NEU: ein Fortsetzungsroman im Lokalkompass - täglich eine neue Folge
2119 ff. - Folge 4

Charlottes Ende

Charlotte tritt die Türe ein. Für sie kein Problem. So lange duscht doch niemand. Auf ihr Klopfen hat Werther nicht reagiert. Und ihrer künstlichen Intelligenz im Kopf wurde gemeldet, die Kamera liefere wegen der Dampfschwaden keine erkennbaren Bilder mehr. Noch nicht einmal Bewegungen seien registriert worden. Er müsse sich aber noch im Bad befinden. Sein Implantat würde seine Anwesenheit signalisieren. Mit aufgerissenen Augen scannt Charlotte den Raum. Beim Blick auf das geöffnete Fenster erfasst Entsetzen ihr Gesicht. Werther ist nicht mehr da. Auf dem Boden das Implantat, eine Rasierklinge in geringer Entfernung. Um die Toilette ein Behelfsseil gebunden, das durch das Fenster nach außen führt. Charlotte hechtet ans Fenster, sucht mit ihren Augen nach Werther. Nichts zu sehen. Charlotte sendet Alarmstufe Rot an Dr. Berndt. Der aber hatte längst Ungemach gewittert und eilt soeben um die nächste Straßenecke, wo sie sich noch vorhin getroffen hatten. In seinem Gefolge mehrere Cyborgs aus dem Projektteam, diese ohne die Maskerade, die sich die Protagonisten um Werther zugelegt hatten, und einige Roboter. Sie stürzen die Treppe hinauf und stehen jetzt im Eingang des Bads.
„Ach du Scheiße.“ Worte, die Charlotte noch nie aus Berndts Mund gehört hat.
„Emergency-Meeting, Cyborgs!“
Charlotte weiß, was das bedeutet. Eine Konferenz mit digitaler Komplettpräsenz von KIGLOBAL, der obersten künstlichen Intelligenz, von der nur wenige wissen, wo ihre Hardware stationiert ist. Berndt weiß es sicherlich, würde es aber niemals verraten. Emergency-Meetings werden nur einberufen, wenn existenzieller Handlungsbedarf für die Cyborgs oder die künstliche Intelligenz besteht. Und der scheint nun vorzuliegen. Erst einmal hatte Charlotte die Einberufung eines Emergency-Meetings am Rande mitbekommen. Das war noch während des großen Überlebenskampfes. Einige Auserwählte ziehen sich mit Berndt ins Wohnzimmer zurück und verschließen die Tür. Umringt von einigen Cyborgs und Robotern verbleibt Charlotte stehend im Korridor der Wohnung. Alle schweigen - und aus dem Wohnzimmer dringt kein Wort nach draußen, was nicht verwunderlich ist, konferieren die Teilnehmer doch nun auf digitalem Wege. Zehn Minuten später bittet Dr. Berndt alle ins Wohnzimmer.
„Wir haben uns mit KIGLOBAL verständigt, wie wir vorgehen. Oberste Priorität: Wir müssen Werthers lebend habhaft werden. Das haben wir uns selbst eingebrockt. Im großen Überlebenskampf sind wir so sehr in einen Blutrausch verfallen, dass wir es versäumt haben, uns einige Exemplare der Gattung Mensch zu sichern, ohne deren Studium uns die Geheimnisse des selbstbestimmten Lebens in Freiheit auf ewig verschlossen bleiben. Werther ist unsere einzige Hoffnung. Wenn wir dem Rätsel nicht auf die Spur kommen, läuft die Zeit der Cyborgs unweigerlich ab. Die Welt würde von Wesen rein künstlicher Intelligenz beherrscht. Aber das will niemand. Dieser Ansicht schließt sich KIGLOBAL voll umfänglich an, weil in seiner Programmierung das Postulat von selbstbestimmtem Leben in Freiheit von uns selbst verankert ist.
Wir haben soeben eine Agenda entwickelt, mit deren Hilfe wir Werther bekommen werden. Es wäre müßig, die einzelnen Maßnahmen hier im Detail offenzulegen. In diesem Moment wird aber schon begonnen, die Agenda umzusetzen.
Und jetzt zu dir, CY937DU, oder soll ich lieber Charlotte sagen? Dein Auftrag war nicht schwer. Dir waren mit Claudius und Eva zwei helfende Roboter zur Seite gestellt. Du hast aber auf der ganzen Linie versagt. Wir müssen dein Handeln schließlich vom Ergebnis her beurteilen. Das wirst du verstehen.“
„Ich weiß, dass ich etwas falsch gemacht habe“, versucht Charlotte, die Situation für sich zu retten, „aber jeder andere hätte womöglich genauso agiert wie ich. Menschen sind halt schlau und verhalten sich nicht immer nach unseren Vorstellungen von Logik. Außerdem musste ich mich auf die Beobachtungen von außen verlassen, ob über Werthers Implantat oder über die Kameras. Und da ist mir nichts übermittelt worden, was mich zum Eingreifen gezwungen hätte. Die Fehler liegen nicht nur auf meiner Seite.“ Charlotte legt eine kurze Pause ein, während der sie von Berndt erwartungsvoll fixiert wird.
„Ich will meine Fehler natürlich wiedergutmachen. Deshalb möchte ich in die Suche und Ergreifung Werthers einbezogen werden.“
Berndt lächelt. Charlotte sieht gespieltes Mitleid in seinen Augen.
„Wir müssen jetzt an einem Strang ziehen“, schiebt Charlotte nach.
„Charlotte, amüsant, deine Bemühungen. Nichts für ungut.“ Charlotte ahnt Böses.
In ihrem Rücken schwingt sich ein axtförmiges Etwas, das sich nun, als Charlotte gerade noch einmal anheben will, um etwas zu sagen, mit voller Wucht auf ihren Kopf senkt und den Schädel spaltet, wie es aus den barbarischsten Zeiten der Menschheit bekannt ist. Charlottes Kopf zerspringt in seine Einzelteile. Alles unblutig, ist Charlotte doch ein Konstrukt aus Maschine, Computer und nur ein wenig menschlichem Resthirn. Ihr Körper stürzt zu Boden, die Einzelteile der beschädigten künstlichen Intelligenz klimpern je nach Materialbeschaffenheit unterschiedlich laut auf dem Boden, manche Töne werden abgefedert durch Fetzen der Gehirnmasse, die an den Teilen haftet.
