Säkulare Buskampagne 2019 – Tag 10: Düsseldorf
"DA" verzaubert die säkulare Stadtrundfahrt

Säkulare Bustour in Düsseldorf
  • Säkulare Bustour in Düsseldorf
  • Foto: Maximilian Steinhaus
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Stolze drei Stadtrundfahrten gab es in Düsseldorf, bei denen sogar ein Zauberkünstler mit an Bord des Busses war, der seine Tricks auf säkulare Themen zugeschnitten hatte. Die Kampagnen-Bushaltestelle war vor dem Landtag aufgebaut, wo sich allerdings kein Politiker blicken ließ. Am Abend diskutierten säkulare Vertreter, Politiker und ein evangelischer Pfarrer vor vollem Haus über das Thema "Wir müssen reden! Über die Beziehung von Politik und Religion".

Nach kurzer Fahrt (51 Kilometer) stand die letzte NRW-Station in Düsseldorf an. Der Bus platzierte sich vor dem Landtag von Nordrhein-Westfalen, leider fand jedoch keiner der eingeladenen Abgeordneten seinen Weg zum Infostand, der aus dem erhöhten Gebäude gut zu sehen war. Der Aufklärungs-Tag begann mit einer Pressekonferenz im Bus, zu der allerdings – abgesehen vom hpd – keine Medien erschienen. Diese Zurückhaltung zeige, so Michael Schmidt-Salomon, Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung (GBS), dass die Buskampagne notwendig sei, um der politischen Klasse und denen, die über sie berichten, die Thematik der Missachtung der weltanschaulichen Neutralität des Staates bewusst zu machen.

Die Verfassungsbrüche durch die nach wie vor bestehenden Staatsleistungen und die Pflicht zur Angabe der Religionszugehörigkeit auf der Lohnsteuerkarte, die man laut Grundgesetz aber eigentlich nicht preisgeben müsste, seien "ein rechtspolitischer Skandal". Auch die Privilegien der Kirchen in Deutschland prangerte Schmidt-Salomon an, die es in dieser Form sonst nirgendwo auf der Welt gebe, sowie "weltanschaulich parteiische, irrationale Gesetze" wie den "Sterbehilfeverhinderungsparagraphen" und die Gesetzgebung zum Schwangerschaftsabbruch. Bei den Kirchen handele es sich um ein "niedergehendes Kulturphänomen", nichtsdestotrotz müssten sich die Konfessionsfreien aber noch als eigenständige Gruppe bewusst werden. Man müsse "mit brennender Geduld weitermachen" (Schmidt-Salomon) und bereits jetzt könne man sehen, dass sich etwas ändere, beispielsweise an den Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts. Dann wurde die Pressekonferenz jäh unterbrochen – und zwar durch ein Fahrzeug, das genau vor dem Bus stehende Dixi-Toiletten abpumpte. Dies verbreitete einen solch bestialischen Gestank, dass abgebrochen werden musste.

Kurz darauf begann auch schon die erste Stadtrundfahrt durch die Rheinmetropole – die erste von dreien, der Düsseldorfer Aufklärungsdienst (DA) hatte sich ein ehrgeiziges Programm vorgenommen. Ricarda Hinz, Mitglied im Vorstand des DA, wies ihre Gäste zunächst auf das katholische und das evangelische Büro hin, die sich neuerdings zusammengetan hätten und in "Spuckweite" des Landtags auf Tuchfühlung mit der Politik residierten. Sieben Vollzeitmitarbeiter leisteten dort auf katholischer Seite "unübertreffbare Lobbyarbeit", die sogar Auto- und Atomwirtschaft neidisch machten: Die christlichen Lobbyisten schafften es, in Gesetzesvorhaben noch vor dem Parlament einbezogen zu werden und Gast in jeder Ausschusssitzung zu sein. Die Geistlichen verstünden sich als Seelsorger der Politiker, damit diese auch wüssten, welche Werte sie zu vertreten hätten.

Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) sei zu Studienzeiten Mitglied in gleich zwei katholischen Verbindungen gewesen. Jeden Donnerstag gebe es im Landtag außerdem eine Andacht, auch zum Jahresbeginn und -abschluss finde ein Gottesdienst statt. So gesehen sei das Parlamentsjahr ein richtiges Kirchenjahr. "So wie die Seele für den Körper ist die Kirche für den Staat", könne man auf einer der Webseiten der Lobbybüros lesen. Analog zur Sternsinger-Botschaft habe der DA einmal einen "Gottlos glücklich"-Aufkleber über dem SPD-Plenarsaal angebracht, der habe dort aber nicht lange überdauert.

Bei der Buskampagne vor zehn Jahren hätten sich Ricarda Hinz und Eva Witten kennengelernt, erzählte erstere, und hätten daraufhin den DA gegründet. Mittlerweile hat diese aktivste aller gbs-Regionalgruppen 113 Mitglieder. Der Bus überquerte den Rhein auf die "zivilisiertere Seite", wie die Stadtführerin sagte: Düsseldorf sei einmal 20 Jahre lang französisch gewesen und in dieser Zeit habe es viele aufklärerische Innovationen in der domfreien Stadt gegeben. Überhaupt sei Düsseldorf aber von jeher von einer toleranten Konfessionspolitik geprägt gewesen und habe sowohl die aus Köln verjagten Protestanten bei sich aufgenommen als auch Juden in Ruhe gelassen.

Vorbei ging es auch an der jesuitischen Andreas-Kirche, die einst gebaut worden sei, um Düsseldorf zu rekatholisieren. Die Kirche sei im Besitz des Landes Nordrhein-Westfalen, das sie finanziere, entschieden werde jedoch alles von acht Dominikaner-Mönchen. Bei der ersten Buskampagne, die damals unter dem Motto "Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott" fuhr, sei aus einem der Fenster des gegenüberliegenden Klosters ein Transparent gehängt worden, auf dem zu lesen war: "Und wenn es ihn doch gibt? Schönen Tag noch."

Der Kampagnen-Bus passierte außerdem das "Komödchen", dem bekannten freidenkerischen Kabarett-Hort, in dem Dieter Nuhr einst seine Karriere begann. Auch DA-Mitglied Thorsten Happel, hauptberuflich Zauberkünstler, ist dort schon einmal aufgetreten. Er war mit an Bord der Stadtrundfahrt und hatte einen Klingelbeutel mitgebracht ("Die Klingel ist ab, aber er beutelt noch ganz gut"), der die Eigenschaft hat, Geld auf wundersame Weise verschwinden zu lassen. "Bei den Kirchen weiß man ja auch nie so genau, wo das Geld bleibt", kommentierte er seinen Zaubertrick. "Das ist bei mir auch manchmal so. Wenn ich mal wieder abgebrannt bin, gibt mir mein Geldbeutel ein Signal" – und mit diesen Worten öffnete er seine Brieftasche, aus der plötzlich eine Stichflamme brannte.

Entlang der Königsallee, die angeblich von Kastanienallee entsprechend umbenannt wurde, um das Königshaus zu beschwichtigen, nachdem freche Bürger ihren Herrscher mit Pferdeäpfeln beworfen hatten, fuhr der große rote Doppeldecker inklusive freundlich winkenden Insassen an den NRW-Kirchenbüros vorbei. Danach war die Tour auch schon vorüber und der Bus bezog wieder seine mahnende Stellung am Landtag.

Am Abend fand eine Podiumsdiskussion im "zakk", dem Stamm-Veranstaltungszentrum des DA, statt. Sie war so gut besucht, dass nicht alle Zuhörer auf den vorhandenen Stühlen Platz fanden. Auf der Bühne debattierten Lale Akgün, Sprecherin der Säkularen Sozis NRW, Stephan Stolzenberger, Sprecher der Säkularen Grünen NRW, Robin Wagener, Vorstandsmitglied der Grünen in NRW, "Kultpfarrer" Thorsten Nolting, Vorstandsvorsitzender der Düsseldorfer Diakonie, und gbs-Vorstandssprecher Michael Schmidt-Salomon. Moderatorin Nadine Pungs hakte geschickt bei ihren Gesprächspartnern nach, wenn sie einer Frage ausweichen wollten, und führte souverän durch den Abend.


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