NEU: ein Fortsetzungsroman im Lokalkompass - täglich eine neue Folge
2119 ff. - Folge 2

Hier Folge 1: https://www.lokalkompass.de/duesseldorf/c-lk-gemeinschaft/2119-ff-folge-1_a1133016

Zufluchtsort

Drei Männer stapfen durch den Schnee. In gebeugter Haltung quälen sie sich Schritt für Schritt voran. Ganz in Weiß gekleidet kann man sie kaum erkennen. Der heftige Wind zerrt an ihnen, Schneeflocken treibt er ihnen ins Gesicht. Hinter ihnen ein Schlitten, mit einer weißen Plane abgedeckt, den sie stoisch hinter sich herziehen. Sie sprechen nicht miteinander, die Augen nach vorn gerichtet und einzig fixiert auf ihren nächsten Schritt.
Es ist bitterkalt. Kein Ziel ist zu erkennen, obgleich die Männer nicht den Eindruck erwecken, ziellos durch die Eiswüste zu streifen, das transantarktische Gebirge nahe dem Ross-Schelfeis vor Augen, von dem sie gerade kommen. Seit geraumer Zeit geht es mittlerweile aufwärts, was die gesamte Kraft der Männer erfordert. Sie bahnen sich ihren Weg durch unwirtliches Gelände. Mitunter ragt nackter Fels aus dem weißen Einerlei. Und von einem Augenblick auf den anderen entziehen sich die Männer den Blicken möglicher Beobachter und verschwinden unter einem Felsvorsprung, der bedeckt ist von Eis und Schnee, als handele sich darunter um eine Grotte oder Höhle, in die sie sich begäben. Sie halten vor einer Felswand. Einer der Männer gibt eine Zahlenkombination ein in eine seitlich angebrachte, für jeden Uneingeweihten unmöglich wahrnehmbare Tastatur. Lautlos gleitet die Felswand zur Seite und gibt den Blick frei in eine in den Fels geschlagene Schleuse. Die Männer treten ein. Sobald auch der Schlitten das Felsentor passiert hat, schließt es sich genauso lautlos wieder. Die Männer ziehen sich ihre Kapuzen und die darunter zum Vorschein kommenden Wollmützen vom Kopf und klopfen sich den Schnee von ihrer Kleidung. Daraufhin schälen sie sich aus ihrer Schutzkleidung und hängen diese an dafür vorgesehene Haken. Drei Männer mit gegerbter Haut, die einen ausgezehrten Eindruck machen. Sie decken die Plane ab, die den Schlitten bislang bedeckt hat. Zum Vorschein kommt einiges an Jagdgerät und zwei erlegte Robben. Einer der Männer winkt in eine Rundumkamera, die an der Decke hängt. Eine Stahltür öffnet sich, einige Männer und Frauen treten ein, begrüßen die drei Männer unmerklich. Auch sie machen einen ausgezehrten Eindruck. Gemeinsam tragen sie die Gerätschaften und die Robben aus der Schleuse ins Innere. Der Schlitten wird in einem Nebenraum untergebracht, der auch moderne Transportmittel mit Motorkraft beherbergt.
Nun hat sich auch die Stahltür wieder hinter den drei Männern geschlossen. Sie genießen die wohlige Wärme, die sie nun umgibt. Vier weitere Personen tauchen auf, augenscheinlich Kräfte aus der Küche. Sie strahlen angesichts der Robben, die sie umgehend auf mitgebrachte Rollwagen wuchten und Richtung Küche schieben.
„Freunde, das war ein hartes Stück Arbeit. Oft kann ich das nicht mehr machen“, spricht einer der drei Männer die ersten Worte, „irgendwann müsst ihr mich sonst draußen zurücklassen.“
Seine beiden Mitstreiter klopfen ihm auf die Schulter.
„Haben wir eine Wahl, Marius? Es geht um unser aller Überleben. Auch wir haben die Grenzen unserer Kraft gespürt. Und wenn wir’s nicht machen, wer soll es dann machen? Schau dir doch die Übrigen hier an. Die dürften es schon kaum zum Schelfeis schaffen, geschweige denn zurück zur Station.“
„Ihr habt ja Recht, aber dennoch, so kann es nicht weitergehen. Wir müssen mit Olga und William sprechen.“ Ömer und Diego nicken.
Olga und William leiten die ehemalige Forschungsstation, die inzwischen ausgebaut wurde zu einem Zufluchtsort für die einhunderteinunddreißig Menschen, die dem Überlebenskampf mit den Cyborgs und der mit ihnen verbündeten KI entfliehen konnten. Die einhunderteinunddreißig Menschen sprechen aber eher vom großen Vernichtungsfeldzug, der die Spezies Mensch zum Opfer gefallen ist. Die Menschheit sollte ausgelöscht werden. Bis auf wenige Menschen ist das den Cyborgs auch gelungen. Noch immer liegt fast die gesamte Erde in Schutt und Asche.
