Sechs Jahre Haft wegen „staatsfeind­licher Hetze“: Zeitzeuge erklärt Schülern die DDR

Die Jugendlichen lauschten gebannt, als Alexander Richter aus seinem eigentlichen normalen Leben erzählte.
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Barkenberg. Alexander Richter ist eigentlich ein ganz normaler Mensch. Der Endsechziger besuchte jetzt als Zeitzeuge die Gesamtschule Wulfen und stand den Schülern in den Räumlichkeiten der Bibi am See für alle Fragen über die ehemalige DDR Rede und Antwort.

Alexander Richter wuchs in der DDR auf und kritisierte das System. Dafür landete er im Gefängnis, bis die Bundesrepublik Deutschland den politischen Gefangenen aus der DDR freikaufte: für fast 100 000 DM. Das und vieles mehr erfuhren die wissbegierigen Schüler. Mit ihrem Lehrer für Gesellschaftslehre hatten sie die Geschichte der DDR aufgearbeitet, bis hin zu der Frage, ob es sich um einen Unrechtsstaat gehandelt habe. „Wir wollten“, so Schulleiter Hermann Twittenhoff“, dass unsere Schüler Informationen aus erster Hand bekommen und sich so selbst ein wahr­heits­getreues Bild der eigenen Geschichte machen können.“

Die Jugendlichen lauschten gebannt, als Alexander Richter aus seinem eigentlichen normalen Leben erzählte. Schon das Geburtsjahr war für ihn und andere im Sinne der DDR Verpflichtung: 1949 wurde ebenfalls der Staat gegründet. Er wuchs in Potsdam auf, lernte Maurer, machte Abitur und studierte an der Berliner Humboldt-Universität Finanzwirt­schaft. Er arbeitete in Baubetrieben, in der Landwirtschaft, in der Metallbranche, im Einzelhandel und zuletzt im Ministerium der Finanzen der DDR. Da ihn all dies nicht zufriedenstellte, begann er, Romane, Kurzgeschichten und Lyrik zu schreiben, die sich wegen ihres Realitätsgehalts in der  DDR nicht veröffentlichen ließen. Daher versuchte er, die Manuskripte in der Bundesrepublik zu veröffentlichen. 1982 wurde er auf offener Straße in Potsdam verhaftet und wegen „Staatsfeind­licher Hetze“ zu sechs Jahren Haft verurteilt, von denen er etwa die Hälfte verbüßen musste.

Er habe erst 1992 tatsächlich wahrgenommen, wer ihn bespitzelt habe, berichtete Richter. Damals hatte er erstmals Einblick in die Protokolle der Staatssicherheit genommen. Dass darunter auch vermeintlich gute Freunde waren, habe ihn „nicht wirklich überrascht“.
Er gehe davon aus, dass maximal 15 Prozent der DDR-Bürger die SED und ihre Politik mitgetragen hätten. Der Rest falle in die Kategorie der Mitläufer. Das sei für ihn ein wichtiges Kriterium, um den Unrechtsstaat festzumachen. „Wer nicht mitspielte, war schon deshalb verdächtig.“ Dabei gehe es nicht um juristische Fragestellungen, sondern um wahrnehmbare Will­kür“. Zur Durchführung der Wiedervereinigung meinte Alexan­der Richter zusammenfassend: „Dass das alles so geklappt hat, ist schon eine große Leistung. Und wäre damals Michail Gorbatschow nicht gewesen, gäbe es die verhärteten Fronten zwischen West und Ost wohl immer noch.“

Die Jugendlichen lauschten gebannt, als Alexander Richter aus seinem eigentlichen normalen Leben erzählte.
Alexander Richter  besuchte die Gesamtschule Wulfen und stand den Schülern in den Räumlichkeiten der Bibi am See für alle Fragen über die ehemalige DDR Rede und Antwort.

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