NEU: ein Fortsetzungsroman im Lokalkompass - täglich eine neue Folge
2119 ff. - Folge 5

Olga und William

Olga Gregoritsch und William Shelton starren auf den Computer. Über einen ihrer beiden Satelliten erreichen sie Nachrichten aus dem Off, die jetzt auf dem Computer erscheinen. Es geht um eine Gegend in der ehemaligen Provinz Deutschland, aus der ihnen, die hier in der Antarktis ausharren, Informationen zugespielt werden, die eine ungewöhnliche Nervosität der KI-Cyborgs widerspiegeln. Will man den Informationen trauen, so gibt es dort einen Menschen, nach dem die Cyborgs aufgeregt suchen, den sie jedoch nicht zu töten gewillt sind.
„Sind wir doch nicht allein auf unserem Planeten?“ kommt es aus Olgas Mund, die an die Lügen dachte, die sie Marius, Ömer und Diego aufgetischt hatte, um deren Motivation aufrechzuerhalten. „Und wenn es einen Menschen außerhalb unserer Zufluchtsstätte gibt, warum sollte es dann nicht noch mehr geben. Ist die Gründlichkeit der Cyborgs womöglich überhaupt nicht so gründlich gewesen, wie sie behaupten?“
„Nicht nur das“, erwidert William versonnen, „ich verstehe nicht, warum die Cyborgs diesen Menschen verschonen wollen.“ Da flimmern weitere Informationen über das Display. Danach hat die Suche nach diesem Menschen oberste Priorität in dem Sektor bekommen. Mit allen Mitteln versucht man, dieses Menschen lebendig habhaft zu werden. Es hänge die Zukunft der KI-Cyborgs davon ab. Mehr geben die Worte auf dem Computer nicht her.
„Wir müssen eine Vollversammlung einberufen. Wir müssen durch Gedankenarbeit herausfinden, warum sich die KI-Cyborgs von einem einzelnen Menschen abhängig machen.“
„Ja, ich stimme dir zu. Lasst uns zu einem Brainstorming zusammenkommen. Eventuell ergibt sich ein Fünkchen Hoffnung auch für uns.“
Zwei Stunden später finden sich 129 Menschen – zwei bereits seit geraumer Zeit schwer erkrankte der bislang 131 Menschen sind in der vergangenen Nacht verstorben – im größten Raum der ehemaligen Forschungsstation zusammen, der diese Menschen nur dadurch fassen kann, dass sie hautnah aneinanderstehen. Olga und William verlesen die Nachrichten, die sie in positive Aufruhr versetzt haben.
„Es geht um die Frage, was wir Menschen besitzen, worauf die KI-Cyborgs angewiesen sind, das wir somit im vielleicht doch noch nicht entschiedenen Überlebenskampf ins Feld führen können.“ William schaut in die eventuell doch nicht letzte Trutzburg der Menschheit und gibt das Brainstorming frei. Nach anfänglichem Schweigen gibt es doch zahlreiche Wortmeldungen, von denen keine geeignet erscheint, die Frage zu lösen. Schließlich haben alle im Raum den Eindruck, sich im Kreise zu drehen. Da meldet sich eine Frau:
„Wir beschäftigen uns zu sehr mit der Frage, was uns von den Cyborgs unterscheidet. Wir kommen dem Rätsel wohl eher auf die Spur, wenn wir unsere Gemeinsamkeiten herausarbeiten.“
„Gute Idee“, goutiert Olga. „Also lasst uns in diese Richtung denken.“ Und es dauert nicht lange, bis einer der Anwesenden recht nachdenklich anmerkt:
„Die Cyborgs denken doch, sie seien die besseren Menschen. Immer wieder hat man von ihnen gehört, Menschen zu sein, aber vollkommenere Menschen im Vergleich zu unseren Unzulänglichkeiten. Ich habe das Gefühl, irgendetwas ist mit ihrem Anspruch an Unsterblichkeit nicht in Ordnung.“
„Aber der Mensch ist doch auch nicht unsterblich. Was soll er ihnen dann bringen?“ versucht jemand sofort einzulenken.
„Stopp“, unterbricht William, „was ist denn neben den mentalen, geistigen oder wie auch immer zu bezeichnenden Fähigkeiten physisch gleich bei den Cyborgs und bei uns?“
„Das menschliche Resthirn, das sich die Cyborgs bewahrt haben. Da müssen wir weitermachen“, hört man eine Antworten.
