Außer Konkurrenz: Matthias Reuter "Kindergeburtstag im Autokino"

Dem "Schrecken des Alltags" zeigt Matthias Reuter lächelnd die Zähne.
3Bilder
  • Dem "Schrecken des Alltags" zeigt Matthias Reuter lächelnd die Zähne.
  • hochgeladen von Caro Dai

Auf vielfachen Wunsch unserer Leser und Besucher der ersten Literatur-Hotel-Preis-Lesung 2011 im Art Inn Hotel Dinslaken stellen wir Ihnen heute den Kabarettisten Matthias Reuter vor. Er war der Überraschungsgast der 1. LHP-Lesung 2011 im Art Inn Hotel (der NA berichtete) und überzeugte sowohl musikalisch als auch mit ausgesuchtem Wortwitz die schnell begeisterten Gäste. Matthias hat uns freundlicherweise einen Text zum Abdruck überlassen. Und den wollen wir Ihnen nicht vorenthalten. Außer Konkurrenz, weil schon WordArt-Verlag buchveröffentlicht...

Aus „Schrecken des Alltags – Teil 4: Nachwuchs

Kindergeburtstag im Autokino – ein Drama in 3 Akten

1. Akt: Prolog – Vor dem Film

Man sieht einen VW-Sharan-blau-metallic inmitten anderer Autos auf Parkplatz 3 eines Autokinos. Im Wagen anwesend sind alle Gäste des Kindergeburtstages von Pascal Krächert, außerdem Herr und Frau Krächert – Pascals Eltern.

Frau Krächert: „Manfred, warum sind wir nicht wenigstens mit zwei Autos hier reingefahren?“
Manfred Krächert: „2 Autos sind teurer und hier in den Sharan passen doch alle gut rein.“
4 Kinder (gleichzeitig von der Rücksitzbank): „Wann gibt´s Eis?“
Frau Krächert: „Wenn Ihr brav seid, dann fahren wir alle nach dem Film noch zu McDonalds und essen ein Happy Meal.“
Pascal: „Ich kann nix sehen. Der Papa ist zu groß.“
Frau Krächert: „Der Papa duckt sich gleich.“
Herr Krächert: „Wie ? Der duckt sich, der Papa ? Soll ich mir ´ne Genickstarre holen ?“
Frau Krächert. : „Wer ist denn auf die Super-Idee hier gekommen ? Ich hab´s noch in den Ohren – da müssen wir nicht mal aussteigen, Angelika… nur mit dem Auto hin und zurück. Lass das, Jerome.“
Pascal: „Der Jerome hat mir in die Nase gespuckt.“
Frau Krächert: „Jerome, wenn Du dem Pascal noch mal in die Nase spuckst, dann kriegst Du gleich kein Happy Meal.“
Jerome: „Ich mag kein Happy Meal. Ich will Eis.“
Alle Kinder (im Chor): „Wir wollen Eis! Wir wollen Eis!“
Frau Krächert: „Ja. Manfred – sag Du doch auch bitte mal was.“
Herr Krächert: (kurbelt das Fenster runter) : „4 Nogger bitte.“
Die Kinder: „Jaaaaaaa !!! Nogger !!“
Frau Krächert: „Das ist so Deine Erziehung, Manfred – einfach immer schön nachgeben… Ja ? Und wer steht wieder als die Böse da? Wer ist wieder die Verbieterin, die keinen Spaß versteht…“
Jerome: „Mir ist mein Eis runtergefallen.“
Herr Krächert: „Doch nicht auf die Sitze ?“
Frau Krächert: „Ja, wenn man den Kindern auch noch unbedingt Eis kaufen muss, da passiert so was ja schon mal. Geh da mit dem Nogger vom Fenster weg, Lukas !“
Lukas: „Ich hab ein Gesicht gemalt.“
Pascal: „Das kann ich auch. Lass mich mal ans Fenster.“
Jerome (nimmt Pascal das Eis weg und beißt rein): „Nogger !“
Pascal (reißt Jerome den Arm rum, spuckt ihm kurz aus Rache in die Nase und holt sich das Eis zurück, trifft dabei aber versehentlich seinen kleinen Bruder Nico mit dem Ellbogen im Gesicht, woraufhin dessen Brille kaputt geht)
Pascal, Nico und Jerome (heulen). Lukas (heult nicht und malt mit seinem Nogger noch ein weiteres Gesicht ans Fenster).
Alle anderen drei Nogger befinden sich mittlerweile halb geschmolzen auf der Rücksitzbank. In diesem Moment beginnt der Film.