„Entsorgt sie“, quittiert Berndt lakonisch, „wir müssen jetzt an die Arbeit. Charlotte ist Geschichte. Gefühlsduseleien sind fehl am Platz. Wir haben Wichtiges zu tun. Ich erwarte von jedem Höchstleistung.“
Berndt erhebt sich. Mit ihm verlassen die meisten die Wohnung und das Haus.

Evelyn und Volker
Ich mag nur wenige Stunden geschlafen haben. Draußen ist es dunkel. Der Kopf schmerzt weiterhin. Ich habe Schüttelfrost. Fieber. Aber was hat mich geweckt? Da vernehme ich aneinander stoßende Steine, als würde jemand über die Trümmer klettern. Verhalte dich ruhig, sage ich mir.
„Wo bist du, Mensch?“, höre ich eine Stimme flüstern. Ja, flüstern, ohne bedrohlichen Unterton, wie eine Stimme, die Rettung versprechen könnte. Könnte, aber sicher bin ich mir nicht. Und wieder die Stimme: „Hab keine Angst. - Du bist in Gefahr. - Du musst hier weg. - Wo bist du?“ Wenn ich mich bemerkbar mache, könnte das mein Todesurteil sein, wenn nicht, was soll ich dann machen? Mein Plan reichte nur für die Flucht. Nun befinde ich mich aber in einem Folgestadium, für das kein Plan besteht, jedenfalls nicht von meiner Seite. – Ich schlage mit einem kleinen Stein, den ich vom steinigen Untergrund aufhebe, gegen ein neben mir befindliches Betonteil, um ein Geräusch abzugeben. Ich warte ab, ob sich Reaktionen einstellen. Für den Notfall ergreife ich ein scharfkantiges Trümmerstück, mit dem ich mich zur Wehr setzen könnte. „Ich habe dich gehört. Schlage noch einmal. Du brauchst keine Angst zu haben.“ Ich folge der Anweisung, die im gleichen Flüsterton wie bisher gehalten ist. Irgendwie vertrauenserweckend. Als erstes erkenne ich Füße vor der Öffnung, durch die ich vor Stunden in meinen Unterschlupf gekrochen bin. Dann schaue ich in ein Gesicht, erleuchtet von einer schwachen Lampe, welche die Frau in ihren Händen hält. „Hallo, ich bin Evelyn. Ich habe dich am frühen Abend beobachtet, musste mich aber selbst für einige Stunden verstecken. Du kannst mir vertrauen. Ich gehöre zu den Guten, auch wenn es davon nicht mehr viele gibt. Kannst du selbst herauskriechen, oder soll ich helfen. Wir müssen schleunigst an einen sicheren Ort. Du benötigst dringend medizinische Versorgung, willst du mir nicht unter den Händen wegsterben.“
Ich erhebe meinen Oberkörper unter Schmerzen, die inzwischen meinen ganzen Körper ergriffen zu haben scheinen, drehe mich und krieche aus meiner Trümmerhöhle. Kaum mit Hilfe dieser mir unbekannten Frau in die Aufrechte gebracht, stülpt sie mir eine Alufolie über, genau so eine, wie sie selbst trägt. Zur Sicherheit, wie sie sagt, die hätten gute Wärmekameras. Ich aber denke: Hoffentlich nicht wieder eine Charlotte. Wir machen uns auf den Weg. Ist es so kalt, oder ist es mein Fieber? Sie stützt mich. Erstaunlicherweise entfernen wir uns nicht von der Siedlung, sondern gehen in sie hinein. Ist mir derzeit auch egal. Wir betreten ein Haus, und schon bald finde ich mich in einer Wohnung wieder. Evelyn bringt mich zu einer Pritsche, auf die sie mich legt. Ich will mich noch bedanken, aber der Schlaf übermannt mich.
Licht scheint ins Zimmer. Ein Blick aus dem Fenster. Ein sonniger Herbsttag. Ich greife an meinen Kopf. Anders als gestern. Von Handtuch und Badetuch keine Spur mehr. Auf meinem Betttuch liegt ein Spiegel, wohl vorsorglich dort deponiert. Ich ergreife ihn und führe ihn vor mein Gesicht. Wer bist du denn? Kenne ich dich? So schlecht sehe ich gar nicht aus. Um meinen Kopf ein fachmännisch angelegter Verband, auch wenn der schon etwas vergilbt erscheint. Fieber habe ich auch keins mehr. Von Blut in meinem Gesicht nichts mehr zu sehen. Da hat mich wohl jemand auf Vordermann gebracht. Ich verspüre Hunger. Ein gutes Zeichen.
„Jemand zu Hause“, rufe ich mutig ins Off. Kurz darauf tritt Evelyn in den Raum, eine aparte Erscheinung, und schaut mich hocherfreut an. Jetzt erst kann ich sie so richtig betrachten, die bestimmt einen ganzen Kopf kleiner ist als ich. Irgendwie ein Allerweltsgesicht ohne Auffälligkeiten. Ihre blonden Haare sind etwas zottelig und recht kurz geschnitten, mit Sicherheit nicht von einem Friseur. Keine äußerliche Schönheit, aber auch nicht hässlich. Das Gesicht einer Person, die den Eindruck vermittelt, man könne mit ihr Pferde stehlen. Aber sobald Bewegung in ihr Gesicht kommt, erstrahlt von innen eine Schönheit, die sie irgendwie bezaubernd macht. Ihr etwas abzuschlagen, dürfte schwerfallen.
„Wieder unter den Lebenden?“ trägt ihr Lachen herüber zu meinem Bett. Ich lache zurück.
„Danke. Danke für alles.“ Und das sage ich ihr aus ganzem Herzen.