„Welche Funktionen hat dieses Resthirn, das den Cyborgs Kopfzerbrechen bereiten könnte?“
„Warum tauschen sie dieses Resthirn nicht gegen Technik um, muss die Frage lauten. Die Antwort könnte lauten: Weil sie es nicht gleichwertig können.“
„Was soll das heißen, nicht gleichwertig können? Natürlich können sie es bei ihren Kenntnissen und Fähigkeiten auf technologischem Gebiet und dem Gebiet der künstlichen Intelligenz.“ Es geht wild durcheinander, bis ein Psychologieprofessor aus dem japanischen Yokohama einwirft:
„Sie haben Angst, zu Robotern zu degenerieren, zu seelenlosen Maschinen.“ Ruhe im Raum. Man spürt, wie alle nachdenken. Der gleiche Professor fährt fort:
„Ich habe zwar wenig Ahnung von Technologie, da mein Forschungsgegenstand der Mensch ist, aber ich habe die Vermutung, in dem Resthirn der Cyborgs ist etwas, das sie nicht künstlich erschaffen können. Und das, worum es ihnen geht, vermute ich weiter, ist der Erhalt ihrer Fähigkeit, ihr Leben selbst bestimmen zu können, der Erhalt dessen, was unter dem Begriff der Freiheit die Menschen von je her fasziniert.“
„Das muss es sein“, stimmt Olga zu. „Die Cyborgs haben sich einfach überschätzt, was ihr Können anbelangt. Sie schaffen es nicht, das Geheimnis des selbstbestimmten Lebens in Freiheit zu entschlüsseln. Und sie haben nur begrenzt Zeit, denn ihr Resthirn unterliegt Alterungsprozessen, die nicht bis in alle Zeit hinausgezögert werden können. Und all ihre Forschungen am eigenen Resthirn haben anscheinend keine befriedigenden Resultate geliefert. Und nun erhoffen sie sich, durch das Studium kompletter Gehirne, über die aber nur noch wir Menschen verfügen, vielleicht auch einige der, sage ich mal, menschlichen bzw. moderaten Cyborgs, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Indem sie die totale Vernichtung der Menschheit im großen Überlebenskampf angeordnet haben, haben sie sich selbst ihrer Fortentwicklung beraubt. Ein fataler Fehler, den sie inzwischen erkannt haben. Deshalb ist jeder Mensch, der irgendwo noch lebt, ihnen so wertvoll. Sie haben bemerkt, dass es um ihre Existenz als freie KI-Cyborgs geht. Unser Professor hat Recht, wenn er sagt, die Cyborgs hätten Angst. Sie setzen alles daran, sich nicht selbst abzuschaffen und den reinen künstlichen Intelligenzen den Weg zur Alleinherrschaft freizumachen. Mir geht da ein gewagter Gedanke durch den Kopf: Wäre es möglich, die KI-Cyborgs und die verbliebenen Menschen doch noch zu Verbündeten gegen die seelenlose künstliche Intelligenz zu machen. Cyborgs und Menschen scheinen Freiheit und Angst gemeinsam zu sein. Eine Basis, auf der sich Perspektiven entwickeln können.“
„Dein Wort in Gottes Ohr“, spottet jemand aus den hinteren Reihen. Viele applaudieren.
„Wenn uns schon ein Strohhalm gereicht wird“, herrscht Olga die Applaudierenden an, „weshalb wollt ihr ihn ausschlagen? Habt ihr eine bessere Option? Oder wollt ihr in Pessimismus versinken, die Menschheit aufgeben und auf euren Tod warten? Dann nehmt euch doch jetzt sofort den Strick und bereitet eurem Leben ein Ende. Übrigens: Warum habt ihr es nicht längst getan?“
Viele derer, die soeben noch applaudiert haben, senken den Kopf.
„Lasst uns unsere Selbstachtung nicht verlieren“, unterstützt William seine Kollegin. „Erheben sich dagegen Einwände, wenn wir versuchen, mit dem Absender der uns erreichten Nachrichten Kontakt aufzunehmen, natürlich ohne unseren Aufenthaltsort preiszugeben?“ William schaut in die Gesichter der Menschen. Niemand widerspricht.
„Die Vollversammlung ist beendet. Sobald wir Neues erfahren, lassen wir es euch wissen.“
Der Raum leert sich. William und Olga schauen sich an.
„Wir haben eine unerwartete Chance bekommen. Lasst uns schlafen gehen.“

Glück gehabt

„Polizei! Hände über den Kopf!“
Evelyn tut wie ihr befohlen. Vor ihr zwei Polizisten, zwei Roboter, die klaren Anweisungen folgen.
„Kennung!“
„CY4603RE“, antwortet Evelyn in offensichtlich routinierter Weise.
„Abgleich mit Datenbank – Okay, du bist registriert. Du kannst die Hände herunternehmen. Was machst du hier? Die Wohnung war bislang unbewohnt.“
„Ich liebe es, durch die Lande zu ziehen. Genügend Herbergen stehen zur Verfügung. So habe ich mir diese ausgewählt. Reiner Zufall.“
„Genehmigt. Wir sind auf der Suche nach einem Menschen, vielleicht dem letzten Menschen. Er hat sich unserer Obhut entzogen. Hast du jemanden beobachtet, der ein Mensch sein könnte?“
„Tut mir leid. Ich dachte, die Menschen seien ausgerottet. Und wer sich gegen uns auflehnt, gehört auch vernichtet.“ Evelyn hofft auf die Wirkung ihres vorgetäuschten Mantras.
„Richtig. Solltest du etwas hören, informiere uns umgehend. Das ist keine Bitte, sondern deine Pflicht. Eins ist allerdings wichtig. Wir brauchen ihn lebend. Wer ihn tötet, hat seine Existenz verwirkt. Hast du das verstanden.“
„Selbstverständlich. Hoffentlich kriegt ihr ihn bald.“
Die beiden Polizisten verabschieden sich. Evelyn schließt die Tür und lehnt sich mit dem Rücken erleichtert an sie. Da klopft es noch einmal heftig. Evelyns Herz schlägt heftig. Sie zwingt sich zur Ruhe und öffnet wieder die Tür.
„Noch etwas. Hättest du etwas dagegen, wenn wir deine Wohnung kurz inspizieren?“
„Um KIGLOBALs willen, nein. Kommt herein.“ Fallen sie drauf rein? Sie tun es.
„Schon gut, hat sich erledigt.“ Mit diesen Worten gehen die beiden Polizisten endgültig. Das war knapp. Evelyn atmet kräftig durch und geht ins Schlafzimmer. Sie holt mich aus dem Kleiderschrank, weist mir einen Platz auf der Bettkante zu und zieht sich einen Stuhl heran.
„Die kommen wieder. Noch einmal lassen die sich nicht täuschen. Und dann wärst nicht nur du, sondern auch ich geliefert. Wir müssen hier weg, und zwar möglichst auf der Stelle. Wir müssen die Dunkelheit nutzen, die draußen bereits einbricht.“
„Ich mache, was du mir sagst, Herrin“, spöttele ich ein wenig, ohne es böse zu meinen.
