1. Dinslakener Literatur-Hotel-Preis: Edith Mendel

Schlüsselerlebnis

Herr Schmidtke hatte einen sportlich - bierfeuchten Kegelabend hinter sich. Jetzt war er auf dem Heimweg und freute sich auf sein Bett. Er war der einzige Fußgänger in seinem Viertel, der zu so später Stunde noch unterwegs war und er fragte sich, ob ihm das Aufstehen am nächsten Morgen wohl schwer fallen und ob Gertrud, seine Frau, wohl schon schlafen würde. Das tat sie in der Regel nicht, außer, er kam erst nach Mitternacht nach Hause, was aber heute der Fall war.
Seine Gartenpforte kam endlich in Sicht und er war erleichtert, denn seine Füße taten ihm weh und außerdem hatte es zu regnen angefangen. Es war zwar nur ein leichter Niesel, der kaum zu spüren war, aber schlagartig war seine gute Laune dahin. Er griff in seiner Manteltasche nach dem Haustürschlüssel, fluchte leise vor sich hin, weil er ihn an seiner gewohnten Stelle nicht fand, durchwühlte dann alle Taschen des Mantels, innen und außen und sah sich schließlich gezwungen, seine ganze Sporttasche auszupacken. Vergeblich, der Schlüssel war nicht da, so sehr er auch kramte und wühlte - er hatte ihn wohl vergessen. Auch das noch.
Da blieb nur die Hoffnung, dass Gertrud noch wach war, um ihn herein zu lassen. Er freute sich zwar nicht auf ihre Standpauke, aber daran konnte er im Moment auch nichts ändern. Doch alles Klingeln, Klopfen und Rufen nützte nichts, die Fenster blieben dunkel und die Haustür verschlossen.
Mittlerweile war der Regen stärker geworden, das Wasser rann jetzt schon in seinen Mantelkragen und hinterließ ein feuchtes Gefühl im Nacken, welches ihn frösteln ließ. Was sollte er denn nun machen? Beim Nachbarn oder im Hotel übernachten? Das Gerede in der Straße konnte er sich jetzt schon vorstellen. Ein Handy besaß er nicht und die Telefonzelle in der Straße war längst abgebaut worden. Er spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte und ihn überfiel Panik. Wo sollte er denn jetzt hin?
Da erinnerte er sich daran, dass Gertrud vor einiger Zeit vorgeschlagen hatte, einen zusätzlichen Haustürschlüssel im Garten zu verstecken - für den Fall der Fälle hatte sie gesagt und auf einen Zeitungsartikel hingewiesen, der dazu geraten hatte.
„Meinetwegen“, hatte er nur gemurmelt, seine Zeitung weiter gelesen und hinzugefügt, dass das wohl eigentlich nicht nötig sei, denn er hätte seinen Schlüssel schließlich noch nie vergessen, was Gertrud allerdings nicht behaupten konnte. Er erinnerte sich jetzt, dass sie was von Gartenhaus und altem Senfglas vorgeschlagen hatte. Das war seine Rettung.
Erleichtert schlich er ums Haus herum, lief über die Terrasse, den nassen Rasen, in dem er immer wieder einsackte und gelangte am Ende des großen Gartens zum Gartenhaus. Er versuchte, Licht zu machen, stellte aber fest, dass die Glühbirne der einzigen Lampe nicht funktionierte. Na ja, das konnte doch trotzdem nicht so schwer sein, ein Senfglas auch im Dunkeln zu finden, schließlich fiel ein wenig Licht von der Straßenlaterne der Parallelstraße ins Fenster.
Er blickte aufmerksam an den Regalreihen entlang, die sich an den drei Wänden des Gartenhauses entlang zogen. Sie waren bis zur Decke gefüllt mit allem, was im Haus keinen Platz mehr gefunden hatte oder einfach hier abgestellt worden war.
In der Mitte standen die Gartenmöbel, der Rasenmäher und allerlei Spaten, Hacken und Schaufeln, kurz, alles was im Frühjahr wieder für die Gartenarbeit gebraucht wurde. Auch der Grill war hier untergebracht worden und Grillanzünder gab es noch Aber er konnte nichts entdecken, was einem Senfglas auch nur im Entferntesten ähnlich sah. Seufzend fing er wieder von vorne an - nichts.
