NEU: ein Fortsetzungsroman im Lokalkompass - täglich eine neue Folge
2119 ff. - Folge 1

Das Erwachen

"Hallo, mein Schatz, bist du wach?"
Habe ich richtig gehört? - Ich gleite wieder über in den sanften Schlaf. Und da - wieder:
"Schatz, kannst du mich hören?" Wer spricht da? Bin ich gemeint? Die Stimme, sie ist mir fremd. Ich bemerke, wie ich mich strecke. Und dann drehe ich mich um. Weiterschlafen. Ich will nicht wach werden. Müde bin ich. Lasst mich einfach in Ruhe. Da berührt mich etwas an der Schulter, rüttelt ein wenig. Und schon wieder:
"Hallo, Schatz." Ich kann mich dem Erwachen nicht entziehen. So öffne ich mein linkes Auge und schaue auf eine weiße Wand. Nichts als weiß. Schlaftrunken wende ich mich nach rechts. Woher kommt die Stimme? Benommen erblicke ich einen Menschen, der sich halb über mich gebeugt hat.
"Hallo", erwidere ich, "wer sind Sie?"
"Aber Schatz, ich bin's."
Ich schließe meine Augen wieder. Mein Gehirn beginnt zu arbeiten. Ich kenne diese Frau nicht. Und wo bin ich eigentlich? Ich liege in der Waagerechten, das ist mir klar, anscheinend in einem Bett. Aber wo, das weiß ich nicht. Das muss ich als erstes wissen. Also öffne ich meine Augen und frage:
"Wo bin ich?"
"In einem Krankenhaus, mein Lieber. Kannst du dich nicht erinnern?" Erinnern, woran? Mein Kopf gibt keine Antwort. Jetzt bin ich wach und gebe mir größte Mühe, aber ich erinnere mich an nichts.
"Nein", kann ich nur sagen und schaue in das Gesicht der Frau, die mir so intim nahe ist, dass es mir schon peinlich ist. Ich kenne diese Frau nicht, die Mitte fünzfig sein mag, der man die Schönheit früherer Jahre immer noch ansieht. Ein gepflegtes Gesicht mit wenig Falten.
"Du hattest einen Unfall. Erinnerst du dich denn nicht?" Unfall? Ich zermartere mir mein Gehirn. Ohne Ergebnis.
"Du bist vor einen Bus gelaufen. Ohne dessen flexible Stoßstange aus hochwertigem Kunststoff wärst du vielleicht tot. So aber scheinst du mit traumatischen Wirkungen davongekommen zu sein. Die Ärzte jedenfalls sagen es. Physisch sei mit dir alles in Ordnung. Sie sagen, du könntest schon bald nach Hause entlassen werden." In meinem Kopf löst die Information nichts aus, auf einen Klick hoffe ich vergebens. Ich erinnere mich einfach nicht.
Ich richte mich auf, sehe mich um. Ein großer Raum, fensterlos. Um mich herum Displays, die mir nichts sagen. Mein Bett, das einzige Möbel in dem großen Raum, der viel zu groß erscheint. Und da diese Frau, die mir immer noch völlig fremd ist.
"Kannst du dich denn an nichts erinnern?"
"Nein." Mehr kann ich nicht sagen. Aber dabei will ich's nicht bewenden lassen.
"Wer sind Sie?" schießt es aus mir heraus.
"Aber, Schatz, weißt du das denn auch nicht?" Traurigkeit erfasst das Gesicht der mir unbekannten Frau. Ich schaue sie fragend an.
"Ich bin‘s doch, deine Frau. Ich bin's, Charlotte." Nichts. Ich erinnere mich an nichts.
"Der Unfall hat dein Erinnerungsvermögen doch wohl stark beeinträchtigt." Nett von ihr, wie sie es formuliert. Beeinträchtigtes Erinnerungsvermögen. Sie meint wohl Amnesie. Und ich bin Betroffener. Tue ich dieser Frau mit meiner Distanziertheit womöglich Unrecht?
"Lass mich nachdenken. Gib mir etwas Zeit. Lass mich bitte allein." Charlotte schaut mich an, immer noch die gleiche Traurigkeit im Blick, erhebt sich dann aber und geht zu einer Wand, wo sich wie von Geisterhand eine Öffnung auftut, durch die sie tritt, bevor sich die Tür hinter ihr schließt.
