1. Dinslakener Literatur-Hotel-Preis: Der 3. Text von Christine Lodewick

Ende einer Beziehung

Als Hella das Gerichtsgebäude betritt, beginnt ihr Herz zu rasen. Das Blut scheint zu einem Ameisenstrom geworden zu sein. Und ihr Magen hat sich zugeschnürt.
Unsicher steht sie da und hält Ausschau nach einem Wegweiser.
Dort rechts an der Wand blickt ihr die schwarze Tafel, auf der in weißen Lettern angegeben ist, in welchem Stock und in welchem Zimmer sich was befindet.
Mit zittrigen Händen holt sie den grauen Brief aus ihrer Handtasche und entnimmt ihm ein Blatt Papier, das sie auseinanderfaltet. Ihre Augen bewegen sich darüber und bleiben an einer Stelle stehen.
„Sitzungssaal 225“, steht dort.
„Sitzungssaal 225!“
Sie wendet sich der schwarzen Tafel zu.
„1. Etage! – Ob es dort eine Toilette gibt? Dringend! Toiletten sollten eigentlich auf Wegweisern stehen!“ denkt sie.
„Also muss ich den Pförtner fragen. - Muss das immer ein Mann sein?“
Sie schaut auf die Uhr. Neun Uhr Fünfzehn: Viel Zeit hat sie nicht mehr.
Neun Uhr Dreißig soll die Verhandlung beginnen. Die Verhandlung, die ihr Leben verändern wird.
Ihr ist übel. Ein Brechreiz scheint sie befallen zu wollen. Die Ameisen in ihrem Körper haben sich vermehrt.
Verdammt! Wo bleibt die Anwältin. Muss sie die Verhandlung allein durchleben? Wo bleibt sie?
Gerade will sie sich an den Pförtner wenden, als sie auf ihrer rechten Schulter eine Hand verspürt.
„Guten Morgen, Frau Siedloff. Alles klar?“
Sie dreht sich um.
„Nein! Nichts ist klar! Ich könnte, entschuldigen Sie bitt, aber ich könnte kotzen!“
„Verstehe! Wir haben alles besprochen. Es wird alles gut gehen. Glauben Sie mir!“
„Und wenn mein Mann doch nicht will? Was dann?“
„Nun! Dann schauen wir weiter. Nur keine Panik!“
Die Frau, die ihr gegenüber steht, ist mit einer schwarzen Robe bekleidet, die ihr offen über ihrem grauen Kostüm flattert. Ihre weiße Bluse, deren oberen zwei Knöpfe geöffnet sind, leuchtet.
Unter ihrem rechten Arm hat sie einen dicken Ordner geklemmt.
Hella traut sich nicht, nach der Toilette zu fragen, so beeindruckt ist sie von deren Statur.
Aber ihre Blase drängt.
„Wir haben noch Zeit?“
„Selbstverständlich. Wieso?“
„Ich … Sie wissen schon.“
„Geradeaus. Zweite Tür links. Ich warte hier auf Sie.“
Hella geht in die bezeichnete Richtung.
Zweite Tür links hat sie gesagt.
Links … Zweite Tür… Eins … Zwei …
Sie greift nach der Türklinke. Drückt sie herunter, öffnet die Tür und …
In dem Moment spürt sie etwas festes im Rücken.
„Geh rein! Los!“ herrscht sie eine Stimme, eine Männerstimme, Egons Stimme an.
„Na los, geh schon!“
Hohl, eiskalt klingt seine Stimme.
Sie wird in den Raum gedrängt, der grau gefliest ist. Das Fenster gegenüber lässt wenig Licht herein, da ein Baum seine dichtbelaubten Äste davor ausgebreitet hat.
Ihr Herz wummert wie ein Dampfhammer. Schweißperlen stehen ihr auf der Stirn und über dem Mund. Schweißnass ihre Hände, die zittern.
Die Türen der sechs Kabinen auf der linken Seite sind geschlossen und zeigen ein weißes Feld auf den Anzeigen der Schlösser. Aus dem Wasserhahn über dem Waschbecken tropft Tropfen um Tropfen.
„Das machst du nicht mit mir! Hast du gehört! Nicht mit mir, solange ich Egon heiße!“
Die Worte hallen, scheinen von den Wänden auf sie zu prallen. Eine Hand ergreift sie und dreht sie um.
Und da steht er … Egon, ihr noch Ehemann, in voller Größe, hochrot im Gesicht, in der rechten Hand eine Pistole, die auf sie gerichtet ist. Auf sie zielt.
Und ...

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