Interview mit Geiger Augustin Hadelich - Konzert am 12.+13.12.2017

In den USA gehört er bereits zu den gefeierten Stars an der Violine - Augustin Hadelich. Am 12.+13. Dezember wird der Deutsch-Amerikaner zusammen mit den Dortmunder Philharmonikern im Konzerthaus das Violinkonzert von Jean Sibelius spielen. Er vorab schon darüber gesprochen…

Malte Wasem: Lieber Herr Hadelich, im 3. Philharmonischen Konzert spielen Sie das Violinkonzert von Sibelius. Können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit diesem Werk erinnern?

Augustin Hadelich: Ich hörte das Stück erstmals, als ich acht oder neun Jahre alt war, und war von seiner Emotionalität und dem Farbenreichtum begeistert. Mit dreizehn Jahren spielte ich es dann zum ersten Mal im Konzert. Die grössten Meisterwerke zeichnen sich dadurch aus, dass man sie jahrelang spielen und analysieren kann und immer wieder neues entdeckt. Und das ist definitiv auch bei dem Sibelius-Konzert der Fall!

MW: Sibelius wollte ja selbst erst Geiger werden, scheiterte aber und wurde dann Komponist. Die technischen Anforderungen, die sein Violinkonzert stellt, sind dennoch sehr hoch, oder?

AH: Sibelius wusste genau, was auf der Geige geht, und macht es uns Geigern nicht leicht. Mit diesem Konzert erfüllte er seine frühen Virtuosenträume, nahm aber vielleicht auch ein wenig Rache an den Geigern! Er geht jedenfalls bis an die Grenzen dessen, was auf der Geige damals möglich war. Er setzt neue Techniken wie Flageolett-Töne, Ricochet [eine Technik, bei der der Bogen auf die Seite geworfen wird, so dass durch das Hüpfen des Bogens auf der Saite mehrere Töne hintereinander erklingen] sowie schwere Oktav- und Doppelgriffpassagen ein. Und es gibt einige Stellen, die auch nach all den Jahren, die ich das Stück spiele, noch immer schwer für mich sind und die wirklich jedes Mal geübt werden müssen.

MW: In Deutschland steht Sibelius teilweise bis heute unter dem Verdacht, „Kitsch“ zu sein. Dann assoziiert man mit seiner Musik „die weite finnische Landschaft“ und stellt sich einen Träumer vor, der die Natur in Tönen porträtiert. Wie sehen Sie das?

AH: Sibelius war sehr beeinflusst von den Sagen und Mythen seines Landes, und man kann sich diese gut zu seiner Musik vorstellen: Neblige Wälder, Schnee und Eis, das Meer, Trolle oder Stürme. Von Kitsch könnte seine Musik aber gar nicht weiter entfernt sein! Denn er beschreibt nie romantische Landschafts-Idyllen oder wie hübsch die Berge sind, wie manche andere Komponisten in ihren Tondichtungen. Die Natur hat bei Sibelius oft etwas Bedrohliches, Unnachgiebiges – auch im Violinkonzert.

Das Sibelius-Konzert ist so einzigartig, weil es zwar ein Konzert in der romantischen Tradition nach Mendelssohn und Bruch ist, mit einem virtuosen und leidenschaftlichen Geigenpart, gleichzeitig aber auch eine Tondichtung darstellt. Es ist erstaunlich, wie er beide Formen perfekt verschmilzt und ein überzeugendes und aufregendes Stück dabei entsteht, in dem keine Note zu viel ist. Man könnte die Solo-Violine vielleicht als den Helden der Geschichte sehen, der sich gegen die Kräfte des Schicksals und der Natur behaupten muss — während das Orchester kalte, neblige, aber auch dunkle und donnernde Klänge hervorbringt, ist der Geigenpart romantisch und singend.

MW: Das Konzert hat einen langen Anlauf gebraucht. Selbst der große Joseph Joachim erklärte es nach der Uraufführung für „scheußlich und langweilig“. Eigentlich dauerte es 30 Jahre, bis es durch Jascha Heifetz berühmt wurde. Wie erklären Sie sich das?

Bei vielen Violinkonzerten, wie zum Beispiel bei Tschaikowsky, Dvořák oder Beethoven, waren die meisten Geiger zur Zeit ihres Entstehens erst einmal technisch überfordert. Nach und nach entwickelte sich dann die Violintechnik weiter, bis viele dieser Schwierigkeiten nicht nur von wenigen, sondern sogar von den meisten Geigern bewältigt werden konnten. So war es auch mit den Konzerten im 20. Jahrhundert, zum Beispiel bei Bartók oder Ligeti.

So können wir davon ausgehen, dass man bei den ersten Aufführungen des Sibelius-Konzertes sehr genau hinhören und in die Partitur schauen musste, um zu erkennen, welches Potential das Stück wirklich birgt. Als dann aber Heifetz kam und das Stück technisch perfekt und mit grosser Intensität spielte, überzeugte es endlich und gewann so seine große Popularität.

MW: Haben Sie eigentlich eine Lieblingsstelle in diesem Konzert?

Das warme und intime Thema des zweiten Satzes ist die wahrscheinlich längste Melodielinie im gesamten Violinrepertoire. Die Herausforderung besteht darin, dieses Thema aus einem scheinbar unendlichen Atem zu spielen, ohne dass der Faden unterbrochen wird oder die Intensität abschwächt. Wenn das gelingt, ist das einfach ein wunderschöner Moment in diesem tollen Konzert!

Vielen Dank für das Gespräch, wir freuen uns sehr auf die gemeinsamen Konzerte!

PROGRAMM:

Jean Sibelius (1865—1957)
Violinkonzert d-Moll op. 47

Peter Tschaikowsky (1840—1893)
Manfred-Sinfonie h-Moll op. 58

Dmitri Liss, Dirigent
Augustin Hadelich, Violine

19.15 Uhr WirStimmenEin – Orchestermanager Michael Dühn und die Künstler
geben Einblick ins Programm, im Komponistenfoyer

…………..

Termine:

12.+13.12.2017, 20 Uhr, Konzerthaus Dortmund, 19.15 Uhr Einführung

Karten kosten zwischen 19 und 42 Euro, erhältlich an der Theaterkasse im Opernhaus, unter Tel: 0231-50 27222 oder philharmoniker.theaterdo.de

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