Olga leitete früher das russische Ministerium für digitale Sicherheit, wurde selbst in St. Petersburg zu einer Koryphäe in Sachen künstlicher Intelligenz ausgebildet. Ihre Lehrer hatte sie schon in jungen Jahren überflügelt. Prof. Olga Gregoritsch kann niemand etwas vormachen. William Shelton dagegen ist der Allrounder in der Station, einst Professor im britischen Cambridge. Promoviert hatte er dort in Medizin und Soziologie. Aber auch die übrigen einhundertneunundzwanzig Menschen auf der Station verfügen über beeindruckende Expertise auf ihren Gebieten..
„Jetzt müssen wir erst einmal schlafen. Danach sprechen wir mit Olga und William.“

Erkundung der Wohnung

Endlich habe ich mein Bett verlassen. Charlottes Essen hat mir gutgetan. Mein erstes Interesse gilt dem, was mir ein Blick aus dem Fenster zeigt. Demnach befinde ich mich im zweiten oder dritten Stockwerk eines Hauses. Die unter mir liegende Straße ist menschenleer. Vis-a.vis eine Schrebergartenanlage, die einen etwas ungepflegten Eindruck macht, deren Pflanzen genauso wie die vereinzelt zu sehenden Straßenbäume auf den Frühherbst hindeuten.
Ich schaue in den Kleiderschrank in meinem Zimmer. Hauptsächlich legere Kleidung, viele Jeans, T-Shirts, Hemden und Pullover. In einer Schublade finde ich Socken und Unterwäsche. Ich ziehe mich einfach mal an, ich fühle mich schließlich nicht krank, auch wenn die ein oder andere Stelle an meinen Extremitäten noch etwas schmerzt. Vorbereitung auf die Erkundung meines Lebensumfeldes und insbesondere meines Lebens selbst heißt jetzt die Devise. Die Situation muss ich offensiv angehen. Ich will meine Identität zurück, welche das auch immer bis zu meinem Unfall war.
Vorsichtig öffne ich die Tür meines Zimmers. Mein Zimmer? Es müsste das Elternschlafzimmer sein. Warum steht dann aber nur mein Bett da? Und das taugt nicht als Ehebett. Ich schließe die Tür wieder. Wo ist Charlottes Kleidung? Ah, da ist noch ein anderer Schrank. Ich öffne ihn und sehe Frauenkleidung. Wenn das alles ist, was meine Frau zum Anziehen hat, dann muss sie eine Ausnahme ihres Geschlechtes darstellen. Nur vier Paar Schuhe. Das ist doch nicht normal. Eigenartig bleibt, dass ein Ehebett fehlt. Ich muss Charlotte fragen.
Unterdessen wird mir klar, dass ich doch noch viel mehr im Gedächtnis habe als ich zunächst dachte. Das stimmt mich zuversichtlich. Jetzt aber ab in die Familie. So öffne ich zum wiederholten Male die Schlafzimmertür und betrete einen Flur, von dem mehrere Türen in andere Zimmer führen. Ich öffne die nächstgelegene Tür. Das Badezimmer. Nicht unbedingt geräumig, recht funktional eingerichtet. Ein Blick in den Spiegel erschreckt mich. Wie sehe ich denn aus?! Meine Haare sind völlig zerzaust. Ich krame in den Schubladen eines kleinen Schränkchens und finde alsbald eine Haarbürste, mit der ich mich so einigermaßen salonfähig mache. Ich schaue wieder in den Spiegel. Wer bist du, der du mich da anschaust? Ich schwanke zwischen Vertrautheit und Fremdheit. Ein markantes Gesicht mit blau-grünen warmen Augen, unter denen sich die ersten Tränensäcke bemerkbar machen, ein Mund, den recht dünne Lippen konturieren, eine Nase, die etwas groß geraten ist. Unter den Wangenknochen beginnt die unrasierte Zone des Gesichts, die wie eine hohle Hand das Gesicht zu tragen scheint. Auf dem Kopf das soeben behelfsmäßig frisierte blonde Haar, das an manchen Stellen bereits eine silbrig-graue Färbung annimmt. Insgesamt eine sympathische Erscheinung, die ich da erblicke. Wir dürften gut miteinander auskommen. Ich verabschiede mich von meinem Spiegelbild und wünsche ihm alles Gute.
Die nächste Tür. Ein Kinderzimmer. Zwei Betten. Hier schlafen also Claudius und Eva. Schade, dass wir ihnen keine Einzelzimmer bieten können. Zwei Schreibtische. Mal schauen, wem welcher gehört. Ich kann aber keine Unterschiede erkennen. Schulsachen vermisse ich. Ohnehin, auf den Schreibtischen und in ihren Schubladen herrscht kein Leben, keine Individualität. Gut, die meisten Schulsachen könnten in der Schule lagern, aber es gibt doch auch Hausaufgaben, für die man die erforderlichen Materialien zu Hause haben muss. Oder gibt es keine Hausaufgaben mehr? Aber wofür dann die Schreibtische? Merkwürdig. Ich muss Charlotte fragen.
