Tierfutter-Hauptsache billig?

Wieso diese Zeilen, wenn doch keine Anleitung für das „richtige“ Füttern bzw. Futter in dem Artikel folgt? Weil ich mich maßlos ärgere, dass hier in der Lokalkompassinternetzeitung ganz harmlos das Thema „Winterspeck beim Hund- was tun?“ angeschnitten wurde und wieder einmal nur die üblichen Verdächtigen ihre Meinung kund tun mussten. Es liest sich immer gleich- einfach ein „Diätfutter“ vom Discounter gekauft, die Deklaration interessiert nur in Bezug auf den prozentualen Fettgehalt, Futter wurde schließlich „sehr gut“ getestet. Der Tenor ist immer der Gleiche- „gutes“ Futter darf nicht viel kosten. Warum regen mich diese Aussagen als Hundetrainer, der sich schon immer sehr intensiv mit dem Thema auseinander gesetzt hat, so auf? - Weil Ernährung ein komplexes Thema ist und da soll mit einem Test eines Unternehmens alles gesagt sein?
Die Ernährung unserer Tiere ist ein wichtiges Thema, aber, wie so oft in der Tierhaltung, eines an dem sich die Geister scheiden. Es gibt immer noch eine große Fraktion von Tierhaltern, die sich wenig bis gar nicht mit der Thematik auseinander gesetzt haben. Oft ist die wichtigste Prämisse an das jeweilige Futter, welches sie ihren Hunden, Katzen etc. verfüttern- eine leichte Handhabung, eine einfache Lagerung und nicht zuletzt ein günstiger Preis.
Seit „Stiftung Warentest“ regelmäßig Hundetrockenfutter verschiedener Anbieter testet- liefern sie, neben ihren Testergebnissen, noch ein gutes Gewissen beim Kauf von Hundefutter vom Discounter, frei Haus- schließlich bewerten sie dort jedes Mal die Trockenfuttersorten der größten deutschen Lebensmitteldiscounter mit „sehr gut“ . Ein Totschlagargument für jeden Gläubigen der „Stiftung Warentestgemeinde“ , deren Bewertungen als höchste Instanz in Bezug auf Wahrhaftigkeit und Kompetenz gelten und über jeden Zweifel erhaben sind. Aber Vorsicht, dort testen zum Einen keine Experten auf dem Gebiet der Hundeernährung, zum Andern geht es nur darum, ob das Futter bestimmte erforderliche Bestandteile inne hat, ihre Sensorik, Haptik und Preis-Leistungsverhältnis stimmen, zudem werden hier ausschließlich Trockenfuttersorten verglichen. Fazit- auch bei einer Marke, wie „Stiftung Warentest“, darf und muss man kritisch bleiben.
Schaut man sich die Geschichte der industriellen Tierfutterherstellung an, so fällt auf, dass es diesen Industriezweig erst seit etwa 100 Jahren gibt, dass wir sie einem Zufall verdanken, dass es von Anfang an immer nur um den Gewinn ging und, dass seit exakt dieser Zeit die gleichen Wohlstandskrankheiten bei unseren Hunden zunahmen, die auch uns belasten. Nicht zu vergessen ist die gut funktionierende Werbemaschinerie, mit einem wahnsinnigen Werbeetat, die uns seit unserer Kindheit mit idyllischen Bildern und griffigen Slogans infiltriert. Einzig die Futtermittelindustrie und eventuell noch Tierärzte scheinen genau zu wissen, was unsere Tiere brauchen. Wer sich das Veterinärmedizinische Studium nach seinen Inhalten mal genauer betrachtet, kommt sehr schnell darauf, dass Ernährung im Allgemeinen und im Speziellen keine Rolle spielt. Im Zuge kritischerer Auseinandersetzung mit unserer eigenen Nahrung, ihrer Herkunft und Herstellung, hat sich auch die Futtermittelindustrie dieser veränderten Wahrnehmung angepasst. So deklariert sie heute unter Zuhilfenahme sämtlicher gesetzlicher Schlupflöcher ihre Futter als zertifiziert, Farb-, Aroma- und –Konservierungsstofffrei, als Welpen, -Junior-, Adult – und Senioren- oder sogar rassespezifischen Futter, es gibt Diätfutter, Sensitivfutter, die Liste ist unendlich. Es würde in diesem Zusammenhang zu weit führen die Deklaration der Futtermittelindustrie auf ihren Wahrheitsgehalt und auf die einzelnen Ingredienzien und ihren jeweiligen „Nährwert“, zu analysieren, aber es lohnt sich mit dem nötigen Hintergrundwissen, hinter die Kulissen zu blicken.
