VfL gegen Union unter Druck - Hoogland im Exklusiv-Interview: "Man gewinnt nur, wenn man Tore schießt!"

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Tim Hoogland redet Klartext: "Mir ist wurscht, gegen wen wir spielen - Hauptsache, wir gewinnen endlich mal wieder!" Foto: Molatta
 
Lukas Hinterseer und Co. treffen zu selten das Tor - Hoogland nimmt die Stürmer im Interview in Schutz. Foto: Molatta
Bochum: Vonovia Ruhrstadion |

Der VfL Bochum steckt tief in der Krise, braucht jetzt dringend Erfolgserlebnisse - und Spieler, die Charakter zeigen und vorne weg marschieren. Das fordert Tim Hoogland, der nach seiner Verletzungspause wieder in die Mannschaft zurückgekehrt ist und jetzt als Führungsspieler gefragt ist. Vor dem Heimspiel gegen Union Berlin am Sonntag (3.12., 13.30 Uhr) spricht Hoogland im Exklusiv-Interview  über die Unruhe im Verein, Offensivprobleme auf dem Platz und das Verhältnis zu den Fans.

Tim Hoogland, wie geht es Ihnen gesundheitlich nach der langen Verletzungszeit? Wie fit fühlen Sie sich schon wieder?

Tim Hoogland: Ich fühle mich gut – so gut, dass ich in Aue 90 Minuten durchspielen konnte. Ich war zwar rund sechs Wochen raus, konnte aber nach rund drei Wochen schon wieder ins Lauftraining einsteigen. So viel habe ich also nicht verloren und konnte das in den vergangenen zwei Wochen im Mannschaftstraining schon wieder ganz gut aufarbeiten.

Wie anstrengend hat sich das erste Spiel über 90 Minuten trotzdem angefühlt?

Der Platz in Aue wurde im Laufe des Spiels immer tiefer, so dass am Ende alle etwas gemerkt haben. Aber es war okay, ich habe es gut verkraftet. Ich hatte auch keinen übermäßigen Muskelkater oder etwas anderes, was besorgniserregend gewesen wäre.

Was hat Ihnen in den letzten Wochen mehr zu schaffen gemacht – die Verletzung an sich oder die Tatsache, tatenlos zusehen zu müssen, während der VfL immer tiefer in die Krise rutscht?
Es war von beidem etwas. Jede Verletzung schmerzt natürlich. Umso mehr, wenn man sieht, dass man der Mannschaft helfen könnte – gerade in einer etwas schwierigeren Situation. Das macht die Sache dann auch nicht leichter.

Von außen hat man manchmal einen etwas anderen Blick auf die Dinge. Welchen Eindruck haben Sie während Ihrer Zwangspause gewonnen, wo die Probleme des VfL vor allem liegen?
Ich denke, in den letzten Wochen und Monaten ist rund um den VfL Bochum vieles passiert, was in jedem Fall nicht dazu beiträgt, in Ruhe Fußball spielen zu können. Wir haben jetzt wieder eine gewisse Stabilität hinein bekommen, aber jetzt sollten auch die Ergebnisse in Form von Siegen wieder einkehren. Die Art und Weise, wie wir spielen, war schon mal besser und entspricht nicht unserem Anspruch und unserem Potenzial. Sich da heraus zu kämpfen, ist nicht einfach. Dazu brauchst du Siege – und die fehlten uns zuletzt. Wir müssen uns in den drei Spielen vor der Winterpause jetzt so gut wie möglich verkaufen und möglichst viele Punkte holen. Dann können wir uns noch in diesem Jahr von den unteren Plätzen lösen. Und hätten dann etwas Zeit, einige Dinge aufzuarbeiten und uns auf die Rückrunde zu konzentrieren.