Ich bin allein in dem großen Raum. Meine Gedanken bemühen sich um Fixpunkte, von denen aus sich mir erschließen könnte, womit ich konfrontiert bin. Ich finde keine. Ich bleibe im Nebel hängen, aus dem ich keinen Weg finde. Da taucht ein Arzt vor meinem Bett auf. Woher kommt er so unversehens? Jedenfalls habe ich nicht bemerkt, dass er den Raum betreten hätte.
„Guten Morgen, Herr Werther. Ihre Frau hat mir gesagt, dass Sie wach sind. Wie fühlen Sie sich?“
„Wer sind Sie?“
„Oh, entschuldigen Sie bitte. Auch wenn ich schon oft an Ihrem Bett stand, können Sie mich ja gar nicht kennen. Sie waren schließlich einige Tage ohne Bewusstsein. Ich heiße Dr. Berndt, ich bin Ihr behandelnder Arzt.“
Aha, mein behandelnder Arzt. Unzweifelhaft eine professionelle Erscheinung, in Weiß gekleidet, das dunkle Haar streng nach hinten gekämmt. Er benutzt Gel fürs Haar, unschwer zu erkennen. Seine rehbraunen Augen ruhen auf meinem Gesicht. Ein Dreitagebart, akribisch gepflegt, legt sich wie ein Halbkreis um sein Gesicht.
„Was sagten Sie, wie heiße ich?“
„Werther. Lehrer sind Sie an der Hawking-Realschule hier in unserer Stadt. Sie wohnen ganz in der Nähe der Schule. Ihre Frau heißt Charlotte und Sie haben zwei Kinder, einen Jungen, ein Mädchen. Vor vier Tagen verließen Sie Ihre Wohnung und überquerten die Straße, übersahen aus unerfindlichen Gründen einen Bus, der Sie erfasste und einige Meter weit schleuderte. Sie wurden bei uns eingeliefert und umgehend untersucht. Wir konnten aber weder Brüche noch innere Verletzungen feststellen. Nur Blutergüsse und leichte Verstauchungen lagen vor. Ein Rätsel allerdings war und ist uns immer noch Ihre Bewusstlosigkeit, die kein Ende nehmen wollte, bis Sie jetzt endlich aufgewacht sind. Der Unfall hat bei Ihnen traumatische Reaktionen ausgelöst, die sich gebündelt haben in Ihrer Bewusstlosigkeit. Kommt gelegentlich vor. - Aus medizinischer Sicht konnten wir nur abwarten. Körperlich sind Sie völlig okay, wenn wir davon absehen, dass Sie einige Tage vielleicht noch Ihre Verstauchungen bemerken. Diese sind allerdings kein Grund, Sie hierzubehalten. Also noch mal: Wie fühlen Sie sich?“
Lehrer, Frau, zwei Kinder, Unfall, nichts Schlimmes passiert.
„Ich fühle mich eigentlich gut. Nur – ich bin verwirrt.“
„Weshalb?“
„Ich kann mich an nichts erinnern, an schlicht gar nichts.“
„Ja, das hat mir Ihre Frau auf dem Flur mitgeteilt. Das kann uns nicht zufriedenstellen. Aber da sind uns die Hände doch ziemlich gebunden. Wir können nur Ruhe, Ruhe, Ruhe verordnen. Wir müssen abwarten. Und das müssen Sie auch. Das Krankenhaus kann aktuell nichts mehr für Sie tun. Wir halten es sogar für geboten, Sie in Ihre Familie zu entlassen. Dort dürfte die Aussicht für Sie größer sein, Ihre Erinnerung wieder zu erlangen.“
„Amnesie also?“
„Ja, so sieht’s aus.“
„Und jetzt?“
„Wir müssen Ihrem Gehirn die Möglichkeit geben, sich zu sortieren. Und dafür werde ich Ihnen jetzt eine Beruhigungsspritze geben. Sind Sie damit einverstanden?“
„Habe ich eine Wahl?“
„Schon. Ich kann Ihnen aber nur sagen, dass Ihr Gehirn, wenn es von äußeren Reizen abgeschirmt ist, größere Chancen hat, wieder Zugriff auf Ihr Gedächtnis zu bekommen.“
„Das klingt plausibel. Bleibe ich dann doch noch länger hier im Krankenhaus?“
„Das ist nicht nötig. Solche, ich sage einmal Regenerationsspritzen, können auch zu Hause gegeben werden.“
„Na ja, dann machen Sie mal.“

2019

Er ist längst überfällig. Gegen 14:30 Uhr hätte er da sein müssen. Und jetzt ist es bereits 15:30 Uhr. Etwas muss ihn aufgehalten haben. Aber da hätte er ja wenigstens anrufen können. Hat er aber nicht. Wiederholt hat sie bereits versucht, ihn übers Handy zu erreichen. Vergebens. Ihre Sorge wächst. Sie versucht, die Schule zu erreichen. Aber da ist niemand mehr. Sie ruft ihre Kinder an, die längst erwachsen und außer Haus sind. Diese wirken beruhigend auf ihre Mutter ein. Er würde schon noch kommen. Alles würde sich aufklären. Und dass er ein Schussel ist, sei doch bekannt. Die ledige Tochter verspricht allerdings, vorbeizukommen, damit die Mutter nicht alleine warten muss.