2. Akt: Hauptteil - Der Film

Schon während der ersten Szenen des laufenden Films zeigt sich, dass Manfred Krächert offenbar doch auf Kinoparkplatz 4 und nicht auf 3 hätte fahren müssen und dass seine Frau Angelika mit ihrer Aussage: „Außer uns sind nur ganz komische Typen hier, Manfred…“ zumindest nicht völlig falsch lag. Gezeigt wird nämlich nicht der von Krächerts erwartete Kinderfilm, sondern das kunstblutintensive Splatter-Spektakel „Chainsaw Vanilla-Killa. Untertitel: Bloody Banana Split 2“, ein Film, der davon handelt, dass ein einarmiger Speiseeisverkäufer nach Genuss eines atomarsalmonellenverunreinigten Vanilleeises dem Wahnsinn verfällt und danach mit einer Einarm-Kettensäge alle niederstreckt, die kein Hörnchen mit Eis bei sich tragen.

Frau Krächert: „Was ist das denn ? Das ist doch nicht Harry Potter ?“
Manfred Krächert: „Nee, also… meine Güte, was macht ´n der da mit der Säge?“
Frau Krächert: „Uahh – das ist ja widerlich – Kinder – Ihr haltet Euch sofort die Augen zu.“
Die Kinder (starren mit offenen Augen gebannt auf die Leinwand. Nico Krächert versucht, seine eisverschmierte Brille selbst zu reparieren)
Jerome: „Boah. Der sägt den kaputt.“
Frau Krächert: „Manfred. Tu doch was. Fahr weg !“
Manfred Krächert: „Angelika. Wir sind hier im Autokino. Um uns rum stehen überall Wagen. Wie soll ich denn wenden ? Sagma, geht der jetzt geht der mit der Säge in den Linienbus da ?“
Pascal: „Der will die alte Omma killen…“
Lukas: „Nee, die hat ´n Eis in der Hand.“
Pascal: „Stimmt. Aber der Fahrer nicht.“
Jerome: „Zack. Und Kopf ab.“

In diesem Moment reagiert Angelika Krächert über und dreht den Zündschlüssel um, der Wagen springt einen halben Meter nach vorne und rammt den Dreier BMW von Mike Lotz, einem Türsteher, der mit seinem Arbeitskollegen Bronco vor der um 22.00 Uhr beginnenden Schicht in einer Großdiskothek immer nochmal gerne einen motivierenden Film anschaut...

Mike Lotz: „Dem Typen schlag ich die Fresse ein.“
Bronco: „Alter. Denk an Deine Bewährung!“
Mike Lotz: „Nich´ beim BMW.“
Schnitt.

3. Akt: Epilog - Nach dem Film

Pascal: (glücklich) „Papa, das war super! Der beste Geburtstag, den ich je hatte.“
Lukas: (schwärmend) „Und wie der dicke Mann immer gegen ´s Auto getreten hat, das hat total super geschaukelt.“
Jerome: (euphorisiert) „Das erzähl ich sofort zu Hause meiner Mama.“
Angelika Krächert: „Manfred, Mittwoch ist Elternpflegschaft.“
Manfred Krächert: „Und ?“
Angelika Krächert: „Und da gehst Du alleine hin.“

Und während die Kinder auf der eisverklebten Rückbank nochmal die schönsten Szenen aus „Chainsaw Vanilla-Killa“ mit imaginären Einhand-Kettensägen Revue passieren lassen, lenkt Manfred Krächert seinen von den Füßen des Türstehers zerbeulten VW-Sharan in die Drive-Einfahrt von McDonald´s, um dort für alle noch ein Eis zu kaufen – und für sich und seine Frau ein Happy Meal, dessen Name die Stimmung der beiden am heutigen Abend nur sehr ungenau beschreibt.

(Erschienen im Niederrhein Anzeiger KW 18/11 und lesen Sie auch den NA-Talk mit Kabarettist Matthias Reuter. cd)

Autor:

Caro Dai aus Essen-Werden

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

2 folgen diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.