Kicken im Schatten der Zechen: Lokalkompass-Leser sahen neue Ausstellung im Dortmunder Fußballmuseum als erste

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Eine Sonderführung durch die Ausstellung "Schichtwechsel" im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund genießen Lokalkompass-Leser mit Museumsführerin Dorothea Csitneki. (Foto: Stephan Schütze für das Fußballmuseum)
 
Museumsführer Henry Mühlhausen zeigt den Besuchern ebenfalls die Ausstellung. (Foto: Stephan Schütze für das Fußballmuseum)
Dortmund: Deutsches Fußballmuseum |

Durch das Ende des Bergbaus steht das Ruhrgebiet vor deutlichen Veränderungen. „Schichtwechsel – FußballLebenRuhrgebiet“ heißt eine aktuelle Sonderausstellung im Dortmunder Fußballmuseum, die sich den Verbindungen zwischen Fußball und Bergbau widmet. Lokalkompass-Leser konnten einen exklusiven Eindruck gewinnen.

„Sie sind heute die erste Gruppe, die die Sonderausstellung sieht“, begrüßen Dorothea Csitneki und Henry Mühlhausen die circa 40 Leser, die bei der Steilpass-Verlosung gewonnen hatten. Die beiden Museumsführer weisen auf ein Datum hin, das nachdenklich macht: „Am 21. Dezember 2018 wird mit Prosper Haniel in Bottrop die letzte Steinkohlezeche im Ruhrgebiet schließen.“ Damit geht die 1000-jährige Geschichte der Steinkohle in unserer Region zu Ende. „Sie fragen sich, was das mit Fußball zu tun hat? Eine ganze Menge.“ Der Ruhrgebietsfußball ist eng mit dem Bergbau verbunden, einige Vereine haben sogar das Auf und Ab der Steinkohleförderung widergespiegelt und sind wie etwa die Spielvereinigung Erkenschwick in der Unterklassigkeit verschwunden.

Zum Start in die Ausstellung geht es durch einen dunklen Gang, der neben dem Steigerlied auch Bergbauatmosphäre vermittelt, an einem langen, bunten Gemälde vorbei, auf dem neben zahlreichen „normalen“ Fans auch Campino, Herbert Grönemeyer oder Dietmar Bär zu sehen sind. Generell ist es im Museum bewusst dunkler als sonst, um eine Beziehung zum Bergbau herzustellen.

Der erste Teil der Ausstellung, den die Leser zu sehen bekommen, befasst sich mit einer Blamage, wie Henry („Den Mühlhausen lassen wir im Fußball weg, ich bin der Henry“) erklärt. 1896 war eine Ruhrgebietsmannschaft zu Besuch in England. Da es alles Hobbyfußballer waren, verwundert es nicht sehr, dass sie in vier Spielen 46 Tore, kassierten, aber kein einziges schossen. Die Engländer dachten allerdings, dass es sich um die deutsche Nationalmannschaft handle, und waren dementsprechend verwundert über die magere Leistung! Ein Irrtum, den die deutsche Presse nur mühsam korrigieren konnte, wie Henry schmunzelnd erzählt.

Beeindruckt sind die Leser von den Exponaten aus dem Jahr 1954, in dem die deutsche Nationalmannschaft bekanntlich Weltmeister wurde. Unter anderem ist der Ball zu sehen, mit dem Rahn „aus dem Hintergrund“ schoss, wie es in dem bekannten Radiokommentar heißt. „Das finde ich sehr schön, den Originalfußball zu sehen“, sagt Manfred Scheel aus Bochum. Den VfL-Fan interessiert auch die Verbindung zwischen Bergbau und Fußball sehr. „Helmut Rahn ist ein Symbol für den effektiven Ruhrgebietsfußball“, sagt Henry. „Es war ein klassischer Essener Junge und kam aus einer Bergmannsfamilie. Er selbst war auch gelernter Bergmann, hat aber nie in diesem Beruf gearbeitet.“ Nach seiner aktiven Fußballerkarriere begann Ende der 50er-Jahre die Zeit der ersten Zechenschließungen. Rahn galt als Lebemann, war aber auch sehr gläubig. Ein Kreuz aus Kohle, das in seiner Wohnung stand, ist in der Ausstellung zu sehen.

