Wie arbeitet ein ambulanter Pflegedienst? Wir begleiten Pfleger F. Elsner auf seiner Tour
"Man muss dafür gemacht sein"

Wir durften Pfleger F. Elsner auf seiner Tour begleiten.
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Um 9 Uhr ist Dienstbeginn. Zumindest für mich. Als ich mich mit Pfleger F. Elsner vom Dattelner Pflegeteam Schwester Iris treffe, hat er bereits vier Stunden Arbeit und zahlreiche Patienten hinter sich. Ich darf den examinierten Altenpfleger heute auf seiner Tour begleiten und ihm bei der Arbeit über die Schulter schauen. Als ich in sein Auto einsteige, habe ich bereits großen Respekt vor dem Pflegeberuf. Als ich Stunden später wieder aussteige, ist meine Anerkennung um ein Vielfaches gestiegen.

"Man muss für diesen Beruf gemacht sein", erzählt mir Pfleger F. Elsner auf der Fahrt zur ersten Patientin. Er selbst hat sich erst spät für eine Ausbildung zum examinierten Altenpfleger entschieden. Der 41-Jährige arbeitet seit gut einem Jahr in der Pflege. "Viele ganz junge Menschen, die sich für einen Beruf in der Pflege entscheiden, brechen oftmals schnell wieder ab. Sie möchten sich mit vielen Themen in ihrem jungen Leben noch nicht belasten. Ich glaube, für diesen Beruf braucht man schon ein bisschen Lebenserfahrung."
Wir sind angekommen. Ein Blick auf die Uhr: 9.15 Uhr. F. Elsner muss alles ganz genau in einem Buch schriftlich festhalten. Die Patientin braucht Hilfe beim Anziehen der Kompressionsstrumpfhose. Ausziehen muss sie sie am Abend jedoch alleine; das zahlt die Kasse nicht.
Nächste Station: ein alleinstehender alter Herr. Im September wird er 94 Jahre alt. Pfleger F. Elsner hilft ihm bei der morgendlichen Hygiene. Außerdem hat er ihm Medikamente mitgebracht; und das Apotheken-Magazin, das er so gerne liest. "Die Pfleger sind super", erzählt mir der Senior. "Sie decken mich abends zu." Das scheint ihm wichtig zu sein, denn er erzählt es mir mehrere Male. Seit vor fünf Jahren seine Frau gestorben ist, lebt er allein. 60 Jahre waren die beiden verheiratet. Viele Fotos an den Wänden, viele Erinnerungen. "Was wir alles geschafft haben!", sagt er und fängt an zu erzählen: von seiner Kindheit, vom Krieg, von seiner lieben Frau. Manches erzählt er immer wieder von vorne. Pfleger F. Elsner blickt auf die Uhr. Er hat noch viele Patienten auf seiner Tour und muss den Zeitplan einhalten. Alles ist eng getaktet.

"Oft sind wir die einzigen Ansprechpartner"