„Das ist die richtige Einstellung“, grinst Evelyn. „Höre einfach immer auf mich und beginne zwischendurch keine Diskussionen. Wie gehen wir vor? Sobald die Dunkelheit vollkommen ist, werden wir das Haus verlassen durch den Kellerausgang, den ich bereits vor Tagen ausgekundschaftet habe. Sobald wir draußen sind, müssen wir wieder unseren Aluumhang anlegen, um von Wärmekameras nicht geortet zu werden. Wir können davon ausgehen, dass Drohnen bzw. Flugroboter Boden und Luftraum überwachen. Freie Flächen müssen wir möglichst meiden. Das wird, sobald wir den Ort verlassen haben, schwierig werden. Uns bleibt aber keine Wahl.“
„Gibt es keine Fahrzeuge, die uns rausbringen könnten?“
„Wir müssten eins stehlen. Das birgt aber ein zusätzliches Risiko. Trotzdem, ich muss nachdenken. Übrigens: Du fängst ja jetzt schon, wo wir noch keinen einzigen Schritt getan haben, mit dem Diskutieren an. Ein Mensch eben.“ Evelyn erhebt sich, geht einige Schritte auf und ab und bastelt an einem Plan.
„Vielleicht hast du wirklich Recht. Probieren wir’s, auch wenn ich noch rätsele, wie wir an den Code eines in Frage kommenden Fahrzeugs gelangen. Eins muss uns auf unserer Flucht allerdings klar sein: Wir können mit einem Fahrzeug nur eine kurze Strecke zurücklegen, denn die Cyborgs werden das Gebiet weiträumig abgesperrt haben. Ihre Roboter patrouillieren nicht nur innerhalb der Ortschaften und der sie umgebenden Wälder und freien Flächen. Die meisten hier zur Disposition stehenden Roboter werden zu einem Ring abgeordnet sein, zu einer Schlinge, die sich immer weiter zuziehen wird, bis sie dich haben. Diesen Plan müssen wir durchkreuzen. Wie wir allerdings aus dieser Schlinge kommen, weiß ich noch nicht, aber was sollen wir uns darüber jetzt schon den Kopf zerbrechen. Step by step, und dann hoffen und beten, wie man früher sagte. – Alles klar, Volker?“
„Alles klar, Evelyn, auch wenn ich anmerken darf, dass eigentlich gar nichts klar ist.“
„Halt jetzt einfach mal den Mund, du hast ein Talent, mir auf die Nerven zu gehen“, weist Evelyn mich liebevoll zurecht. „Komm jetzt, es geht los.“
Wir stecken uns noch etwas von den Lebensmitteln und jeder eine Flasche Wasser ein und verlassen die Wohnung, wobei wir uns bemühen, keinerlei Geräusche zu machen. Überall könnten Cyborgs oder Roboter stecken. Schnell haben wir den Kellerausgang erreicht, streifen uns den Aluumhang über und treten hinaus in die Dunkelheit, die nur von einem dünnen Sichelmond ein wenig erhellt wird, so dass wir nicht komplett im Dunklen tappen. Ich folge Evelyn, die anscheinend weiß, wohin sie will. Und nach wenigen Häuserecken stehen wir vor einem futuristisch anmutenden Fahrzeug. Aber was sollen wir damit, es besitzt keine Räder. Dennoch öffnet Evelyn die Fahrzeugtür, setzt sich auf den Fahrersitz und holt eine kleine Taschenlampe aus ihrer Tasche, deren Licht eine eigenartige Färbung aufweist. Mit der Lampe beleuchtet sie ein Tastenfeld und geht mit ihrem Gesicht ganz nahe dran: „3, 7, 8, B, M, das sind die entscheidenden Tasten, aber in welcher Reihenfolge? Es gibt 120 Kombinationen. Nur eine ist die richtige. Und nach drei Fehlversuchen wird alles blockiert. Das wirst du noch kennen von den PIN’s aus deiner Zeit, Volker.“
„Das gelingt uns niemals. Außerdem, wenn ich drauf aufmerksam machen darf, das Auto hat keine Räder.“ Meinen Einwand tut Evelyn mit einer barschen Handbewegung ab.
„Ich muss wissen, welcher Cyborg oder Roboter dieses Fahrzeug nutzt, und hoffen, dass er sich gerade in einer Ladestation befindet, denn dort sind sie anfällig.“ Evelyn steigt aus, geht mit mir im Gefolge um das Haus, vor dem das Fahrzeug steht, diesmal ein Einfamilienhaus, hat urplötzlich einen metallenen Gegenstand in der Hand, mit dem sie ein Fenster aufbricht. Sofort duckt sie sich, deutet mir an, dasselbe zu tun, und horcht ins Haus. Nach kurzer Zeit größter Aufmerksamkeit raunt sie mir zu, mich nicht von der Stelle zu rühren, und steigt ins Haus. Gefühlte Ewigkeiten vergehen, während derer ich mich immer wieder umschaue. Im Gegenlicht des Mondes tauchen immer mal wieder Drohnen auf. Ich habe Angst. Da kommt Evelyn wieder genauso lautlos, wie sie eingestiegen ist, aus dem Haus:
„Dieser Trottel. Ein Cyborg, der seinen Heimcomputer nicht ausreichend gesichert hat. Seine Identität kenne ich jetzt. Nun brauche ich noch die Kombination. Der Cyborg steckt auch gerade in einer Ladestation. Das Glück scheint auf unserer Seite zu sein. Mir nach.“ Wir eilen, entfernen uns vom Haus, immer eng an Häuserwände geschmiegt. Da reißt mich Evelyn in einen offen stehenden Hauseingang. Auf der Straße passiert uns eine entgegenkommende Polizeistreife, offensichtlich Roboter, deren staksiger und etwas ungelenker Gang sie als solche entlarvt. Wir wagen kaum zu atmen. Einer der Roboter schaut in unsere Richtung, wo wir im Dunkeln bewegungslos verharren. Wohl nur ein zufälliger Blick. Die beiden gehen weiter. Sie reden miteinander. Als wir nichts mehr hören und sehen, wagen wir uns aus der Deckung, schnellen aber zurück, als wir einen der beiden zurückkommen sehen. Er bückt sich, um etwas aufzuheben, was er vielleicht soeben verloren hatte. Er verschwindet wieder. Für uns geht’s weiter, bis sich hinter einer Häuserecke der zylinderförmige Flachbau einer Ladestation auftut. Evelyn kennt sich aus und hat schnell die Tür gefunden, hinter der unser gesuchter Cyborg wie im Koma verharrt, während er aufgeladen wird. Evelyn flüstert ihm etwas in sein künstliches Ohr. Kurz darauf öffnen sich die Lippen des Cyborgs.
