Nordseewellen

Meereslust

Es ist der Gedanke an den Geschmack von Krabbenbrötchen, der sich während der Fahrt zur Arbeit plötzlich in mein Gehirn drängt und mich ein paar Kilometer lang im Geiste dort verweilen lässt, wonach anscheinend mein Körper lechzt.

Krabben, frisch vom Kutter in ein weißes Brötchen gepackt, diese kleinen unansehnlichen Dinger von hässlich braun-rosiger Farbe, eng verbunden mit dem unverwechselbaren Geruch von Fischerhafen bringen es heute morgen fertig, meine Sinne in eine Richtung zu lenken, die wohl weit nördlicher liegt als der Süden von Düsseldorf, welcher täglich mein Ziel ist.
Nach da, wohin es uns immer wieder zog, wenn Schulferien vorschrieben, Erholung zu suchen, wenn der Familienrat getagt hatte und die Beschlussfassung einstimmig lautete:

N-o-r-d-s-e-e.

Nicht, dass das Element Wasser irgendeine Rolle gespielt hätte in unserem Leben, und auch sonst gab es keine Verbindung zu diesem Landstrich, der nur aus endlosem Deich und dem oft noch nicht einmal vorhandenen Meer besteht.

Es war eben einfach so, dass der Norden uns sympathischer war als die südlichen Gefilde. Die große weite Welt stand ohnehin nicht auf dem Urlaubsprogramm, aber wenn der Zug mit der Aufschrift "Norddeich Mole" uns mitsamt unseren Koffern aufgenommen hatte und wir gerade mal Mönchengladbach hinter uns gelassen hatten, dann war das eben für uns bereits die große weite Welt.

Schon hinter Rheine sah ja alles ganz anders aus. Das Land war weit, noch flacher als zu Hause und übersichtlich. Der Himmel erschien uns immer blau, obwohl es manchmal regnete. Die Wiesen prangten grüner als bei uns und selbst die Kühe bekamen eine andere Farbe. Aus schwarz-bunt wurde braun und deren Milch schmeckte eben viel besser.

Genauso wie der Fisch, der des Mittags die riesige Pfanne füllte, und dessen Duft, wenn Vater ihn briet, dem Rest der Familie schon auf dem Weg vom Strand zurück zur Ferienwohnung das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.

Wir liebten diese Gegend, wo Pils noch herb schmeckt und Küstennebel nicht nur ein Naturschauspiel ist. Kräuterlikör schwimmt in Flaschen, die die Form eines Seehundes haben, und wenn mich nicht später Grass’ Blechtrommel eines anderen belehrt hätte, dächte ich heute noch, der Aal sei ein elegantes Meerestier.

Die morgendliche Zeitungslektüre hieß der „Utrooper“ und am Abend genossen wir die Stimmen der feschen Jungs des Auricher Shanty-Chors.
Wir ließen die Haut vom Wind massieren und Sonnenbrand war Urlaubsgefühl.

Urlaubsgefühl, das selbst eine Schrappnelle wie die in blütenweißer Schürze ständig die Sauberkeit der Ferienwohnung kontrollierende Vermieterin Frau Harms nicht eine Sekunde trüben konnte.
Und wenn ihr zur See fahrender Sohn in seinem Marinekostüm auftauchte, hatte man so ein Freddy-Quinn-Gefühl im Bauch, auch wenn Uniform und Sohn nicht nur schmuddelig, sondern auch seltsam waren.

Ferien mit Eltern, die Zeit für ihre Kinder hatten und Kinder, die Zeit mit den Eltern verbringen mochten. Wo Animation noch als Fremdwort galt und Kinderbespaßung nicht Pflichtprogramm hieß, da fühlten wir uns wohl.

Mit Mutter im Strandkorb stundenlang.
Bücher gelesen, Zeitschriften geblättert, Bikini gehäkelt.
Schiffe geguckt, Muscheln gesucht, Burgen gebaut, mit Vater gelacht.
Strandkorbvermieter mit Mariakron bestochen.

Quallen und Wattwürmer, Menschen die auf Inseln wohnen.

Nackte Babys mit Sonnenhut.

Ich rieche wieder den Duft von Sonnenmilch, die sich mit den feinen Körnchen des Sandes vereinigte und der Haut dieses eigenartige Gefühl verlieh, dieser bislang dem Körper unbekannte Reiz, der sich seltsamerweise verstärkte beim Anblick des sonnengebräunten Typen auf der Decke nebenan.

Rock’n Roll aus dem Kofferradio.

Salzige Haut.

Zum ersten Mal sah ich, wie am Abend die Sonne das Meer berührte, und am nächsten Tag landeten Menschen erstmalig auf dem Mond.

Möwengeschrei.

Pocketkamera im Sand.
Mutter und Vater Hand in Hand in der untergehenden Sonne fotografiert.

Gedankenwellen und Nordseelust.
Lust auf Meer.

Warum ausgerechnet jetzt?
Vielleicht weil ich gestern beim Aufräumen in Vaters Schrank die alte Prinz-Heinrich-Mütze fand.

Foto: Eigenes

Autor:

Birgit Schild aus Düsseldorf

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