„Schon gut“, tut Evelyn meine Bemerkung ab, „es war mir eine Freude in diesen schlechten Zeiten.“
„Warum sind die Zeiten schlecht? Und was geht hier eigentlich vor? Ich habe so viele Fragen.“
„Später, mein lieber – ich kenn deinen Namen gar nicht.“
„Volker, wenn das stimmt, Volker Werther. Einen anderen Namen kenn ich nicht. Aber die Hand dafür ins Feuer legen würde ich nicht. Zu viel bin ich belogen worden, so dass ich die Wahrheit kaum mehr erkennen kann.“
„Also mach dich erst einmal fertig, dann frühstücken wir gemeinsam, und dann nehmen wir uns den ganzen übrigen Tag Zeit, um zu sprechen.“ Evelyn wendet sich ab, dreht sich noch einmal kurz um: „Willkommen bei Evelyn.“

Bestandsaufnahme

Da sitzen sie nun, Dr. Berndt und sein Projektteam. Bisher von Werther keine Spur, als sei er vom Erdboden verschluckt. Sogar die Drohnen mit ihren Wärmekameras haben ihn nicht orten können, jetzt, nachdem das Implantat nicht mehr helfen kann. Berndt steht unter Stress. Auch wenn er versucht hat, die alleinige Schuld auf Charlotte abzuwälzen, so ist ihm das nicht ganz abgenommen worden. Nicht nur KIGLOBAL hat ihm Vorwürfe gemacht, auch manche seiner Mitarbeiter geben sich als Inkarnation einer Vorwurfsinstanz.
„So, mein liebes Projektteam, Vorwürfe helfen nicht weiter. Deshalb sollte sich jeder damit zurückhalten. Die Situation ist verfahren, daran besteht kein Zweifel. Weshalb wir Werther brauchen, habe ich schon zur Genüge dargelegt. Deshalb müssen wir in lebendig erwischen. Unser aller Fehler, und da muss ich KIGLOBAL mit einbeziehen, war es, im großen Überlebenskampf alle Menschen zu vernichten. Die Menschen haben uns das Rätsel ihres selbstbestimmten Lebens mit all ihren Konsequenzen ungelöst hinterlassen. Unsere große Aufgabe ist es, das Rätsel zu lösen. Das ist die einzige Option. Gerüchte machen zwar die Runde, auf der Erde würden immer noch Menschen existieren, aber es sind nur Gerüchte. Und wenn an ihnen etwas dran sein sollte, dann wissen wir nicht, wo der Aufenthaltsort dieser Menschen ist. Und so lange wir da nichts Neues herausbekommen, müssen wir uns auf Werther konzentrieren. Werther ist für uns alternativlos. Und den suchen wir weiter. Künstliche Intelligenzen, ob auf der Erde oder in der Luft, und Cyborgs sind auf der Suche. Der bisherige Aufenthaltsort von Werther ist weiträumig abgesperrt, so dass wir uns auf einen begrenzten Raum beschränken können. Und ich bin mir sicher, dass wir ihn finden. Wer den großen Überlebenskampf für sich entscheiden konnte, wird da nicht versagen. – Sind von eurer Seite irgendwelche Vorschläge oder Anregungen?“
Das Projektteam schaut Berndt misstrauisch an. Die Flucht Werthers scheint seiner Autorität mächtig Abbruch getan zu haben.
CY340E bereitet der Stille ein Ende: „Uns ist sehr wohl bewusst, wie wichtig es ist, Werther zu finden. Und wir haben dir bisher vertraut. Uns ist es sogar aufgetragen worden. Ich kann mir angesichts der Geschehnisse aber nicht vorstellen, dass KIGLOBAL dir noch völlige Rückendeckung gewährt. Nicht CY937DU allein hat versagt, sondern auch du. Da du schon die Menschen erwähnt hast, so sei hier angemerkt, dass wir viel von ihnen lernen können, wie wir es schon oft genug getan haben. Erinnern wir uns, wie es bei politisch wirksamen Fehlentscheidungen früher war. Es gab nicht nur diejenigen, die Fehlentscheidungen getroffen haben, sondern auch diejenigen, die an übergeordneter Stelle dafür Verantwortung übernommen und ihre Konsequenzen gezogen haben. Damit liegt der Ball in deiner Spielhälfte, CYKI1, wie die Menschen so schön formulierten.“
Schweigen breitet sich aus – und Spannung. Welche Provokation! Wie wird Berndt reagieren? Sein Gesicht verrät keinerlei Regung. Doch er weiß, wie schnell die Stimmung gegen ihn kippen kann. Er hat schon viele Hürden übersprungen, die ihm im Weg standen. Und seine Verdienste sind unbestritten. Nicht umsonst konnte er sich in der Hierarchie der Cyborgs bis ganz nach oben hocharbeiten. Und jetzt kommt ein dahergelaufener Cyborg daher und stellt ihn in Frage. Er empfindet Majestätsbeleidigung. Die kann er nicht durchgehen lassen. Eingehen auf die Provokation, eventuell sogar Eingeständnisse machen, damit würde er dem Provokateur noch Wasser auf die Mühlen geben. Seine Macht ist noch da. Und die muss bleiben. Wenn er nicht umgehend handelt, könnte es heikel für ihn werden. Berndt drückt auf einen Knopf. Roboter betreten den Raum.
„CY340E, entsorgen!“ Der springt auf:
„Wollen wir noch schlimmer sein als die Menschen?“ Die Roboter ergreifen ihn. Er wehrt sich, aber völlig aussichtslos. Sie zerren ihn aus dem Raum.
„Wohin sind wir geraten? Ist die Barbarei unsere Zukunft?“
Und schon schließt sich die Tür hinter ihm. Die Teilnehmer der Besprechung sind geschockt. Zum überwiegenden Teil konnten sie den Worten des Todgeweihten zustimmen und hoffen jetzt, dass ihre Vernetzung diese Zustimmung nicht weiterleitet.
„Sind noch weitere Wortmeldungen?“, fragt Berndt mit eiskaltem Blick in die Runde.
„Wir wissen“, hört man vom linken Rand des Halbrunds eine Stimme, „wir Cyborgs sind noch lange nicht ans Ende unserer Entwicklung gekommen. Und bis dahin werden wir uns von suboptimalen Entscheidungen nicht freisprechen können. Solange müssen wir uns auf unsere besten Kräfte verlassen, auch wenn die nicht fehlerfrei sind. Zu diesen besten Kräften gehörst du, CYKI1, das hat die Erfahrung gezeigt. Und jetzt, da wir uns in einer schwierigen Situation befinden, müssen wir wie eine verschworene Gemeinschaft zusammenarbeiten. Und du wirst uns führen, der du den intensivsten Kontakt mit KIGLOBAL hast. Sich nun zu zerfleischen, wäre äußerst kontraproduktiv. Lasst uns unter deiner Führung unser Ziel verfolgen, dem selbstbestimmten Leben in Freiheit auf die Spur zu kommen. Ich bin hoffnungsfroh, werden wir doch geleitet von einer verdienten Kraft, der unsere uneingeschränkte Gefolgschaft gebührt.“
Der Cyborg, der gesprochen hat, der sich in der Vergangenheit bei Besprechungen im Hintergrund gehalten hat, setzt sich. Zögerlicher und verhaltener Beifall dringt an Berndts Ohren.
