Interview mit Bezirksbürgermeister Karl-Heinz Czierpka, dessen Amtszeit nach 26 Jahren am 31. Oktober endet
Der "König von Brackel" geht

Brackels scheidender Bezirksbürgermeister Karl-Heinz Czierpka in seiner letzten Bezirksvertretungssitzung - coronabedingt outdoor auf dem Regenhof des Immanuel-Kant-Gymnasiums (IKG) in Asseln. Nur deshalb hat der 70-Jährige überhaupt daran teilgenommen.
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  • Brackels scheidender Bezirksbürgermeister Karl-Heinz Czierpka in seiner letzten Bezirksvertretungssitzung - coronabedingt outdoor auf dem Regenhof des Immanuel-Kant-Gymnasiums (IKG) in Asseln. Nur deshalb hat der 70-Jährige überhaupt daran teilgenommen.
  • Foto: BV Brackel
  • hochgeladen von Ralf K. Braun

Karl-Heinz Czierpka ist 1972 in die SPD eingetreten und wohnt seit 1983 in Dortmund-Wickede. Ab 1986 engagierte er sich politisch vor Ort, wurde 1988 in den Vorstand der Wickeder SPD gewählt und kam als Nachrücker 1991 in die Bezirksvertretung Brackel. Seine ersten Gehversuche in der Kommunalpolitik habe ich, Ralf K. Braun, von Anfang an zunächst freiberuflich, dann als Redakteur des Ost-Anzeigers beobachtet, wir sind bei vielen Ortsterminen und Sitzungen aufeinander getroffen, irgendwann wechselten wir zum Du.

Ralf K. Braun (RB): Der Oberbürgermeister kam höchstpersönlich zur letzten Sitzung der Bezirksvertretung Brackel und hat Dich nach 29 Jahren und 251 Sitzungen in den politischen Ruhestand geschickt. Eine lange Zeit…

Karl-Heinz Czierpka (Cz: Ja, das war eine schöne Überraschung. Und er hat mir ein großes Nashorn geschenkt! In der Tat, es war eine lange Zeit. Dabei war das gar nicht beabsichtigt. Ich habe damals irgendwann nicht aufgepasst, als eine Wahlliste erstellt wurde und noch Kandidaten für die hinteren Plätze fehlten. Kein Problem, dachte ich. Aber ich war gleichzeitig auch Nachrücker für einen der vorderen Plätze und so kam ich dann unverhofft 1991 in die Bezirksvertretung. Und merkte schnell, dass diese Arbeit direkt vor Ort großen Spaß macht. Das haben die anderen wohl auch gemerkt, denn schon zur nächsten Wahl stand ich dann auf Platz eins der SPD-Wahlliste und wurde zum Bezirksvorsteher gewählt. Bezirksbürgermeister gibt es ja erst seit 2007. Meine offizielle Amtszeit endet am 31. Oktober, am 5. November wird mein Nachfolger oder meine Nachfolgerin gewählt.

RB: Du hat von Beginn an eine gute Pressearbeit gemacht, darum kamen wir oft ins Gespräch. Deine sehr ausführlichen Pressemitteilungen sind bis heute in der Redaktion gefürchtet!

Cz: (lacht) Kurz war nie mein Ding! Vieles wird ja gerne vereinfachend verkürzt. Aber einfach ist nichts. Selbst für mein erstes Verkehrsschild, dass die Durchfahrt durch den Rübenkamp verbot, habe ich anderthalb Jahre gebraucht. Weil es eben viel zu berücksichtigen und viele zu beteiligen galt. Für Außenstehende ist das oft schwer nachzuvollziehen, aber das ist das erste, was man in der Politik lernen muss. Die Bürger sehen ihr Anliegen und wünschen eine Änderung. Die Politik muss aber auch prüfen, ob andere durch solche Änderungen benachteiligt werden. Dazu ist ein Wust von Regelungen zu beachten, daher ist der enge Kontakt mit der hauptamtlichen Verwaltung wichtig.