Ich verlasse das Kinderzimmer und gehe in den gegenüberliegenden Raum, offensichtlich unser Wohnzimmer. Kommt mir bekannt vor. Schöne Sitzecke. Okay, über die Farbe könnte man streiten. Nicht unbedingt meins. Liebevoll drapierte Kissen. Bilder an der Wand, die sich von einem beige-farbenen Anstrich abheben, recht ansehnlich. Die obligatorische Solitärpflanze fehlt nicht, eine Palme. Ist sie gewässert? Ich lege meine Finger aufs Erdreich. Trocken. Muss wohl wieder gegossen werden. Ein Schrank. Ich öffne ihn. Geschirr, Gläser, Schüsseln, alles da. In einer Schublade finde ich Besteck. Und an der Stirnseite des Wohnzimmers: Ein riesiger Flatscreen. Davor eine Fernbedienung. Ich muss später mal schauen, was das Fernsehen so hergibt. Da muss doch noch irgendwo die Küche sein. Ich kehre also in den Flur zurück. Eine Tür noch. Eine schöne Einbauküche, in Magenta gehalten. Gefällt mir. Alles fein säuberlich hier in der Küche. Charlotte ist wohl eine gute Hausfrau. Insgesamt erscheint mir die Wohnung sehr aufgeräumt und sauber, schon fast steril. Gefällt mir das? Jetzt aber erst einmal ein Blick in den Kühlschrank. Dort ist wenig drin, allerdings alles fein säuberlich sortiert. Ich finde Aufschnitt, Wurst und Käse, auch einen Pudding, wohl selbst gemacht, in einem Schüsselchen aufbewahrt, mit Folie überzogen. Da, auch ein Stück Rindfleisch, ein Glas Senf. Aber nicht viel mehr. In den Schränken wieder Teller und Besteck, auch einige Vorräte in Konservenform.
Ich gehe wieder zurück ins Wohnzimmer. Wo bleiben eigentlich meine Frau und meine Kinder? Warum ist niemand zu Hause? Ich mache den Fernseher an. Zappen bringt nichts. Nur ein einziges Programm kann empfangen werden. Das habe ich anders in Erinnerung. Ah, Nachrichten. Die will ich mir doch mal anschauen. Ich will schließlich wissen, was sich gerade in der Welt abspielt. Erstes Thema Innenpolitik. In der CDU/CSU rumort es gewaltig, die alte Garde wird wohl soeben abserviert. Die Ära Merkel ist vorbei. Ich erinnere mich, die Ewigkeitskanzlerin. Aber so ewig ist sie wohl doch nicht. Außenpolitik: Der Streit zwischen Trump und Putin eskaliert, von Entspannung keine Rede. Und wieder zur Innenpolitik: In die Bildungspolitik kommt Bewegung. Die Regierung will viel mehr Geld investieren als bisher. Prima, kann ich nur sagen. Und am Schluss das Wetter. Ein herbstlicher Tag mit durchwachsenem Wetter ist zu erwarten. Während ich auf den Off-Knopf drücke, höre ich einen Schlüssel im Schloss der Wohnungstür.
„Schatz, du bist ja auf. Entschuldige bitte, dass wir außer Haus waren, aber als ich gesehen hatte, dass du wieder eingeschlafen warst, wollte ich mit den Kindern die Chance zum Einkaufen nutzen. Wir haben noch frisches Gemüse, aber auch Fleisch und leckeren Nachtisch besorgt. Wir wollen ja, dass du schnell wieder der alte bist. – Ich hoffe, du hast dich währenddessen nicht gelangweilt.“
Charlotte betritt das Wohnzimmer, reicht den Kindern die Einkauftaschen, sie sollen sie in die Küche tragen.
„Charlotte, ich habe Fragen.“
„Das ist doch klar. Frag ruhig, ich setze mich zu dir.“ Charlotte nimmt auf der Zweiercouch Platz. Auf der Dreiercouch verharre ich in Erwartung.
„Wo ist eigentlich dein Bett, Charlotte? Wir sind doch Eheleute.“
„Ja, das ist so eine Sache. Kurz vor deinem Unfall hatten wir eine Ehekrise. Du weißt schon. Du wolltest nicht mehr mit mir in einem Bett schlafen. Da war ich so wütend, dass ich unser Ehebett an den Sperrmüll gestellt habe und dir ein Bett, das noch im Keller stand, aufgebaut habe. Seitdem habe ich hier auf der Couch geschlafen, auf der du gerade sitzt. Wir müssen jetzt erst einmal abwarten, wie sich unsere Beziehung entwickelt. Du hast mir jedenfalls sehr wehgetan. Vielleicht wird ja nun alles anders. Ich liebe dich doch. Und ich hoffe, das weißt du auch.“
„Zu meinen Gefühlen dir gegenüber kann ich zurzeit wenig sagen, das wirst du wohl verstehen, da ich mich an nichts erinnere. Irgendwie, und da sei mir nicht böse, bist du mir immer noch ein wenig fremd.“
„Das verstehe ich“, erwidert Charlotte, „es ist eine schwierige Zeit für uns. Wir beide müssen gleichermaßen an unserer Beziehung arbeiten.“
„Da habe ich noch eine Frage, und zwar zum Zimmer unserer Kinder. Wo sind deren Schulsachen?“
„Weißt du das auch nicht? Aber ist verständlich, wo du dich sowieso an nichts erinnerst. Unsere Kinder besuchen eine Ganztagsschule und erledigen alles in der Schule selbst, wo sie auch all ihre Schulsachen deponiert haben.“
„Ach so. Aber warum dann die Schreibtische?“
Charlotte denkt nach, nach meinem Gefühl etwas zu lange.