Einen Eindruck vom Ruhgebiet früherer Jahrzehnte bieten auch Videos auf großen Leinwänden, die etwa den Bergbau, rauchende Schlote und Fußball spielende Jungen zeigen. Das blau-weiß gesteifte Bergmannshemd und der rote Schutzhelm, den Henry und Dorothea tragen, sind auch nicht zufällig gewählt. Seit November leitet er Führungen durch das Fußballmuseum. „Es ist eine interessante Aufgabe. Die Besucher sind sehr verschieden und haben immer unterschiedliche Fragen“, sagt er. Er ist BVB-Fan. „Hier bin ich aber neutral“, fügt er lächelnd hinzu.

Den türkischstämmigen Mesut Özil nennt Henry als gutes Beispiel für die gelungene Integration ausländischer Talente im Ruhrgebietsfußball. „Das Spielen auf dem Bolzplatz hat dazu viel beigetragen.“ Spaß macht es den Besuchern auch, im Bus der Weltmeistermannschaft von 2014 zu sitzen. „Die Spieler haben es auf jeden Fall sehr komfortabel“, findet Thorsten Schitten. „Ich kann nachfühlen, wie sich die Mannschaft gefühlt hat – bis auf den Sieg natürlich“, sagt der Möchengladbach-Fan schmunzelnd.

In den 20er-Jahren gab es in Deutschland einen regelrechten Fußballboom. Auch die Betreiber der Zechen trugen dem Rechnung und stellten ihren Beschäftigten Flächen zur Verfügung, auf denen diese Fußball spielen konnten. Einen guten Einblick bietet ein Gemälde aus dieser Zeit, das im Hintergrund die Zechen und im Vordergrund ein Fußballspiel zeigt.

Frauenfußball erlebte nach 1954 einen Boom, bis der Sport den Frauen verboten wurde. Als Begründung wurde genannt, die „Kampfsportart Fußball“ der „Natur des Weibes“ fremd sei. Erst 1971 wurde das Verbot wieder aufgehoben. Viele Leser waren auch gespannt, was über Schalke kam. Auf der „Schalker Meile“ im Museum geht es unter anderem um die sechs Meisterschaften zwischen 1934 und 1942, aber auch um die Instrumentalisierung des Fußballs durch die Nationalsozialisten.

Aktiv werden können die Leser im „Zukunftsraum des Fußballs“. „Die Ära der Steinkohle geht zu Ende; wie wird es mit dem Ruhrgebiet, mit dem Fußball weitergehen?“, fragt Henry und fordert die Leser auf, anhand von Schablonen ihre eigene Sicht mit Steinkohlestiften auf Zetteln zu schraffieren und diese an die Wand zu vielen anderen zu hängen. Monju Ratow hat sich unter anderem für das Dortmunder Stadion und das BVB-Logo entschieden. „Ich denke, dass der BVB auf jeden Fall eine feste Größe bleiben wird“, sagt sie. „Besonders in Dortmund sind durch das Ende des Bergbaus viele Arbeitsplätze weggefallen“ Witzig fanden einige Besucher die Abstimmmöglichkeit, ob das berühmte Wembley-Tor bei der WM 1966 drin war oder nicht. „59 Prozent sagen neun, aber immerhin 41 Prozent meinen ja“, sagt Henry und liefert die Erklärung gleich mit: „Wir haben viele Besucher aus England.“


Die Ausstellung

Die Sonderausstellung wird bis zum 23. Dezember 2018 im Fußballmuseum zu sehen sein.

Informationen gibt es auch unter www.fussballmuseum.de
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Luzie Schröter aus Fröndenberg/Ruhr | 30.03.2018 | 11:11  
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