"Kunst & Kultur bedeutungsloser Luxus"
Kein Nelly-Sachs-Preis für Kamila Shamsie wegen BDS: 250 Künstler protestieren gegen Stadt Dortmund Entscheidung

Kamila Shamsie (2017)
  • Kamila Shamsie (2017)
  • Foto: Von slowking4 - Eigenes Werk, GFDL 1.2, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=57516852
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Die Stadt Dortmund hatte entschieden der britisch-pakistanischen Schriftstellerin Kamila Shamsie wegen ihres Engagements für die BDS-Bewegung den Nelly-Sach-Preis abzuerkennen. Mehr als 250 Künstler*innen und Intellektuelle aus aller Welt haben nun gegen diese Entscheidung der Stadt Dortmund protestiert. Kunst & Kultur werde durch solche Entscheidungen zu bedeutungslosem Luxus.

Eigentlich sollte Shamsie den Dortmunder Preis erhalten. Doch die Jury nahm unter großem politischen Druck ihre eigene Entscheidung zurück, weil Kamila Shamsie die Israel-Boykott-Bewegung BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) unterstützt.

Folgender Offener Brief der über 250 Unterzeichnenden findet sich in englischer Sprache auf dem Blog der britischen Literaturzeitschrift London Review of Books, der von der Tageszeitung "junge Welt" aus Berlin übersetzt wurde:

"Mit Bestürzung haben wir die Entscheidung der Stadt Dortmund zur Kenntnis genommen, Kamila Shamsie den Nelly-Sachs-Preis für Literatur wegen ihres Engagements für die gewaltfreie BDS-Bewegung (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen) zugunsten der Rechte der Palästinenser abzuerkennen. In einer Erklärung von mehr als vierzig fortschrittlichen jüdischen Organisationen  heißt es: "Antijüdischen Rassismus mit der Opposition gegen Israels Politik und dessen System der Besatzung und Apartheid zu verwischen, untergräbt sowohl den palästinensischen Kampf für Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit als auch den globalen Kampf gegen Antisemitismus. Es dient auch dazu, Israel davor zu bewahren, an den universellen Standards der Menschenrechte und des Völkerrechts gemessen zu werden."

Die Angriffe gegen die BDS-Bewegung sind in Deutschland mit am heftigsten. Im Mai 2019 verabschiedete der Bundestag einen Antrag, mit dem die Bewegung als antisemitisch eingestuft wurde. Am 13. September entschied das Verwaltungsgericht Köln als drittes Gericht des Landes zugunsten des Rechts auf Boykott. In seiner Entscheidung schrieb das Gericht: "Sowohl der Ratsbeschluss vom 12.6.2019 (Rat der Stadt Bonn) als auch die Beschlüsse des Landtags NRW vom 20.9.2018 oder des Deutschen Bundestages vom 17.5.2019 (BT-Drs. 19/10191) sind keine Rechtsetzungsverfahren, sondern politische Resolutionen bzw. Willensbekundungen. Sie allein vermögen unter keinem rechtlichen Gesichtspunkt einen bestehenden Rechtsanspruch einzuschränken." Einige Tage später entschied sich die Stadt Dortmund jedoch, eine Autorin für ihr Eintreten zugunsten der Menschenrechte zu bestrafen, während sie sich gleichzeitig weigerte, das Statement der Künstlerin dazu zu veröffentlichen, wie sie von der Entscheidung erfuhr.

Deshalb veröffentlichen wir hier die Erklärung von Kamila Shamsie: "Vor den soeben abgeschlossenen israelischen Wahlen kündigte Benjamin Netanjahu an, bis zu einem Drittel der Westbank zu annektieren, was gegen das Völkerrecht verstößt. Sein politischer Gegner Benny Gantz erhob nur den Einwand, Netanjahu habe seine Idee gestohlen. Dies erfolgte kurz nach der Ermordung von zwei palästinensischen Jugendlichen durch israelische Truppen – die vom UN-Sonderkoordinator für den Nahostfriedensprozess als "entsetzlich" verurteilt wurde. In diesem politischen Kontext hat die Jury des Nelly-Sachs-Preises beschlossen, die Auszeichnung aufgrund meiner Unterstützung für eine gewaltfreie Kampagne gegen die israelische Regierung zurückzuziehen. Es betrübt mich außerordentlich, dass sich eine Jury dem Druck beugt und einer Schriftstellerin, die von ihrer Gewissens- und Meinungsfreiheit Gebrauch macht, einen Preis entzieht. Und es ist empörend, dass die BDS-Bewegung (nach dem Vorbild des südafrikanischen Boykotts), die sich wegen der Diskriminierung und der Brutalität gegenüber Palästinensern gegen die israelische Regierung einsetzt, als etwas Schändliches und Ungerechtes dargestellt werden sollte." Was bedeutet ein Literaturpreis, der das Recht untergräbt, sich für die Menschenrechte, die Prinzipien der Gewissens- und Meinungsfreiheit und die Freiheit der Kritik einzusetzen? Ohne diese werden Kunst und Kultur zu bedeutungslosem Luxus."

Zu den Unterzeichner*innen des Offenen Briefs zählen u. a.: Noam Chomsky, J. M. Coetzee, Teju Cole, Annie Ernaux, Brian Eno, Richard Ford, A. L. Kennedy, Naomi Klein, Alexander Kluge, Michael Ondaatje, Arundhati Roy, Kate Tempest, Ocean Vinh Vuong, Roger Waters und Irvine Welsh.

Autor:

Carsten Klink aus Dortmund-Ost

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