Besuch im Bordell
Prostituierte in der Linienstraße wünschen sich weniger Diskriminierung

Politiker im Puff: In der Dortmunder Bordellstraße suchten die SPD-Landtagsabgeordneten (v.l.:) Volkan Baran, Landtags-Vizepräsidentin Carina Gödecke und Anja Butschkau das Gespräch mit Petra Papirowski und Silvia Vorhauer von der Mitternachtsmission sowie mit den Frauen, die hier an der Linienstraße arbeiten.
  • Politiker im Puff: In der Dortmunder Bordellstraße suchten die SPD-Landtagsabgeordneten (v.l.:) Volkan Baran, Landtags-Vizepräsidentin Carina Gödecke und Anja Butschkau das Gespräch mit Petra Papirowski und Silvia Vorhauer von der Mitternachtsmission sowie mit den Frauen, die hier an der Linienstraße arbeiten.
  • Foto: Schmitz
  • hochgeladen von Antje Geiß

Eine bildhübsche Blondine in Glitzerbody und hohen Stiefeln sitzt am Fenster und schaut auf die Straße. Sie arbeitet, zahlt Steuern und doch will kaum eine Kasse sie versichern. Denn ihr Arbeitsplatz ist die Nr. 8 auf der Linienstraße.

Als Prostituierte eine Krankenversicherung zu finden ist nicht leicht, eine Wohnung auch nicht. Daran hat weder geändert, dass Prostitution seit über 90 Jahren legal ist, noch das Prostitutionsschutzgesetz. Daher wollen die beiden jungen Frauen, die in der kleinen Teeküche im Keller der Hausnummer 8 der Bordellstraße sitzen, auch nicht ihre Namen nennen. Wer hier mit Freiern verkehrt, steht gesellschaftlich im Abseits.

16 Häuser hinterm Zaun 

"Ich glaube, dass es zum kleinen Teil Menschen in der Prostitution mehr Akzeptanz erfahren, doch es wird noch viel Zeit kosten, es als Dienstleistungsgewerbe anzuerkennen", meint Silvia Vorhauer, Sozialarbeiterin bei der Mitternachtsmission. Die Beratungsstelle für Prostituierte, Ehemalige und Opfer von Menschenhandel setzt sich auch für die Frauen ein, die in den 16 Häusern hinter dem Zaun in der Linienstraße arbeiten.

Gegen Menschenhandel

"Zwangsprostitution, Menschenhandel, Kinderprostitution - Nein danke!", steht auf einem großen Plakat, welches die Besucher der Linienstraße begrüßt. Auf Initiative der Mitternachtsmission setzte sich 2002 auch der Runde Tisch erstmals zusammen, im Rotlichtmilieu wurde das Dortmunder Modell aus der Taufe gehoben, bei dem die Frauen, Betreiber der Bordelle, Polizei, Ordnungsamt, Ausländerbehöre und andere Ämter eng zusammenarbeiten. "Vieles aus dem Modell ist später vom Prostitutionsgesetz übernommen worden", weiß Petra Papirowski von der Mitternachtsmission.

Das Dortmunder Modell

Das Dortmunder Miteinander gelte als beispielhaft. "Es gab viele Nachfragen auch von anderen Städten", berichtet Anja Butschkau, frauenpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Landtag, die sich an diesem Nachmittag mit Parteikollegin Carina Gödeke und Volkan Baran sowie zwei Frauen, die in der Bordellstraße arbeiten, an einen Tisch setzt.
"Keiner der Betreiber ist daran interessiert, dass hier Frauen gezwungen werden oder Minderjährige arbeiten", sagt der Betreiber der Linienstraße 8. Stattdessen gebe es in der Linienstraße einen "sauberen Ablauf" wie er sagt. Die Prostituierten, die hier in den 16 Häusern arbeiten, sind angemeldet und "jede Frau weiß, sie muss Steuern zahlen, wie jeder andere auch", fügt er  hinzu. "Doch nach wie vor gibt es gesellschaftliche Diskriminierung", bedauert Silvia Vorhauer.

"Habe mich nie unsicher gefühlt"

"Meist ist es Ablehnung aufgrund fehlender Informationen, bis man die Frauen kennen lernt", berichtet sie. Direkt mit den Frauen reden wollen auch die Politiker. Bei ihrer Frage nach einem Wunsch, erzählt eine junge Prostituierte, dass sie Angst habe, dass ihr Nachweis in falsche Hände gerät. Denn der Anmeldeschein, den das Gesetz seit 2017 vorschreibt, enthält ein Foto. Für die Prostituierten sei der "Hurenpass" ein Stigma.

Gleichstellung gewünscht

Statt einer Stigmatisierung wünscht sich die Mitternachtsmission für die Sexarbeiterinnen Anerkennung und Gleichstellung mit anderen Berufen. Nicht nur in Sachen Steuern. "Der Grund für den Nachweis ist ja, dass jede Frau angemeldet wird", sagt Anja Butschkau. Kritisch sieht Silvia Vorhauer auch die laut Gesetz vorgeschriebene Grundberatung: "Wie soll denn ein Fremder in einer Stunde feststellen, ob eine Frau freiwillig als Prostituierte arbeite?", fragt die erfahrene Beraterin der Mitternachtsmission, die regelmäßig Prostituierte mit Muttersprachlerinnen als Dolmetscherin im Milieu besucht. Eine der größten Hürden ist für Prostituierte eine Krankenversicherung zu finden. Denn für die Kassen sei die Arbeit im Sex-Gewerbe ein Risikoberuf.

Man passt aufeinander auf

Viele Frauen, die von Freiern leben, ziehen in andere Städte weiter, die Fluktuation ist hoch. "Ein frisches Gesicht verdient mehr", heißt es in der Branche. "Aber es gibt auch Stamm-Mädels, die immer hier sind", erzählt eine junge Schwarzhaarige, die schon seit neun Jahren hier arbeitet. "Und ich habe mich hier nicht einen Tag unsicher gefühlt", fügt sie hinzu. Man passe aufeinander auf. Auch das Poster sei eine gemeinsame Initiative.

Zum Hintergrund: 

Prostitution ist seit 1926 legal und seit 1966 steuerpflichtig. Verboten ist in Dortmund seit 2017 die Straßenprostitution. Schon seit 100 Jahren kümmert sich die Mitternachtsmission in Dortmund um die Prostituierten und Opfer von Menschenhandel. Seit 1904 gibt es Bordelle in der Linienstraße, laut Mitternachtsmission ist dies für die Frauen, die hier arbeiten anders als auf der Straße "ein geschützter Raum".

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