Literatur Hotel Preis: Jess Geiger schreibt: "Der Titel kommt zum Schluss"

Jess Geiger

Der Titel kommt zum Schluss

In meiner Wohnung werde ich an zu vielen Stellen an die Männer in meinem Leben erinnert. Micha hinterließ auf dem cremfarbenen Teppich riesige gelbe Flecken, als er mit einem Teller meines Auflaufs um die Ecke schoss, taumelte und alles fallen ließ. Ich koche gern mit Kurkuma, dem gelbem Gewürz, das dem Curry die Farbe verleiht und womit heute noch in Indien Stoffe gefärbt werden. Die Flecken sahen aus wie Blutspritzer nach einem bestialischen Mord und ich legte erst mal einen Flickenteppich drüber. Mit dem Gleichgewichtssinn hatte Micha wohl Schwierigkeiten, denn er ließ diverse Teller fallen. Als irgendwann mehr Flickenteppiche als Ursprungsware auf dem Boden lagen, wurde es Zeit, sich nicht nur vom Teppich, sondern auch von Micha zu trennen.
Danach kam Alex mit dem Hund, und mit dem Hund kam die Zerstörung meines Sofas einschließlich der Kissen, und Alex konnte wieder gehen.
Nach Alex kam der Mann, dessen Namen ich verdrängt habe, denn er war – ich formuliere es mal vorsichtig – sehr jähzornig. Über die Macke am Kleiderschrank hängte ich ein Bild von August Macke, das fand ich passend und vor allem wesentlich schöner. Auf dem Loch im Wohnzimmertisch steht nun eine Duftlampe und über den Riss in der Tür klebte ich ein Poster.
Die meisten Postkarten im Badezimmer hängen nur deshalb dort, weil die Vorbesitzer an den unmöglichsten Stellen Löcher in den Fliesen hinterließen. Neben den Spiegel hängte ich eine Karte von den Missfits: „Wenne Mittwoch überlebst, is’ Donnerstag“. Sitzt man auf der Toilette, liest man von Tina Teubner: „Ich verstehe einfach nicht, warum ich laufen soll, wenn ich auch sitzen kann“ und meine Lieblingskarte: „Der frühe Vogel kann mich mal.“ Es blieb nicht bei den drei Karten. Mittlerweile ist das komplette Bad zugepflastert mit Sprüchen, und Besucher verweilen schon mal bis zu einer halben Stunde dort – nur um zu lesen.

Der ganze Stolz eines besonders schlauen Exfreundes, den ich im Nachhinein als den „bekloppten Öko“ bezeichne, bestand in seinem Schweitzer Messer – nein, es muss heißen: Leatherman. Mit diesem Rollce-Roys der Taschenmesser kann man mühelos in der Wildnis überleben. Der Öko wollte mir seine außergewöhnlichen Überlebensstrategien in meinem Badezimmer demonstrieren, als er mit Hilfe des kleinen Messers ein Loch in eine Fliese bohrte. Dabei wollte ich nur einen winzigen Handtuchhalter anbringen und stand bewaffnet mit Bohrmaschine, Dübel und passender Schraube parat, aber der Öko-Mann zerstörte mit dem geheiligten Messer die ganze Fliese. Ich brauchte vier Postkarten, um das Elend zu überdecken.
Aber das war erst der Anfang. Der Ökomensch verätzte meine Dusche, als er wild mit Abflussreiniger herum hantierte, obwohl gar nichts verstopft war. Und er war der erste Mann, der auch Spuren im Garten hinterließ. Böse, hinterhältige, folgenschwere Schäden. Es begann ganz harmlos, als er mir half, meinen liebevoll gesammelten Schrott mit Farbe zu besprühen. Es endete damit, dass er mir zum Geburtstag eine Skulptur aus meinem geliebten Schrott zusammen schweißen wollte. Durch die hochexplosive Mischung aus Spraydosen, Schweißmaterial und Sauerstoff sprengte er die halbe Garage in die Luft.
Mit Flammen hatte er es sowieso. Heimlich übte er Feuerschlucken in meinem Garten und ich erfuhr erst davon, als er dabei zufällig die riesigen Tannen meines Nachbarn in Brand setzte. Der wiederum verfluchte mich und sprach kein Wort mehr mit mir. Ich wollte nicht warten, bis der Öko das ganze Haus abfackelt und setzte ihn vor die Tür. Ich fragte mich, warum ich so viel Geduld mit ihm hatte, aber manchmal glaubt man einfach zu lange an das Gute im Menschen. Oder an das Gute im Mann. Jetzt, viele Jahre später, grüßt mich mein Nachbar wieder. Da ich seit damals Single bin, denkt er wohl, er hätte nun nichts mehr zu befürchten.

Aber man muss ja auch mal das Positive sehen. Als ich versuchte, mit dem unerträglichen Liebeskummer wegen Alex klar zu kommen, begann ich, eine Nana - Figur von Nicki de Saint-Phalle nachzubauen. Ich nahm mir – passend zum Thema – den „Lebensretter“ zum Vorbild. Eigentlich sollte er nur einen halben Meter groß werden. Aber als ich die ersten 50 cm Pappmache geformt hatte, war gerade mal ein halbes Bein entstanden und so wuchs die Figur im Laufe der folgenden Jahre auf meine eigene Größe an. Liebeskummer und Verarbeitungsprozess gestalteten sich als weitaus länger und größer als erwartet.
Aber durch diese Arbeit entwickelte sich mein Interesse an Pappmache und Malerei und so kann ich nur froh sein, dass Alex mir damals das Herz brach. Wäre ich mit ihm glücklich geworden, hätte ich heute nicht das Haus voller Nanas und eigener Bilder. Und überhaupt – vielleicht wäre ich ja noch nicht einmal Künstlerin geworden, hätte ich nicht so oft Liebeskummer gehabt.

Tja, die Schäden und Flecken meiner Verflossenen … ich habe lange überlegt, wie ich die Geschichte nennen soll. Zuerst dachte ich an „Kunstflecken“ oder „Kunstfehler“, fand das aber ziemlich einfallslos. Ich sah mich in meinen vier Wänden und auf dem Grundstück um und betrachtete die Hinterlassenschaften der Männer in meinem Leben. Neben jeder Macke oder Zerstörung sah ich sie wie kleine Äffchen, sie grinsten, kicherten und klebten neben jedem Fleck, ich fühlte mich wie im Dschungel – im Dschungel der Verfehlungen, Irrungen und Fehlgriffe, umgeben von Affen, Blutsaugern und Egeln. Und da war er auf einmal, der Titel. Ich nenne sie einfach „Im Dschungel“, und jeder von Ihnen kann da hinein interpretieren, wonach ihm gerade ist.

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