Attraktion und keine Plage
Kanadagänse sind eine Bereicherung der Stadtnatur

Enten fühlen sich in der Gesellschaft von Gänsen sicher.
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  • Enten fühlen sich in der Gesellschaft von Gänsen sicher.
  • hochgeladen von Britta Müller

Gänse geraten immer wieder in den Fokus von Politik und Presse. Meistens wird negativ über sie geschrieben. Dann steht dort, sie seien aggressiv, verdrängen andere Arten, belasten das Wasser …. Nichts von dem stimmt, aber diese Behauptungen werden immer und immer wieder in die Welt gesetzt. Vor allem die Presse verbreitet ungeprüft diese Unwahrheiten, weil sie es einfach abschreibt und irgendwie auch nicht besser weiß.

Ich nehme mal Stellung zu den Behauptungen:

1. "Gänse sind zur Brutzeit aggressiv"

Gänse verteidigen ihr Brutrevier, das ist richtig. Aber der Mensch spielt hier gar keine Rolle, auch keine anderen Wasservögel, denn Gänse verteidigen ihr Brutrevier gegenüber Gänsen. Die Kanadaganter verteidigen ihr Nest gegen andere Kanadagänse, die auch gerne dort brüten möchten. Die Anzahl der Brutplätze ist aber begrenzt und so bekommen nur die stärksten Paare Nachwuchs. Etwa 80% der Gänse gehören übrigens zur den sogenannten Nichtbrütern.

Auch wenn die Kanadagänse ihre Gössel führen, sind sie niemals aggressiv gegen Menschen. Sie werden immer die Flucht bevorzugen. Wenn jedoch ein Hund an der Leine mitgeführt wird, so ist das für die Gänsefamilie eine akute Bedrohung und der Ganter wird sich mit ausgebreiteten Flügeln vor seine Familie stellen. Hierbei riskiert er oft sein Leben und seine Gesundheit. Rücksichtsvolle Menschen halten einfach Abstand und genießen den Anblick der Gänsefamilie aus angemessener Entfernung.

Ein großes Missverständnis ist, dass eine zischende Gans angriffslustig oder aggressiv ist. Das ist überhaupt nicht der Fall! Gänse haben ein begrenztes Lautrepertoire und Zischen ist eine Lautäußerung, die je nach Situation anders interpretiert werden kann. Es kann ein „Bitte nicht auf meine Paddel treten“ oder ein „Gibt es hier etwas Futter für mich?“ sein. In den meisten Fällen unterschreitet der Mensch einfach die Individualdistanz der Gans und dann zischt sie, um zu sagen, dass man ihr zu nahe kommt. Das hat aber nichts mit Aggression zu tun, sondern mit der Aufforderung, Rücksicht zu nehmen.

Und da haben wir auch schon das Problem: An gegenseitiger Rücksichtnahme und Respekt mangelt es in unsere Gesellschaft erheblich. An Verständnis und Verstehen der Natur genauso. Umso wichtiger ist es, über das Leben der Gänse aufzuklären und Vorurteile auszuräumen.

Es gibt kaum einen Vogel, den man so nah und ohne Hilfsmittel beobachten kann. Das ist eine große Chance für Naturfreunde, denn das Beobachten von Vögeln tut der Seele der Menschen nachweislich gut.

Wenn Gänse übrigens in Kinderwagenräder und Fahrradreifen beißen, wie eine Tageszeitung mal reißerisch berichtete, so handelt es sich hierbei einfach nur um neugierige Gänsekinder. So wie unsere Kinder alles in den Mund stecken, untersuchen Gänsekinder alles mit dem Schnabel. Es sind naive kleine Kinder, die ohne bösen Willen alles in den Schnabel nehmen und dabei selbst auch mal distanzlos sind: So beißen sie in Schuhe und Taschen, ziehen an Schnürsenkeln oder am Kinderwagen. Ein ganz typisches Verhalten neugieriger Gänsekinder. Sobald sie das Gösselalter hinter sich haben und fliegen können, legen sie das Verhalten jedoch ab und halten Abstand zu Menschen. Es hat nichts mit Aggression zu tun, genau das Gegenteil ist der Fall: sie mögen Menschen, vertrauen ihnen, sind ihnen zugetan.

2. "Gänse verdrängen heimische Wasservögel"

Es gibt überhaupt keine Belege dafür, dass Gänse andere Arten verdrängen. „Gans im Gegenteil“ profitieren die Arten sogar von der Wachsamkeit der Gänse. Eine Ente, die in der Nähe der Gans ihr Nest baut, hat ihre „gans persönliche“ Alarmanlage. Gänse sind bekanntermaßen wachsam und die Ente kann sich drauf verlassen, rechtzeitig vor Gefahren gewarnt zu werden. Im besten Fall beschützt der Ganter das Entennest (unbeabsichtigt) gleich mit. Das gleiche gilt für Blesshühner, Teichhühner und andere Vögel.

Enten sind beim Brüten nicht auf Gewässernähe angewiesen. Sie bauen ihre Nester bekanntermaßen auch gerne in Gärten und auf Balkonen. Wenn die Entenmutter ihren Nachwuchs zum Gewässer führen will, bedroht vor allem der Straßenverkehr ihr Leben. Entenküken fallen nicht selten durch Gullydeckel bei der Überquerung der Straße. Probleme, die menschengemacht sind, aber kaum publik werden.