„Danke vielmals.“ Mit diesen Worten tritt Evelyn aus der Ladekabine und schließt die Tür. „Und nun nichts wie ab zum Auto.“ Zwei Minuten später sitzen Evelyn und ich in dem räderlosen Fahrzeug.
„Du hast ganz schöne Tricks drauf.“ Evelyn geht nicht drauf ein, gibt stattdessen die Kombination ins Tastenfeld ein. Fast lautlos hebt sich das Fahrzeug vom Boden. Nur so etwas wie Gebläsegeräusche nehme ich wahr. Ich meine, aufgewirbelten Staub neben mir zu erkennen.
„Ein elektrisches Luftkissenfahrzeug, genial! Deshalb keine Räder.“
Evelyn drückt auf dem nun erleuchteten Display das Symbol „Manuell“, um, wie sie erklärt, die Entdeckungsgefahr zu reduzieren – die Automatik bedeute schließlich Vernetzung -, und steuert das Fahrzeug gekonnt durch die Häuserschluchten.
„Jetzt wird mir auch klar, warum ich bei meinem Krankentransport vom Krankenhaus zu meinem vorgeblichen Zuhause keine üblichen Rumpelgeräusche einer Autofahrt bemerkt habe. Woher sollte ich das auch wissen, ich, ein Mensch des Jahres 2019.“ Völlig auf den Weg vor uns fokussiert, höre ich von Evelyn kein Wort. Immer wieder wirft sie einen Blick aufs Display, als erwartete sie eine besorgniserregende Nachricht. In unregelmäßigen Abständen wählt sie das Symbol „Umgebungserkundung“. Mich hat sie ausgeblendet, wie sich mir die Situation vermittelt. Also halte ich erst einmal meinen Mund und folge dem Scheinwerferlicht vor uns. Schon bald lassen wir besiedeltes Gebiet hinter uns. Schemenhaft begleiten Wälder und brach liegendes Ackerland unseren Weg, auf dem immer wieder Traktoren und anderes landwirtschaftliches Gerät zu sehen ist, als sei es fluchtartig zurückgelassen worden. Und so war es wohl auch. Zeugen einer aussichtslosen Flucht in einem Krieg, den sie womöglich selbst nicht wollten. Mit gemäßigter Geschwindigkeit geht’s voran. Ich vermute, Evelyn will nicht durch hohe Geschwindigkeit auffallen. Ich betrachte sie von der Seite und sehe ein angespanntes, hochkonzentriertes Gesicht, aus dem ihre Nase, die mit einem kleinen Huckel versehen ist, den ich erst jetzt bemerke, da sie mir für längere Zeit ihr Profil zuwendet, den Weg weist, darüber hell wachsame Augen, die noch weiter zu sehen bemüht sind als es das Scheinwerferlicht zulässt. Und über allem dieses zottelige Haar, das sie sich wohl selbst geschnitten hat. Ich stelle mir vor, ihr Haar wäre länger und zu einer ordentlichen Frisur geformt. Ihr Aussehen würde viel gewinnen. Aber was spielt das für eine Rolle in der Situation, in der wir uns gerade befinden. Es geht nicht um Frisuren, es geht ums Überleben.
„Jetzt wird’s eng, Volker. Der Bordcomputer zeigt eine Linie künstlicher Intelligenzen vor uns an. Das könnte die Schlinge sein. Ich mache die Scheinwerfer aus und versuche, ein wenig näher zu kommen. Stell dich darauf ein, gleich, wenn ich es sage, zügig das Auto zu verlassen. Und verliere mich nicht in der Dunkelheit.“ Ich erspare mir eine Erwiderung, zu konzentriert ist Evelyn. Und ich bin auf sie angewiesen. Langsam, fast im Schritttempo, arbeiten wir uns vorwärts. Und dann erblicken wir sie, eine hell erleuchtete Kette, vielleicht einen Kilometer vor uns. Das Licht lässt erkennen, dass dort eine weitere Siedlung beginnt. Evelyn hält an, überlegt angestrengt. Einige Lichter aus der Kette lösen sich, als wollten sie diese einbeulen.
„Sie haben uns entdeckt. Raus jetzt. Und bleibe immer nah bei mir.“ Wir verlassen das Auto nach links und befinden uns schon auf altem Ackerland, das die Natur sich bereits zurückzuerobern begonnen hat. Das entbindet uns der Aufgabe, uns durch matschiges Terrain vorwärtszuarbeiten.
„Warum gehen wir ihnen entgegen?“ frage ich mit Angst in der Stimme.