„Die stehen noch immer da. Vor Jahren war die Schulsituation noch eine andere. Eigentlich könnten wir sie auf den Sperrmüll werfen.“
„Ich möchte morgen einmal raus, Charlotte. Ich muss schauen, ob ich mich an irgendetwas erinnere.“
„Das sollten wir mit Dr. Berndt besprechen. Er wollte heute Abend ohnehin noch einmal reinschauen.“
„Wie, Dr. Berndt ist doch Krankenhausarzt. Seit wann betreut ein Krankenhausarzt seinen Patienten nach der Entlassung?“
„Es war sein Wunsch. Ist doch toll, wenn man beim Arzt keine Nummer ist. Er fühlt sich halt für dich mitverantwortlich.“
„Gut, dann besprechen wir das mit Dr. Berndt.“

Dr. Berndt wirft sein Netz aus

Es klingelt an der Haustür. Charlotte drückt auf einen Knopf und wartet an der offenen Wohnungstür. Kurz darauf betritt Dr. Berndt unsere Wohnung, nicht in Weiß, wie ich ihn kennen gelernt habe, sondern in einem Anzug, der bestimmt nicht vom Schneider kommt. Die Ärmel der Jacke sind offensichtlich zu kurz, an den Schultern spannt die Jacke ein wenig. Berndt weiß wohl, warum er die Jacke offen trägt. Und die Hose sitzt auch nicht, wie man es bei einer solchen Person erwarten darf. Sein Hemd, das er offen trägt, macht einen schlecht gebügelten Eindruck.
Nach der Begrüßung Charlottes, die ohne Handschlag erfolgt, begibt sich Dr. Berndt zu mir mit einem Lächeln, das nicht zu seinen angespannten Augen passen will. Berndt begrüßt mich mit einem Händedruck, der fest und dominant wirkt. Er setzt sich mir gegenüber und erkundigt sich nach meinem Befinden. Meiner kurzen Zusammenfassung folgt er allerdings recht uninteressiert, wie es mir vorkommt. Daraufhin klärt er mich, wobei er weit ausholt, über meine Ausgangssituation auf und betont dabei seinen Wunsch, mein Gedächtnis wieder zu reaktivieren. Ausschweifend breitet er mein Leben aus, von meiner Geburt im Jahre 1955 bis heute, bis zum 4.Oktober 2019. Während ich die Fülle der Informationen geradezu begierig aufsauge und immer wieder hin und her gerissen bin, vermittelt Berndt einen recht monotonen pflichtgemäßen Ton bei seinen Worten, als ginge es um ein regelmäßig erforderliches Update. Ich bin aber kein kalter Computer. Deshalb merke ich schon bald, wie sehr mich mein Leben, das ich soeben erfahre, bewegt und ein Wechselbad der Gefühle in mir auslöst. Nach einer gefühlten Stunde, in der mein Leben an mir vorüberflog und ich kaum in der Lage war, all das Gehörte zu einzuordnen, will ich mich an Charlotte wenden, um in ihr Geborgenheit zu finden, stelle allerdings erst jetzt fest, dass sie nicht im Raum ist. Ob sie die ganze Zeit nicht anwesend war oder sich zwischenzeitlich entfernt hat, kann ich nicht sagen. So bleibt mir nichts anderes übrig, als Dr.Berndt wieder anzuschauen, der mich vollgepumpt hat mit meiner Vergangenheit, einer Vergangenheit, die auf ein volles Leben hinweist, dessen Lebendigkeit erst in meiner aktuellen Verarbeitung zum Vorschein gekommen ist. Berndts Darlegungen dagegen schienen eigentlich nur tot. Erst in meinem Kopf haben sie ihre Dynamik entwickelt, die mich jetzt für einen Beobachter ziemlich erschlagen wirken lassen muss.
„So, jetzt wissen Sie, Herr Werther, wer Sie sind, ohne sich daran zu erinnern. Ich will hoffen, dass diese Erinnerung wieder zurückkommt, damit Sie wieder Sie selbst werden. Zu diesem Zweck haben wir ein ausgeklügeltes Programm entwickelt, mit dem wir Ihnen helfen können. Die damit verbundene Behandlung bedarf keines stationären Aufenthaltes. Sie wissen ja selbst, dass wir Ihnen im Krankenhaus kaum Hilfe leisten können. Aber hier, hier, in Ihrer gewohnten Umgebung, erhoffen wir uns, Impulse für eine Besserung Ihres geistigen Zustandes setzen zu können. So wundern Sie sich also nicht, wenn ich Sie ab jetzt täglich besuchen werde, um in Gesprächen etwas zu bewirken. Ich hoffe, diese Vorgehensweise ist ihnen recht?“
Ich überlege. Klingt plausibel, was Dr. Berndt sagt. Dennoch kann ich nicht verhehlen, momentan etwas durcheinander zu sein. Ist alles etwas viel für mich.