RB: Ein wichtiger Unterschied: Die Bezirksvertreter arbeiten ehrenamtlich.

Cz: Und sie bekommen dafür eine kleine Aufwandsentschädigung. Das vergessen viele, wenn sie auf uns schimpfen: Wir sitzen in unserer Freizeit zusammen und versuchen Probleme anderer Menschen zu lösen, Probleme, die wir alle ohne das Mandat nicht hätten. Und müssen uns dann teilweise übel anmachen lassen. Da ist es oft nicht leicht, ruhig und gelassen zu bleiben.

RB: Wie hoch ist diese Aufwandsentschädigung?

Cz: Normale Mitglieder bekommen 240 Euro im Monat, Fraktionsvorsitzende den doppelten und der Bezirksbürgermeister den dreifachen Satz. Bis auf einen Sockelbetrag muss dieses Geld versteuert werden. Dafür handelt man sich jede Menge Termine ein, bei mir manchmal bis zu zehn in einer Woche. Dazu kommen Telefongespräche, oft spät abends, und viele E-Mails und Briefe - zeitweise ein zweiter Job und oft stressig.
RB: Die CDU hat Dich trotzdem den "Sonnenkönig von Brackel" genannt.

Cz: (schmunzelt amüsiert) Das macht sie noch heute, aber dann mit Augenzwinkern. Es gab eine Zeit, da wurde in den Sitzungen fürchterlich gestritten, man schrie sich an und ich war oft nahe daran, einen Ordnungsruf zu erteilen. Mit Werner Nowack, meinem damaligen Verwaltungsstellenleiter, habe ich dann alle an einen Tisch geholt und wir haben gemeinsam das Ruder herumgeworfen. Seit dieser Zeit gibt es unter anderem einen zweiten stellvertretenden Bezirksbürgermeister. So sind die großen Parteien in alle wichtigen Schritte von vornherein eingebunden. Wir haben uns zudem auf gemeinsame Regeln im Umgang mit immer wieder kehrenden Konflikten geeinigt. Zur Wahl des Bezirksbürgermeisters etwa gibt es eine gemeinsame Liste und ich wurde von SPD, CDU und den Grünen gewählt! Es wird von Außenstehenden auch immer wieder erstaunt registriert, dass wir fast freundschaftlich miteinander umgehen. Der Stadtbezirk profitiert davon, denn gemeinsam können wir viel mehr erreichen. Vor allem, wenn alle ihre Drähte in die Ratsfraktionen und in die Verwaltung nutzen. Ein großes Netzwerk für den Stadtbezirk. Das ist sicher einer der wichtigsten Erfolge der letzten Jahre!

RB: Was waren andere Erfolge?

Cz: Bestimmt das Marketing, denn es hat den Zusammenhalt des Stadtbezirks deutlich gefördert. Wollte anfangs in jedem Ortsteil wenigstens ein Verein eine eigene Hüpfburg haben, so stellte man bei gemeinsamen Treffen schnell fest, dass ein gegenseitiger Austausch viel sinnvoller ist. Die Dorfgrenzen wurden aufgehoben! Stolz bin ich darauf, wie mein Stadtbezirk mit der Betreuung der Flüchtlinge umgegangen ist. Trotz Informationsveranstaltungen unter Polizeischutz, trotz wilder Facebook-Hetzereien lief das mit den beiden großen Flüchtlingsdörfern hervorragend.

RB: Was hat nicht geklappt?

