Susanne Woodin (90) aus Großbritannien
Gebetbuch nach über 80 Jahren zurückerstattet

Susanne Woodin (damals Susanne Schlome) mit ihrem Großvater Hermann Schlome einen Tag vor ihrer Abreise nach Großbritannien, 3. Juli 1939.
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  • Susanne Woodin (damals Susanne Schlome) mit ihrem Großvater Hermann Schlome einen Tag vor ihrer Abreise nach Großbritannien, 3. Juli 1939.
  • Foto: mit freundlicher Genehmigung von Susanne Woodin
  • hochgeladen von Olaf Hellenkamp

Nach über 80 Jahren freut sich Susanne Woodin (90) aus Großbritannien über die Rückkehr eines historisch wertvollen Gebetbuches in ihren Familienbesitz. Es handelt sich um ein„Machsor al kol ha-Shanah“, ein Gebetbuch für das ganze Jahr von 1851. Seit 1991 war das Gebetbuch Teil der Sammlung des Jüdischen Museums Westfalen. Jetzt konnte das Museum im Rahmen seiner Provenienzforschung die rechtmäßige Erbin ermitteln und ihr das Gebetbuch ihres geliebten Großvaters Hermann Schlome (1857-1942) zurückerstatten.

Hermann Schlome war Holzhändler und stammte aus einer jüdisch-orthodoxen Händlerfamilie in Janowitz, einer kleinen Stadt in der ehemaligen preußischen Provinz Posen (heute Janowiec/Polen). Aus seiner Ehe mit Auguste Frost (1862-1942) gingen die Söhne Paul (geb. 1886), Arthur (geb. 1888) und Julius (geb. 1891) sowie die 1892 geborene Tochter Clara hervor. Vermutlich gleich nach dem Ersten Weltkrieg zogen die Kinder nach Berlin, wo sie heirateten und mit ihren Familien nicht weit voneinander entfernt lebten. Um 1933 zogen auch Hermann und seine Frau altersbedingt nach Berlin. Ein besonders inniges Verhältnis verband Hermann mit seiner Enkelin Susanne Schlome (geb. 13. Dezember 1930 in Berlin), der Tochter seines ältesten Sohnes Paul.

Trotz des Zukunftsoptimismus der Familie, wurden die Auswirkungen der repressiven Maßnahmen durch das nationalsozialistische Regime zunehmend spürbarer. Am 1. September 1942 wurden Hermann und Auguste Schlome mit dem „54. Alterstransport“, zusammen mit insgesamt 100 Jüdinnen und Juden, nach Theresienstadt deportiert. Den Transport überlebte Hermann Schlome nicht, er starb am 16. September 1942 in Theresienstadt, seine Frau Auguste Anfang Oktober 1942 in Treblinka. Viele weitere Familienangehörige verloren durch die Shoah ihr Leben. Susannes Vater Paul starb am 22. Oktober 1942 in Riga.

Hermanns Enkelin Susanne gelang es am 4. Juli 1939 durch einen rettenden Kindertransportnach Großbritannien den zunehmenden Verfolgungen zu entkommen und zu überleben. Ein Foto zeigt sie auf dem Schoß ihres Großvaters Hermann einen Tag vor der Abreise mit dem Kindertransport.

In England wurde Susanne vom nichtjüdischen Ehepaar Handslip aus dem kleinen DorfWerham im nordöstlichen England aufgenommen, wo sie ihr weiteres Leben verbrachte. Bis 1942 blieb sie weiterhin in Briefkontakt mit ihrer Mutter in Berlin. Dann erloschen die Nachrichten. Ihre Eltern wurden 1942 nach Riga deportiert. Seit 2009 erinnern Stolpersteine in Berlin in der Luitpoldstraße an ihre Eltern und in der Berchtesgadenerstraße an ihre Großeltern Hermann und Auguste Schlome. 

Bis auf wenige Fotos, blieb ihr kaum ein Erinnerungsstück aus dem Familienbesitz. So schließt sich mit der Restitution des Familiendokumentes für Susanne ein Stück des Mosaiks ihrer Familiengeschichte: Eine bewegende Situation als sie das Buch, das einst zum Gebet in den Händen ihres Großvaters ruhte, nun in ihren Händen halten kann. 

Dank eines Zuschusses des Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste konnte das Jüdische Museum Westfalen eine Projektstelle schaffen, um eine Reihe von Judaica und Bücher in ihrer Sammlung zu erforschen. Der Grund ist, dass die Provenienz dieser Objekte ungeklärt ist und bei einigen befürchtet werden muss, dass sie während der NS-Zeit den Besitzer*innen gestohlen oder unter Druck abgekauft wurden. Aufgrund der bisherigen Forschungen konnten bereits mehrere Erbinnen und Erben ermittelt werden und Restitutionen erfolgen. Mehr Information zum Projekt finden Sie auf der Website des Jüdischen Museums Westfalen unter „Projekte“ und auf dem Museumsblog.

Quelle: Jüdisches Museum Dorsten

Autor:

Olaf Hellenkamp aus Dorsten

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