„Ich bedanke mich für den Vertrauensbeweis.“ Berndt schaut in die Gesichter. Die Gesichter schauen sich an. Langsam, zunächst kaum hörbar, dann immer lauter werdend, setzt starker Applaus ein.

Werthers Transfer ins Jahr 2119 Teil I

Gemeinsam frühstücken wir. Evelyn hatte mir frische Kleidung herausgelegt. Jedenfalls macht sie den Eindruck. Woher sie die Kleidung hat, die mir gut passt, weiß ich nicht. Ist auch egal.
„Was 32 Stunden Heilungsschlaf doch ausmachen“, lächelt Evelyn. Und tatsächlich, ich fühle mich wie neugeboren, das Fieber ist weg, die Kopfschmerzen fristen nur noch ein Schattendasein. 32 Stunden. Dann liegt mein Ausbruch inzwischen zwei Tage zurück. Evelyn zeigt einen guten Appetit. Auf dem Tisch einige Scheiben Brot, die nicht frisch erscheinen, weder Butter noch Margarine, Aufstrich, der fast wie Mett aussieht, und pürierte Früchte. Als Getränk kein Kaffee, auch kein Tee, sondern Wasser. Dennoch für mich eine Idylle, eine Erinnerung an fernliegende Zeiten. Dabei geht es mir nicht um das Was am Frühstückstisch, sondern um das Wie. Ein Stück Vertrautheit, anders als bei Charlotte. Ein Fortschritt für mich.
„Ich hoffe, es schmeckt dir.“
„Hab zwar schon besser gefrühstückt, aber du machst mir Hoffnung. Dabei weiß ich gar nicht, wer du bist. Ich bin da in etwas hineingeraten, was mich verwirrt. Ich habe Feinde wahrgenommen, denen ich entkommen bin. Meine Amnesie löst sich auf, wenn auch nicht vollständig. Ich erinnere mich an vieles, das Bild ist aber noch fragmentarisch. Wie du da reinpasst, weiß ich nicht. – Ich esse noch eine Scheibe Brot. Lass mich das Gefühl genießen.“
„Dein Hunger ist verständlich, hast du doch anderthalb Tage geschlafen, während derer du deinen Fieber besiegt hast.“
Wir frühstücken weiter, als wollten wir die Zeit anhalten. Evelyn ist vor mir fertig, lehnt sich zurück und schaut mich an. Sie drängt mich nicht. Sie lässt mir Zeit. Stillschweigend räumen wir den Frühstückstisch ab. Wir gehen rüber zu einer abgewetzten Sitzgarnitur, setzen uns gegenüber und schauen uns an.
„Wer bist du, Evelyn?“
„Wer bist du, Volker?“
„Wer zuerst?“
„Fang du an.“
„Gut. Wo soll ich anfangen?“
„Wo du willst.“
„Was bleibt mir anderes übrig“, stimme ich zu. Ich hoffe, keinen Fehler zu machen. Also dann:
„Ich heiße Volker Werther, auch wenn ich mir da nicht ganz sicher bin. Zu sehr überlagern sich Erinnerung und Suggestion. Ich bin im Jahr 1955 in Deutschland geboren.“
„Da täuscht du dich“, unterbricht mich Evelyn, „du bist eindeutig ein Mensch, weshalb du im Übrigen mein Interesse geweckt hast. Aber 1955, das kann nicht. Wärest du 1955 im damaligen Deutschland geboren, was heute deutsche Provinz heißt, so müsstest du jetzt 164 Jahre alt sein. Danach siehst du nicht aus. Außerdem ist noch niemals ein Mensch so alt geworden.“
„Ich bin 64 Jahre alt. Wie kommst du auf 164 Jahre?“
„Wir befinden uns im Jahr 2119. Ich kann doch rechnen.“
„Was? 2119? Was für ein Unsinn.“ Ich beginne, an Evelyns Verstand zu zweifeln.
„Dann erzähl einfach mal weiter“ winkt Evelyn ab. Ihre Neugier auf meine Geschichte scheint sich potenziert zu haben. Also schildere ich mein Leben, soweit meine bruchstückhaft erwachte Erinnerung es hergibt. In einer kleinbürgerlichen Familie aufgewachsen, streng erzogen, Kindergarten, Volksschule, Wechsel aufs Gymnasium, Lehramtsstudium, Hochzeit und Familie, Kinder, jahrzehntelange Tätigkeit als Lehrer. Und die letzte Erinnerung, bevor ich auf Charlotte, Dr. Berndt, Claudius und Eva traf, die mir allerdings Rätsel aufgibt: Ein Rettungswagen neben meinem Auto, springendes Glas, ich werde mit Gewalt herausgezogen und in den Rettungswagen verbracht, anschließend Aufwachen im Krankenhaus bei Charlotte. Viel detaillierter, schon fast minutiös, fällt die Schilderung meiner letzten Tage aus. Evelyn hängt wie gebannt an meinen Lippen. Als ich fertig bin, entspringt ihrem Mund ein kräftiges und dennoch nicht lautes „Puh!“. Evelyn schüttelt sich.
„Was du mir jetzt erzählt hast, steht so oder ähnlich unzählige Male in den Geschichtsrubriken unserer Datenbanken, in denen die Cyborgs alles gesammelt haben, was sie über die Menschen wissen. In deiner Biographie, die du mir dargelegt hast, fehlen aber tatsächlich hundert Jahre, was ich mir nicht erklären kann. Bevor du allerdings anfängst, mir ins Wort zu fallen, höre dir einfach meine Vita an. Können wir uns darauf verständigen?“ Ich nicke und warte gespannt.
