"Vom Dienst nach Vorschrift zum Traumberuf"- Abitur nachholen am Westfalen-Kolleg

Kristina Weber

Als Kristina Weber entgegen ihrer Grundschulempfehlung im ersten Bildungsweg ein Gymnasium besuchte, lief es aus ihrer Sicht „eigentlich ganz gut; außer die Sache mit dem x in Mathe“. Mit ihren Leistungen selbst unzufrieden, schaffte sie noch die 12. Klasse. Aber ihr Gefühl, fehl am Platze zu sein, führte schließlich dazu, dass sie vorzeitig die Schule verließ und eine Ausbildung zur Speditionskauffrau absolvierte. „Die Ausbildung war gut, die Leute nett, aber auch dort gehörte ich nicht hin“, so Kristina. Frühschicht, Spätschicht, hierhin und dorthin fahren, diesen und jenen Papierkram erledigen, Dienst nach Vorschrift leisten, all dies konnte ihrer Meinung nach nicht ihre Arbeit bis zur Rente sein.

Ihr ehrenamtliches Engagement dagegen: Betreuung der Konfirmanden in der Kirchengemeinde, Organisation von Jugendfreizeiten, Mitwirkung bei den BotschafterInnen der Erinnerung des Jugendrings Dortmund, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Durch ihre Interessen war ihr eigentlich klar, dass sie gerne mit Menschen arbeitet. So wuchs allmählich der Wunsch, Lehrerin zu werden. Doch dazu musste das Abitur nachgeholt werden, und dann noch ein komplettes Studium mit anschließendem Referendariat. „Wenn ich mich aber anders entschieden hätte, so wäre ich vermutlich den Rest meines Lebens unglücklich über die nicht genutzte letzte Chance, beruflich weitaus mehr zu erreichen.“

Nicht mehr die, die anders waren!

Nachdem sie ihre Ausbildung im Januar 2016 erfolgreich abgeschlossen und ihren Widerstand im Kopf überwunden hatte, ging es am Westfalen-Kolleg direkt ins dritte Semester, sie hatte schließlich ihre Fachhochschulreife durch Schule und Ausbildung schon erreicht. Gänzlich fasziniert von der gelebten Kultur des gegenseitigen Respekts und des Miteinander-Seins auf Augenhöhe erlebte sie eine völlig andere Schule als das, was Schule bisher für sie bedeutete. „Es gibt insbesondere keine Zickenkriege; dafür aber BaföG“, so Kristina. Das „Fehl-am-Platze-zu-sein“ war weg, die Leidenschaft für das Fach Geschichte da: Nicht nur im Rahmen der Geschichts-AG gehörte Kristina „nicht mehr zu denen, die anders waren. Die gibt es hier nämlich nicht. Jeder ist willkommen.“

Dienst nach Vorschrift ade!

Nach einem Geschichtsreferat, u. A. zu den historischen Wurzeln ihrer eigenen Familie, für das Kristina auch im Bundesarchiv forschte, bekam sie von ihrer Geschichtslehrerin die Rückmeldung: „Sie müssen unbedingt Geschichte studieren...“ Das ist nun ihr Plan; als Zweitfach soll es Englisch sein. Auch hier wurde Kristina durch ihre zweite Schulzeit entscheidend geprägt. Eigentlich wollte sie Deutsch studieren, aber durch ihren Englischunterricht entfachte sich eine zweite Leidenschaft, die sie so vorher nicht kannte. „Ich hatte dadurch so viel Bock auf Englisch“, dass sie schon an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) im Rahmen der Schüleruni ein Basismodul in Anglistik belegte und erfolgreich bestanden hatte. Man kann sagen, Kristinas früheres Motto „Dienst nach Vorschrift“ wandelte sich um 180 Grad. Auch das Schüler-Studierendenstipendium, welches sie als Westfalen-Kolleg-Studierende an der RUB gewonnen hatte, sowie ihre aktive Mitarbeit im Schülerbeirat der RUB - einem beratenden Gremium zur Studienorientierung - können wohl als Indizien dafür aufgefasst werden.

Gelernt, sich zusammenzureißen!

Dennoch gibt es weiterhin „Dinge, die man halt notgedrungen machen muss. Das x und ich haben auch einen Neuanfang gewagt und unsere Wege trennen sich nun wieder, diesmal aber mit gutem Ende. Die Fähigkeit, sich auch zusammenzureißen, Dinge einfach mal tun, das habe ich im Laufe der Zeit gelernt. Aber auch meine Ausbildung hat mich wohl rückblickend in dieser Hinsicht vorangebracht bzw. meine Motivation für meine zweite Schulzeit erhöht. Letztendlich glaube ich, dass es bei jedem klappen kann; wird halt nicht bei jedem eine 1; muss aber auch nicht.“

Ihr Abiturzeugnis mit der Traumnote 1,0 konnte Kristina am Tag der offiziellen Abiturfeier nicht persönlich entgegennehmen. Sie saß bereits am anderen Ende der Welt in Australien. Ihre umfangreichen Geschichtsrecherchen deckten Verwandte Down Under auf, die sie vor ihrem Studium für 3 Monate noch besucht. Im Hinblick auf ihre Zeit nach Studium und Referendariat könne sie es sich gut vorstellen, ans Westfalen-Kolleg zurückzukehren und selbst Begleiterin für die zweite Chance erwachsener Lerner zu sein, so Kristina.


Das Westfalen-Kolleg Dortmund ist eine Schule des Zweiten Bildungsweges. Das „Abitur nachholen“ kann man hier zwei Mal im Jahr, zum Sommertermin (gemeinsam mit den Gymnasien) und zum Wintertermin, zu dem nur an Weiterbildungskollegs das Abitur erlangt werden kann.
Zum nächsten Semesterbeginn am 1. Februar sind in den Bildungsgängen „Abendgymnasium“ und „Kolleg“ (ganztags) noch Plätze frei. Informationen finden Sie unter: www.westfalenkolleg-dortmund.de oder 0231/139050.

Autor:

Clemens Brust aus Dortmund-City

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