"Ich kann verstehen, dass die Fans sauer sind"

Bedeutet Unruhe für die Mannschaft auch Verunsicherung?
Es kommen auch andere Faktoren hinzu, Verletzungen zum Beispiel und manchmal fehlendes Glück, wie in Bielefeld, gegen Heidenheim oder Braunschweig. So wird der Koffer, den du mit dir herumträgst, immer schwerer. Aber wir können all das nicht mehr rückgängig machen. Wir sind als Spieler in der Verantwortung und müssen es in den Griff bekommen. Was wir zuletzt gezeigt haben, zum Beispiel zuhause gegen Fürth, das war wirklich nicht viel. Daher kann ich auch verstehen, dass die Fans sauer sind. Und was wir bisher geleistet haben, reicht unter dem Strich absolut nicht aus. Trotzdem müssen wir es jetzt schaffen, positiv zu bleiben.

Die Mannschaft muss sich in dieser Saison schon auf den dritten Trainer einstellen. Wie lange braucht es überhaupt, bis man versteht, was man voneinander erwartet und verlangt?
So etwas kann ganz schnell funktionieren, es kann sich aber auch ein bisschen hinziehen. Und es hängt natürlich von den Ergebnissen ab. Hätten wir gegen Fürth und Aue gewonnen, unmöglich war das nicht, sähe es ganz anders aus. Für uns zählt auch in dieser Hinsicht jetzt nur eines: Wir müssen punkten! Den Ernst der Lage verkennen wir dabei nicht, weshalb jetzt Charaktere gefragt sind. Du brauchst Spieler, die vorneweg gehen, marschieren und die anderen mitziehen. Diese Spielertypen sind beim VfL grundsätzlich vorhanden. Aber auch hier gilt: Du brauchst Erfolgserlebnisse, damit du all das auf dem Platz abrufen kannst.

Nehmen Sie sich selbst auch noch mehr mit in die Verantwortung?

Das habe ich schon immer versucht, auch mit meiner Art, Fußball zu spielen. Und ich hoffe natürlich, dass viele von den Jungs sich davon etwas abgucken können und ich sie mitreißen kann. Das ist das, was ich machen kann. Dazu gibt es noch andere Spieler im Team, die auch vorne weg gehen müssen. Ich hoffe, dass wir bis zur Winterpause gemeinsam noch einige Punkte sammeln können. Aber ich weiß auch um die Schwere der Aufgabe. Zweimal auswärts, dazu zuhause gegen Union, das wird nicht einfach.

Unruhe in der Mannschaft ist das eine, Unruhe im Umfeld das andere. Ist zum Beispiel der Stimmungsboykott der Ultras etwas, was die Spieler beschäftigt?
Jeder Fußballer wünscht sich ein volles Stadion, das hinter einem steht. Entsprechend fehlt es an Stimmung, wenn die Tribünen nicht voll sind. Aber letztlich liegt es auch an uns, mit Leistungen und Ergebnissen wieder mehr Zuschauer ins Stadion zu locken. Schön spielen, Tore schießen. Oder auch mal hässlich spielen, aber wenigstens gewinnen. (lacht) Es liegt also auch in unserer Hand. Die Ultras sind noch einmal ein Thema für sich, zu dem ich mich gar nicht weiter äußern möchte. Ich stecke viel Herzblut in den VfL, aber ein Ultra zu sein, ist noch einmal etwas anderes. Sie haben sich jetzt für diesen Weg entschieden und wir werden abwarten, wie es weitergeht. Natürlich hoffen wir alle, dass sich die Situation noch einmal ändert und man wieder mehr zusammenrückt.