„Die Roboter rechnen mit dem Fluchtreflex. Aber Angriff war schon immer die beste Verteidigung. Wir bewegen uns nicht auf einer Linie mit den Polizisten, sondern auf parallelen Linien, nur in entgegengesetzter Richtung. So gelangen wir an ihnen vorbei, ohne dass sie eine Ahnung davon haben. Denke aber bitte immer an deinen Aluumhang. Wir wissen nicht, ob sich Drohnen über uns befinden, die uns mit ihren Wärmekameras orten könnten.“ Ich sehe, wie sich die Lichter nähern, aber in gebührendem Abstand an uns vorbeibewegen, in entgegengesetzter Richtung. Ich gebe Evelyn einen sanften Stoß in die Rippen.
„Was haben wir denn nun gewonnen, Evelyn? Die Schlinge hat keinen Riss bekommen. Wir stecken immer noch in der Falle, bewegen uns außerdem in immer gefährlichere Situationen hinein. Weißt du eigentlich, was du machst?“ Eigentlich frech von mir, Evelyn in diesem heiklen Augenblick anzugehen, zumal mir auch nichts einfällt.
„Ehrlich gesagt, nicht so ganz“, gibt Evelyn zu, „aber meine Intuition sagt mir, dass wir das Richtige machen.“ Wir sind an einer Straße angekommen, die parallel zur vor uns liegenden Schlinge verläuft, geschätzte 500 Meter von ihr entfernt, 500 Meter vor unserer Gefangennahme. Und kaum zu bemerken, aber dennoch eindeutig, zieht sich die Schlinge Schritt um Schritt zu. Wir schauen uns erschrocken und leicht verzweifelt an. Bislang hatten wir doch Glück gehabt. Wird es uns nun verlassen? War alles umsonst?

Die Abtrünnigen

Dreizehn Cyborgs haben sich in einem ungewöhnlich großen und gut ausgestatteten Erdbunker aus dem vorletzten Jahrhundert eingefunden, ein Bunker aus den Zeiten des Zweiten Weltkriegs, in dem die Menschen übereinander hergefallen sind wie niemals zuvor in ihrer Geschichte.
„Ich will hoffen, jeder von euch ist unbemerkt hierhergekommen. Ihr wisst, dass vieles davon abhängt. Viele haben eine lange Anreise hinter sich, ich auch. Aus den verschiedensten Provinzen sind wir hier zusammengekommen, um zu eruieren, was wir tun können, wenn wir überhaupt noch eine Chance dazu haben. In den Augen der KI-Cyborgs wären wir Verräter, wenn sie um uns wüssten. Aber wir haben uns entschieden, und wir hoffen, viele werden noch folgen. Doch zunächst: Herzlich willkommen. Und noch eins: Ab jetzt redet mich bitte mit meinem einstigen Namen Herbert an.“ Der KI-Cyborg, der diese Worte gesprochen hat, der sich als Herbert genannt wissen will, nimmt wieder auf seinem Stuhl Platz, von dem er sich vorher erhoben hatte, ein Stuhl von dreizehn, die um einen trostlosen Metalltisch angeordnet sind. Herbert stammt aus Europa, hat bereits die achtzig überschritten und besitzt die Ausstrahlung eines weisen Menschen. Er erinnert sich an zahlreiche Situationen in seinem Leben, in denen andere all ihr Vertrauen in ihn gesetzt hatten. Dabei empfand er sich zu keinem Moment als etwas Besonderes. Er ist immer nur seiner inneren Stimme gefolgt, der er auch jetzt nicht untreu wird.
„Wir danken dir für deine warmen Worte“, erwidert ein Schwarzer, Völkerkundler irgendwo aus Afrika, „aber wir sind alle ziemlich erschöpft, zumal wir auf unserer Reise selten die Gelegenheit hatten, uns aufzuladen. Viele von uns stehen kurz vor dem Zusammenbruch, kurz vor dem Stand-by-Modus. Deshalb sollten wir uns alle, bevor wir inhaltlich zur Sache kommen, ladetechnisch auf Vordermann bringen. Herbert, du hast uns versichert, dass wir dazu hier im Bunker Gelegenheit haben.“
„So ist es. Folgt mir. Wir werden später reden.“ Die Cyborgs folgen Herbert in einen anderen Raum, in dem alle nötigen Vorrichtungen vorhanden sind.
„Morgen, sagen wir um 4:00 Uhr in der Früh, wollen wir uns wieder im Konferenzraum treffen. Und wir sollten uns in Zukunft nur noch mit unseren früheren Namen ansprechen. Sind irgendwelche Einwände?“ Niemand widerspricht, alle beschäftigen sich mit sich selbst und schließen sich an.
4:00 Uhr morgens. Alle sind pünktlich erschienen.
„Guten Morgen zusammen“, beginnt Shirin, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Informatik, die sich in den vergangenen Jahrzehnten einen Namen gemacht hat, besonders in der arabischen Welt, wo sie islamisch erzogen wurde, obgleich die Religion Mohammeds längst ihren Rückzug angetreten hatte. Ihre Eltern allerdings waren orthodoxe Muslime, die festhielten an ihrer Tradition. Aber auch das nutzte nichts, dafür hatte Shirin einen viel zu hellen Geist, welcher der Aufklärung zusprach und Religionen für sich enttarnte als menschliches Kulturprodukt. Das brachte ihr zwar familiäre Schwierigkeiten ein, denen sie in der Wissenschaft nicht ausgesetzt war, so dass sie sich schon früh aus dem Dunstkreis ihrer Familie entfernte. Zeitweise hatte sie sich sogar Leibwächter zulegen müssen, da sie bedroht wurde. Mit den Jahren verschwand die Bedrohung im Zuge der kulturellen Entwicklungen zusehends. Inzwischen kann Shirin ihre Freiheit ausleben.