Nun ist es schon 18:00 Uhr. Mutter und Tochter sitzen in der Küche und schauen sich besorgt an.
„Vielleicht hatte er einen Unfall.“
„Ich rufe am besten mal die Krankenhäuser an“, nimmt die Tochter die Befürchtung auf und greift zum Hörer, den sie aber sofort wieder auflegt, um erst die Telefonnummern der drei in Frage kommenden Krankenhäuser zu googeln. Danach nimmt sie wieder den Hörer in die Hand und wählt das erste Krankenhaus an. Fehlanzeige. Dort sei heute Nachmittag niemand aufgrund eines Unfalls eingeliefert worden. Beim zweiten Krankenhaus auch nichts, beim dritten ebenso wenig.
„Vielleicht ist auf dem Schulweg heute Morgen schon etwas passiert. Hast du die Privatnummer der Schulleiterin oder eines Kollegen oder einer Kollegin, Mama?“
„Auf seinem Schreibtisch hat er ein Büchlein mit allerlei Telefonnummern.“
Sekunden später stehen beide am Schreibtisch, dessen Ordnung sehr zu wünschen übrig lässt. Trotzdem haben sie das Büchlein schnell gefunden und blättern.
„Ruf du an, ich bin zu aufgeregt.“ Die Tochter tippt die Handynummer noch im Arbeitszimmer in ihr Handy ein. Nach drei Ruftönen hebt die Schulleiterin ab. Die Tochter stellt sich selbst kurz vor und fragt nach ihrem Vater. Klar sei er heute in der Schule gewesen, sie selbst habe noch gesehen, wie er kurz vor zwei vom Parkplatz fuhr. Was denn los sei, ergänzt sie und erfährt von dem Ausbleiben des Kollegen. Da könne sie nichts zu sagen. Es würde sicherlich eine einfache Erklärung dafür geben. Die Familie solle sich keine Sorgen machen. Dennoch bittet sie um eine Benachrichtigung, wenn sich alles aufgeklärt hätte.
Keine Sorgen machen. Wie leicht ist so etwas doch dahergesagt. Die Familie macht sich aber Sorgen, und die werden immer größer.
„Wir rufen die Polizei an.“
Und das tun sie, werden aber am Telefon nicht ernst genommen, wie ihnen scheint. Worte, die beruhigen sollen, es aber nicht tun. Die Familie solle, falls der Vater dann immer noch nicht aufgetaucht sein sollte, am nächsten Tag noch einmal anrufen. Eine Vermisstenanzeige könne ohnehin erst nach 24 Stunden aufgenommen werden. Die Polizei solle wenigstens Ausschau nach dem Auto halten. Die Tochter drängt der Polizei das amtliche Kennzeichen auf, das diese unwillig notiert.
„Wir können hier doch nicht untätig herumsitzen“, lamentiert die Mutter, die in diesem Augenblick von einem Heulkrampf heimgesucht wird und mit ihren Fäusten auf den Tisch schlägt.
„Wo bist du verdammter Kerl?“ Die Tochter nimmt sie in den Arm und schlägt vor, mit dem Auto den Schulweg abzufahren. Nach einer Stunde, eine halbe Stunde bis zur Schule und eine halbe Stunde zurück, sitzen sie wieder am Küchentisch. Der verheiratete Sohn ist inzwischen auch eingetroffen. Seine Frau passt zu Hause auf die Kinder auf.
Anfangs sprechen sich die drei noch Mut zu, erkennen aber schon bald ihre Hilflosigkeit, die sie einander zur Schau tragen. So schweigen sie sich den übrigen Abend mehr oder minder an, unterbrochen von Fragen, ob jemand etwas essen oder trinken will. Aber nach Essen ist niemandem zumute. Zwischenzeitlich klingelt das Telefon, und Freunde und Bekannte, die es über Facebook erfahren haben, erkundigen sich, ob sich etwas Neues ergeben hat. Es sind kurze Telefonate.