Cz: Wir haben viele Planungen für öffentlich geförderte Wohnungen und Häuser beschlossen, aber ich habe es nicht geschafft, dafür zu sorgen, dass zum Beispiel in Wickede auf weitere öffentlich geförderte Wohnungen verzichtet wird. Die Ortsteile unterscheiden sich ja in vielen Punkten und in Wickede wohnen schon heute viele Menschen, die jeden Cent umdrehen müssen. Davor habe ich großen Respekt, aber in den Orten werden auch jene gebraucht, die etwas mehr Geld ausgeben können, nur die gute Mischung stabilisiert auch die Infrastruktur. Die Geschäftsleute müssen ja auch leben, sonst gehen die Rollläden runter. Auch Vereine haben Probleme, wenn sie zu viele Mitglieder haben, die nur den Mindestbeitrag zahlen können. In der Bezirksvertretung wurde diese Meinung geteilt, nicht aber vom Rat. Hier zeigt sich auch, dass die härtesten Diskussionen gar nicht mit den anderen Parteien laufen, die hat man in der eigenen Fraktion.

RB: Du warst Bezirksvorsteher, Bezirksbürgermeister und sogar Landesbeauftragter für den Stadtbezirk...

Cz: Letzteres war ein Traum für Machtmenschen! 2010, während der Wiederholungswahl, gab es keine Bezirksvertretung. Da ernannte mich der Regierungspräsident zum "Beauftragten des Innenministeriums des Landes NRW für den Stadtbezirk Brackel" - ein toller Titel und richtig mit Fahrt im schwarzen Dienstwagen nach Arnsberg zur Entgegennahme der Ernennungsurkunde. Das war witzig, denn da stand schwarz auf weiß, dass ich als - Zitat: - „Beauftragter des Staates" handeln und meine "Entscheidungen der Organstellung entsprechend autonom" treffen konnte. Da war ich wirklich der "König von Brackel". Aber auch diese Zeit haben wir gemeinsam als Gremium gemeistert. Ich habe die anderen einfach zu meinen Beratern erklärt. Auch das hat sicher Vertrauen geschaffen!

RB: Sogar der Süddeutschen Zeitung bist Du aufgefallen, die haben über dich berichtet.

Cz: Und das auf der legendären Seite 3 - eine ganze Seite! Das war schon irre. Hat auch der OB erwähnt und mit Blick auf meine Kritiker gesagt "da werden andere nie hinkommen".

RB: Du bis seit 2010 schon beruflich im Ruhestand und hattest daher viel Zeit für das Ehrenamt. Nun gibst du auch das auf. Was tust du jetzt mit Deiner vielen Zeit, wirst Du als Berater deiner Nachfolger tätig sein?

Cz: Sicher nicht. Die werden es anders machen und ich werde mir sicher manchmal meinen Teil denken, aber die werden es gut machen und ich will denen nicht von der Seitenlinie mit "guten Ratschlägen" auf die Nerven gehen. Haus und Garten und vor allem meine Enkel werden dafür sorgen, dass ich auch künftig gut ausgelastet bin und die Stunden im Liegestuhl allein mit einem Buch eher die Ausnahme bleiben. Dazu kommt das Boot. Im nächsten Jahr will ich wieder in die Boddengewässer fahren, Rügen und Hiddensee anlaufen, ein großer Sommertörn. Und in der Nach-Corona-Zeit wird es wieder die Geschichten von Bord geben. Meine Reiseberichte können ja kontaktlos auch vorher schon auf www.czierpka.de gelesen werden (übrigens auch vieles andere mehr, u.a. eine ausführliche Vita; Anm. d. Red.).

RB: Richtig, Deine eigene Internet Seite hast Du ja auch noch, also muss man sich keine Sorgen um zu viel Müßiggang machen. Ich wünsche Dir alles Gute, danke für das Gespräch.

Cz: Und ich bedanke mich bei Dir für 30 Jahre Begleitung und unzählige Artikel im Ost-Anzeiger. Du hast bei Ortsterminen oft kritisch nachgefragt, wenn andere schon zufrieden waren. Dabei habe ich gelernt, präzise zu formulieren! Das war anfangs wichtig. Danke dafür!

Autor:

Ralf K. Braun aus Dortmund-Ost

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