Casting bei Senior-Voice
Rampensau bei Senior-Voice...

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Rampensau bei Senior-Voice....

...werde ich nicht. Nach dem gestrigen Casting im Park-Hotel in Köln ist entschieden, das ich bei SAT1 zwischen den Werbungen nicht die Zuschauer belustigen werde im neuen Format „Senior-Voice“, das nach „Voice Germany“ und „KidsVoice“ vergangenen Herbst ins Leben gerufen wurde.

Eine Freundin von mir mit ausgebildeter Stimme und Musikstudium machte mich auf das Format aufmerksam und meinte spaßeshalber, ob wir uns da nicht auch mal bewerben sollten. Sie weiß, wovon sie spricht, hat sie doch immerhin schon einige musikalische Wettbewerbe gewonnen und Zeit ihres Lebens Musik gemacht.

Da von ihr aber so gar nichts kam in dieser Richtung, machte ich den Anfang, besang ein Video im Smartphone mit „Marmor, Stein und Eisen bricht“, sandte es ein und bekam kurz darauf die Rückmeldung, ich sei zum Casting eingeladen.
Mit dieser Rückmeldung ermunterte ich meine Freundin, es doch nun auch zu versuchen – und es kam, wie es kommen mußte. Auch sie wurde eingeladen zum Casting – gleiche Zeit, gleicher Ort

Die Wochen vor diesem Casting waren aufregend schön. Liedauswahl, Karaokeauswahl, Kleiderauswahl, ein bisschen Gesangstraining in einem Workshop, Gewichtsabnahme, Zigarettenentwöhnung und völliger Verzicht auf das abendliche Gläschen Wein.

Denn es könnte ja sein, das man es ins Fernsehen schafft und da will man doch gut aussehen !
Drei Lieder sollten wir mitbringen. Eines davon sei a capella, also ohne musikalische Begleitung, zu singen und zwei Lieder sollten begleitet sein mit musikalischer Untermalung. Karaoke ohne Schriftzug.
Ich lernte also meine drei Lieder „Spiel noch einmal für mich Habanero“, „Dream a little Dream“ und „House of Rising Sun“ auswendig, kaufte mir bei E-bay ein Mikrofon, das sich aufladen lässt, wie ein Handy, besorgte mir Karaokemusik und sang nun täglich in dieses Mikrofon hinein diese drei Lieder.
Nach Textsicherheit fing ich an, mit Gefühl zu singen, mich einzubringen, nahm die Texte im kleinen Handy auf und verschickte sie schon mal an wohlmeinende Freunde.

Die ersten Rückmeldungen gingen in die Richtung, ob ich unbedingt englisch singen müsse – aha, noch nicht gut genug. Also weiter üben – Texte und Gesang.
Und so nach und nach bekamen die Lieder Kontur und meine Stimme wurde sicherer und konnte den Worten auch Emotionalität verleihen.

Die Bestätigung meiner Freundin, das es gut sei, machte mich glücklich – und die vier Kilo Gewichtsabnahme auch.

Im Freundeskreis wurde schon überlegt, eine Party zu machen beim ersten TV-Auftritt. Ich war schon kurz vor dem Überschnappen und sah mich auf dem Traumschiff davon segeln – und dann kam der grosse Tag des Castings herangeschwebt.

Mittags trafen meine Freundin und ich uns schon 3 Stunden vor Castingbeginn am Bahnhof, für die 20minütige Fahrt nach Köln. Man muss heute so früh schon losfahren, weil der Bahn nicht zu trauen ist – fallen doch neuerdings ganze Züge aus, was uns gefühlt in die Zeit der Pferdekutschen-Reisen beamt.

Aufgeregt, wie es sich gehört, treten wir die Reise an und erreichen mühelos das grosse Radisson Parkhotel in Köln Lindenthal.
Spannungsgeladen betreten wir das Foyer des Hotels. Hier sitzen schon die ersten SeniorInnen lässig auf diverse Sessel verteilt und schauen gelangweilt in die Ferne. Ob die alle zum Casting wollen ? Oder sind es Geschäftsreisende ?