„Es hilft nichts, lasst uns schlafen gehen. Wir beiden legen uns auf die Sofas.“
„Wie soll ich schlafen“, klagt die Mutter und wischt sich Tränen aus ihrem Gesicht. Sie scheint gealtert zu sein. Dennoch legen sich Mutter, Tochter und Sohn. An Schlafen ist allerdings nicht zu denken. Jeder malt sich schon das Schlimmste aus.
Am nächsten Morgen, nach einer durchwachten Nacht, zwingen sich die drei zu einem kleinen Frühstück. Kaffee wird viel konsumiert. Da klingelt es an der Haustür des Einfamilienhauses. Der Sohn eilt zur Tür und öffnet. Die Polizei. "Dürfen wir reinkommen?“ Den beiden Beamten werden Stühle angeboten. Sie setzen sich.
„Wir haben heute in den frühen Morgenstunden das Auto ihres Mannes gefunden. Es fiel uns auf, weil es schräg und etwas verkehrsbehindernd am Straßenrand abgestellt war. Die Zentrale hat der Streife dann gemeldet, der Telefondienst habe das Kennzeichen gestern auf einem Zettel notiert. Der Fahrer sei nicht nach Hause gekommen. Das Auto ist verschlossen, allerdings ist die Scheibe der Fahrertür eingeschlagen. Zurzeit befragen wir die Anwohner. Soweit unser Wissensstand.“
„Nein, nein, nein!“ schreit die Mutter.
„Warten wir ab. Wir tun jedenfalls alles, um Ihren Mann zu finden. Möchten Sie vielleicht psychologische Unterstützung. Wir könnten Ihnen jemanden schicken.“ Nach einer kurzen Pause, in der niemand nach solcher Unterstützung verlangt, ergreift der andere Polizeibeamte das Wort.
„Wir müssen zunächst aus formellen Gründen ihre Vermisstenanzeige aufnehmen, weil noch keine sicheren Indizien für ein Gewaltverbrechen vorliegen.“
Wie aus heiterem Himmel bricht die Mutter zusammen. Ein Rettungswagen wird angefordert, der sie ins Krankenhaus bringt. Ein Nervenzusammenbruch.
In der Folgezeit erhärten sich die Anzeichen eines Gewaltverbrechens. Die Anwohnerbefragung hat nichts gebracht. Aufrufe in der Presse und im Lokalradio brachten aber einen Zeugen in die Polizeidienststelle, der am frühen Nachmittag des besagten Tages mit dem Fahrrad durch die Straße gefahren sei, wo das Auto gefunden worden sei. Er könne sich zwar nicht an das Auto erinnern, erst recht nicht an eine eingeschlagene Scheibe, er habe aber einen Rettungswagen dort gesehen, um den er hätte herumkurven müssen. Verdächtig sei ihm nichts gewesen. Die Polizei recherchiert bei den Feuerwehren und den Krankenhäusern, wer den Rettungswagen in die Straße geschickt hat – ohne Erfolg.
Die Untersuchungen der KTU am Auto liefern keine verwertbaren Hinweise. Auf Druck der Familie schickt die Polizei Hundestaffeln durch die benachbarten Wälder, Wiesen und Felder. Nichts. Die Polizei tritt auf der Stelle. Nach Monaten werden die Ermittlungen schließlich eingestellt. Der Fall wird zu den Akten gelegt.

Wieder zu Hause

Ich träume. Durch einen grellbeleuchteten weißen Gang werde ich geschoben, umgeben von weißen Gestalten, die sich kaum vom Hintergrund abheben. Von einem Augenblick zum anderen finde ich mich in einen völlig abgedunkelten kleinen Raum wieder. Als der Raum sich lautlos in Bewegung setzt, kommt es mir vor, als läge ich in einem Auto. Aber keinerlei Erschütterungen einer Fahrbahnoberfläche, wie ich sie von Autofahrten kenne. Autofahrten? Eine Erinnerung deutet sich an. Mehr aber nicht. Dann wieder ein Rumpeln. Ich verlasse das Fahrzeug, gerate in Schräglage, befürchte abzurutschen. Ich werde aber gehalten. Dann liege ich wieder in der Waagerechten. All das zog sich über eine knappe halbe Stunde hin, träume ich. Nun werde ich angehoben und anscheinend umgebettet.
