennen. Das ist auch das Verdienst der durchgängig gut aufgelegten Schauspieler.
Regisseurin Selen Kara, die die Besucher des Schauspielhauses schon durch den von ihr inszenierten Liederabend „Istanbul“ kennen, hat „Träum weiter“ mit leichter Hand und leisem Humor inszeniert – ein Vergnügen für den Zuschauer.

Termine
Am Samstag, 3. März, ist „Träum weiter“ um 19.30 Uhr wieder in den Kammerspielen des Schauspielhauses, Königsallee 15, zu sehen.
weitere Termine: Donnerstag, 8. März, 19.30 Uhr; Freitag, 16. März, 19.30 Uhr; Freitag, 23. März, 19.30 Uhr; Samstag, 14. April, 19.30 Uhr; Samstag, 21. April, 19.30 Uhr.
Die Theaterkasse ist unter Tel.: 33 33 55 55 zu erreichen.
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