Nicht, dass wir uns falsch verstehen- sie können ihrem Hund Trockenfutter füttern, solange es ein hochwertiges, gut verträgliches, gut verwertbares Futter ist und sie es bei Gaben aus dem Napf vorher gut aufquellen lassen. Es gibt zudem hervorragende Nassfutter in Dosen, die sie ihrem Hund sehr gut verfüttern können. Natürlich darf man bei allen Informationen niemals vergessen, egal welches Futter wir für gut und richtig erachten- letztlich muss es unserem Tier schmecken.
Viele Tiere leiden heute an Über- oder Untergewicht, stumpfen- struppigen Fell, Zahnstein, splitternden Krallen, organischen Problemen, Allergien, orthopädischen Problemen, Antrieblosigkeit, psychische Problemen, Fettablagerungen auf den Augen, und so weiter. Vielleicht wird es einfach Zeit die Angaben, derer die an der Herstellung und Vertrieb von Tierfutter verdienen(und das schließt auch Tierärzte mit ein!) kritisch zu hinterfragen. Machen sie sich kundig, trauen sie sich an Fachliteratur, die wissenschaftlich und verständlich geschrieben wurde. Lassen sie sich von unabhängigen Profis beraten, die sich auf Ernährung spezialisiert haben, besuchen sie Seminare zum Thema. Suchen sie kompetente Tierbedarfsläden auf, jenseits der großen Ketten und Discounter- egal welche Quelle der Wissensfindung sie bevorzugen- es gibt ein ausreichendes Angebot auf dem Markt. Wenden sie sich an ihre Hundeschule, Hundetrainer, welche Fütterungen dort empfohlen werden(allerdings Vorsicht, wenn dort schon ein bestimmtes Futter vertrieben wird, da gibt es manchmal einen Interessenskonflikt!). Fragen sie nach Referenten zu dem Thema, die man (natürlich auf Honorarbasis) zu diesem Thema in ihre Hundeschule einladen könnte. Hinterfragen sie die vorhandenen Qualifikationen, wenn sie sich für eine bestimmte Beratungsquelle entschieden haben. Sie sind „Königkunde“ und letztlich in der Verantwortung als letzte Trutzburg vor dem Hundenapf, sie sind die Sicherheitsschleuse, denn das Futter geht durch ihre Hand in den Verdauungsapparat ihres Tieres.
Ernährung ist und bleibt, ein spannendes Thema. Wir sollten nicht nur unserer eigenen Ernährung auf Verträglichkeit in physiologischer, aber auch ökologischer Hinsicht auf den Zahn fühlen, sondern selbstverständlich auch die, die wir unseren Tieren zukommen lassen. Dabei sollte niemals der Maßstab so angesetzt werden, dass es einzig und allein darum geht, dass Futter weniger als 90 Cent pro Tag kosten darf oder wie bequem die Beschaffung, Lagerung oder Handhabung für uns ist.
Mal ehrlich- wir lieben unsere Haustiere wie Familienmitglieder, sie sind Kind- und Partnerersatz, Spiel- und Sportkamerad, Seelentröster, Gesundheitswächter, Schmusedecken- für einige Menschen, ihr ganzer Lebensinhalt. Sollten wir dann nicht sehr daran interessiert sein, sie möglichst lange gesund und fit zu erhalten? Heißt es nicht immer „Liebe geht durch den Magen“? Mein Maßstab bei der Ernährungsberatung ist immer der, dass der Kunde nach dieser Beratung so weit im Thema ist, dass er ohne Probleme die Deklarationen auf jedwedem Futter lesen und verstehen kann. Allein das Gefühl einen Laden zu betreten und nicht einem Angestellten, der mit total überzeugendem Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit, letztlich immer die Hausmarke empfiehlt, ausgeliefert zu sein, ist es wert, sich schlau zu machen. Dies ist keine Empfehlung für oder gegen ein bestimmtes Futter oder Fütterungsart. Futter ist kein Dogmatismus, sondern eine Überlebensnotwendigkeit, die das Wohl des einzelnen Tieres im Fokus haben sollte, und mit dem nötigen Wissen geht dann sicherlich auch bei ihrem Hund Liebe durch den Magen.
Heike Hillebrand

Autor:

Heike Hillebrand aus Bönen

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