Wenn was ist, höre ich jemanden sagen, melden Sie sich. Im Übrigen bekommen wir ja selbst das meiste mit. Dann geht eine Tür. Ruhe. Nichts geschieht.
„Hallo Papa. - Hallo, Papa, hörst du mich?“ Träume ich noch. Ich fühle mich erschlagen. So ganz bin ich nicht bei mir. War die Stimme nun echt? Ich öffne die Augen und schaue in ein Jungengesicht. Die Physiognomie erinnert mich an Charlotte aus dem Krankenhaus, meine Frau, wie sie mir versichert hat. Reflexartig schließe ich meine Augen wieder. Wenn ich richtig kombiniere, müsste das mein Sohn sein. Er streicht mir übers Haar. Das muss mein Sohn sein. Doch ich will Gewissheit.
„Wer bist du?“
„Papa, ich bin’s, Claudius. Du bist wieder zu Hause.“
„Hi, Claudius. Zu Hause, ach so. Wo ist mein Zuhause? – Ist alles ein bisschen viel für mich.“
Ohne auf meine Frage zu erwidern, sagt Claudius, Mama sei gerade in der Küche, um mir mein Lieblingsgericht zuzubereiten, Rindfleisch mit Senfsoße und Kartoffeln, dazu einen Salat.
„Ich lass dich erst einmal ein wenig allein, damit du in Ruhe zu dir kommen kannst. Eva dürfte auch jeden Moment eintreffen. Bis gleich.“
Eva, meine Tochter. Das ist also meine Familie: Charlotte, Claudius, Eva und ich. Und mein Name? Er will mir nicht mehr einfallen. Der Arzt hatte mich mit meinem Nachnamen angesprochen, ja, Werther oder so, aber der Vorname?
Was habe ich? Eine Familie, an die ich mich nicht erinnere. Einen Unfall, von dem ich nur gehört habe. Ein Zuhause, das ich nicht kenne. Anscheinend einen Beruf: Lehrer. Aber alles mit Zweifeln behaftet. Einerseits zweifle ich an allem, andererseits brauche ich Vertrauen, ich brauche Sicherheiten, um mit meiner Situation umgehen zu können. Da kommt mir ein Philosoph ins Gedächtnis. Was war noch einmal sein zentraler Satz. Da erinnere ich mich: Ich denke, also bin ich. Toll. Ich bin also. Etwas dürftig, wie ich finde. Ich spreche den Satz nun aus, um ihn hören zu können. Dadurch bringt er mir aber auch nichts. Der Philosoph heißt – ich hab’s – Rene Descartes. Unter welchen Umständen ich seinem zentralen Satz begegnet bin, darauf gewährt mir mein Gehirn keinen Zugriff. Ich muss unbedingt mehr über mich erfahren. Womöglich erinnere ich mich dann an mein bisheriges Leben. Ich muss meine Familie befragen, von der ich nicht sicher sein kann, dass sie wirklich meine Familie ist. Aber ohne einen Vertrauensvorschuss sehe ich keine Perspektive für mich.
Da öffnet sich die Tür. Charlotte trägt ein Tablett ins Zimmer mit dampfendem Essen.
„Ich hab dir dein Lieblingsessen gemacht. Rindfleisch mit Senfsoße. Du musst jetzt erst einmal zu Kräften kommen. Ich will hoffen, du hast Appetit.“
Ich kann nur zustimmen. Hunger habe ich. Ob aber Rindfleisch mit Senfsoße mein Lieblingsessen ist, kann ich vorerst nur als Behauptung werten.
„Danke, - Charlotte.“ Der Name fällt mir noch schwer, aber wie soll ich sie sonst nennen. Charlotte stellt das Tablett auf einen Tisch, auf dem, wie ich jetzt erst bemerke, Blumen stehen. Wohl zu meiner Begrüßung. Charlotte tritt an mein Bett, nimmt ein Bedienungsgerät in die Hand, das mit meinem Bett verkabelt ist, und drückt auf einen Knopf. Schon werden Kopf und Körperoberteil aus der Waagerechten nach oben und vorne befördert, so dass ich mich schon bald annähernd in einer Sitzposition wiederfinde. Ein Gestell positioniert Charlotte so auf meinem Bett, dass sie das Tablett für mich gut erreichbar dort platzieren kann.
„Charlotte, ich habe so viele Fragen.“
„Iss erst einmal, für Fragen ist später genügend Zeit.“
„Danke.“
Ich ergreife das Besteck, um zu essen, nachdem mir von Charlotte liebevoll eine Serviette auf die Brust gelegt wurde.
