Joseph Beuys zum 100. Geburtstag
Der "andere" Beuys: Das Mahnmal in Meerbusch-Büderich

Blick durch das Tor mit dem waffenartigen eisernen Beschlag auf der rechten Seite
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  • Blick durch das Tor mit dem waffenartigen eisernen Beschlag auf der rechten Seite
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In diesem Jahr und besonders in diesen Tagen ist er in aller Munde. Von der Radtour (Beuys & Bike) bis hin zu zahlreichen renommierten Museen lässt es sich kaum eine Institution nehmen, ihn zu feiern. Vor hundert Jahren, am 12. Mai 1921, wurde er geboren:  Joseph Beuys (+1986). Er ist weltweit einer der bekanntesten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts. Und noch immer scheiden sich an ihm die Geister: War er Künstler oder Scharlatan, Guru oder Weltverbesserer? Wie kaum ein zweiter hat er Diskussionen angefacht, intensive Begeisterung und schroffe Ablehnung hervorgerufen. Was ist von ihm im kollektiven Gedächtnis geblieben außer Hut, Fettecken und dem Ausspruch: "Jeder Mensch ein Künstler"?

Der "andere" Beuys

Das Auferstehungssymbol ist aus einer stilisierten Kreuzform entwickelt.
  • Das Auferstehungssymbol ist aus einer stilisierten Kreuzform entwickelt.
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Es gibt auch den "anderen" Beuys. Im Alten Kirchturm In Meerbusch-Büderich befindet sich ein imposantes Frühwerk: Das Mahnmal für die Toten der beiden Weltkriege. Es ist die größte Außenarbeit des Mataré-Schülers und späteren Aktionskünstlers.

Der Alte Kirchturm

Der romanische Kirchturm, Relikt der 1891 abgebrannten ehemaligen Pfarrkirche St. Mauritius. Als Schutz vor Vandalismus wurde 1994  in Absprache mit Eva Beuys das Gittertor angebracht.
  • Der romanische Kirchturm, Relikt der 1891 abgebrannten ehemaligen Pfarrkirche St. Mauritius. Als Schutz vor Vandalismus wurde 1994 in Absprache mit Eva Beuys das Gittertor angebracht.
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Von der Kirche im Büdericher Ortskern blieb nach einem Brand 1891 nur der romanische Kirchturm übrig. 1910 wurde er ganz profan zur Trafostation umfunktioniert. Zwar gab es schon in den 1920er Jahren Überlegungen, dort eine Gedenkstätte für die Toten des Ersten Weltkriegs einzurichten. Doch erst in den 1950er Jahren wurde die Idee verwirklicht.

Das Mahnmal

Blick durch das Tor mit dem waffenartigen eisernen Beschlag auf der rechten Seite
  • Blick durch das Tor mit dem waffenartigen eisernen Beschlag auf der rechten Seite
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1957 erteilte die Gemeinde Büderich dem damals völlig unbekannten Joseph Beuys den Auftrag zur künstlerischen Ausgestaltung des Alten Kirchturms. Das Mahnmal wurde am 10. Mai 1959 feierlich eingeweiht.

Der Schacht

Der Turm sollte nach Beuys' Vorstellung wie ein Schacht wirken. Das Symbol ist an einer beweglichen Kette aus Flacheisen aufgehängt.
  • Der Turm sollte nach Beuys' Vorstellung wie ein Schacht wirken. Das Symbol ist an einer beweglichen Kette aus Flacheisen aufgehängt.
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Beuys ließ die Zwischendecke im Turm entfernen, um ihn „wie einen Schacht“ zu öffnen. Ihm setzte er zwei Arbeiten entgegen: ein monumentales Auferstehungssymbol und das Tor. Beide sollten ursprünglich aus Bronze sein, wurden dann aber aus Kostengründen in Eichenholz ausgeführt.

Das Tor

Das Tor von innen

In das große zweiflügelige Portal aus Eichenbohlen schnitzte Beuys die Namen der Büdericher Kriegstoten ein. Das Tor hat weniger das Aussehen eines Kirchenportals, sondern erinnert eher an ein Burg- oder Scheunentor.