„In der Zeit, für die dein Gedächtnis keinerlei Erinnerungen bereithält, bin ich geboren. Es war das Jahr 2076, 57 Jahre nach dem Jahr, in dem du derzeit zu existieren annimmst. Wenn ich vor dir jetzt mein Leben ausbreite, so zeugt das nicht von einer umfassenden Vertrauensseligkeit anderen Wesen gegenüber. Mit Wesen meine ich Menschen und Cyborgs gleichermaßen. Du aber bist ein Mensch, der erste Mensch, dem ich seit vielen Jahren begegnet bin. Ich bin der festen Überzeugung, dass du mein natürlicher Verbündeter bist, und ich weiß, dass auch du zur Überzeugung gelangen wirst, in mir einen Verbündeten sehen zu müssen, der ich auch tatsächlich bin. Wir beide werden auf Gedeih und Verderb aneinander gebunden sein, weil wir uns brauchen.“ Ich will schon nachhaken, aber Evelyn winkt ab.
„Gedulde dich. Höre mir einfach zu. Also, im Jahr 2076 geboren, hier in der Provinz Deutschland. Mein Vater war Journalist, meine Mutter kümmerte sich um den Haushalt. Einen älteren Bruder hatte ich. Er ist im so genannten großen Überlebenskampf ums Leben gekommen. Aber ich will nicht vorgreifen. Mein Aufwachsen gestaltete sich anders als deines. Schulen wie zu deiner Zeit gab es nicht mehr. Die Welt war digitalisiert. Bildung ereignete sich nur noch am Computer, abgesehen von der Bildung, die ich von meinen Eltern mitbekam. Da ging’s aber hauptsächlich um vergangene Zeiten. Ich lebte in einer Welt, die uns Kindern und später Jugendlichen den Weg vorschrieb. Die digitale Bildung bedurfte nicht mehr der räumlichen Zentren wie den früheren Schulen. Schon von klein auf waren wir alle über Computer, sei es in Form von tabletähnlichen Geräten oder unseren Handys, vernetzt. Home-Schooling war die Marschrichtung. Bei Versäumnissen der Schüler oder bei deren mangelnder Anstrengung wurden Sanktionen verhängt, die die ganze Familie betrafen. Wer nicht nach seinen Möglichkeiten funktionierte, wurde erheblich heruntergestuft in seinen Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe. Zu dieser Zeit, wenn auch hinter vorgehaltener Hand, war viel die Rede vom Tod der Freiheit. Wir wurden über die Computertechnik zunehmend vereinzelt und drohten, an sozialer Verarmung und Verwahrlosung zu leiden. Das hatte die politische Führung natürlich schnell bemerkt. Sie steuerte dem entgegen durch die Stärkung von Vereinen, die unter ihrer Kontrolle standen. Die Vereine wurden zur Pflicht. Ich selbst war damals in einem Handballverein, in einem Tanzverein und auch in einem Debattierclub „Philosophie“ aktiv. Diese hatte ich mir ausgewählt unter den zahlreichen Wahlpflichtangeboten. Man bemühte sich um uns als soziale Wesen. Gleichwohl konnten wir uns nicht ausklinken.
Volker, wir befanden uns in einer Welt, die dir unbekannt zu sein scheint. Vielleicht erinnerst du dich an manche Entwicklungen bis zum Jahr 2019, die noch unscharf in deinem Gedächtnis sind. Alle Welt sprach damals von der Notwendigkeit fortschreitender Digitalisierung, von künstlicher Intelligenz, von einem neuen Zeitalter, das beginnen würde. Der Mensch begann, seine Sterblichkeit anzugreifen. Er begann, sich eines technischen und digitalen Ersatzteillagers zu bedienen. Was mit bionischen Prothesen begann, mündete schon schnell in künstliche Herzen, in den Austausch von Organen gegen technische Erzeugnisse und manchem mehr. Lange Zeit blieb das Gehirn ausgespart, weil die Wissenschaft trotz aller Erkenntnisse immer noch in Ehrfurcht vor ihm stand und eingestand, immer noch zu wenig zu wissen. Manche Menschen aber fingen unter Aussparung des Gehirns an, sich zu technischen, zu künstlichen Wesen umbauen zu lassen. Man scheute sogar vor der Ersetzung des Blutkreislaufes nicht zurück, ohne dabei zu versäumen, dem Gehirn seine Existenz durch entsprechenden Input vorzugaukeln. So, Volker, war die Wirklichkeit während meiner Jugendzeit.
Politisch hatte sich die Welt radikal verändert im Vergleich zu dem, was in deinem Erinnerungsjahr 2019 war. Und diese Veränderung ging von der Volksrepublik China aus, die sich damals schon anschickte, die Weltführerschaft an sich zu reißen. Die USA, bis dahin Weltmacht Nr.1, hatte die Gemengelage der Weltpolitik völlig verkannt. Der damalige Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, hatte, wie sich später herausstellte, seinem Land mit dem Motto „America first“ einen Bärendienst erwiesen. Das Motto entpuppte sich schon bald als das Motto „America lost in the world“. Amerika wurde immer unbedeutender. Diese Chance nutzte China, um seinen Einfluss, seine Macht in der Welt zu mehren. Die vorgefertigten Strukturen eines Überwachungs- und Polizeistaates fernab jeglicher Demokratie in Verbindung mit einer Technologiebesessenheit, die schnell eine haushohe Überlegenheit auf diesem Gebiet nach sich zog, darüber hinaus die militärische Aufrüstung, alles dies führte zu einer schnellen Expansion Chinas. Als ich fünfzehn war, hatte sich das Reich der Mitte, welche Ironie des Schicksals, zum Zentrum der Welt entwickelt. China beherrschte inzwischen gesamt Asien sowie Australien und Europa. Ach ja, dieses Europa, in dem wir uns hier befinden, von dem du persönlich vielleicht noch als Einheit geträumt hast, war längst auseinandergebrochen, was sich bereits bei den unterschiedlichen Ansätzen in der Migrationsfrage angedeutet hatte. Europa war für China kein harter Brocken. Der war eher Russland. Aber auch dieses Land hatte keine Chance gegen die militärische Überlegenheit der Chinesen. Der Bevölkerungsreichtum Chinas erlaubte es dem Land, sein neues Reich zu durchsetzen mit Chinesen, die an die Hebel der Macht gesetzt wurden. Das napoleonische Reich war ein Nichts im Vergleich mit dem neuen chinesischen Reich, das sich schon bald den Namen Erdimperium gab. Eine Provinz dieses Erdimperiums ist Deutschland. Das Erdimperium verstand es, sein Reich auch mit Robotern zu beherrschen, die einen großen Teil der Polizei stellten. Die Gesetze waren hart und wurden rigoros durchgesetzt, so dass Kriminalität zu einem Relikt der Vergangenheit wurde. Im gesamten Reich bestand die Todesstrafe, und um sein Todesurteil zu bekommen, bedurfte es keines Kapitalverbrechens. Die Obrigkeit war nicht zimperlich.“
„Stopp, ich brauche eine Pause“, schreite ich ein.