"Unsere Angreifer tun mir leid"

Spielerisch sah es auf dem Platz zuletzt defensiv ganz gut aus, was sich auch in wenigen Gegentoren widerspiegelt. Drückt der Schuh eindeutig in der Offensive?
Das würde ich so nicht sagen. Unsere Art und Weise, Fußball zu spielen, ist im Moment defensiver ausgerichtet. Es ist sicher positiv, dass wir wenige Gegentore kassieren. Aber wenn du mit vielen Spielern hinter den Ball kommen und so verteidigen willst, dann hat das natürlich Auswirkungen auf die Offensive. Aber wir arbeiten daran, das Offensivspiel zu verbessern, ohne das defensive Gerüst auseinanderzureißen. Das erfordert Zeit. Insofern tun mir unsere Angreifer auch ein stückweit leid. Wenn von hinten nicht entsprechend nachgerückt wird, wird es für sie ganz vorne auch schwierig. Wir sind gerade dabei, die Balance zu finden, um die Jungs vorne wieder mehr zu unterstützen und mehr Torgefahr zu entwickeln.

Also auch mehr riskieren und mutiger spielen?

Die taktische Ausrichtung gibt der Trainer vor. Wir haben erkannt, dass wir in einer Position sind, in der Siege verdammt wichtig sind, egal gegen wen. Und man gewinnt nur, wenn man Tore schießt. Also müssen wir da was machen.

Wie schätzen Sie den nächsten Gegner Union Berlin ein - ein Aufstiegskandidat, der aber auch schon etwas schwächelte?

Union ist ein absolutes Spitzenteam der 2. Liga, auch unabhängig von den letzten Ergebnissen. Das wird ein richtig harter Brocken. Aber wie die Vergangenheit oft gezeigt hat, spielen wir meistens dann unsere besten Spiele, wenn der Gegner vom Papier her eine Top-Mannschaft ist. Eigentlich ist es mir auch echt wurscht, gegen wen wir spielen – Hauptsache, wir gewinnen endlich mal wieder.

Ist es Ihnen dann auch wurscht, dass Ihnen am Sonntag mit Sebastian Polter einer der besten Angreifer der Liga gegenüber steht? Oder ist der Respekt da doch noch etwas größer?
Ob es Polter ist oder der dritte Torwart von Union: Respekt sollte man vor jedem Spieler haben. Aber es sind auch alles keine Übermenschen. Ich habe auch lange in der Bundesliga gespielt, da gibt es noch ganz andere Fußballer. Polter ist ganz bestimmt ein guter Stürmer, aber wir sind auch gute Verteidiger.

"Dornebusch kann ein richtig Großer werden"


Der VfL muss am Sonntag auf den verletzten Manuel Riemann verzichten.

Es ist schade für Manu und auch für die Mannschaft, dass er nicht spielen kann. Aber wir haben mit Felix Dornebusch einen Torhüter auf der Bank, der darauf brennt, sich zu zeigen. Er kann es, weil er ein guter Torhüter ist und alle Voraussetzungen mitbringt, ein richtig Großer zu werden. Er muss das jetzt auch als Chance sehen. Und wenn er so spielt, wie er zuletzt trainiert hat, dann bin ich sehr zuversichtlich.

Apropos Zuversicht: Sie haben in diesem Gespräch den Eindruck vermittelt, die nächsten Spiele mit einer Mischung aus Optimismus und Willen anzugehen. Kann das jeder auch der jüngeren Spieler so verinnerlichen? Oder anders gesagt: Hält die Mannschaft dem Druck Stand?

Das ist eine gute Frage. Man kann nicht in jeden Einzelnen hinein schauen. Ich denke schon, dass der Druck gerade für die jüngeren Spieler sehr hoch ist. Gerade für die Jungs, die aus der A-Jugend kommen und bislang fast immer nur positive Erfahrungen gesammelt haben. Wir erfahrenen Spieler müssen den Jungs jetzt helfen und ihnen das Gefühl vermitteln, dass sie auch Fehler machen dürfen. Es sind dann immer noch zehn andere Spieler auf dem Platz, um das auszubügeln. Wenn wir das als Mannschaft umsetzen können, dann glaube ich auch daran, dass wir unsere Punkte holen und bis zum Winter in der Tabelle noch ein paar Plätze klettern können.
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Rainer Bresslein aus Wattenscheid | 02.12.2017 | 09:34  
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