Die Eisenbeschläge

Das Tor aus Eichenbohlen mit den eisernen Beschlägen,  die an Geräte aus der Landwirtschaft erinnern.
  • Das Tor aus Eichenbohlen mit den eisernen Beschlägen, die an Geräte aus der Landwirtschaft erinnern.
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Die groben Eisenbeschläge geben Rätsel auf. Sie erinnern an Waffen oder an Geräte aus der Landwirtschaft. Sie  passen zur bäuerlichen Tätigkeit der Büdericher Gefallenen. Vielleicht spiegeln sie auch unmittelbar Beuys’ eigenes Erleben wider, denn im Sommer 1957 arbeitete er auf dem Bauernhof der Familie van der Grinten, seiner ersten Förderer und Sammler, wo er sich von einer schweren Depression erholte.

Bereich des Todes

Die Namen der Kriegstoten schnitzte Beuys eigenhändig in  den rechten Torflügel.
  • Die Namen der Kriegstoten schnitzte Beuys eigenhändig in den rechten Torflügel.
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Der Betrachter wird zunächst mit dem schweren Eichenportal und den Namen der Kriegstoten konfrontiert. Das Tor ist als Gegenzeichen zum Auferstehungssymbol zu sehen. Hat der Besucher den dunklen Bereich des Todes durchschritten, erwartet ihn im Innern des Turms das an neun Flacheisen hängende Auferstehungssymbol. Beuys setzte beim Büdericher Mahnmal seine Vorstellungen von unterschiedlicheh Polen in monumentaler Form um.

Das Auferstehungssymbol

Das Auferstehungssymbol ist aus einer stilisierten Kreuzform entwickelt.
  • Das Auferstehungssymbol ist aus einer stilisierten Kreuzform entwickelt.
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Es scheint aus dem Licht in der Höhe des Turms auf den Boden herabzuschweben. Es erinnert  in seiner Grundform zwar an ein Kreuz, trägt aber keine Spuren des Leidens. Durch die dynamischen Rundungen und den angedeuteten Nimbus wird es zum Zeichen der Auferstehung und Erlösung.

Energie und Kraftzentrum

Der Kopf des Auferstehungssymbols wird von einem angedeuteten Heiligenschein umfangen. Im eisernen Rund scheinen sich alle Kräfte und Energien zu konzentrieren.
  • Der Kopf des Auferstehungssymbols wird von einem angedeuteten Heiligenschein umfangen. Im eisernen Rund scheinen sich alle Kräfte und Energien zu konzentrieren.
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Im eisernen Rund in der Mitte scheinen sich alle Lebensenergien zu verdichten. Das Auferstehungssymbol wird zum Kraftzentrum, das den Tod überwindet. Es bildet den Gegenpol zum Todessymbol des Tors. Während in früheren Zeiten die Gläubigen darauf vertrauten, von Jesus erlöst zu werden, muss nach  Beuys' Vorstellung der moderne Mensch selbst aktiv werden. Beuys sah  in der "Christuskraft" ein Prinzip oder eine Energie, die es dem heutigen Menschen ermöglicht, Veränderungen  in seinem  persönlichen Leben wie in der Gesellschaft herbeizuführen. Dass "jeder Mensch ein Künstler" sein könne, hieß für Beuys, dass jeder Mensch sein kreatives Potential ausschöpfen solle. Mit seinen späteren Aktionen und seinem politischen Engagement führte Beuys vor, was er unter der Formung der Gesellschaft , der "sozialen Plastik", verstand.

Portal und Auferstehungssymbol entstanden 1958. Die Arbeit trug dazu bei, seine langjährige Depression zu überwinden. Beuys begriff diese Phase später als ein Absterben, eine Art Läuterung. Vielleicht hat seine persönliche Erfahrung mitgespielt, als er beim Büdericher Mahnmal die Gedanken von Leiden und Erlösung, Tod und Auferstehung in allgemeiner und monumentaler Form umsetzte.
 
Ich würde mich freuen, wenn ich Euer Interesse an diesem außergewöhnlichen Werk wecken könnte.

Autor:

Margot Klütsch aus Düsseldorf

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