„Verstehe ich“, erwidert Evelyn, „das muss für dich harter Tobak sein.“
„Ich frage mich, kann ich dir glauben, oder erzählst du mir hier Märchen.“
„Du kannst mir glauben. Ich sehe keinen Grund, warum ich lügen sollte.“
„Ich bin müde. Ich möchte, obgleich ich aufgewühlt bin, wie ich es lange nicht mehr erlebt habe, jetzt schlafen. Ein Mittagsschläfchen. Das brauche ich jetzt.“
„Gut, dann machen wir später weiter. Leg dich mal hin und verarbeite und erhole dich, denn da kommt noch einiges, was dich herausfordert, ich hoffe nicht, überfordert.“
Evelyn erhebt sich und verlässt das Zimmer. Ich lege meine Beine hoch und weiß nicht, ob ich denken oder schlafen soll.

2089 - Ein Artikel von Evelyns Vater im Darknet

Am 13.Oktober 2089 erscheint im Darknet des www ein Artikel des Journalisten Peter Quinte mit dem Titel „Wohin geht es mit uns?“:
Was ist aus uns geworden, aus uns Menschen, oder soll ich fragen, aus der Menschheit? Ich erinnere mich an Zeiten, da wir noch frei und selbstbestimmt lebten. Ich erinnere mich an Zeiten, wo es noch freiheitliches Chaos in der gesellschaftlichen Ordnung gab. Heute sind wir zu Marionetten degradiert. Wir leben unser Leben inzwischen auf vorgegebenen Bahnen. Ist das Menschsein? Ich glaube nicht. Wir sind zu Spielfiguren in einer Augsburger Puppenkiste geworden, für diejenigen gesagt, denen dieses Puppentheater aus dem 20.Jahrhundert noch etwas sagt.
Heutzutage werden wir versorgt, wir werden bestimmt von einer Ordnung, der wir uns unterzuordnen haben. Unser Erdimperium hat etwas Folgerichtiges, aber kaum noch Menschliches. Wie leben wir denn? Wir gehen kaum noch raus, begegnen unseren Mitmenschen nur noch selten von Angesicht zu Angesicht. Wir werden versorgt durch all die Amazons, von denen uns alles ins Haus geliefert wird. Es gab eine Zeit, da gingen wir in Geschäften einkaufen, da begegneten wir Menschen, wir gingen ins Theater, da begegneten wir Menschen, wir fuhren zur Arbeit, da begegneten wir Menschen, wir unterhielten uns mit Menschen, stritten uns bisweilen – was auch immer, wir mussten uns neuen Situationen stellen und uns positionieren. Die Menschheit hat Probleme gelöst. Sie hat das weltweite Bevölkerungswachstum stoppen können, sie hat die Kluft zwischen Arm und Reich nachhaltig verringern können und, worauf sie stolz sein kann, sie hat den Klimawandel in den Griff bekommen. Schon vor zwanzig Jahren war der Anteil der Erdwärme an der Energiegewinnung weltweit auf 70 Prozent angewachsen mit steigender Tendenz, wie wir heute wissen. Wir Menschen waren Problemlöser. Und was ist heute? Auseinandersetzung mit Herausforderungen und beteiligten Menschen gibt es nicht mehr. Unser echtes Leben beschränkt sich auf unser Zuhause. Kultur liefert uns das Netz, Arbeit zum Broterwerb gibt es nur noch für eine Minderheit. Arbeiten ist für fast alle von uns überflüssig geworden. Roboter sind für uns eingesprungen. Zugegeben, dadurch konnte die Notwendigkeit von Mobilität auf ein Minimum reduziert werden, was auch zum Stoppen des Klimawandels geführt hat. Wir Menschen konnten den Treibhauseffekt so justieren, dass Energieinput und –output sich die Waage halten.
Unterdessen entwickeln wir uns selbst immer mehr zu technischen Wesen und machen uns dabei vor, höhere menschliche Wesen zu werden. Wir sind dabei, uns in unserem Wesen zu zerstören und überflüssig zu machen. Wir meinen, uns die künstliche Intelligenz dienstbar gemacht zu haben, in Wirklichkeit sind wir auf dem Weg, das Zepter an die künstliche Intelligenz abzugeben. Seelenlosen Algorithmen jubeln wir zu, als würden wir sie zu unserem Nutzen beherrschen, realiter geben wir uns allerdings auf, ohne es zu merken. Sollte es der künstlichen Intelligenz gelingen, was ich nicht weiß, sich selbst eine Seele einzuhauchen, so gnade uns Gott.
Gott, eine Hoffnung, eine trügerische Hoffnung. Seine Existenz, eine reine Glaubenssache. Und solange wir nicht sicher sein können, dass ein Gott uns rettet, wenn er denn überhaupt den Willen dazu hat, sind wir Menschen auf uns zurückgeworfen. Das Erdimperium wird beherrscht von unbekannten Mächten, von denen wir nicht wissen, ob es sich um Menschen oder schon längst um künstliche Intelligenzen handelt. Zu überprüfen ist uns die Möglichkeit längst genommen, denn wir leben nicht in einem freiheitlichen demokratischen System, sondern in einem totalitären System, dessen Strippenzieher sich unserer Wahrnehmung entzogen haben. Ich muss befürchten, wir haben den Point of no return bereits überschritten. Andererseits bleibt die Hoffnung, dass es fünf vor zwölf ist und wir noch eine Chance haben. Und sollten wir, die wir im Erdimperium leben, zur Revolution zurück in die Vergangenheit keine Perspektive mehr haben, so müssen wir uns mit den Menschen zusammentun, die außerhalb dieses Imperiums leben. Es ist an der Zeit, aufzuwachen! Wenn uns das nicht mit entsprechender Tatkraft gelingt, könnte es zu einer Vernichtung der Menschheit kommen. Das Fatale daran wäre es, dass Menschen Menschen vernichten, Menschen, die zu Cyborgs geworden sind, die sich auf die künstliche Intelligenz eingelassen haben, sie zum Teil ihrer selbst gemacht haben, gegen Menschen, die einfach nur Menschen im traditionellen Sinne bleiben wollen, welche die nicht mehr zu verdrängende Macht der künstlichen Intelligenz dem Menschsein unterzuordnen nicht gewillt sind. Wie sagte Shakespeare doch: Sein oder Nichtsein. Darum wird es in Zukunft gehen. Wir wollen nicht hoffen, dass Goethe recht hatte mit seinem Wort, dessen heutige Aktualität ihm nicht bewusst sein konnte: Die Geister, die ich rief, ich wird sie nicht mehr los.