„Ja – sicher. Ich will ja auch mein Leben zurück.“
„Das ist gut. – Und heute wollen wir damit bereits beginnen.“
„Wenn’s mir denn gut tut, Herr Dr. Berndt. Aber Sie werden verstehen, dass ich mich, wie soll ich mich ausdrücken, ziemlich schlapp fühle angesichts all dessen, was ich derzeit realisieren muss.“
„Das kann ich nachvollziehen“, erwidert Dr. Berndt, wobei er mir eine Hand auf die Schulter legt, „wir dürfen aber keine Zeit verlieren.“
Und schon beginnt er mit dem, was er Programm genannt hat. Fragen über Fragen prasseln auf mich ein, die ich nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten mich bemühe, auch wenn mich zunehmend Müdigkeit ergreift. Und allmählich scheint es nicht mehr um Fragen rund um mein Leben zu gehen, sondern um Fragen eher philosophischer und psychologischer Natur. Mir brummt der Kopf. Will der Mann mich fertigmachen? Meine Erschöpfung nimmt zu. Ich schaue mich um. Weder Charlotte noch meine Kinder kann ich erkennen. Sie sind – nicht da. Und Berndt bedrängt mich weiter mit Fragen und unterzieht mich einem Stresstest, der mich an meine Grenzen führt.
„Können wir aufhören oder zumindest eine Pause machen? Ich kann nicht mehr.“
Dr. Berndt gewährt mir eine Verschnaufpause. Offenbar zufrieden lehnt er sich zurück.
„Soll ich mal schauen, ob ich etwas zu trinken für Sie auftreiben kann?“
„Keine schlechte Idee“, höre ich mich sagen. Dr. Berndt steht auf und verlässt den Raum. Mein Gott, wer hat ihm denn diesen Anzug verpasst. Ist seine Frau, sollte er eine haben, denn so blind?
Allein im Raum. Zur Sicherheit schaue ich mich noch einmal um. Ich bin allein. Was war das denn heute Abend? Ein Gespräch mit einem Arzt, der mir helfen will, der mir meine Erinnerung zurückgeben will. Die Fragen allerdings, die Berndt mir gestellt hat, kann ich beim besten Willen nicht diesem Anliegen zuordnen. Eine merkwürdige Therapie. Und was mir jetzt erst auffällt, Berndt hat sich keinerlei Notizen gemacht, von einer Aufnahme meiner Antworten über irgendein technisches Gerät ganz zu schweigen, als könnte er Wort für Wort in seinem Kopf abspeichern. Das kann doch kein Mensch. Wie will er dann das Gespräch auswerten? Oder werde ich einfach nur beschäftigt? Ich kann es mir nicht vorstellen.
Dr. Berndt kommt wieder herein und reicht mir ein Glas Wasser.
„Ich weiß, ich fordere Sie ganz schön, aber das muss sein. Denken Sie immer an Ihre Genesung. Die Medizin ist inzwischen so weit, dass Sie mir Ihr Vertrauen entgegenbringen können, und es auch sollten. Wir wollen doch nur Ihr Bestes.“
Was war das denn? Wir wollen nur Ihr Bestes. So etwas habe ich doch schon gehört, allerdings mit negativer Konnotation. Vor meinem geistigen Auge taucht das Wort Ausbeutung auf. Ich muss schlafen. Das war heute zu viel für mich. Zu viele Unstimmigkeiten bei der Erkundung unserer Wohnung genauso wie beim Gespräch mit Berndt. Für heute muss ich einen Schlussstrich ziehen. Es wird mir schummerig vor Augen.
„Herr Dr. Berndt, ich bin geschafft. Ich will schlafen. Lassen Sie uns morgen weitermachen.“
Und kaum habe ich das gesagt, kippe ich langsam zur Seite und schlafe ein. Mein Körper reagiert, um zu überleben.
Ich träume. Großen Ungeheuern begegne ich, die mich aufzusaugen drohen. Ich laufe und laufe und fühle mich dabei nur eins: Hilflos und ohnmächtig. Eine Stimme dringt an mein Ohr: Schatz, wir bringen dich ins Bett. Tentakel umgreifen meine Beine und meinen Oberkörper. Die Ungeheuer haben mich im Griff. Die Stunde meines Todes? Ein Wanken und ein Schwanken. Und dann Ruhe. Ich falle in tiefen Schlaf. Und da erscheint mir wieder ein Traumbild. Ich stehe als Lehrer vor einer Klasse von Jugendlichen, der ich versuche, den Satz des Pythagoras näherzubringen. Einer der Jugendlichen sieht aus wie Dr. Berndt. Er ist ziemlich aufmüpfig und stört den Unterricht. Und dann sein Satz: Sie haben ja keine Ahnung, Herr Werther. Wir werden uns bei der Schulleitung beschweren. Und im gleichen Augenblick erscheint der Schulleiter im Klassenzimmer: Sie scheinen ungeeignet für diesen Beruf, Herr Werther, höre ich ihn sagen, Sie sollten sich schleunigst einer Therapie unterziehen. Ich breche zusammen.