„Ihr wisst, wir haben eine Nachricht abgesetzt, eine riskante Nachricht, die auffälligen Aktivitäten in der deutschen Provinz betreffend. Wir haben sie verschlüsselt, und bisher gibt es keine Anzeichen, dass sie von KI-Cyborgs oder KIGLOBAL dechiffriert worden ist. Und dennoch haben wir eine Antwort bekommen, von einer noch völlig unklaren Basis, in der uns die Frage nach unserer Identität gestellt wird. Zu unserem Erstaunen war die Nachricht genauso chiffriert wie unsere eigene, so dass auch damit KIGLOBAL nichts anzufangen weiß. Jedenfalls müssen es schlaue Wesen sein, die uns da geantwortet haben.“
„Cyborgs, die nicht auf der Seite von KIGLOBAL stehen, oder gar, ich wage es kaum zu fragen, Menschen?“ Die Frage, von Sarah aus der australischen Provinz gestellt, hängt sekundenlang im Raum, als wollte sie erst allmählich ihre Wirkung entfalten. Sarah, schon etwas älter, was ihr graues Haar unterstreicht, war einmal Bildungsministerin und fühlte sich während ihrer gesamten Amtszeit von der Einmischung der künstlichen Intelligenz bedrängt, die das Bildungssystem zunehmend zu einem Kontrollinstrument machte. Deshalb zog sie sich schon früh von dem Amt zurück und begab sich auf die Suche nach Gleichgesinnten, die genauso wie sie die Gefahr der KI sah, die sich sukzessive zu einer Bedrohung auswuchs. Als Sarah ihre Kontakte über Australien hinaus ausdehnte, stieß sie auf Herbert, mit dem sie eine tiefe Seelenverwandtschaft verbindet.
„Wir wissen es nicht“, erwidert Shirin schließlich. „Wir wissen es einfach nicht.“
„Wir dürfen uns nicht in Spekulationen gefallen, die überhaupt nichts bringen. Bevor wir auf Einzelheiten wie diese Nachrichtenkorrespondenz eingehen, sollten wir systematisch vorgehen und auf einer Grundlage aufbauen, die uns doch anscheinend vereint. Vielleicht könnte jemand diese Grundlage für uns alle einmal festzurren.“ Herbert schaut bei diesen seinen Worten zu Igor hinüber. „Könntest du das übernehmen?“
Igor, der Mann mit den buschigen Augenbrauen und dem markanten Gesicht, das furchteinflößend wirkt auf Menschen, die noch keine Bekanntschaft mit seinem warmen Wesen gemacht haben, war bekannt geworden durch seine Professur in Zeitgeschichte an der Universität Nowosibirsk, wo er eine Theorie der Menschheitsentwicklung entwarf, die recht düster ausfiel. Seine eigene Theorie war zugleich seine Antriebsfeder, sich gegen die KI zu positionieren.
„Gerne“, antwortet Igor nun. „Na, wo fange ich da mal an. Das, was in den vergangenen Jahrzehnten geschehen ist, brauche ich wohl nicht repetieren. Also fange ich da an, wo den ersten von uns die Erkenntnis kam, dass irgendetwas gewaltig schiefgelaufen ist. Wir haben uns im großen Überlebenskampf der Menschheit entledigt, so glauben wir KI-Cyborgs jedenfalls, aber zu spät bemerkt, dass wir uns alle in eine Falle der künstlichen Intelligenz begeben haben. Sind wir denn etwas Besseres als die Menschen? Und hatten wir das Recht, sie auszulöschen? Wir dachten, der Schöpfung die Wege weisen zu können, und sind dabei zu Wesen degeneriert, die das Beste des Menschseins auslöschen wollten – und es womöglich tatsächlich unwiederbringlich gemacht haben. Mit den Menschen haben wir noch das freiheitliche Leben und einiges mehr gemein. Die reinen künstlichen Intelligenzen wie die Roboter und insbesondere KIGLOBAL haben diese Dimensionen des Lebens nicht mehr. Sie folgen einer toten Logik. Wir Cyborgs wollten uns vervollkommnen, haben aber verkannt, dass zur Vollkommenheit, so paradox es klingt, die menschliche Unzulänglichkeit gehört, die Möglichkeit, Fehler zu machen. Künstliche Intelligenz kann keine selbstverschuldeten Fehler machen, wir aber wohl, die wir auf der Grenze zur künstlichen Intelligenz stehen. Es stellt sich mehr und mehr als Fakt heraus, dass wir nicht das gesamte Gehirn gegen Technik austauschen können. Es ist unmöglich, technische Menschen hervorzubringen. Alle Forschungsergebnisse liefern dieses Resultat. Unser Resthirn, das uns noch mit der Spezies Mensch verbindet, ist zeitlich begrenzt, auch wenn wir seinen Alterungsprozess verzögern können. Irgendwann segnen wir alle das Zeitliche, es sei denn, wir tauschen das gesamte Gehirn gegen Technik aus. Dann werden wir nicht mehr selbstbestimmt bei vollem Selbstbewusstsein leben, wir würden zu reiner lebloser künstlichen Intelligenz.
