"Die Moltkeschule muss bleiben"

Vier Generationen engagieren sich gemeinsam für die Moltkeschule: (v.l.) Lilo Wallerich, Margarethe Brill, Paula und Dörthe Beckmann.
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Lehrerin Margarete Brill (92) freut sich sehr, dass die Schließung der Moltkeschule vom Tisch ist. Seit ihrer Gründung 1876 hat die Moltkeschule in Barmingholten so einiges erlebt: Kriege, Bombardierungen und Wiederaufbau. Schüler, Eltern und Lehrer haben sich durch die Zeiten hinweg immer für ihre Schule eingesetzt.

Dinslaken. Als Margarete Brill von dem positiven Ergebnis der letzten Barmingholtener Bürgerversammlung zum Thema Moltkeschule hörte, rief sie spontan bei ihrer Nachbarin Lilo Wallerich an und bedankte sich. Denn die Moltkeschule liegt der 92-jährigen Lehrerin sehr am Herzen und ist eng mit dem Schicksal ihrer Familie verbunden:

Als Tochter des Rektors Johann Kuhlen wuchs sie in der Lehrerwohnung der Moltkeschule auf, ging natürlich auch hier zur Schule und wurde von 1946 bis 1957 selbst Lehrerin „für alle Fächer“ an „ihrer“ Moltkeschule. Auch wenn sie später an anderen Dinslakener Schulen unterrichtete, blieb sie der Moltkeschule immer verbunden.

Auch ihr späterer Mann Karl Brill unterrichtete fast zwei Jahrzehnte an der Moltkeschule und übernahm 1962 die Schulleitung. Vater Johann Kuhlen erfuhr von seiner Berufung zum Moltkeschulrektor, als er gerade in einem Schützengraben des Ersten Weltkriegs vor Verdun lag.

Mit Lungensteckschuss kam er, kaum genesen, zurück an die Schule und war betrübt über die Zustände vor Ort: „Der Wechsel und der Mangel an Lehrpersonal, die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse haben den Stand der Schule so niedergedrückt, dass man verzweifeln möchte. Wie glänzend waren unsere Leistungen während der Zeit vor dem Kriege! Wie jämmerlich gering sind die Kenntnisse der Kinder jetzt!“, schrieb er in seinen Erinnerungen nieder.

Schwarzer Donnerstag in Barmingholten

Auch sein Bericht über den „Schwarzen Donnerstag“, als am 22. März 1945 zahllose Brandbomben über Barmingholten niedergingen und auch den Schulbunker trafen, ist erschütternd: „Wir sitzen im Dunkeln und um uns ein Zittern, Dröhnen, Toben. Da - ein furchtbarer Schlag! Der Bunker stürzt ein. Von der Ostseite her eingedrückt, fallen dicke Zementblöcke auf meine Frau, die neben mir auf der Bank sitzt. Ich werde an die Seite geschleudert, meine Tochter Margarete schreit zwischen Balken festgeklemmt aus den Trümmern.
Meine Frau gibt auf Anruf keine Antwort“.

Margarete und ihr Vater können aus den Trümmern gerettet werden.
Doch der Tod auch seiner zweiten Frau und des geliebten Sohnes (an der Ostfront) treffen Johann Kuhlen schwer. Trost findet er in seiner Arbeit an der Schule und im ehrenamtlichen Engagement für Barmingholten.

Die Zeiten werden ganz allmählich besser und die Moltkeschule unterrichtet wieder starke Klassen. Die Schüler kommen alle aus Barmingholten, doch seit der „Trennung“ von 1917 gibt es „Oberhausen-Barmingholten“ und „Dinslaken-Barmingholten“.

In den 50-ziger Jahren will Oberhausen „seine“ Schüler von der Moltkeschule abziehen und mit LKWs zu anderen Oberhausener Schulen transportieren. Was heftigsten Elternprotest auslöste und zu einem nachhaltigen Umdenken im Schulamt Oberhausen führte, das bis heute anhält. Seitdem zahlt Oberhausen für „seine“ Barmingholtender Schüler in der „Dinslakener“ Moltkeschule einen Anteil an den Betriebskosten.

Bürgerversammlung mit Überraschung

Letzte Woche kamen bei der Bürgerversammlung über 200 Barmingholtener Eltern, Schüler und Lehrer zusammen und erreichten ebenfalls mit schlagkräftigen Argumenten ein Umdenken bei den anwesenden Politikern und der Dinslakener Stadtspitze. (Die vollständig mit Schuldezernentin Christa Jahnke-Horstmann, Baudezernent Palotz und Bürgermeister Dr. Michael Heidinger erschienen war).

Vertreter der Grünen (u. a. Ratsfrau Lilo Wallerich) und der Linken (Gerd Baßfeld) setzen sich seit Beginn der Schließungsdiskussion für den Erhalt der Moltkeschule ein. Auch CDU-Fraktionschef Heinz Wansing ließ sich u. a. von der vorgetragenen Kostenanalyse aller Dinslakener Schulen von Moltke-Schüler-Vater Ralf Dedek überzeugen und sprach sich gegen eine Schließung aus: „Mit uns wird es kein Bauernopfer geben!“.

So gelang den Lehrern, Schülern und Eltern auch, von Bürgermeister Heidinger die Zusage zu erhaltern, dass die Schließung erstmal vom Tisch ist, wenn man auch die Entwicklung beobachte.

Viele Barmingholtener Eltern hatten, auch um ein Zeichen zu setzen, ihre Kinder (trotz Schließungsgerüchten in der Tagespresse) auch in diesem Jahr wieder an der Moltkeschule angemeldet.

Die alte Lehrerin Margarete Brill jedenfalls ist sehr stolz auf ihre Barmingholtener, die wieder einmal zusammenstehen, wenn es um ihre Moltkeschule geht und lächelt kämpferisch: „Die Moltkeschule muss bleiben.“

Autor:

Caro Dai aus Essen-Werden

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