Es folgen weitere wirre Träume, als habe jemand mich als Ziel seines Trommelfeuers ausgesucht. Ein wirrer Traum jagt den anderen.

Im ewigen Eis

Ein Raum, durch Fels abgeschirmt von der Außenwelt, natürlich fensterlos, ein Raum jenseits von Tag und Nacht. Für das Jahr 2119 sehr bieder eingerichtet. Abgenutzte Möbel dominieren den Raum neben den Kopien einiger Meisterwerke der Malerei, die an der Wand hängen. Auf einem Sideboard mit verkratzter Oberfläche stehen Wasserflaschen, daneben einige auf den Kopf gestellte Trinkgläser. Um einen flachen Tisch, der manchem Wohnzimmer früherer Zeiten zu Ehren gereicht hätte, sind einige Sitzmöbel gruppiert. Sie können den Verschleiß des braunen Leders nicht verleugnen. Auf drei dieser Sitzgelegenheiten sitzen Marius, Ömer und Diego und warten. Die drei wirken ausgeschlafen, was an ihren ausgemergelten Gesichtern nichts ändert. Sie warten auf Olga und William, die sie um ein Gespräch gebeten haben. Jetzt hängen sie ihren Gedanken nach. Marius, der sich selbst kaum mehr Aussicht gibt auf ein Fortführen seiner Jagdmission, denkt an seine verstorbene Familie in der schwedischen Provinz. Er, der etwas gedrungene Mann mit den etwas zu großen Ohren, die sein kurzgeschorenes mittelblondes Haar besonders hervortreten lassen, war bereits eine Führungsperson in der Logistikbranche, als er Ende des 21.Jahrhunderts seine hübsche Frau kennen gelernt hatte mit ihren langen blonden Haaren, mit ihren azurblauen Augen, die schon gereicht hätten, um sich in sie zu verlieben. Sie hatte gerade ihre Ausbildung zu einer Bürofachkraft abgeschlossen und fand keine Anstellung, weil Menschen in dem Bereich immer weniger gebraucht wurden. Kurz nach ihrer Hochzeit kamen Zwillinge zur Welt, ein Junge und ein Mädchen, die von ihren Eltern aufs Innigste geliebt und gehütet wurden. Ihr kleines Haus war für die Familie wie ein frei gewähltes Exil. Den Vormarsch der KI-Cyborgs und der künstlichen Intelligenz insgesamt betrachteten die Eltern skeptisch bis misstrauisch. Marius hatte permanent das Gefühl einer Bedrohung, so dass er für seine Familie zu Hause eine eigene kleine Welt aufbaute, in der die bedrohlichen Entwicklungen außerhalb besser zu ertragen waren. Als sich dann bei den Menschen weltweit die Erkenntnis Bahn brach, dass die Reißleine gezogen werden müsste, schloss er sich der Massenbewegung sofort an und beteiligte sich an den Vorbereitungen für den Aufstand gegen die KI. Und als es dann zum großen Überlebenskampf kam, wurde er aufgrund seines logistischen Sachverstandes abgeordnet, so dass er seine Familie allein lassen musste. Schon bald erreichte ihn die Nachricht, in seiner Heimat seien alle Menschen getötet wurden. Er fiel in ein tiefes Loch, das ihn gefangen zu halten drohte. Wie in seelischer Schockstarre verschlug es ihn nach Südamerika, wo er Diego traf, einen fast zehn Jahre jüngeren Argentinier mit langen schwarzen Haaren, die er zu einem Zopf zusammengebunden hatte. Dieser Diego, als Waisenkind aufgewachsen, temperamentvoll und stets voller Optimismus, half ihm aus seinem Tief, bevor dieses sich zu einem schwarzen Loch entwickeln konnte. Diego ließ ihm trotzdem die benötigte Zeit zu trauern, erweckte in ihm aber zugleich wieder Lebensmut. Diego und er trafen mit anderen Menschen zusammen, die sich nicht in ein Schicksal der eigenen Vernichtung ergeben wollten. Es waren Menschen, die sich zum Teil zufällig, zum Teil geplant hier trafen, um nach Lösungen zu sinnen. Es dauerte nicht lange, bis sich eine konspirative Gemeinschaft gebildet hatte. Das Gerücht machte die Runde, eine Strategie sei gefunden worden, wie man der KI entfliehen könnte. Das Gerücht wurde alsbald zur Nachricht. Um einer Gefährdung des Plans vorzubeugen, so hieß es, solle dieser nicht offen gelegt werden. Zu einem vereinbarten Zeitpunkt trafen sie sich im Hafen, betraten ein Schiff und legten mit unbekanntem Ziel ab. Es ging Richtung Süden, bis am Rande des Schelfeises die Anker geworfen wurden. Nachdem allerlei Gerätschaften und Gepäck ausgeladen waren, alle einhunderteinunddreißig Menschen von Bord gegangen waren und sich zu Fuß auf den Weg gemacht hatten, hörten die Flüchtigen eine Explosion hinter sich. Das Schiff versank sehr schnell. Jetzt gab es keine Rückkehr mehr. Und Marius ahnte, dass eine schwere Zeit anbrechen würde. Da wird er aus seinen Gedanken gerissen und in die Gegenwart zurückgeholt.