Wir betreten die elegante Bar. Auch hier sitzen, verteilt auf die vielen kleinen Tische, alte Leute – sowohl alleine, als auch in kleinen Gruppen mit Familie. Ich frage den Kellner, neugierig, ob die alle zum Casting kommen. Der junge Mann grinst und nickt. Aha – er grinst. Ich grinse nicht – aber ich muss schrecklich lachen bei der Vorstellung, das diese grauhaarigen alten Leute mit den unauffälligen beigen Klamotten irgendeine Bühne rocken sollen.

Das Lachen wird mir buntem Vogel noch vergehen !

Nach Genuss einer grossen Flasche Wasser für 7,90 Euro zum Einölen der Stimme begeben wir uns so langsam mal zum Check-Inn, fotografieren uns gegenseitig – wenigstens soll doch der Tag fotografisch dokumentiert werden.

Nun gehen wir mit unseren Nümmerlein an die grosse Theke, wo gefühlte Urenkelinnen von uns sitzen, die uns freundlich mit dem Vornamen anreden und fragen, woher wir uns kennen. Das beantworten wir brav, bekommen eine Nummer auf das Dekolltee geklebt und sollen nun Platz nehmen in einem großen Saal.
Dieser Saal hat etwas vom Wartebereich des Bürgerbüros. Ich vermisse, den Nummernzieh-Apparat am Eingang. Ohne Nümmerchen nehmen wir also Platz zwischen vielen anderen Wartenden. Auch hier bin ich wieder überrascht und habe Mühe, moderne Popmusik in Übereinklang zu kriegen mit den teils sehr biederen ausgereiften Menschen.

Aber das Staunen wird mir sich jung fühlendem Vogel noch vergehen !

Wir warten und warten und ich überlege, ob ich meine Patientenverfügung abgeben soll. Aus dem Nebenraum höre ich ein zartes Ariengeschmetter. Es wird lauter. Wir Wartenden werfen uns schüchtern erste Lächeln zu. Ein Mann rennt immer hin und her und beruhigt die anderen – wie ich später erfahre, ist er ein Coach und bewirbt sich hier zum zweiten Mal. Er sieht gut aus und gesteht später, er sei erst 59. Das geht aber nicht !

Nun beginnt der Ernst des Lebens. Eine junge Frau – oder ist es ein Mädchen ? - steht im Türrahmen und ruft jede Mange Vornamen auf für die erste Runde der 17-Uhr-Kandidaten. Bei manchen Vornamen melden sich mehrere Leute. Dann wird geklärt, um wen es sich handelt. Ja früher hiessen die Leute noch nicht Lourdes oder Barcelona oder Fynn-Etta – unsere Namen waren noch vielfältig verteilt und da ist es kein Wunder, wenn sich bei „Erika“ und „Klaus“ gleich mehrere melden.

Nun geht es in den großen geheimnisvollen Nebensaal, in dem wir in hintereinander befindliochen Reihen Platz nehmen. Je fünf Leute sitzen nebeneinander in fünf bis sechs Reihen. Vor uns steht ein Tisch. Daran sitzen zwei sehr junge Frauen mit ausdruckslosen Gesichtern, ungeschminkt und blass. Sie sollen uns bewerten. Eine davon ist langjährige erfahrene Gesangslehrerin und die andere schreibt ständig was in ihren Laptop. Vielleicht verkauft sie uns schon bei E-Bay ?

Wir sollen nun reihenweise vortreten bis zu einer Linie nahe am Tisch der beiden Damen und dann soll jeder ein Liedchen anstimmen ohne jegliche Begleitung – nein, auch nicht mit der Gitarre ! Nein, auch nicht mit der Mundharmonika !

