Literatur Hotel Preis 2012: Benjamin Bäder "Ein fast perfekter Coup"

Benjamin Bäder

Die Sachbearbeiterin Monika M. in der kleinen Sparkassenfiliale sah auf, als sie ein leises Rumsen an der Eingangstür hörte. Ein glatzköpfiger Mann versuchte mit seinem Rollator hereinzukommen, war aber am Türrahmen hängen geblieben. Dahinter stand bereits ein weiterer Kunde und sah unruhig über die Schultern des Vordermannes hinweg. Sie lief ihm sofort entgegen und wollte helfen.

„Halt!“, rief der Mann.
Monika M. sah auf und bekam einen Schreck. Der Mann hatte überhaupt keine Glatze. Er trug einen hautfarbenen Damenstrumpf auf dem Kopf. In der einen Hand hielt er eine Pistole, mit der er wild herum gestikulierte, mit der anderen Hand hielt er sich am Rollator fest.
„Das ist ein Überfall! Nehmen Sie sofort die Hände hoch!“, befahl er mit grimmiger Stimme.

Der Mann hinter ihm hatte eine dunkle Skimaske auf, aus der graue Haare hervor lugten. Mit einem Ruck befreite dieser den Rollator und die beiden Bankräuber polterten in die Sparkasse. Offenbar waren sie etwas älter, denn sie bewegten sich überaus langsam. Oder aber Monikas Leben war vor Schreck auf Zeitlupe gestellt worden. Jetzt kam auch ihre Kollegin Sonja S. herbei, schrie auf und fiel in Ohnmacht, als sie die Pistole sah.
Der Mann mit der Skimaske warf eine große Sporttasche auf den Boden und begann zu stammeln. „Da voll machen!“

Monika M. kannte diese Stimme, sie hatte sie schon einmal irgendwo gehört. Dann sah sie das Adressschild, das an der Tasche hing und traute ihren Augen nicht. Mit großen Buchstaben war dort Erwin Meier zu lesen.
„Opa?“, fragte sie verwundert.
Der Bankräuber mit dem Rollator meinte: „Na toll Erwin. Jetzt müssen wir sie erschießen, sonst wird sie dich auffliegen lassen.“
„So ein Quatsch mach keinen Scheiß, Alter!“

„Aber Erwin, denk doch an deine schmale Rente. Man muss auch opfern können um nach ganz oben zu kommen. Ein Banküberfall ohne Tote ist wie – wie Politik ohne Korruption. Es geht nun mal nicht anders.“
„Nee, wir nehmen sie lieber als Geisel mit“, erwiderte Opa Erwin. „Das ist doch immer so.“
Jetzt ging Monika ein Licht auf. Sie wusste plötzlich warum ihr Großvater seit kurzem so viel über ihren Job wissen wollte. Warum er sie jedes Mal nach Bankräubern und Fluchtwagen gefragt hatte, als sie ihn besucht hatte. Ihr kam das damals alles so vor, als ob Opa Erwin einfach zu viel fern gesehen hätte, aber damit hatte sie nicht gerechnet.

Dann öffnete sich die Tür erneut. Eine korpulente alte Frau mit grauen Locken und runden Wangen betrat die Sparkasse. Sie hatte einen schwarzen Schirm in der Hand, blickte verdrießlich drein und verzog keine Miene.
Monika M. schluckte. „Oma, du etwa auch?“
„So ein Quatsch mein Kind“, erwiderte die Großmutter streng. „Ich bin gekommen um die beiden Spinner da abzuholen.“
„Aber wie…?“, stammelte Opa Erwin.

Seine Frau sah ihn finster an „Na ich habe euren Komplizen August geschnappt und gefoltert. Er wollte erst nichts sagen. Doch nachdem ich ihm den dritten Zeh abgeschnitten hatte, hat er alles gestanden.“
Oma Meier zwinkerte ihrer Enkelin zu. Die beiden Männer hingegen blieben sprachlos stehen und starrten ins Leere.
Nach einer Weile erhob der erste Mann seine Stimme. „Ich habe eine Waffe“, sagte er und fuchtelte mit seiner Kanone in der Luft herum.
„Karl-Heinz, das ist eine Wasserpistole“, entgegnete die alte Frau schroff. „Und euer Fluchtwagenfahrer ist auf der Straße eingepennt und bekommt gerade ein Knöllchen. Kommt jetzt endlich, bevor das junge Mädchen da vorne aufwacht und ihr richtig Ärger bekommt!“

Die beiden gescheiterten Kriminellen trotteten mit gesenkten Häuptern aus der Sparkasse. Dicht gefolgt von Monikas Oma die sie mit ihrem Schirm vor sich her trieb. Nach einem kurzen Moment wachte Sonja S. auf und sah sich irritiert um. „War hier gerade jemand?“, fragte sie.
Monika schüttelte unschuldig den Kopf. „Nö, natürlich nicht.“
Lügen fiel ihr nämlich nicht schwer, schließlich stammte sie aus einer echten Bankräuberfamilie.

Literatur-Hotel-Preis?
Vor zwei Jahren wurde der 1. Dinslakener Literatur-Hotel-Preis von Niederrhein Anzeiger, Art Inn Hotel und weiteren Sponsoren ins Leben gerufen. Der Name entstand auch als kleine Hommage an sein Vorbild, den berühmten „Literatur-Nobel-Preis“. Denn auch Nobelpreis-Autoren haben einmal klein angefangen. Oft mit Kurzgeschichten. So wie der Meister der Shortstory, der spätere Literatur-Nobel-Preis-Träger Ernest Hemmingway. Der seine allerersten Stories übrigens beim heimischen US-Anzeigenblatt veröffentlicht hat. Während der gesamten Laufzeit seit 2010 haben in der verlagsweit einmaligen Aktion rund 100 Autoren mit ihren Stories am Dinslakener Literatur-Hotel-Preis teilgenommen. Und der Niederrhein Anzeiger (wöchentliche Auflage 54.800 Exemplare) konnte auch viele bemerkenswerte LHP-Stories veröffentlichen. Alle bisherigen LHP-Gewinner blieben dem Schreiben treu. Erste Bücher wurden veröffentlicht, weitere Stories entstanden und sogar Romane entstehen. Wer Lust hat, kann die vielen tollen LHP-Stories in ihrer ganzen thematischen Bandbreite (Krimi bis humorvoll) hier auf Lokalkompass.de (Suchfeldeingabe: Literatur Hotel Preis ) nachgelesen. Wir wünschen viel Spaß!

Literatur-Hotel-Preis-Sponsoren 2012:

u. a. Art Inn Hotel (Übernachtung Gewinner-Suite mit Romantic Dinner und Frühstücksbuffet), Aveo Air Service (Helicopter-Rundflüge), Alfred Grimm (Künstler-DINsLAKEN), Edeka Bienemann (Edler Picknick-Korb), Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe (Romantic Dinner for Two im Art Inn), REAL (Edler Picknick-Korb), Optik und Akustik Heinz Riehl (Hörbücher-Gutschein) und die Altmarktbuchhandlung Korn (Überraschungsbücher-Paket). Ihnen allen herzlichen Dank für das Engagement!

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