Rauchen gefährdet nicht nur die Gesundheit
Wie ein Verein dem „Problemabfall“ Zigarettenkippe den Kampf ansagt

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  • Foto: Zigarettenkippen in der Natur - Hebi B. und Wolfgang Eckert (Pixabay)
  • hochgeladen von Sebastian Everding

Sei es in der Fußgängerzone, in Parks oder sogar in Wäldern und am Strand – Der Anblick von Zigarettenkippen gehört stets dazu. Das jemand eine achtlos weggeworfene Kippe mit seinem Schuh auf dem Asphalt austritt und danach weggeht ist zudem ein alltägliches Bild in deutschen Städten.

Weltweit werden jährlich rund sechs Billionen Zigarette geraucht und davon landen laut aktuellen Studien bis zu 80% in der freien Natur. Forschende des „Cigarette Butt Pollution Projects“ gehen sogar davon aus, dass mehr als ein Drittel des Mülls in den Ozeanen und an den Stränden inzwischen aus den Filtern der eh schon ungesunden Glimmstängel besteht, weit vor Plastiktüten, Strohhalmen oder Getränkeflaschen. Dies führt dazu, dass laut NBC News inzwischen in 70 Prozent aller Seevögel und in bis zu 30 Prozent aller Seeschildkröten Rückstände von Zigarettenfiltern entdeckt werden. Der WWF spricht insgesamt von einem bis zu 680.000 Tonnen schweren Sondermüll-Berg jedes Jahr, wovon alleine 41.000 Tonnen auf Deutschland entfallen.

Warum so gefährlich?

Gerade die aus Zelluloseazetat bestehenden Filter zerfallen oft erst nach Jahrzehnten (im Salzwasser dauert dies sogar bis zu hundert Jahre) und geben während dieser Zeit nach und nach ihre giftige Inhaltsstoffe ab. Zu den enthaltenen kritischen Schadstoffen gehören unter anderem Arsen, Blei, Kadmium, aromatische Kohlenwasserstoffe, Nikotin sowie Teer. Die Hinterlassenschaften der Rauchenden sind in der Umwelt somit beileibe kein rein ästhetisches Problem, sondern mit bis zu 7.000 darin enthaltenden Giften an Toxizität kaum zu überbieten. Gerade Nikotin landet als aus den Filtern ausgewaschenes Nervengift nicht nur in den Flüssen und Meeren sondern auch über die auf dem Land weggeschnippte Zigarette im Grundwasser. Dabei sind Zigarettenkippen auch für Kinder eine Gefahr: Allein der Giftnotruf Berlin befasst sich jährlich über 250-mal mit der Frage der Vergiftung von Kindern durch das Verschlucken von ganzen Zigaretten oder Kippen. Nikotin ist dabei nach Medikamenten die häufigste Ursache einer Vergiftung im Kleinkindalter.

Fehlendes Wissen

Laut aktuellen Untersuchungen ist dieses Hintergrundwissen an den meisten Raucher*innen vorbei gegangen, denn diese wissen zwar, dass sie damit ihrer eigenen Gesundheit schaden, gehen in der Mehrheit jedoch davon aus, dass die Filter biologisch abbaubar sind.

Nur am Rande sei erwähnt, dass für den Tabak-Anbau laut WHO jedes Jahr bis zu 6.500 Hektar Wald in Entwicklungs- und Schwellenländern gerodet werden, aber wollen wir hier bei der „letzten Lebensphase“ der Zigarette bleiben.

Lösung Mülltonne?

Liest man, dass bis zu 80% der Zigarettenkippen in der Natur landen, kann man zumindest im Umkehrschluss davon ausgehen, dass die übrigen ordnungsgemäß im (Rest-)Müll landen. Jedoch sind auch diese weiterhin schädlich, denn über den Umweg der Verbrennung entstehen Emissionen, die wir in letzter Konsequenz wieder alle einatmen.

Verschiedene Ansätze

Aus unterschiedlichen Motiven, meistens vor dem Hintergrund des Gesundheitsschutzes, laufen weltweit viele Kampagnen. So untersagen einige Länder das Rauchen an öffentlichen Plätzen oder zumindest an Stränden und die EU-Kommission fordert die Tabakkonzerne nicht nur an der Säuberung, sondern auch an den Kosten für Sensibilisierungsaktionen der Bevölkerung zu beteiligen. Andere Initiativen wünschen sich ein Pfandsystem sowie die zwangsweise Ausgabe von Taschenaschenbechern, so dass der zuvor gezahlte Pfandbetrag nur bei vollständig gefülltem Aschenbecher wieder ausgezahlt wird. Wissenschaftler in den USA haben hingegen vorgeschlagen, den Einsatz von Zigarettenfiltern grundsätzlich zu verbieten.

Das Tobacycle-Prinzip

Das oberste Ziel des Kölner Vereins Tobacycle ist es, Zigarettenkippen als Problemabfall möglichst komplett aus der Umwelt zu verbannen. Dies realisieren die Vereinsmitglieder rund um den Gründer Mario Merella über den Aufbau eines eigenen Sammelsystems und der erst dadurch möglichen separaten Sammlung der Zigarettenreste, d.h. komplett getrennt von anderem Müll. So können im Online-Shop des Vereins (www.tobacycle.com) diverse In- und Outdoor-Aschenbecher erworben werden und entsprechende Behälter, die auch die Sammlung größerer Mengen ermöglichen sowie personalisierbare Ascher für unterwegs oder im Auto.

Die Zielgruppe des Vereins ist dabei breit gefächert und geht von einzelnen Raucher*innen, die für sich selber sammeln und das Ergebnis dann an eine Sammelstelle bringen bis zu Gaststätten, Unternehmen und Bildungseinrichtungen oder gar Städten und Gemeinden, die ihre öffentlichen Aschenbecher für das System nutzen. Aktuell finden sich die Partner und Annahmestellen des Vereins schwerpunktmäßig vor allem im Rheinland sowie in der Region um Stuttgart – Die Idee und das Konzept expandiert jedoch aktuell immer weitere und sensibilisiert immer mehr Menschen für diese vielen noch unbekannte Herausforderung in Sachen Umweltschutz.

Und was passiert mit den Kippen?

Die Art und Weise, wie die Zigarettenreste gesammelt werden ist dabei entscheidend für die anschließende Verwertung: Während aus sauberen und vor allem trockenen Kippen durch das Recyclingverfahren über die stoffliche Verwertung über das Zwischenprodukt eines spritzfähigen Granulates wieder neue Sammelbehälter werden, ist dies mit Zigarettenkippen die nass geworden sind oder mit Fremdstoffen vermischt sind nicht mehr möglich. Diese landen aber als Ausgangsstoff für die Gewinnung vom Strom und Wärme in einer Abfallvergärungsanlage. Das Umweltproblem Zigarettenkippe wird somit aus der Natur geholt und in etwas Nutzbares verwandelt.

Autor:

Sebastian Everding aus Dortmund-Süd

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