Teichhühner, die auf der Vorwarnliste der bedrohten Arten (Rote Liste) stehen, brüten auffallend erfolgreich, wo Gänse leben. Die Ansprüche an den Lebensraum sind bei allen Arten immer noch so unterschiedlich, dass sie sich diesen bequem teilen können.

Sicher ist: Gänse verdrängen keine anderen Arten! Das ist Unsinn.

3. "Gänse bringen Gewässer zum umkippen"

Ein immer wieder gerne behauptetes Argument, welches aber auch nicht haltbar ist. Gänse sind Weidetiere. Sie halten sich – soweit es ihnen störungsfrei möglich ist – an Land auf und fressen Gras. Nach kurzer Zeit (ca. 1 Stunde) wird das verdaute Gras wieder ausgeschieden. Die Gänse erstatten der Wiese damit einen Teil der Nährstoffe zurück, die sie dort aufgenommen haben. Eine Stunde nach der Nahrungsaufnahme wird kaum noch Kot ausgeschieden.

Wenn sie sich im Wasser aufhalten, um dort die Nacht zu verbringen, die Mittagsruhe oder einen heißen Sommertag, dann hält sich der Eintrag von Nährstoffen also durchaus in Grenzen. Natürlich werden Nährstoffe eingetragen, aber nicht in dem Maße, dass das Gewässer hierdurch schweren Schaden nimmt („umkippt“).

Was einem Gewässer sehr stark zusetzt, ist Erwärmung. Warmes Wasser kann kaum noch Sauerstoff aufnehmen. An heißen Tagen kippt ein Gewässer also nicht um, weil sich dort Gänse aufhalten, sondern weil es einfach zu warm wird und kein Sauerstoff mehr da ist. Das passiert auch einem Gartenteich oder Stadtteich, auf dem noch nie eine Gans geschwommen ist. Da sind wir also beim Thema Klimawandel – auch ein menschengemachtes Problem. Flache Gewässer (unter 1 Meter Tiefe) sind akut durch Erwärmung gefährdet, aber sicher nicht durch Wasservögel.

Verschmutzung durch Gänsekot

Für viele Menschen sind die vielen Grasköttel der Gänse auf den Wegen und Wiesen sehr unangenehm. Obwohl es tatsächlich nur stark zerkleinertes Gras ist und sie im Normalfall nicht einmal stinken, stören sie ohne Zweifel ab einer gewissen Menge. Die Reinigung der Wege und ggf. auch der Wiesen ist also unvermeidlich.

Ich persönlich reinige die Wege einer nahe gelegenen Parkanlage täglich. Es sind 200 Meter Wegstrecke, für die ich zwischen 5 und 10 Minuten brauche. Mit der Harke fege ich die pelletartigen Gänseköttel unter die Sträucher, wo sie wieder in den Nährstoffkreislauf eingehen. Auf einer Wiese müssen die Grasköttel wie beim Abäppeln der Pferdewiese auf einen Mistboy geschoben und dann in den Grünanlagen so verteilt werden, dass sie nicht stören.

Wichtig ist, dass man jeden Tag die Runde macht, dann ist der Aufwand für die Reinigung überschaubar und die Menge der Verschmutzungen akzeptabel. Für die Städte wären 450 Euro Minijobber für diese leichte Arbeit eine Empfehlung.

Wer sich jetzt fragt, ob der Reinigungsaufwand nicht zu hoch ist, dem sei gesagt, dass inzwischen alle Parkanlagen derart von Menschen vermüllt werden, dass die tägliche Reinigung ohnehin dringend geboten ist. Was die Gänse angeht, so beschränkt sich der Reinigungsaufwand schwerpunktmäßig auf die Monate Mai, Juni, Juli. Denn die „zu vielen“ Gänse (und wer entscheidet eigentlich, was „zu viel“ ist?)  sind nur in der Brut- und Mauserzeit dort. Den Rest des Jahres verteilen sie sich großflächig auf andere Orte. Im Moment sind sie zum Beispiel gerne auf den Stoppelfeldern, wo sie sich die auf den Boden gefallenen Körner schmecken lassen.

Fazit:

Gänse sind für viele Menschen eine Attraktion. Es gibt kaum ein Motiv, welches öfters im Park fotografiert wird als Gänsefamilien im Gänsemarsch.

Es gibt kaum einen Vogel, der so viel Nähe zulässt und so gut zu beobachten ist. "Mittendrin statt nur dabei" dürfen wir an ihrem Leben teilhaben und das sollten wir wertschätzen.

Wir Menschen können viel von Gänsen lernen, wenn wir bereit sind, uns einmal näher mit ihnen beschäftigen.

Wo uns der Dreck der Gänse stört, sollten wir uns um die Reinigung kümmern.
Eine Verdrängung der Gänse oder gar die Bekämpfung der liebevollen Langhälse ist der falsche Weg.

Mehr Informationen zum Leben der Kanadagänse findet man auf www.kanadagänse.de

Autor:

Britta Müller aus Marl

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