Dann sah er ein, dass ihm wohl nichts anderes übrig blieb, als jedes Gefäß und jede Schachtel oder Dose in die Hand zu nehmen und zu durchsuchen.
Ach, sieh mal an, diese Schraubengröße hätte er letzte Woche gebrauchen können, aber er hatte eine neue Schachtel im Baumarkt gekauft.
Und da waren ja auch die Ventile der Luftmatratzen, die im letzten Urlaub von den Enkeln gesucht wurden. Die Schachtel mit den Nägeln war noch vom Hausbau übrig geblieben und da war ja auch die Mehrfachsteckdose für die Weihnachtsbeleuchtung, die im Dezember nicht zu finden gewesen war. Er stolperte zwischen den Möbeln hin und her, stieß auf einen Eimer alte Farbe und sich den Fuß am Sonnenschirmständer. Das war schmerzhaft.
Er fand die Dose mit dem Mäusegift, Mausefallen in unterschiedlichen Größen und Reste vom Rasendünger, dazu große Dosen mit Schraubenziehern und Zangen, von denen er nicht mehr sagen konnte, wann er sie das letzte Mal benutzt hatte.
Die Regale leerten sich, das Stehen wurde schwierig und noch immer hatte er den Schlüssel nicht gefunden. In einer alten Schuhschachtel, die er mühsam vom obersten Regalboden herunter geangelt hatte, fand er den Bausatz seines alten Transistorradios, welches er zu seiner Konfirmation bekommen und nie zu Ende gebaut hatte. Längst vergessene Lampenschirme, Wasserhähne und Fahrradschläuche waren hier aufgehoben worden. Gertruds alte Fahrradklingel fand er, aber kein Senfglas. Das zweite Regal war jetzt auch leer. Sein Mantel hatte sich mit Staub bedeckt, in seinen Haaren hatten sich Spinnweben gesammelt und seine Hände waren schmutzig.
Das konnte doch nicht wahr sein, jetzt kramte er schon über eine Stunde hier im Dreck nach dem verdammten Schlüssel und er war von seinem gemütlichen Bett so weit weg wie zuvor. Der Regen prasselte jetzt aufs Dach und er fror.
Und er sah ein, dass er in diesem Chaos einen kleinen Haustürschlüssel jetzt nicht mehr finden würde und beschloss der Zwangsräumung der Regale etwas Gutes abzugewinnen. An Schlafen war sowieso nicht mehr zu denken und so fing er an, Schrauben und Nägel wieder neu zu sortieren, ordnete die Gefäße und Gläser nach Größe, vertiefte sich zwischendurch in eine alte Ausgabe einer längst eingestellten Elektronikzeitschrift, stellte überflüssige Gartengeräte und alte Kleinmöbel schon mal für den Sperrmüll vor die Tür, und als er alle Regale wieder ordentlich eingeräumt und somit wieder Platz geschaffen hatte, versuchte er es sich auf einer Gartenliege gemütlich zu machen. Er hatte auch eine alte Picknickdecke gefunden, in die er sich jetzt notdürftig einrollte. Nach einigen Minuten hatte er stöhnend herausgefunden, in welcher Position er nicht von der Liege fallen würde und versuchte dann zu schlafen. Er war jetzt so erschöpft, dass ihm die Kälte schon gar nichts mehr ausmachte. Er hörte noch, wie der Regen allmählich nachließ und dann nichts mehr.
Ein Geräusch ließ ihn auffahren. Draußen war es hell geworden. In der Tür stand Gertrud im Bademantel, in ihrer Hand klingelten die Haustürschlüssel, das hatte ihn geweckt. Sie lächelte und sie war nicht allein. Hinter ihr standen zwei Nachbarinnen, die ihn neugierig und belustigt anstarrten – ausgerechnet. Woher wussten sie? Ach, ja, sie hatten wohl den Sperrmüll auf dem Rasen gesehen.
„Liebling, hast du gut geschlafen?“. Gertruds Stimme klang ausgeruht und heiter: „Hast du diesen hier gesucht?“ Sie klingelte stärker. Er starrte müde auf den Haustürschlüssel in ihrer Hand, versuchte gelassen zu wirken und sich gleichzeitig vorsichtig mit schmerzenden Schultern zu erheben. Gertud nickte wissend. „Wenn du damals zugestimmt hättest, dann wäre hier ein Senfglas mit dem Ersatzschlüssel versteckt gewesen. “

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