Schatten-Memoiren (1) - Horst Schmechel berichtet von den Nazi's

Horst Schmechel berichtet den Schüler der Franz-Hillebrand-Hauptschule vom Terror der Nazi's. Das Treffen hatte Lehrerin Rafaela Vaghidas organisiert.
  • Horst Schmechel berichtet den Schüler der Franz-Hillebrand-Hauptschule vom Terror der Nazi's. Das Treffen hatte Lehrerin Rafaela Vaghidas organisiert.
  • Foto: Thiele
  • hochgeladen von Markus Tomshöfer

Der Nazi-Terror
„Wir befanden uns auf einem Gelände in Frankreich. Auf dem Boden lagen Halbtote, um uns herum waren Bluthunde und SS postiert.“ Horst Schmechel (89) wurde als „Halbjude“ Opfer des Nazi-Terrors. Er erzählt den Schülern der 9a der Franz-Hillebrand-Hauptschule von der Nazi-Zeit.

„Es gibt nur zwei Löwenmenschen - Napoleon und mich“, stellt sich Horst Schmechel scherzend vor. Seinen Humor hat der 89-Jährige nicht verloren.
Dann denkt er an die Nazi-Zeit zurück und wird schlagartig ernst. „Vom ersten Tage an trat die Verdunkelung ein. 1933 beginnt das Elend für alle Nicht-Arier.“
Mit einem Mal hieß es in der Schule „Heil Hitler“, statt Guten Morgen. „Dabei haben wir uns noch nichts gedacht, doch dann (1935) wurde es ernst“, erinnert sich Schmechel.
„Wir (Halbjuden) durften weder eine Lehrstelle annehmen, noch eine höhere Schule besuchen. Wenn Hitler oder Goebbels die Schule besuchten, mussten Juden und Halbjuden das Schulgelände verlassen. Dann fragt man sich ‚Warum?‘ oder ‚Was hat meine Mutter denn Schlimmes getan?‘ Für uns Kinder war das sehr schwer.“
Dennoch sei die Situation bis 1939 noch halbwegs zu ertragen gewesen. „Ab 1939 wird es für mich allerdings unverständlich. Ganz Europa hat geschlafen. Hitler besetzte Europa. Überall wurden Juden ermordet. Welcher Wahnsinn dahinter stand. Das kann man nicht verstehen.“
Es falle ihm schwer darüber zu reden, sagt Schmechel, weil das Thema für ihn immer noch sehr emotional sei. „An einem Tag kam die älteste Schwester meiner Mutter mit ihrem Mann, meinen Cousins und Cousinen zu uns und verabschiedete sich. Sie sind irgendwohin deportiert worden. Wir haben sie nie wieder gesehen.“ Absolute Stille im Klassenzimmer.
„Ich denke immer noch an die Zeit. Das geht nicht verloren. Vor allem erlebten wir von Tag zu Tag mehr Terror.“
1943 habe er ein Schreiben erhalten. „Ich sollte mich melden. Und dann betrat ich ein umzäuntes Gelände und schließlich einen Hof. Kaum waren wir (über 200 Menschen) auf diesem Hof, wurde das Gelände abgeschlossen. Wir wurden auf Güterwagen verladen. Wir glaubten wir würden ins Konzentrationslager gebracht werden und dachten „Das ist das Ende.“
Schmechel erzählt von den unmenschlichen Bedingungen. „Wir waren 45 Personen pro Güterwagen. Wir reisten ohne Trinken, Essen oder Toilette. Es wurde nur einmal pro Tag gehalten. Unsere Notdurft mussten wir im Güterwagen verrichten. Es stank und wir verloren die Orientierung. Ich weiß nicht mehr ob es drei oder fünf Tage waren, aber irgendwann befanden wir uns auf einem Gelände in Frankreich. Auf dem Boden vor uns lagen Halbtote, um uns herum waren Bluthunde und SS postiert. Meine Eltern wussten nicht wo ich war. Ging im Lager das Licht aus, hörte man sofort Tränen.“
Die Schüler sind sichtlich bewegt und hängen förmlich an Horst Schmechels Lippen.
„Wenn die Bomben fielen war es furchtbar. Man konnte sich nur auf den Boden legen und musste beten. Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, aber irgendwie habe ich es überlebt.“
Einige Monate vergingen, dann verloren die Deutschen an den ersten Fronten. „Alle wurden unsicher“, blickt Schmechel zurück. „Eines Tages sagte ich zu einigen anderen, dass wir das Personal überfallen und einsperren müssten – und der Plan funktionierte. Wir stahlen ihre Kleidung und flohen - ohne Papiere von Frankreich nach Berlin. Tagelang sind wir durch Wälder gelaufen und haben in Feldern geschlafen. Wir erreichten einen Zug und der spätere Nachrichtensprecher Wolfgang Behrendt sagte den Nazis, wir kämen von einer Sondereinheit. Sie ließen uns mit nach Berlin fahren. Wir hatten Glück, dass wir nicht entdeckt worden sind und schließlich waren wir wieder zuhause.“
Dann das Jahr 1944. „Ich erfuhr, dass meine Mutter deportiert werden sollte. Ich ging mit ihr Nacht für Nacht durch Berlin. Wir schliefen immer woanders. Bei einem Volltreffer verloren wir unser Haus. Wir hatten nichts mehr. Mein Vater hatte sich woanders versteckt. Wir wussten nicht, wo er war.“
1945 sei dann endlich alles vorbei gewesen. „Wir Deutsche hatten den Krieg verloren und mit dem Einmarsch der Russen endete der Nazi-Terror.“
Was nach einem dramatischen Hollywood-Drehbuch klingt, war für Horst Schmechel brutale Realität. Er erlebte in seinen ersten 22 Lebensjahren mehr, als es die Meisten ertragen könnten.

http://www.lokalkompass.de/castrop-rauxel/leute/schatten-memoiren-2-horst-schmechel-berichtet-von-den-russen-d186960.html

Autor:

Markus Tomshöfer aus Castrop-Rauxel

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