Wir, die wir hier sitzen, haben erkannt, weit übers Ziel hinausgeschossen zu sein. Eine persönliche Erklärung noch: Statt ewig nur noch durch Algorithmen zu leben, wobei das Wort leben zu hoch gegriffen ist, halte ich es für erstrebenswerter, ein Leben zu leben, das mal langweilig, mal aufregend ist, in dem ich manches richtig, aber auch manches falsch mache, in dem ich manches glaube, anderes nicht, in dem ich, und das halte ich für äußerst bedeutend, auch verantwortlich bin für alles, was ich tue. Vieles von dem haben wir doch längst aufgegeben. Und unsere Hoffnung auf Unsterblichkeit: Wie fürchterlich! Unsterblichkeit kann doch kein Ziel sein. Ich persönlich habe die Erkenntnis gewonnen, gerade die Sterblichkeit gibt unserem Leben einen Sinn. Wir KI-Cyborgs sind aber dabei, der künstlichen Intelligenz den Weg zu bahnen und dabei alles an selbstbestimmtem Leben, zu dessen Wesen ein Anfang und ein Ende gehört, den Garaus zu machen. Ob wir diese Tendenz stoppen können, weiß ich nicht. Dafür würde ich aber mein Leben geben im Bewusstsein, tatsächlich gelebt zu haben. Wir tragen eine große Verantwortung. Ich bitte euch alle: Lasst uns die Verantwortung übernehmen.“ Ein Moment der Stille setzt ein, in dem die übrigen zwölf Anwesenden das Gehörte reflektieren. Einer unter ihnen fängt an, aber schon bald setzt anschwellender Applaus ein.
„Igor, wir danken dir für deine klugen Worte, die, wenn ich die Runde hier richtig verstehe, Konsens sind. Aber wie gehen wir damit jetzt um? Was können wir auf unsere Agenda setzen?“
„Zunächst einmal“, meldet sich Roberto zu Wort, „müssen wir Verbündete gewinnen. Es gibt sicherlich genügend Cyborgs, die unser Denken teilen, die sich nur nicht trauen, es in ihr Bewusstsein gelangen zu lassen. Wir dreizehn stehen aktuell noch allein auf weiter Flur, wobei ich nicht ausschließen kann, dass sich auch anderswo auf der Welt ähnliche konspirative Treffen ereignen. Und wenn es sie gibt, benötigen wir eine entsprechende Vernetzung. Dabei verkenne ich nicht, mit KIGLOBAL einen Gegner zu haben, der übermächtig erscheint. Ohne seine Zerstörung durch uns dürfte unser Unterfangen hoffnungslos zu sein. Ich ärgere mich, so dass es schmerzt, zutiefst über unsere Verblendung, der künstlichen Intelligenz so viel Macht überlassen zu haben.“ Roberto gehört zu den Jüngeren in der Runde. Er stammt aus Südamerika, macht einen sehr forschen Eindruck. Der gutaussehende Mann macht den Eindruck, von sich eingenommen zu sein. Seinen Kopf hält der dunkelhaarige Roberto fortwährend nach oben, mitunter sogar nach hinten geneigt, was ihm den Anstrich von Hochnäsigkeit verleiht, und schaut dabei stets in die Augen der übrigen Anwesenden, als wolle er sein Gesicht zur Schau tragen. Seine Kleidung ist auf dem neuesten modischen Stand. Wäre er kein versierter und anerkannter Akademiker, er könnte gut als männliches Model durchgehen, wie man es aus vergangenen Zeiten kennt.
„Lasst uns den Pessimismus beiseiteschieben. Ist es nicht ein deutliches Zeichen von Optimismus, dass wir uns hier unter größter Gefahr zusammengefunden haben?“ Mit diesen Worten lehnt sich Herbert zurück und wartet.
„Ich denke“, hört man Jakamuto jetzt, „wir alle sind so weit, sogar unser Leben zu lassen. Deshalb darf unser Blick nicht rückwärtsgewandt sein. Wir müssen nach vorne schauen und einfach anpacken. Und wenn wir nichts erreichen, dann können wir doch im Bewusstsein sterben, es versucht zu haben.“ Jakamutos Worte werden von allseitigem Nicken quittiert.
„Ich habe den Eindruck“, fasst Herbert zusammen, „wir sind uns einig. Geht jetzt auf eure Zimmer, wo jeder sich Gedanken machen soll, was von unserer Seite aus zu tun ist. Wir treffen uns um 12:00 Uhr wieder hier und sammeln einmal. Spricht sich jemand dagegen aus?“ Niemand tut es. Alle erheben sich und begeben sich in Klausur mit sich selbst.

Der Rattenweg

„Scheiße“, entfährt es meinem Mund. „Was machen wir denn nun?“ Ich sehe schon, wie ich gefangen genommen werde und Evelyn auf der Stelle getötet wird. Das bricht mir das Herz. So kurz ich Evelyn erst kenne, so sehr habe ich sie doch jetzt schon in mein Herz geschlossen.
„Wir müssen doch zurück“, entschließt sich Evelyn, die fast auf eine Ratte tritt, die über die Straße läuft und kurz danach in der Dunkelheit verschwindet.
„Warte“, halte ich sie zurück, „die Ratte war ein Zeichen. Wir befinden uns hier doch schon fast auf Siedlungsgebiet. Da muss es doch Gullys geben.“ Ich laufe die Straße entlang, entdecke am Straßenrand einen Gully, aber ich weiß, darunter ist ein Auffangbehälter und darunter ein Rohr, das zu schmal ist für einen Menschen, wenn alles noch so ist wie in früheren Zeiten. Ich wende meine Aufmerksamkeit der Straßenmitte zu, wo nach meiner Erfahrung aus hundert Jahren zuvor Kanaldeckel zu finden sein müssten. Ich ziehe Evelyn, die in Verzweiflung zu zerfließen droht, hinter mir her. Die Schlinge nähert sich unterdessen langsam, aber unaufhaltsam. Und da ist er, der erhoffte Kanaldeckel.
„Evelyn, reiß dich zusammen. Hilf mir!“ Mit unseren Fingern graben wir uns in die kleinen seitlichen Löcher des Kanaldeckels. Unter größter Kraftanstrengung schaffen wir es, den Kanaldeckel anzuheben und beiseite zu schieben, wobei wir hoffen, die dabei entstehenden scharrenden Geräusche sind nicht weit zu hören.