Es macht mich traurig, den alten Herrn allein zurückzulassen. Er hatte bestimmt noch sehr viel zu erzählen. "Oftmals sind wir Pfleger die einzigen Ansprechpartner. Da wollen die Leute in den paar Minuten, in denen wir da sind, alles loswerden. Manchmal muss man sich dann einfach ein bisschen Zeit nehmen. Aber das geht natürlich nicht immer."
Beim nächsten Patienten auf unserer Tour geht es hingegen ganz schnell; er muss nur seine Medikamente für den Tag bekommen.
Anschließend muss das Bein einer Patientin versorgt werden. Da F. Elsner eine dreijährige Ausbildung absolviert hat und examinierter Pfleger ist, ist er für Behandlungen nach ärztlicher Verordnung zuständig. Medikamentenüberwachung, Blutzuckerkontrolle, Wundversorgung, Katheterversorgung, Stomaversorgung oder die Verabreichung von Augentropfen und Injektionen gehören zu seinen Aufgaben. Kollegen, die diese Ausbildung nicht absolviert haben, dürfen ausschließlich die Grundpflege übernehmen. Dazu gehören zum Beispiel das Waschen oder Duschen, An- und Ausziehen oder die Lagerung der Patienten.
Die nächste Station auf unserer Tour ist ein Erstgespräch mit einem neuen Patienten. Nachdem ihm im Krankenhaus die Zehen amputiert wurden, braucht er medizinische Versorgung einer Wunde am Fuß. F. Elsner nimmt die Daten auf und bespricht das weitere Vorgehen.
Den nächsten Patienten wiederum besucht der Pfleger heute zum letzten Mal. Die Narben nach einer OP sind gut verheilt. "Mein Arzt sagt, Sie sind gekündigt", lacht der Mann. Eine Unterschrift und die Sache ist erledigt.
So schnell geht das bei der nächsten Patientin leider nicht. Die Frau hat eine schlimme Wunde am Bein, die nicht heilt. Ich warte lieber im Flur, während F. Elsner das offene Bein medizinisch versorgt. Sooo genau muss ich nun auch nicht über die Schulter schauen...
Ich bin beeindruckt, wie locker und gut gelaunt Pfleger F. Elsner seinen Job macht. Mich selbst haben einige Eindrücke dieses Tages ziemlich bewegt. Wie schafft man es, die Ereignisse des Arbeitstages nicht mit nach Hause zu nehmen? "Man muss einen gesunden Mittelweg finden", erzählt mir der 41-Jährige. "Man darf die Dinge nicht zu nah an sich ranlassen. Andererseits darf man auch nicht zu sehr abstumpfen. Man arbeitet schließlich mit Menschen und muss selbst auch Mensch bleiben."

Einen Ausgleich finden
und Mensch bleiben

Wichtig sei außerdem, sich nach der Arbeit einen Ausgleich zu schaffen. Ein Hobby, eine Beschäftigung. "Am besten etwas, das nichts mit Menschen zu tun hat", lacht F. Elsner. Er selbst hat Spaß am Handwerken.
Weiter geht's. Da er heute gut in der Zeit ist und wir ohnehin gerade in der Nähe der Arztpraxis sind, "springe ich mal eben schnell ein, um eine Verordnung abzuholen". Auch das gehört zum Arbeitsalltag eines ambulanten Pflegers: die Zusammenarbeit mit Ärzten, Krankenhäusern, dem sozialen Dienst und nicht zuletzt auch mit den Angehörigen. Alle müssen miteinander funktionieren, damit der Patient gut versorgt ist.
Bei der nächsten Patientin bittet mich F. Elsner, im Auto zu warten. Die Frau in den 70-ern leidet unter Parkinson und Demenz. Drei Mal am Tag fährt der Pflegedienst bei ihr vorbei. Würde ich nun unvorbereitet "auf der Matte stehen", würde das die Frau verunsichern und ihren Tag durcheinander bringen. "Alzheimer ist eine ganz schlimme Sache", seufzt der Pfleger. Und ich merke, dass das mit dem "nicht an sich ranlassen" eben doch nicht immer so funktioniert...
Noch drei weitere Patienten, dann hat F. Elsner seine Tour für heute geschafft. Feierabend hat er trotzdem noch nicht; eine Teamsitzung steht an.

"Der Pflegeberuf ist
ein schöner Beruf"

Obwohl es oft sehr stressig ist, die körperliche und seelische Belastung nicht zu unterschätzen ist und die Bezahlung in keinem Verhältnis zu dem steht, was die Pfleger tagtäglich leisten: "Der Pflegeberuf ist ein schöner Beruf!", sagt F. Elsner. Und dass er das auch so meint, habe ich auf der heutigen Tour hautnah miterlebt.
"Leider steht unser Beruf in der Öffentlichkeit nicht gut da und deshalb schrecken viele Menschen vor einer Arbeit in der Pflege zurück. Wir brauchen dringend mehr Leute", sagt F. Elsner. "Es geht auch nicht allein ums Geld. Die Gesellschaft hat sich gewandelt, der soziale Gedanke geht immer mehr verloren. Aber eins sollten wir nicht vergessen: Wir werden alle mal alt."

Autor:

Mirella Turrek aus Recklinghausen

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