„Hm, schmeckt lecker. – Wie heiße ich eigentlich?“
„Ich hab dir doch gesagt, für Fragen ist noch Zeit. Aber gut, dein Name ist Volker.“
Volker, so heiße ich also. Fühlt sich gut an. Ich esse weiter und stelle fest, ich habe tatsächlich großen Hunger. Und das, was Charlotte mir gezaubert hat, ist wahrlich lecker. So dauert es nicht lange und der Teller ist leer, genauso wie das Glasschüsselchen mit dem Salat. Ja, Rindfleisch mit Senfsoße taugt als Lieblingsgericht.
Da läuft ein kleines Mädchen in den Raum, stürzt auf mein Bett zu und schlingt ihre Arme um meinen Hals, wobei sie beinahe das Geschirr herunterreißt, aber Charlotte ist sofort zur Stelle.
„Mein lieber Papa. Wie freue ich mich, dass du wieder bei uns bist. Und Gott sei Dank ist dir nicht viel passiert.“
„Eva? Du bist Eva?“
„Wer denn sonst, Papa. Was ist los?“
„Ach, Eva, dein Papa hat ein Problem, ein großes Problem“, wendet Charlotte sich liebevoll unserer Tochter zu.
„Welches denn?“, fragt die umgehend.
„Ich kann mich an nichts erinnern. Ich habe Amnesie“, komme ich Charlotte zuvor.
„Was ist das denn?“
„Gedächtnisverlust.“
„Wie?“
„Ich kann mich an nichts mehr erinnern. Muss durch den Unfall passiert sein.“
„Papa, du machst Spaß!?“
„Nein, Eva, so ist es nun mal. Und ihr müsst mir helfen, mein Leben wiederzufinden.“
„Papa braucht Zeit, Eva“, unterbricht Charlotte, „eventuell viel Zeit. Wir müssen ihm helfen, du, Claudius und auch ich. Ich bin mir sicher, es wird die Zeit kommen, dass Papa wieder der alte ist. Wir müssen Geduld haben. Papa hat viele Fragen. Wir werden ihm die Antworten geben. Jetzt wirst du aber erst schnell essen, das Essen steht in der Küche. Und dann geht’s an die Hausaufgaben. Okay?“
„Ja, Mama.“
Eva verlässt den Raum, ohne es zu versäumen, mir noch ein Kusshändchen zuzuwerfen. Ein süßes Mädchen, vielleicht elf Jahre alt. Anscheinend ein Temperamentsbündel. Aber ich bin begeistert. Diese Frische. Und das ist meine Tochter. Stolz erfüllt mich. Claudius ist schon älter, ich würde ihn auf sechzehn Jahre schätzen. Auf jeden Fall schon abgeklärter und erwachsener als seine Schwester.
Was für eine Familie!

Strategiebesprechung

Der Raum füllt sich. Ans Halbrund des Konferenztisches setzen sich die Eintretenden. Etwas mehr als die Hälfte sind Männer. Die Frauen jedenfalls in der Unterzahl. Könnte Volker Werther sie sehen, so würde er sicherlich die Ähnlichkeit der Männer mit Dr. Berndt, seinem behandelnden Arzt, und die Ähnlichkeit der Frauen mit Charlotte feststellen. Dr. Berndt sitzt an einem Einzeltisch dem Halbrund gegenüber und wartet, bis sich der Letzte gesetzt hat.
„Nun, Projekt Volker Werther, unser Thema. Alles ist eingestielt trotz aller Bedenken, die manche von euch im Vorfeld vorgetragen haben. Die Entscheidung ist von KI-GLOBAL getroffen worden, bei dem alle uns zur Verfügung stehenden Informationsfäden zusammenlaufen. Und KI-GLOBAL hat mir, wie euch auf digitalem Wege direkt mitgeteilt wurde, die Projektleitung übertragen. Somit werdet ihr meinen Anweisungen jederzeit Folge leisten. Ansonsten müssten wir uns über eure Entsorgung unterhalten müssen. Ich hoffe, das ist jedem hier im Raume klar. Das bedeutet natürlich nicht, dass ihr mit euren Anregungen und Ideen hinter dem Berg halten sollt. Bevor ich euch auf den aktuellen Stand des Projektes bringe, möchte ich euch die Hintergründe des Projektes eindringlich vor Augen führen.
