Nur Dortmunder dürfen Druckraum nutzen
Martin könnte noch leben

 Bundesweit wird am Sonntag, 21. Juli, zum 21. Mal der verstorbenen Drogensüchtigen gedacht. In Dortmund wird dieser Tag vom Angehörigenkreis Drogen konsumierender Menschen, der Drogenhilfe PUR, dem Gesundheitsamt, der Drogenhilfeeinrichtung kick, der Nado, von JES sowie dem Pastor Andreas Bäppler am Stadtgarten organisiert. Auf dem Vorplatz der U-Bahn-Station in der Nähe des Mahnmals wird gemeinsam an die Verstorbenen erinnert. Neben Ansprachen und Musik werden am Ende Luftballons steigen gelassen.
Dem Trauern auf der einen Seite steht jedoch an diesem Tag auch das Aufzeigen von Schwächen, Bedarfen und Lücken des Versorgungssystems gegenüber. Tagtäglich seien Drogengebraucher von Stigmatisierung und Ausgrenzung betroffen, so die aidshilfe. So sei ein Großteil der Bevölkerung nach wie vor der Ansicht, dass Abhängigkeit von zumeist illegalen psychoaktiven Substanzen selbstverschuldet sei. Dies verwundere, zumal es sich bei der Suchterkrankung, wie der Name bereits andeute, um eine von der WHO anerkannte Krankheit handle, die eine Behandlung nach sich ziehen müsse.

Überleben gibt's nicht zum Nulltarif

In diesem Zusammenhang tritt auch das Motto des Gedenktages „Gesundheit und Überleben gibt es nicht zum Nulltarif“ in den Vordergrund.
"Behandlung und Hilfe: Ja, Kosten: Nein – so einfach könnte man die aktuelle Problematik bundesweit zusammenfassen. Seit vielen Jahren wird eine stetige Ausdifferenzierung von bestehenden Hilfeangeboten erwartet, ohne jedoch den damit verbundenen finanziellen Mehraufwand zu berücksichtigen", erinnert die aidshilfe zum Gedenktag daran, dass erfolgreiche Beratungs- und Testangebote nach dem Ende von Modellphasen wieder eingestellt werden müssen.

Gedenken an Drogentote

Der Ausbau eines ausdifferenzierten Hilfesystems niedrigschwelliger Angebote, über aufsuchende Projekte bis hin zur Entwicklung von neuen Beratungsansätzen gerate, obgleich dringend benötigt, ebenfalls ins Hintertreffen. Zurück blieben überlastete Mitarbeiter der Drogenhilfe bei einer oft bereits dünnen Personaldecke und hilfesuchende Drogensüchtige, denen zum Teil nicht mehr zeitnah geholfen werden könne. Letztendlich sei es für die Träger schwer, ihre Angebote unter diesen Umständen aufrechterhalten zu können. Dies betreffe nun auch die psychosoziale Betreuung von Substitutions-Patienten, welche oft zu ihrer medizinischen Behandlung eine professionelle Begleitung im Alltag benötigen.

Martin starb an einer Überdosis

Martin (Name geändert) – 28 Jahre – starb vor einem Jahr an den Folgen einer Überdosierung, die er sich auf einer öffentlichen Toilette verabreicht hatte. Er besuchte täglich eine Hilfseinrichtung, deren Angebot auch den Drogenkonsumraum umfasst. Unter der Anwesenheit von notfallmedizinisch geschultem Personal besteht hier die Möglichkeit zur hygienisch-kontrollierten Applikation von Drogen. Martin, der aus einer benachbarten Kleinstadt stammte, durfte diesen Raum jedoch nicht nutzen, da dieser nur Dortmundern zur Verfügung steht. Für die Mitarbeiter der aidshilfe stelle sich da die Frage nach dem „Warum“ und letztlich gelange man wieder zum Thema Kosten sowie der Angst, mit jedem Hilfsangebot neue Bedürftige anzulocken. Martin ist nun einer der offiziellen Dortmunder Drogentoten des vergangenen Jahres. Die Mitarbeiter der aidshilfe ziehen folgendes Fazit: "Es ist traurig, dass man die Worte Kosten und Überleben in einem Satz findet, jedoch unterstreicht es zugleich die Bedeutung und die Brisanz des Mottos des Gedenktages, denn… Martin könnte noch leben."

Autor:

Antje Geiß aus Dortmund-City

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