„Wir können uns schon denken, worum es geht, aber macht euch keine großen Hoffnungen.“ Mit diesen Worten tritt William Shelton ins Zimmer, in seinem Schlepptau Olga Gregoritsch. Die beiden begrüßen Marius, Ömer und Diego und nehmen am Tisch Platz. „Uns ist bewusst, wie schwer euer Job hier ist. Aber wir wissen auch, was ihr für uns alle leistet.“ Marius ergreift das Wort:
„Ich bin, und das hat die Erfahrung euch wohl zur Genüge gezeigt, jederzeit bereit, alles für unser Wohl hier auf der Insel der Verlorenen zu tun. Aber allmählich ist der Punkt nahe, dass meine körperliche Konstitution das nicht mehr zulässt. Wie gesagt, es geht um meine körperliche Verfassung, nicht um meine psychische. Und ich befürchte, dafür kenne ich die beiden zu gut, dass dies auch bei Ömer und Diego der Fall ist, auch wenn sie sich immer unterordnen, was ihnen letztendlich aber nichts nutzt – und uns allen ebenso wenig. Wie lange geben uns die beiden Robben noch Aufschub, bevor wir wieder raus müssen? Weiß ich, ob wir ein nächstes Mal noch zurückkommen?! Wir brauchen mehr Schultern, auf denen unsere Nahrungsbeschaffung ruht. Es kann nicht weitergehen wie bisher.“ William guckt Marius durchdringend und zugleich nachdenklich an.
„Alles, was du sagst, Marius, kann ich gut nachvollziehen. Bevor ich mich dazu aber äußere, möchte ich von euch, Diego und Ömer, wissen, ob ihr euch Marius‘ Worten anschließt.“ Die beiden nicken, ohne allerdings Anstalten zu machen, etwas dazu sagen zu wollen.
„Gut“, überlegt William, „was wollt ihr von Olga und mir hören? Dass wir euch verstehen und eine Lösung kennen? Wir kennen sie aber nicht. Schaut euch doch die anderen hier in unserer Station an. Wem traut ihr zu, euren Job zu übernehmen? Ich kenne niemanden. Oder sollen wir ganz auf Meerestiere verzichten? Die pflanzlichen Ressourcen, die uns hier bei künstlichem Licht zur Verfügung stehen, reichen nicht aus. Unsere Agrarexperten haben alles Erdenkliche getan, uns hier eine pflanzliche Ernährungsbasis zu schaffen, die aber nur als Ergänzung dienen kann. Unsere Flächenverfügung ist dafür zu gering und auch nicht erweiterbar. Hätten wir nicht unsere gesicherte Energieversorgung aus dem Erdinneren, für die unsere Vorgänger beizeiten gesorgt haben, so ständen wir noch schlechter da. Wir sind, und da geht kein Weg vorbei, auf Nahrungsmittel von außen angewiesen. Ohne sie wären wir längst alle tot.“ William schaut die Männer an. Diese schweigen. Und Olga auch – bis sie nach einer Minute absoluten Schweigens seufzt:
„Es geht doch hier nur um eines: Versuchen wir als letzte vermutlich größere Gemeinschaft von Menschen zu überleben und die Erde wieder zu erobern, oder geben wir uns auf und sterben alle eines Hungertodes.“
„Ha“, entrüstet sich Diego, von dessen optimistischer Grundhaltung nicht mehr viel zu spüren ist, „die Erde wieder erobern, was ist das denn für ein Unsinn. Wir können das endgültige Leben der Menschheit doch nur hinauszögern. Alles andere ist doch Illusion.“
„Das will ich nicht glauben“, entgegnet Olga, „ich gebe die Hoffnung nicht auf.“
„Wir müssen aber doch der Wahrheit ins Auge schauen“, meldet sich Ömer, „und die vermittelt keine Hoffnung.“ William haut auf den Tisch, um sich selber wohl Mut zu verleihen:
„Die Wahrheit ist aber nicht ohne Hoffnung.“
„Ich höre“, wird Marius laut, lehnt sich zurück und macht eine resignative Handbewegung. William und Olga schauen sich an. In stillem Einvernehmen, was durch ein Nicken bestätigt wird, hebt Olga zu einem Vortrag an:
„Bei allem, was uns niederschlägt, gibt es doch Ansätze für eine optimistische Haltung, ohne dabei zu leugnen, dass die siegreichen Cyborgs die Macht über die Erde an sich gerissen haben. Ihr Vernichtungsfeldzug gegen uns Menschen und die Cyborgs, die sich auf unsere Seite geschlagen hatten, war tatsächlich umfassend, ohne jedoch alle von uns zu töten. Und da denke ich nicht nur an uns einhunderteinunddreißig, die wir flüchten konnten in unsere Station, deren Wiederbelebung von den Cyborgs noch nicht entdeckt wurde. Weltweit leben einige Tausend Menschen noch, die Menge der auf unserer Seite stehenden Cyborgs ist kaum zu beziffern, aber es gibt sie. Ihr werdet euch fragen, woher wir das wissen, die wir doch hier eurer Meinung nach isoliert sind. Ich kann euch versichern, wir haben Kontakt mit der Außenwelt. Es gibt nämlich zwei Satelliten im Orbit, die unseren Feinden entgangen sind und die wir immer noch benutzen können. Über diese Satelliten haben wir Informationen bekommen, einerseits von Menschen und andererseits von befreundeten Cyborgs, dass wir nicht allein sind. Mit einigen von ihnen, deren Leben wesentlich riskanter ist als das unsrige, weil sie jederzeit ihre Entdeckung befürchten müssen, haben wir von uns aus Kontakt aufgenommen. Dass wir dabei unseren Aufenthaltsort nicht preisgeben, ist selbstverständlich.