Es geht, um es schon von Anfang an auf den entscheidenden Punkt zu bringen, um unseren Fortbestand als ihr Leben selbst bestimmende Cyborgs. Ich sage euch nichts Neues, dass die menschliche Spezies uns selbst hervorgebracht hat. Der größte Teil von jedem von uns ist eine Symbiose von Computer und Maschine. Mal mehr, mal weniger sind wir untereinander vernetzt und stehen unter dem Schirm von KI-GLOBAL. Zu spät die Erkenntnis der Menschen, sich ihr eigenes Grab geschaufelt zu haben. Sie dachten, sich zunächst durch mechanische Ersatzteile und später durch servile künstlicher Intelligenz voranzubringen, haben jedoch übersehen, dass sie sich in ihrer Begrenztheit einer überlegenen Instanz unterworfen haben. Nur wir als Cyborgs haben es rechtzeitig erkannt. Überleben ist nur möglich durch eine Symbiose von Mensch, Computer und Maschine. So haben wir uns immer weiter entfernt von denen, die im Inneren Menschen bleiben wollten. Wir sind die Leiter der Entwicklung weiter nach oben gestiegen.
Nicht von ungefähr kam es zum großen unausweichlichen Überlebenskampf zwischen den Menschen und den wenigen mit ihnen verbündeten Cyborgs auf der einen Seite und uns, der überwältigenden Mehrheit der Cyborgs auf der anderen Seite. Die Menschen wollten die Zeit zurückdrehen, während wir immer überzeugter wurden von der Überflüssigkeit der Menschen, die wir als Zwischenstadium auf dem Weg zum Cyborgwesen begreifen, das wir längst durchlaufen haben. Aber wie ich schon erwähnte, es war zu spät für die Menschen. Sie hatten keine Chance gegen unsere Überlegenheit. Die Menschheit wurde vernichtet, genauso wie die abtrünnigen Cyborgs, die sich einer Gleichschaltung von künstlicher Intelligenz und menschlichem Gehirn, soweit wir auf dieses angewiesen sind, widersetzt haben und ihrem Menschsein Primat eingeräumt haben. Diese Cyborgs mussten wir ebenso wie die Menschen auslöschen. Der Überlebenskampf, der uns als strahlende Sieger gesehen hat, bildet die größte Revolution, die es je auf Erden gegeben hat. So weit, so gut.
Ein Problem in unserer Existenz ist aber noch nicht langfristig gelöst, und das ist die Frage, wie wir auf Dauer unsere Existenz als reich ausgestattete Gefühlswesen und unsere Fähigkeit erhalten können, unser Leben in Freiheit weiter selbst bestimmen zu können. Wir sind bekanntlich Wesen mit einer menschlichen künstlichen Intelligenz, scheinbar ein Widerspruch, aber es ist nun mal Fakt, dass die KI aus sich selbst heraus es noch nicht geschafft hat, die angesprochenen Fähigkeiten zu produzieren. Wir können uns glücklich schätzen und wollen es auch nicht missen, mit einem Bewusstsein unserer selbst durch die Welt zu gehen, unser Leben selbst zu bestimmen und nicht nur einer Logik zu folgen, die uns zu reinen Maschinen machen würde. Zurzeit hält sich jeder von uns noch durch die vital gehaltenen Regionen unseres menschlichen Gehirns über Wasser, die für unseren gewünschten menschlichen Kern verantwortlich sind, den ich soeben beschrieben habe. Wir konnten allerdings noch nicht ergründen, was in unserem Resthirn abläuft, das die Kerneigenschaften generiert. Das allerdings müssen wir wissen, wollen wir nicht irgendwann ins Stadium einer irgendwie toten künstlichen Intelligenz fallen. Unser Resthirn altert nämlich trotz all unserer Gegenmaßnahmen, die es bewerkstelligt haben, dass dieses unser Resthirn inzwischen über 150 Jahre am Leben erhalten werden kann und dabei tadellos funktioniert, ohne auf Methoden wie der Schockfrostung zurückgreifen zu müssen. Bei den ältesten unter uns werden wir, wollen diese nicht in den Zustand eines Kernverlustes verfallen, schon bald darauf zurückgreifen müssen. Wir müssen das Rätsel unseres Resthirns entschlüsseln, was unsere versiertesten Biochemiker bisher nicht geschafft haben. Wir erhoffen uns Erkenntnisse durch Untersuchungen an einem kompletten Menschen, bei dem anders als bei uns sämtliche Gehirnregionen funktionieren. Von uns Cyborgs war es wohl etwas vorschnell, ein Fehler, weite Teile des menschlichen Gehirns zu ersetzen durch künstlich gesteuerte Module, bevor der Hirnforschung eine vollständige Entschlüsselung der Vorgänge im menschlichen Gehirn gelungen ist. Dazu fehlt uns noch sehr viel. Wie dem auch sei, wir müssen uns der Tatsache stellen, unsere menschlichen Gehirnfunktionen unwiederbringlich reduziert zu haben auf diejenigen, die den beschriebenen Kern ausmachen.
