Niemand muss alleine bleiben
Wenn die Trauer über das Leben hereinbricht / Hospizdienst bietet wichtige Hilfe

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Dorsten. Ein Thema, das von vielen gerne verdrängt wird: Der Tod. Wenn ein geliebter Mensch stirbt, zerbricht für Angehörige eine Welt und hinterlässt Wunden, die nur langsam verheilen – manchmal heilen sie nie. Die Hinterbliebenen sind geschockt. Wie ein Mobile, dass immer ausgeglichen war und sich mit einem Mal verknotet.

Für Hinterbliebene geht es dann in erster Linie um die grundlegenden Ressourcen: Essen, Trinken, Schlafen. Weitermachen. Aber wie? Viele Menschen haben in einer solch schwierigen Lebenslage große Schwierigkeiten und benötigen Beistand.

Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche

Eine Anlaufstelle bietet die Kinder- und Jugendhilfe im Jugendzentrum in Dorsten-Hervest. Hier finden Eltern, aber auch Kinder und Jugendliche Hilfe. Natalie Vennemann, Mitarbeiterin des Ambulanten Hospizdienstes, begleitet trauernde Kinder und Jugendliche. Sie weiß: „Die Familie muss erstmal neu geordnet werden“. Vor allem dann, wenn eine erschwerte Trauer vorliegt. Dies ist zum Beispiel dann der Fall, wenn ein Angehöriger plötzlich durch Suizid verstirbt.

Ulla Kuhn begleitet Trauernde und Menschen, die jemanden durch Suizid verloren haben: „Der Depressive hat entschieden, zu gehen. Junge Menschen und Kinder denken dann schnell: Der wollte nicht mehr mit mir leben, während der Depressive einfach keinen anderen Ausweg mehr sah und es keiner hätte verhindern können“, sagt sie. „In vielen Fällen wollte der depressiv-erkrankte Mensch keinen mehr belasten und wählte die Selbsttötung als einzige Lösung.“ Schwierig werde es vor allem auch dann, wenn ein unerwarteter Tod eintritt, sich das Verhältnis umkehrt und das eigene Kind stirbt. Das sind Risikofaktoren für erschwerte Trauer. „Trauer ist wie ein Rucksack, schlecht gepackt wird er nur noch schwerer“, sagt Vennemann. Daher brauche es ein Training mit Trauer. Dann könne Trauer besser verpackt werden. Dafür sorgen Natalie Vennemann und Ursula Kuhn in liebevoller Gruppen- und Einzelarbeit. Keiner werde hier allein gelassen.

Entwicklungsaufgaben für die Trauernden

In der Psychotherapie wird oft von Trauerphasen gesprochen. Doch es müssen nicht zwangsläufig Phasen sein. Der Psychologe J. William Worden geht vielmehr von vier „Entwicklungsaufgaben“ für die Trauernden aus: „Angehörige müssen lernen, den Verlust zu realisieren und anzuerkennen“, sagt Ulla Kuhn. Auch sie unterstützt Menschen, die in ihrer Trauer gefangen sind. Die Hinterbliebenen müssen langsam lernen, sich an eine Welt anzupassen, in der der Verstorbene fehlt. Das heißt aber nicht, den Verstorbenen loszulassen, sondern ihm neuen Raum zu geben. Sich die Frage zu stellen: „Wie kann ich Erinnerungen mit Ritualen begehen?“, kann ein erster Schritt sein. Auch Gedenktage können helfen. Vielleicht höre der Schmerz nie ganz auf, doch: „Es fängt an, weniger wehzutun“, betont Vennemann. Wenn das soziale Umfeld intakt ist und ein ausgeprägtes Netzwerk vorhanden ist, gelinge es meist besser, Trauer zu verarbeiten. „Es gibt kein richtig und kein falsch. Unsere Gesellschaft verlangt zu schnell zu viel“, kritisieren die Kinder- und Jugend-Trauerbegleiterinnen.

Mit dem Schmerz zu leben und ihn zu ertragen ist ein Prozess. Ein individueller Prozess. Vielen falle es schwer, Hilfe anzunehmen. So trauern Menschen ganz unterschiedlich: Der eine mag sich zurückziehen und redet nicht gern darüber, ein anderer hat vielleicht Redebedarf oder stürzt sich in Arbeit. Diese Unterschiede können mitunter bislang stets harmonische Partnerschaften belasten. So kennt Trauer viele Gefühle: Von Zorn, Wut, Schmerz, Liebe und Geborgenheit. Trauernde dürfen den liebevollen Umgang mit sich selbst nicht verlieren. So geht die vierte Entwicklungsaufgabe des Psychologen Worden dahin, dass sich Hinterbliebene irgendwann selbst die Erlaubnis erteilen dürfen, auch ohne den Verstorbenen ein gutes Leben zu führen. Sie dürfen sich sinnbildlich selbst umarmen, wie einen guten Freund und sagen: „Ich darf mich freuen“. Die Expertin weiß: „Trauer ist keine Krankheit, kann aber zur Krankheit werden, wenn der Verarbeitungsprozess nicht in Gang kommt“.
Im Jahr 2017 sind laut Statistischem Bundesamt 932 263 Menschen gestorben. Viele sterben in Krankenhäusern und Altenheimen – dadurch verschwindet der Tod mehr und mehr aus dem Alltag. Fast wirkt es, als habe der bewusste Umgang mit Verlust keinen Platz mehr im gesellschaftlichen Leben. Doch Trauer braucht Zeit – und mehr Akzeptanz. Das würde sich das Team des Hospizdienstes Dorsten wünschen. Wer selbst jemanden kennt, der trauert: Oft sei es schon hilfreich, auf die trauernde Person zuzugehen, die eigene Unsicherheit ehrlich zu benennen und zu signalisieren, da zu sein – egal ob man gemeinsam weint, redet oder schweigt.

