Schauspielhaus Bochum: Die Jüdin von Toledo
Intendant Johan Simons startet sein „Welttheater“ am Bochumer Schauspielhaus

Die Jüdin von Toledo: (v.l.) Gina Haller als Musa und Pierre Bokma als Jehuda Ibn Esra umd Hanna Hilsdorf als Rachel.
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  • Die Jüdin von Toledo: (v.l.) Gina Haller als Musa und Pierre Bokma als Jehuda Ibn Esra umd Hanna Hilsdorf als Rachel.
  • Foto: Pressefoto Schauspielhaus Bochum / Ostkreuz
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Bochum. Schauspielhaus an der Königsallee 15. Man war schon neugierig darauf, wie Johan Simons bei seinem Einstand als Regisseur und Intendant des Bochumer Schauspielhauses mit den räumlichen Dimensionen eines „traditionellen Stadttheaters“ klar kommen würde. Simons, schon immer bekennender Liebhaber ungewöhnlicher Spielorte und noch verwöhnt von den unglaublichen industriellen Spielstätten „seiner“ dreijährigen Ruhr-Triennale, hat sein neues berühmtes Haus behutsam gestylt.

Keine bunten Klebefolien mehr über dem Eingang:

Dafür ein, die frühe Revier-Nacht erhellender schicker Schriftzug SCHAUSPIELHAUS BOCHUM weithin sichtbar auf dem Dach. Auch nicht die traditionell ewig nichtssagenden Szenen-Fotos anderer Theater in den Schaukästen an der Eingangstreppe: Sondern das Theaterprogramm fortlaufend in Großbuchstaben schwarz auf weiß und groß genug, dass man es auch von der anderen Straßenseite lesen kann. Die berühmten goldenen Fuffie-Leuchter aus dem oberen Foyer ließen am renovierungsbedingt verspäteten Saisons- und Ära-Eröffnungsabend das Haus auch von innen heraus weithin erstrahlen. Ein „volles Haus“ mit Publikum von Nah und Fern: englisch, flämisch, schweizerdeutsch und auch östereichisch mischte sich im Pausen-Gemurmel.

Das neue, gar nicht bescheidene Simons´sche Welttheater-Logo, der Globus im Fundament eines Rechtecks nach oben hinauswachsend, fand seine Entsprechung im programmatischen Bühnenbild von Johannes Schütz:

Eine weiße rechteckige Wand mit großer Mauersteinstruktur schwebte schwankend und wanderte, auch sich drehend, mit den Schauspielern über der runden aufgelegten Drehbühne. Die sich langsam, aber unerbittlich im Uhrzeigersinn bewegte und der ganzen Inszenierung ihren rhythmischen Drive gab, den Lauf der Zeitgeschichte. Die Schauspieler waren dadurch immer in Bewegung - egal ob aktiv oder passiv agierend. Ihre Weltbühne dreht sich wie unsre immer weiter. Bei Liebe und Tod, Krieg und Niederlage, Flucht und Vertreibung.

Die Geschichte des christlichen Königs Alfonso VIII. von Kastilien:

der sich in die gebildete und schöne Jüdin Raquel verliebt, und für kurze Zeit sein Land erfolgreich mit drei friedlich nebeneinander existierenden Weltreligionen regierte, wurde von vielen Dichtern und Erzählern durch die Jahrhunderte weitergetragen. Johan Simons´ Theaterfassung, nach dem Feuchtwanger-Roman (1954) von Dramaturg Koen Tachelet erarbeitet, ist in ihrer fast sachlichen Fürchterlichkeit und zeitlos-moderner Optik noch immer hoch aktuell und berührend.

Doch keine Angst, bei Simons gibt es immer automatische Kitschbremsen.

Es gibt kein „Einsuppen“ in Emotionen. Dafür ist die Raquel von Hannah Hilsdorf ein bisschen „zu pubertär und zu sperrig“. Oder der Alfonso von Ulvi Erkin Teke in seinen gestreiften Kniestrümpfen und kurzen Hosen einfach „zu selbstverliebt und doof“. Auch Anna Drexler ist als Königin Leonor einen Tacken „zu schrill, oberflächlich und katholisch“. Sehr komisch wenn sie versucht über ihrer Eifersucht zu stehen. Doch dann stirbt ihr Sohn, der einzige legale Thronerbe. Und „die Jüdin“ hat auch einen Sohn von Alfonso. Die giftigen Einflüsterungen des Priesters („Die Jüdin hat den König verhext“) zeigen Wirkung. Leonor will den Tod der Rivalin. Sie, die immer gegen den Krieg argumentiert hat, ist jetzt für einen Kreuzzug gegen das arabische Kalifat Al Andalus gleich nebenan im Süden der iberischen Halbinsel: Denn Alfonso soll weg von der Jüdin. Und der ist leicht zu überreden, weil er schon lange „sein christliches Rittertum“ beweisen will. Pierre Bokma als Jehuda Ibn Esra, der Vater Raquels, Ratgeber und Geldbeschaffer Alfonsos hat immer mit sich gerungen, ob er die Liebe Raquels zum König erlauben kann, hat schließlich akzeptiert, auch weil er durch seinen wachsenden Einfluss beim Herrscher pogrom-bedrohte Glaubensbrüder aus Frankreich retten und in Spanien ansiedeln kann. Der Flüchtenden-Bezug zu heute springt uns an.

Doch Alfonso verliert den Krieg gegen die Muslime. Schuldige werden gesucht und gefunden:

Raquel wird vom Mob gelyncht. Szenisch umgesetzt durch systematisches Zertrümmern der schwebenden weißen Styropor-Klagemauer mit Metallstangen. Die harten trockenen Schläge gehen durch Mark und Bein. Und hören einfach nicht auf.

Wie ein Hund wird der schutzlos entblößte Jehuda erschlagen.

Sein Mörder stapelt dafür eigens in Ruhe passende Mauerstücke neben ihm auf. Die er dann ebenso ruhig auf ihm zerschlägt. Auch Raquels Leiche liegt in den Trümmern - Alfonso verwundet vor der Drehbühne. Er wird mit ihr nach hinten gezogen. Die Drehscheibe mit den Trümmer-Scherben richtet sich langsam auf (... die Weltkugel erhebt sich im Rechteck ...), Tote und Trümmer rutschen nach unten. Bühnenbildner Johannes Schütz ist eine beklemmend eindringliche und erschütternde Endzeit-Szenerie gelungen.

Der Beifall zu Beginn dieser Bochumer Schauspiel-Ära setzte stark und unmittelbar ein und feierte die mit großem, auch körperlichen Einsatz überzeugenden Schauspieler samt Regie und Ausstattung mit vielen Applaus-Runden. (cd)

Autor:

Caro Dai aus Essen-Werden

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