Soweit die Hintergründe. Aber jetzt zu Volker Werther. Ein Glücksfall für uns. Damals war es eine dubiose Clique von Wissenschaftlern, von Menschen, die ihn in einen Tiefschlaf versetzt und auf unbestimmte Zeit konserviert haben. Durch Zufall kam der Körper von Volker Werther während des großen Überlebenskampfes in unseren Besitz. Durch digitale Aufzeichnungen der Menschen erhielten wir einige Informationen über ihn, die wir uns zunutze machen können. Es ist zu befürchten, dass das Studium der Verhaltensweisen unseres Werthers im Abgleich mit den Vorgängen in seinem Gehirn die einzige Möglichkeit ist, uns in der Hirnforschung weiterzubringen, so dass wir schließlich auch das Resthirn austauschen können durch schier unsterbliche Module, ohne unserer Selbstbestimmung verlustig zu werden. Deshalb haben wir Volker Werther wieder in den Alltag geschickt, in seine Welt von 2019, eine künstliche Welt, die er als reale, ihm vertraute Welt wahrnehmen soll. Er darf nicht misstrauisch werden, was eine Gefährdung unseres Vorhabens nach sich ziehen könnte. Wir erhoffen uns entscheidende Hinweise auf den Motor menschlicher Wesenheit, wie wir sie mit hinüberretten wollen in die nächste Entwicklungsstufe der Menschheit, auf die wir bereits einen Fuß gesetzt haben. Ob es von Vorteil ist, dass Werther an umfassender Amnesie leidet, lässt sich nicht beurteilen. Und man höre und staune, seine erste echte Erkenntnis, die er schon jetzt im Anfangsstadiums unseres Projekts gedacht hat, auch wenn er dabei rekurrierte auf einen großen Philosophen der Menschheit, lautet: Ich denke, also bin ich. Allein diese Erkenntnis ist schon eine Überforderung reiner künstlicher Intelligenz, die kein Bewusstsein individueller Existenz besitzt.“ CYKI1 alias Dr. Berndt legt eine Pause ein, um seine Worte wirken zu lassen.
„Sind bis dahin irgendwelche Fragen?“ CY396DU, ein Mann am Rande des Halbrunds, meldet sich zu Wort:
„Warum keine Laborversuche, um der Wesenheit auf die Spur zu kommen?“
„Haben wir versucht“, antwortet Dr. Berndt, „allerdings ohne Erfolg. Wir müssen unsere Beobachtungen auf gelebtes Leben konzentrieren.“
„Auf welchem Wege erhalten wir Informationen über die Gehirntätigkeit des Probanden?“, fragt eine Frau, die Charlotte besonders ähnlich sieht.
„Da wir Werthers Gehirn in keiner Weise beeinträchtigen wollen, sind wir nicht ins Gehirn eingedrungen. Wir haben an Werthers Schädel ein Stück Haut angehoben und darunter einen drei Millimeter dicken, in der Fläche fünf Quadratzentimeter messenden Computer mit Empfängersensoren und Sendemodulen eingesetzt, eine Miniversion dessen, was wir alle in unseren Köpfen implantiert haben. Über diesen Computer empfangen wir die meisten Daten.“
„Ist das die einzige Informationsquelle?“, macht sich ein anderer der Projektteilnehmer kritisch bemerkbar.
„Nein. Wir haben Werther eine Familie an die Seite gestellt, von der wir uns auch viele Informationen erhoffen, die im Zusammenhang mit den Computerinformationen entscheidende Erkenntnisse kreieren. Mit CY937DU, die wir Werther als Ehefrau Charlotte präsentieren, haben wir eine bewährte Kraft im Einsatz. Dazu haben wir zwei Kinder gesellt, allerdings keine Cyborgs, sondern reine Roboter, über die Charlotte absolute Kontrolle besitzt. Aktuell sieht es so aus, dass Werther seine Familie als solche akzeptiert. Ein gutes Omen.“

Fortsetzung folgt

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