Wenn Kinder trauern: Was Eltern tun können

Oft kommen Eltern auf „Das Leo“ zu und wissen nicht, wie sie ihren Kindern den Tod eines Angehörigen am besten erklären können. Natalie Vennemann begleitet Kinder, Jugendliche und Eltern, die einen Verlust erlitten haben. Sie empfiehlt, Kindern durch vertraute Bezugspersonen Raum und Zeit für ihren Trauerprozess zu schaffen. Durch Gespräche, Aktivitäten, Sport, Rituale und die Zusicherung: „Ich bin für Dich da“. Das bietet Sicherheit und Orientierung. Eltern dürfen vor ihren Kindern ihre Trauer zeigen.

Entscheidend hierbei ist Aufrichtigkeit im Umgang mit den Kindern. Vater und Mutter dürfen sagen: „Wir sind gemeinsam traurig“. Wenn ein naher Angehöriger, eine wichtige Bezugsperson wie Großmutter oder Großvater stirbt, können Eltern ihre Kinder in der Zeit vom Tod bis zur Beerdigung in die Gestaltung einbinden. Das kann dadurch erfolgen, dass Kinder den Verstorbenen für die Beerdigung Bilder malen oder etwas Schönes basteln und lassen mit ihnen Luftballons steigen, mit Wünschen an die Verstorbenen. Kinder verstehen und begreifen besser, was passiert ist, wenn sie haptisch fühlen und sehen. Dafür gehen die Trauerbegleiter in Schulen und Kindergärten und laufen schon mit Zweijährigen einer Kita über den Friedhof. Auch nach der Beerdigung lassen sie die Angehörigen nicht allein. Vor dem Thema Tod schrecken zwar viele zurück, dennoch sei es wichtig, einen gesunden Umgang mit dem Tod zu lernen. „Die Kinder sind froh, dass es Gruppen gibt, in denen ihnen Raum für Trauer gelassen wird.
Je nach Entwicklungsstand des Kindes drückt sich Trauer unterschiedlich aus und bedarf seinem Alter entsprechenden Umgang damit. Ein ehrlicher Umgang mit Tod und Trauer und klare Antworten auf die Fragen der Kinder sind wichtig, weil Kinder sonst eigene Fantasien, Ängste oder Schuldgefühle entwickeln könnten. Vor allem dann, wenn sie sehen, dass es ihren Eltern schlecht geht, sie aber nicht verstehen, warum. Wenn Eltern sich an den Ambulanten Hospizdienst wenden, wird in einem ersten Gespräch zunächst der individuelle Bedarf ermittelt, welches Hilfsangebot für wen in der Familie hilfreich sein könnte. Kontakt zu den Ansprechpartnern und weitere Infos erhalten Betroffene unter natalie.vennemann@das-leo.de oder ulla.kuhn@das-leo.de. Einzelkontakte oder die Anmeldung zur Trauergruppe mit maximal zehn Kindern oder Jugendlichen in Gruppen mit ähnlichem Alter sind telefonisch unter 02362-9540402 oder 0175-978494 möglich.

Selbsthilfegruppe für Trauernde nach Suizid

Eine begleitete Selbsthilfegruppe für Trauernde nach Suizid Dorsten trifft sich im „Leo“, Fürst-Leopold-Allee 70, mittwochs von 18 bis 20 Uhr, 14-tätig in der geraden Kalenderwoche. Anmeldungen bei Trauerbegleiterin Ursula Kuhn, ulla.kuhn@das-leo.de; Telefon 02362/9540402 oder dem Betroffenen Heinrich Knappmann, heinrich.knappmann@freenet.de, Telefonnummer im Büro: 02362-79 59 56 67.

Ulla Kuhn bietet mit Sozialarbeiter Dennis Ulrich eine Jugendtrauergruppe für 13 bis 19-Jährige einmal im Monat mittwochs von 17.30 Uhr bis 19 Uhr an. Außerdem startet der ambulante Hospizdienst Dorsten am 12. Februar 2019 eine neue Ausbildung zur Begleitung schwerstkranker und sterbender Menschen. Interessierte können sich unter 02362/918753 melden. Eine Informationsveranstaltung gibt es dazu am 27. November um 16 Uhr im Caritashaus in Dorsten, Westgraben 18. Ingeborg Herzfeld, Nina Brinkmann und Natalie Vennemann treffen sich einmal monatlich donnerstags mit Kindertrauergruppen. Zeiten können erfragt werden.

Text und Fotos: Marie-Therese Gewert

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