Er hört und spricht für die Gehörlosen

Wenn Hände sprechen... Foto: Gerhard Schypulla
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Spätestens, als der gehörlose Tänzer Tobias Kramer in Begleitung seines Dolmetschers mit seinem Auftritt bei „Das Supertalent“ die Massen begeisterte, ist sein Beruf in aller Munde: Gebärden-Dolmetscher. David Niemann ist einer von ihnen. Der Recklinghäuser liebt seinen außergewöhnlichen Beruf, der so vielfältig ist wie kaum ein anderer.
Der Fernsehauftritt, der so viele berührte, hat die Leute sensibilisiert, meint der 30-Jährige: „Das war richtig gute Öffentlichkeitsarbeit für unseren Beruf, unter dem sich viele vorher gar nichts vorstellen konnten“. Schließlich seien die meisten Menschen, die das erste Mal mit Gehörlosen und deren „Sprache“ in Kontakt kommen, erst einmal mehr oder weniger geschockt.
So wie David Niemann selbst: Er begleitete eine schwerhörige Freundin zu einem offenen Treffen im Gehörlosenzentrum in Recklinghausen: „Der erste Eindruck war überwältigend. Und ich habe rein gar nichts verstanden“, erinnert er sich. Gleichzeitig stand fest: „Ich möchte das lernen!“
Das war der Beginn seiner Karriere als gefragter Dolmetscher. Der schon seit Schulzeiten Sprachbegeisterte begann nach seinem Studium, in dem er sein Diplom als Übersetzter für Englisch und Französisch machte, eine Ausbildung zum staatlich geprüften Gebärden-Dolmetscher. In zweieinhalb Jahren lernte er Theorie und Praxis - eine anstrengende Zeit, die ihn darauf vorbereitete, wie der Job später einmal sein wird.
„Man muss eine sehr schnelle Auffassungsgabe haben, stressresistent sein und ein hervorragendes Gedächtis haben.“ Auch eine gute Allgemeinbildung, ein gutes Gespür für Sprache sowie natürlich Empathie sollte man besitzen. Nur dann ist man geeignet, dem Druck, dem man beim Dolmetschen ausgesetzt ist, standzuhalten. Wer die anspruchsvolle Ausbildung schafft, gehört zu einer Berufsgruppe, die immer gefragter wird und in der es noch zu wenige Vertreter gibt. „Ich bin ständig ausgebucht“, erzählt David Niemann, der damit zu Beginn seiner Laufbahn gar nicht gerechnet hatte.
„Gebucht“ wird er nämlich von vielen, ganz unterschiedlichen Auftraggebern: Er begleitet Gehörlose zum Beispiel bei ihren Gängen zum Arzt, dolmetscht für sie bei Gericht oder der Polizei oder übersetzt für sie ganze Vorlesungen in der Universität. Jedem Gehörlosen steht laut Gesetz ein Anspruch auf Übersetzung zu. Aber auch von Betrieben wird er beauftragt, Schulungen, Fortbildungen oder Teamsitzungen zu begleiten. „Dabei lernt man unheimlich viel und kommt mit so ziemlich allen Berufsbereichen in Kontakt.“ Wert legt der sympathische junge Mann darauf, dass er bei seinen Einsätzen niemals die Rolle eines Betreuers einnimmt: „Ich bin kein Sozialarbeiter. Ich bin wirklich nur zum Übersetzen da und spiele eine ganz neutrale Rolle“, erklärt er. Natürlich haben viele Gehörlose einen „Stamm-Dolmetscher“ und es entstehen durchaus Freundschaften. Aber die neutrale Rolle sorgt dafür, dass alles eins zu eins übersetzt werden kann und keine eigenen Gefühle in die Übersetzung mit einfließen.
Schließlich gibt es schon Aufträge, die auch einen Dolmetscher an seine Grenzen bringen. So ist er nicht nur manchmal Überbringer der guten Nachrichten - zum Beispiel, wenn er einem gehörlosen Paar übersetzen darf, dass sich der lange gehegte Kinderwunsch endlich erfüllt hat - ,sondern muss sich vor Gericht auch zum Teil mit Missbrauchsfällen und anderen schlimmen Taten auseinandersetzen. „Natürlich nimmt man da bei aller Professionalität schon mal was mit nach Hause.“
Bei so einem Berufsalltag ist es nicht verwunderlich, dass die Gebärden-Dolmetscher einer Schweigepflicht unterliegen, die in einer eigenen Berufs- und Ehrenordnung verankert ist. Dies und die perfekten Sprachkenntnisse grenzen die anerkanntenGebärden-Dolmetscher von sogenannen „Trittbrettfahrern“ ab: „Mittlerweile gibt es sogar einen ‚Boom‘ bei den VHS-Kursen, bei denen man zwar einige Grundkenntnisse erlernt, aber durch die man noch lange nicht zum Dolmetscher wird“, erklärt Niemann. Die Gebärdensprache, die mittlerweile eine anerkannte eigenständige Sprache ist, muss für solche Einsätze perfekt beherrscht werden: „Denn was bringt es, wenn ich zum Beispiel vor Gericht nur die Hälfte übersetzen kann.“
Gut an dem „Hype“, der mittlerweile jedoch um die Gebärdensprache herrscht, sei der enorme Abbau von Vorurteilen. Nur noch wenige denken beim Anblick dieser fremden Sprache, dass Gehörlose auf kognitiver Ebende behindert seien. „Das finde ich sehr schön und ich hoffe, dass dieser Trend weiter anhält“, freut sich der Recklinghäuser, der sich mit Sport fit hält für seinen anstrengenden Beruf.
Zudem gibt es aufgrund der großen Nachfrage auch andere Berufe, die zur Zeit entstehen: Zum Beispiel werden im Gehörlosenzentrum Recklinghausen „Taub-Blinden-Assistenten“ ausgebildet.
Und David Niemann ist sich sicher, dass auch in der Fernsehwelt, dem Internet und sowohl an Schulen als auch Universitäten die Arbeit der Gebärden-Dolmetscher in Zukunft noch viel mehr an Bedeutung gewinnen wird. So wird ihn bald wahrscheinlich niemand mehr fragen: „Gebärden-Dolmetscher, was ist das eigentlich?“

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