Ich sitze in der 1. Reihe und die erste Sängerin vor mir stellt sich vor als 85jährige Schauspielerin mit langjähriger Bühnenerfahrung. Sie ist eine wunderschöne Frau mit langen lockigen weissen Haaren und bei ihrer Interpretation von „Summertime“ geht das Herz auf. Sie bekommt Applaus - von den Mitstreitern - und Lob dafür, das sie in ihrem Alter noch mitmacht.

Danach singe ich meinen „Habanero“, klar und rein – bei Strophe und Refrain kann ich nichts falsch machen – bei der 2. Strophe winkt die Sangesexpertin huldvoll ab „Danke !“

Ich habe nun das Vergnügen, ca. 30 Leuten zuzuhören in dem Bemühen ohne musikalische Begleitung einen tollen Gesang hinzulegen. Es ist der Tag, an dem ich das Staunen neu lernte. Da waren Leute dabei mit Löwenstimmen. Die sangen von den tiefsten Tiefen bis in die Unendlichkeit des Himmels hinein mit einer Lautstärke, das einem die Ohren wackelten – und das mit einer Inbrunst und Schönheit, das ich nur noch dachte „wow !“

Leute, denen man das keineswegs angesehen hätte, das die so viel Gold in der Kehle haben. Es waren aber auch welche dabei, die gerne den Kaspar machten mit witzig umgetexteten Liedern der größten Künstler auf Erden. Wenn da eine singt „Mit 66 Kilo da fängt das Leben an“ und dabei verzückt mit allen Gliedmassen zuckt, ist das offensichtlich auch ein Auswahlkriterium. Die Frau ist weiter !

Eine Reinkarnation von Joe Cocker ist zu bewundern – ebenso wie Frank Sinatra, der auch wieder auferstanden ist. Stimmen haben diese Männer – mit denen möchte ich keinen Streit haben. Die schreien einen tot. Aber singen konnten sie schon toll.

Viele berichten bei der Vorstellung, das sie Schauspieler sind oder Musiker. Das hätte ich besseer auch mal gesagt, statt mit meinem Rentnerdasein nach biederem Therapeuten-Beruf Eindruck schinden zu wollen. Ich hätte sagen sollen, das ich einen kleinen Zirkus betreibe.

Es tönt und dröhnt im Sangesraum – und nach der letzten Darbietung ist der Spuk vorbei. Die beiden Damen ziehen sich nach draussen zur Beratung zurück. Sie beraten nun, wer von uns die Gnade hat, auf seinem mitgebrachten Stick eine Karaokenummer zu präsentieren, zu der er singt.
Oh, was habe ich „Dream a little Dream“ geübt, an den Einsätzen gefeilt... Wie gerne hätte ich das noch dargebracht.

Aber Sie ahnen es schon. Bei den 8 Leuten, die nun bleiben sollten, war ich nicht dabei. Nach einer Strophe und einem Refrain ausgesiebt, wie ein Sossenrest, verlasse ich den Saal. Hier werde ich barsch gebeten, meine Nummer wieder abzugeben. Ich reisse sie mir förmlich von der Brust - „Bitte sehr !“

Dann eile ich im Dämmerlicht zur Kölner Strassenbahn, fahre etwas leicht abgewertet zum Bahnhof und gelange umgehend und komfortabel nach Düsseldorf. Oh, nein – in Düsseldorf wäre mir das nicht passiert. Da wäre ich doch weitergekommen – ha !

Also, ich kann jetzt vier Lieder auswendig – davon drei mit Karaoke. Sie sind zuvor erwähnt. „Summertime“ singe ich a capella noch dazu.
Wenn Sie für Hochzeiten, Geburtstagsfeiern oder ähnliches noch eine Senior-Voice brauchen – hier bin ich ! Ich verspreche Ihnen: „Große Gage – großes Vergnügen !

Autor:

Karin Michaeli aus Düsseldorf

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