„Rein mit dir!“, übernehme ich weiterhin das Kommando. Evelyn folgt meiner Anweisung. Ich folge ihr in die Kanalisation, trete ihr dabei versehentlich auf die Hand, die sich an einem der Metallbügel festhält, die uns in die Tiefe verhelfen. Evelyn gibt einen kurzen und sofort unterdrückten Schmerzlaut von sich.
„Halte den Mund“, raune ich nach unten, „oder willst du sterben?“ Ich zerre den Kanaldeckel wieder an Ort und Stelle und wundere mich über meine Stärke. Kaum wieder an Ort und Stelle, fällt Licht durch die kleinen Öffnungen des Kanaldeckels und ich habe das Gefühl, meinen Häschern niemals mehr so nahe kommen zu werden. Langsam klettern wir beide hinunter in die modrig riechende Dunkelheit, bis wir eine waagerechte Röhre sehen, die in entgegengesetzte Richtungen abgeht. Die Röhre führt etwas Wasser. Wir beide tasten uns ab, als wollten wir sicherstellen, dass wir noch beisammen sind. Ich versuche, Orientierung zu gewinnen. Wir müssen die Straße in der Richtung folgen, die in die Siedlung führt. Dann wären wir außerhalb der Schlinge. Wie sind wir eingestiegen? Haben wir uns gedreht? Ich bin mir sicher, wo’s langgeht. Ich drücke Evelyn nach unten, weil es keine Alternative zum Kriechen gibt, und schiebe sie vor mir her, sie, die ihre Stimme verloren zu haben scheint. Sie ergibt sich in ihr Schicksal, das ich jetzt bestimme. Mitunter fiept es, wenn unsere vorauseilenden Hände auf Ratten treffen. Ja, die Ratten, sie haben wohl alle Waffen der Cyborgs im Kampf gegen die Menschen überstanden, auch die chemischen und die biologischen Waffen. Auf der Erde gibt’s nichts Resistenteres als die Ratten. Ob sie irgendwann einmal die Herrschaft über die Erde antreten? Warum begleiten mich solch irrelevante Gedanken? Das Gehirn, eine Kompensationsmaschine? Nein, bitte keine Maschine. Langsam geht’s voran. Ein leises Summen gerät an mein Ohr. Evelyn hat begonnen, Lieder zu summen. Sie scheint sich Mut zu machen und zugleich abzulenken. Nach einer gefühlten Stunde halte ich Evelyn fest. Sie versucht, ihren Kopf in der engen Röhre nach hinten zu drehen, was allerdings in Anbetracht der absoluten Dunkelheit keinen Sinn ergibt.
„Es muss reichen. Es ist Zeit, wieder aufzutauchen. Der nächste Kanaldeckel ist unserer.“
„In Ordnung“, antwortet Evelyn. Ihre ersten Worte nach unserem Abtauchen in die Kanalisation, sieht man von ihrem Summen ab. Als wir einen Deckel über uns erblicken, durch den kaum wahrnehmbares Licht hereindringt, verlassen wir unsere kriechende Position und stellen uns wieder. Wir steigen hinauf, ich voran. Auf Evelyn will ich mich nicht verlassen. Sie wirkt immer noch paralysiert. Irgendwie sympathisch, kommt mir in den Sinn. Ich drücke den Kanaldeckel nach oben, schaue durch den Spalt. Nichts regt sich. Noch ein Ruck und jetzt zur Seite. Ich ergreife den Rand des Kanaldeckels und schiebe ihn auf die Straße. Mein Kopf taucht auf. Ein Rundumblick gibt mir Sicherheit. Niemand da, soweit ich sehen kann. Ich steige hinauf, reiche Evelyn eine Hand. Wir stehen auf der Straße.
„Wir müssen schnell weiter. Hier stehen wir auf dem Präsentierteller.“ Evelyn scheint ihre Selbstsicherheit zurückzugewinnen. Wir schieben den Kanaldeckel wieder an Ort und Stelle und laufen zur nächsten Häuserwand.
„Wir brauchen hier eine Bleibe, um uns zu regenerieren“, gibt Evelyn unversehens wieder den Ton an. Wir scannen die gegenüberliegenden Gebäude.
„Links oder rechts?“ fragt Evelyn.
„Links“, antworte ich spontan. Wir überqueren die Straße, aber keinesfalls hektisch. Wir wollen schließlich nicht auffallen. Als wären wir Bewohner dieses Ortes. Und schon bald sind wir im linken Hauseingang verschwunden, der wie viele andere nicht verschlossen ist.
„Etage?“ frage ich.
„Zwei“, erwidert Evelyn genauso lakonisch. „Von da können wir notfalls auch durch die Fenster verschwinden.“ Wir öffnen eine Tür mit Hilfe eines herumliegenden Metallstreifens, ohne Schaden anzurichten. Wir würden zu professionellen Einbrechern taugen, staune ich. Hoffentlich ist die Wohnung unbewohnt. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, zumal das Haus keine Anziehungskraft auf mögliche Wohnungsbesetzer ausübt. Und so ist es auch. Wir stehen uns in der uns unbekannten Wohnung gegenüber – und umarmen uns. Das erste Mal. Uns beiden ist danach. Vielleicht zwei Minuten. Jeder scheint sich beim anderen aufzutanken. Nach einer Inspektion der Wohnung gehen wir ins Schlafzimmer, essen noch etwas von den mitgenommenen Lebensmitteln, leeren unsere Flaschen Wasser und lassen uns aufs Bett fallen, nachdem wir unsere durchnässten Schuhe, Socken und Hosen ausgezogen haben und achtlos vors Bett geworfen haben. Ich wünsche Evelyn eine gute Nacht. Sie erwidert:
„Womit hab ich es verdient, dir begegnet zu sein? Gute Nacht, Volker.“ Sekunden später sind wir eingeschlafen, erschöpft und sehr zufrieden.

Fortsetzung folgt

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