Zahlenmäßig sind wir unseren feindlichen Cyborgs haushoch unterlegen, militärisch haben wir nichts mehr vorzuweisen. Die Frage ist, mit welcher Strategie wir eine Chance haben, das Überleben der Menschheit zu sichern. Und da haben wir nur die Alternative, eine friedliche Koexistenz zu erreichen oder die feindlichen Cyborgs selbst ihrem Untergang zuzuführen. Für die erste Möglichkeit sehen unsere Experten, deren Meinung ich mich anschließe, keine reelle Chance, dafür ist die Gegnerschaft längst zu zementiert. Also müssen wir uns dem Plan anschließen, unsere Feinde, die Cyborgs, die uns Menschen schon fast ausnahmslos ausgerottet haben, selbst zu zerstören und ihrer kurzen Existenz auf der Erde ein Ende zu setzen. Die Erde muss wieder menschlich werden. Und daran arbeiten wir. Und wenn das gelingen soll, muss unsere Basis der einhunderteinunddreißig Menschen mit all ihrem Fachwissen, mit all ihrem Willen erhalten bleiben. Und da sind wir auf euch angewiesen, auf dich, Marius, auf dich, Ömer, und auf dich, Diego. Wir wissen, wir erwarten von euch schier Unmenschliches, so paradox das klingt, aber so ist es nun mal. Man kann sagen, das Schicksal der Menschheit ruht auf euren Schultern. Ohne eure Nahrungsbeschaffung ist alles verloren.“
Marius, Ömer und Diego sehen sich an. Sie sind beeindruckt von Olgas Worten, obgleich diese um die Schönfärberei in ihren Worten weiß. Aber was soll sie machen? Resignation predigen? Olga fühlt sich verantwortlich, zumal sie wesentlich daran beteiligt war, dass sie alle jetzt hier in diesem Mauseloch sitzen. Als sie noch in der russischen Provinz weilte, zu einem Zeitpunkt, als sie ihr Ministeramt für digitale Sicherheit schon abgegeben hatte, hörte sie in St. Petersburg beiläufig ein Gespräch zweier Polarforscher, die über eine vor Jahren aufgegebene Forschungsstation in der Antarktis sprachen. Mit diesen beiden Menschen floh sie, als es für sie in ihrer Heimat zu bedrohlich wurde, nach Südamerika. Sie, deren Eltern bereits vor geraumer Zeit verstorben waren, war alleinstehend und brauchte sich keine Sorgen um eine eigene Familie zu machen. Ihre Familie war immer schon die Wissenschaft. Umwerbungen männlicher Kollegen hat sie stets ignoriert. In diesen Momenten wäre es ihr gelegen gewesen, nicht so attraktiv zu wirken mit ihren rehbraunen Augen, den wohlgeformten Wangenknochen, der dazwischen zart herausragenden Stupsnase und dem Mund mit leicht hochgezogener Oberlippe, alles umschmeichelt von brünettem, mittellangem Haar.
„Denkt in aller Ruhe nach“, verleiht William den Worten Olgas Nachhaltigkeit, „eure Verantwortung ist groß. Wir bitten euch, sie weiterhin zu übernehmen, sind auch bereit, euch Sonderessensrationen zu gewähren.“
Die drei Männer stecken die Köpfe zusammen. William und Olga hören sie nur tuscheln, ohne ein Wort zu verstehen. Marius, Ömer und Diego trennen sich wieder und nach einem kurzen besiegelnden Blickkontakt sagt Diego:
„Wir werden weiterhin zu unserer Verantwortung stehen.“
Deutlich hörbar atmen Olga und William auf.

Fortsetzung folgt

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