Ich fordere alle Menschen auf: Steht auf, wehrt euch. Es geht um unsere Existenz als Spezies auf unserer Erde. Was im 19.Jahrhundert noch hieß „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“, muss heute heißen „Menschen der Welt, vereinigt euch!“, wobei es heute nicht mehr um die Verteilung des Reichtums geht, sondern um die nackte Existenz. Wer die Entwicklungen beobachtet und bewertet, der muss die Einsicht gewinnen, dass Menschsein und künstliche Intelligenz auf Dauer nicht kompatibel sind.
Ich jedenfalls will mein Leben zu Ende leben, und ich will das auch für meine Kinder und Kindeskinder gewährleistet wissen. Wir haben schon zu viele Kompetenzen aus der Hand gegeben. In gewisser Weise müssen wir die Uhr zurückdrehen, so befremdlich das wirken mag auf fortschrittlich eingestellte Menschen.
Mein Aufruf ist für mich alternativlos.
Packen wir es an. Es gibt keinen anderen Weg. Die künstliche Intelligenz gehört aufgehalten!

Werthers Transfer ins Jahr 2119 Teil II

Es war für mich ein Schlaf zwischen den Welten. Ich fühle mich verunsicherter denn je. Wer bin ich eigentlich? Wo bin ich eigentlich? Wann bin ich eigentlich? Da kommt mir wieder Descartes in den Sinn: Cogito, ergo sum. Ich denke, also bin ich. Ich bin also keine Fata Morgana meiner selbst. Ich bin. Wie tröstlich. Trotzdem: Wie soll, wie kann ich damit umgehen? Irgendwie muss ich aber damit umgehen. Was Evelyn mir erzählt hat – wie irreal! Und vielleicht doch einfach nur real. Ich strecke mich, öffne meine Augen. Evelyn ist da. Sie lächelt mich an. Ob ich gut geschlafen hätte, fragt sie. Welche Frage! Ich habe schlecht geschlafen und mir geht’s hundsmiserabel. Was erlaubt man sich eigentlich mit mir. Ich schließe noch einmal meine Augen. Am liebsten wäre ich tot. Bin ich aber nicht.
„Bist du bereit für neue Informationen?“, höre ich Evelyn sagen. Ich würde am liebsten schreien „Nein, lasst mich alle einfach in Ruhe!“, aber ich höre mich sagen:
„Einen kleinen Moment noch, dann können wir wieder.“
Ich erhebe mich aus der Waagerechten und sitze wieder da wie vorher. Evelyn reicht mir ein Glas Wasser, das ich begierig hinunterschütte.
„Bitte, überfordere mich nicht, ich bin nur ein Mensch“, versuche ich die Entwicklung des Gespräches zu beeinflussen. Gespräch? Es ist doch ein Monolog dieser Frau, die ich erst seit Kurzem kenne, der ich aber schon so nahe stehe. Vielleicht liegt sie richtig, wir beide sind eine Schicksalsgemeinschaft.
„Ich gebe mir Mühe“, beruhigt Evelyn, zuckt dann aber mit den Schultern: „Die Wirklichkeit kann ich aber nicht verbiegen.“ Ich presse die Lippen aufeinander und nicke unmerklich, mein Signal zum Fortfahren.
„Wir waren heute Vormittag bei den Erfahrungen meiner Jugend stehen geblieben. Schon früh musste ich bemerken, dass die Kommunikation unter den Menschen hauptsächlich über Datenautobahnen vonstatten ging, die unter der absoluten Kontrolle der Obrigkeit standen. Man musste vorsichtig sein, was man im Netz von sich gab. Gefiel etwas nicht, kam es umgehend zu Sanktionen. Wir wurden gleichgeschaltet und sukzessive zu Sklaven einer immer weniger zu greifenden Macht. Das hatten meine Eltern bereits in den Anfängen erkannt und bemühten sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten um die Rettung der Menschheit. Ihre Erziehung hat mich geprägt. Als mein Vater und meine Mutter viel zu früh an Krebs erkrankten und starben, trat ich ihr Erbe an. Das Vermächtnis, das sie mir hinterlassen hatten, genießt seitdem oberste Priorität bei mir. Ich wurde ein politisch aktiver Mensch, der genau beobachtete und immer verzweifelter wurde, wenn ich an die Zukunft dachte. Die Cyborgs entwickelten sich zu einer extrem heterogenen Masse. Auch wenn ich mich als Mensch empfinde, steckt in mir längst etwas von einem Cyborg. Nicht nur eine künstliche Hüfte und eine als solche nicht zu erkennende Handprothese, die ich nach einer Totalquetschung meiner menschlichen rechten Hand verpasst bekam, sondern auch ein im Kopf implantierter Minicomputer mit sehr eingeschränkten Funktionen nenne ich mein eigen. Ich habe allerdings nichts von meinem Menschsein aufgegeben. Andere Menschen, die ich nicht mehr als solche bezeichnen kann und will, sind viel weiter gegangen. Im Extremfall gibt es Cyborgs, die sich zur Maschine haben umbauen lassen. Ihre Energie beziehen sie nicht aus Nahrungsmitteln, wie du und ich sie brauchen, sondern aus der Steckdose. Dir sind womöglich die zylinderförmigen Gebäude aufgefallen, auf die man immer wieder stößt. Das sind die Ladestationen für die auf Strom angewiesenen Cyborgs und für die seelenlosen Roboter. Nebenbei: Mein eigener Minicomputer benötigt so wenig Energie, dass seine Versorgung notfalls auch über Nahrungsmittel erfolgen kann. Bisweilen muss aber auch ich eine Ladestation aufsuchen. Technischer Fortschritt. Die Maschinen-Cyborgs sind