Vor 35 Jahren: „Skandal im Sperrbezirk“ oder Rosis Liebesdienste und die Zensur

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Wie komme ich jetzt auf Skandal im Sperrbezirk? Ganz einfach: Weil der Song immer noch im Hirn schwebt und jeder Mensch ihn kennt. Was die Spider Murphy Gang aus München da vor 35 Jahren textlich ‘rüberbrachte, war peppig und pfiffig, zeigte seinerzeit aber auch in aller Deutlichkeit, dass die Moralapostel und Sittenwächter und Zensoren in den Radiostationen und Fernsehsendern eher geneigt waren, schlüpfrige Rotlicht-Geschichten zu akzeptieren als kritischen Analysen zur Zeit.

Das war auch schon so in den 1970ern, als Ton Steine Scherben reüssierten oder auch, als der Liedermacher Franz Josef Degenhardt seine Befragung eines Kriegsdienstverweigerers veröffentlichte. Sie wurden nicht gespielt. Um den politischen Reinheitsgehalt der Musikbeiträge auf dem Niveau von 0 Prozent zu halten, wurde jede Veröffentlichung auf Herz und Nieren, sprich auf Sex & Drugs & Political Correctness, geprüft, bevor sie den Weg durch den Äther antreten durfte. In den 1980ern setzten die Saubermänner ihre Prüfungen im großen Stil fort.

Jeder deutschsprachige Sänger von Rang und Namen kann ein Lied davon singen. Manche taten es auch, so wie Witzbold Frank Zander beispielsweise. Er parodierte diese Entwicklung und veröffentlichte mit Oh, Susi ein Lied, in dem er vermeintlich kritische Stellen gleich mit einem Piepton unterlegte. Ob Wolf Biermanns Arbeitslos, Ina Deters Neue Männer braucht das Land, Geier Sturzflugs Besuchen Sie Europa oder auch Psycho-Anneliese von den Conditors - diese Songs unterlagen zwar nicht generell einem Sendeverbot, doch es gab Empfehlungen, sie nicht zu spielen (bei einigen Sendern standen die Songs bis weit in die 1990er hinein aber tatsächlich auf dem Index).

Bei Skandal im Sperrbezirk war das anders. Keine Empfehlungen, keine Pieptöne - ob Piratenstation oder öffentlich-rechtliche Anstalt - dieser prollig-dralle, schenkelklopfspaßige Bajuwaren-Popsong wurde monatelang rund um die Uhr gedudelt, bis im März 1982 aber auch jeder und in welcher Form auch immer liierte Mann in Deutschland, Österreich und der Schweiz glaubte, dass es allemal vorteilhafter sei, eine private Liebesdienerin aufzusuchen, als sich mit seiner quälenden Sehnsucht ins Freudenhaus zu begeben: ...und draußen vor der großen Stadt/steh`n die Nutten sich die Füße platt!/Skandal im Sperrbezirk, Skandal im Sperrbezirk/Skandal, Skandal um Rosi…

Petting statt Pershing, Bumsen statt Bomben, Atombusen statt Atomwolke - gemäß den Schlagworten der frühen 1980er kam dieser Song offensichtlich zur richtigen Zeit, um für Ablenkung zu sorgen. Bevor die Welt zusammenbricht, frönen wir lieber offen und ehrlich dem swingenden, zwischenmenschlichen Vergnügen. Plötzlich waren die Tageszeitungen voll mit Anzeigen in der Art wie Kußechtes Girl verwöhnt dich tabulos und ohne Zeitdruck. Ein Jahr vor Aids war Fremdgehen im großen Stil in; der Quickie zur Mittagszeit wurde Mode und er stand, flapsig gesagt, kurz davor, als Dienstleistungsgang steuerlich absetzbar zu werden – so gesellschaftlich akzeptiert war er. Auch gehörte der fixe Akt von nun ab sofort und ebenso in den Tagesablauf, wie der schnelle Hamburger an der Dönerbude. Und kein Mensch regte sich darüber auf.

Tja, hätte die Zensur seinerzeit den Sendern gestattet, das Kriegsdienstverweiger-Lied oder Macht kaputt, was euch kaputt macht von den Scherben zu spielen - was wäre wohl dann passiert? Und da sage noch einer, Lieder können nichts bewirken...
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3 Kommentare
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Brigitte Böhnisch aus Bochum | 22.05.2017 | 13:49  
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Franziskus Firla aus Mülheim an der Ruhr | 22.05.2017 | 19:21  
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Ulli Engelbrecht aus Bochum | 23.05.2017 | 07:44  
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