Neues Computerspiel „Hartz IV – Hindernislauf für EU-Migranten“

Das Dortmunder Sozialforum hat ein Computerspiel entwickelt, das sich mit den Zugangsschwierigkeiten von EU-Migranten zu gesetzlichen Sozialleistungen in der Bundesrepublik befasst. Es soll Menschen dazu einladen, für einen Moment lang in die Haut eines Zuwanderers zu schlüpfen, bei dem Versuch, den kargen Lohn aus Gelegenheitsarbeiten durch ergänzende Leistungen auf Hartz IV-Niveau aufstocken zu lassen.

Zum Spiel geht’s hier: https://hartz4-hindernislauf-eu.free.de

Anlass zur Entwicklung des Spiels war die „Arbeitshilfe zur Bekämpfung von bandenmäßigem Leistungsmissbrauch im spezifischen Zusammenhang mit der EU-Freizügigkeit“, die allen Jobcentern in Deutschland als Dienstanweisung vorliegt.

Ziel der „Arbeitshilfe“ ist laut Angaben der verantwortlichen Bundesagentur für Arbeit (BA) die Erkennung von vermeintlichem „Missbrauch von Sozialleistungen“ aufgrund einer „Vortäuschung des Arbeitnehmerstatus“ durch Unionsbürger und -bürgerinnen. In diesen Fällen sollen die Jobcenter besonders streng prüfen und im Zweifelsfall die Leistungen ablehnen.

EU-Bürger und -Bürgerinnen werden teilweise schon im Eingangsbereich vom Jobcenter zurückgewiesen. Wenn sie doch Antragsunterlagen (für die Beantragung von Alg2) ausgehändigt bekommen, werden sie häufig mit Fragen und Kontrollen überzogen, die weit über das hinausgehen, was schon „normale“ Antragsteller, mit deutschem Pass, aushalten müssen. Das bestätigte eine Umfrage der Bundes-arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege unter knapp 400 Beratungsstellen im letzten Jahr.

Betroffen von der diskriminierenden Praxis sind wohl in erster Linie Arbeits-suchende aus Südosteuropa, und da wiederum insbesondere Angehörige der Volksgruppen Roma und Sinti, die sich schlecht wehren können und auf dem hiesigen Arbeitsmarkt ohnehin einen schweren Stand haben. Mit der Verweigerung gesetzlicher Leistungsansprüche zwingt man diese geradezu dazu, sich auch noch auf die übelsten Arbeitsangebote einzulassen.

Das Sozialforum erklärte dazu, dass die Urheber der entsprechenden Regulierungen selbstverständlich bestreiten würden, dies als Zweck zu verfolgen, aber die Ergebnisse – und auf die komme es letztlich an – gäben den Kritikern recht. Das Gros der genannten Zuwanderer sei in ungeschützten, prekären Arbeits­verhältnissen zu finden – in Sektoren, für die deutsche Arbeitskräfte kaum zu gewinnen sind (Erntehelfer, Tagelöhner auf dem Bau und im Großmarkt, Gelegenheits­arbeiten in Subunternehmen des Reinigungs- und Transportgewerbes, u.ä.).

Zusammen mit vielen anderen Organisationen in Dortmund und darüber hinaus fordere das Sozialforum daher vom Bundesarbeitsminister und der Bundesagentur, die genannte „Arbeitshilfe“ zurückzuziehen. Es sei nicht hinnehmbar, dass hier die eigentlichen Opfer von krasser Arbeitsausbeutung, von ungeschützten wie auch schlecht bezahlten Beschäftigungsverhältnissen pauschal zu Tätern umgedeutet werden.

Noch wissen nur wenige Menschen von der Existenz einer solchen „Arbeitshilfe“ (und der darauf gründenden Sonderbehandlung). Dem abzuhelfen, dazu soll auch das Computerspiel beitragen.

Zum Spiel geht’s hier: https://hartz4-hindernislauf-eu.free.de
zur aktuellen Fassung der „Arbeitshilfe“ der BA hier: http://www.harald-thome.de/files/pdf/redakteur/BA_FH/Arbeitshilfe_zu_EU-Freizuegikeit%202-2021.pdf

Die Idee für den virtuellen Hindernislauf stammt von dem Sozialarbeiter und Dozenten Helmut Szymanski aus Dortmund. An der technischen Umsetzung waren zudem befreundete Programmierer aus Bochum beteiligt.

Autor:

Heiko Holtgrave aus Dortmund-City

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