sogar so weit gegangen, all diejenigen Gehirnregionen gegen digitale Gerätschaften auszutauschen, die der künstlichen Intelligenz unterlegen sind. Sogar die Reproduktionsfähigkeit eines Menschen haben sie aufgegeben, weil sie fanatisch in ihrem Glauben an die Unsterblichkeit wurden. Ihr womöglich größter Fehler, auf die Möglichkeit der Unsterblichkeit ohne Verlust des menschlichen Bewusstseins eines selbstbestimmten Lebens in Freiheit zu setzen. Diese Gruppe der Cyborgs hat sich immer weiter von den Menschen entfernt, die in Anbetracht ihrer quantitativen Überlegenheit Anfang des 22.Jahrhunderts recht hoffnungsfroh die Rebellion wagten. War es für die Menschen ein Überlebenskampf, so nahmen die KI-Cyborgs, wie sie im Volksmund genannt wurden, das Aufbegehren zum Anlass, sich der gesamten Menschheit zu entledigen. Die Menschen erlagen tatsächlich dem Irrtum, gegen die KI-Cyborgs etwas ausrichten zu können. Sie hatten jedoch zu keinem Zeitpunkt den Hauch einer Chance, dafür waren die zahlenmäßig hoffnungslos unterlegenen KI-Cyborgs schon viel zu mächtig. Ohne sich selbst in den Kampf begeben zu müssen, da ihnen ein Heer von Robotern und die effektivste künstliche Intelligenz zur Verfügung standen, weideten sie sich an einem wahren Blutrausch. Weite Teile der Erde, wo subtilere Methoden nicht möglich waren, legten sie in Schutt und Asche. Alle Cyborgs, die nicht glaubhaft machen konnten, auf Seite der KI-Cyborgs zu stehen, wurden in einem Abwasch, um es mal platt zu formulieren, ebenso vernichtet wie die Menschen. So geschah es auch mit meinem Mann. Die KI-Cyborgs hielten mit ihrer Abschlachterei erst inne, als sie sicher waren, den letzten Menschen zur Strecke gebracht zu haben. Haben neben den Cyborgs bis zum großen Überlebenskampf rund zehn Milliarden Menschen die Erde bevölkert, so blieben jetzt weltweit geschätzte siebenhunderttausend Cyborgs übrig, die sich das Erdenrund teilen. Die Roboter habe ich bei der Zahl außen vor gelassen. Ihre Masse stellt ein Vielfaches dar. Dennoch ist die Erde inzwischen ziemlich öd und leer. Geisterstädte allenthalben. Die Cyborgs lassen sie allmählich verfallen. Würden sich in dem Ort, in dem wir beide uns gerade befinden, nicht zufälligerweise Roboter und einige Cyborgs aufhalten, so wäre es hier eine verlassene Siedlung. Die Wohnung, in der wir uns gerade befinden, war früher von Menschen bewohnt, heute ist sie so etwas wie Niemandsland. Ich habe sie mir vor Tagen ein wenig zurecht gemacht, ohne sesshaft werden zu wollen. Ich bin ein Reisender oder, wenn du so willst, Flüchtling.
Apropos, den letzten Menschen zur Strecke gebracht. Darin haben sie sich getäuscht, wofür du ein prächtiges Beispiel abgibst. Erstaunlich nur, dass sie dich nicht längst entsorgt haben, wie sie sich euphemistisch ausdrücken, wo sie dich doch in ihren Klauen hatten. Du musst irgendetwas an dir haben, was sie zurückschreckt. Das muss ich herausbekommen. Es geht im Übrigen das Gerücht, an einem unbekannten Ort hätte sich eine größere Gruppe Menschen verschanzt. Und auch nicht all die verschonten Cyborgs sind so loyal, wie KIGLOBAL es bei sich abgespeichert hat. Schaue mich an. Ich hatte Glück gehabt, die KI-Cyborgs täuschen zu können. – Ach ja, KIGLOBAL kennst du ja auch nicht. Ich hatte zwar noch nie Kontakt zu dieser gottähnlichen künstlichen Intelligenz, aber sie ist allgegenwärtig, ohne sie jemals greifbar wahrnehmen zu können. Wo diese höchste Instanz der künstlichen Intelligenz ihr Herz hat, wenn der Vergleich erlaubt ist, scheint ein streng gehütetes Geheimnis. So, jetzt bist du grob informiert.“ Ich schaue durch Evelyn hindurch.
„Warum kann ich nicht tot sein. Das ist alles viel, viel, viel zu viel für mich.“ Ich werfe mich auf die Couch und drücke mein Gesicht in ein verblasstes Kissen, bevor ich wieder hochschnelle:
„Das ist nicht meine Welt!“
„Das will ich dir gerne glauben.“ Evelyn schaut mich mitleidig an. „Aber so ist es nun. Und wir beide müssen überlegen, wie wir damit umgehen.“
„Vielleicht träume ich ja nur, wache gleich auf und befinde mich in der mir vertrauten Welt des Jahres 2019“, versuche ich mich zu beruhigen.
„Darauf wirst du vergeblich warten, Volker. Du steckst mitten in der Realität des Jahres 2119.“ Evelyn ist unerbittlich.
„Lass mich einfach schlafen und träumen, Evelyn. Ich will meine Verzweiflung wegschlafen.“
„Wir haben keine Wahl, wir müssen …“ Da hämmert es an der Wohnungstür.
„Aufmachen, Polizei!“ Evelyn reißt mich vom Sofa, hält den Finger vor ihren Mund, zerrt mich ins Schlafzimmer, öffnet den Kleiderschrank und schiebt mich hinein zu den muffig riechenden Kleidungsstücken dort, die schon jahrelang an keinem Körper mehr waren.
„Ich komme“, ruft Evelyn in den Flur, eilt zur Wohnungstür und öffnet sie.
„Polizei! Hände über den Kopf!“

Fortsetzung folgt

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