Arzneimittel gehören nicht in die Toilette

Studien gehen davon aus, dass zwischen 25.000 und 58.000 Patienten an Nebenwirkungen und Wechselwirkungen von Arzneimitteln sterben.
  • Studien gehen davon aus, dass zwischen 25.000 und 58.000 Patienten an Nebenwirkungen und Wechselwirkungen von Arzneimitteln sterben.
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Arzneimittel gehören, richtig angewendet, zu den wirksamsten Instrumenten medizinischer Hilfe. Ihr Einsatz reicht von akuten Gesundheitsstörungen über chronische Krankheiten, der Verhütung oder Verzögerung kurzfristiger und drohender Krankheiten bis hin zur Linderung krankhafter Beschwerden im Rahmen der palliativen Schmerztherapie.

In einer Gesellschaft des längeren Lebens steigt die Behandlungsdauer chronischer Erkrankungen und die Zahl multimorbider Personen. Arzneimittel werden damit häufig zu jahrelangen Begleitern von Patientinnen und Patienten. Eine Arzneimitteltherapie ist allerdings nicht frei von Risiken. Dabei handelt es sich nicht nur um die bei bestimmungsgemäßen Gebrauch möglicherweise eintretenden Nebenwirkungen. Insbesondere die gleichzeitige Gabe verschiedener Arzneimittel erhöht das Risiko unerwünschter Arzneimittelwirkungen. Zusätzliche Risiken entstehen im Rahmen einer Selbstmedikation in Kombination mit verordneten Präparaten. Damit steigt vor allem für Menschen mit mehreren Erkrankungen die Gefahr von zum Teil erheblichen Neben- und Wechselwirkungen. Auch als unerwünschte Arzneimittelwirkung (UAW) bezeichnet.

Unerwünschte Arzneimittelwirkungen sind nicht beabsichtigte und schädliche Reaktionen eines Arzneimittels. Diese treten in verschiedenen Häufigkeits- und Schweregraden bei jedem Arzneimittel auf, das eine oder mehrere Hauptwirkungen besitzt (z.B. Senkung des Blutdruckes, Steigerung der Herzleistung, Reduktion von Schmerzen etc). Dr. med. Karl-Heinz Munter, ehemahliger Geschäftsführer der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, und Dr. Norbert Konradt von der Qualitätsüberwachung Wasser der Stadtwerke Düsseldorfreferierten vor einem sehr interessierten Publikum bei der öffentlichen Sitzung des Seniorenbeiratesüber den weiteren Anstieg der Medikamentenvergabe und -einnahme und die Belastung durch Arzneimittelrückstände im Rheinwasser.

Studien gehen davon aus, dass zwischen 25.000 und 58.000 Patienten (jährlich) an Nebenwirkungen und Wechselwirkungen von Arzneimitteln sterben. Fünf Prozent aller Krankenhauseinweisungen beruhen auf unerwünschten Arzneimittelereignissen. Zwei Drittel dieser Patienten sind über 60 Jahre alt. Bei der Hälfte handelt es sich um Wechselwirkungen der Arzneimittel. Das Risiko, an Wechselwirkungen zu erkranken oder gar zu sterben, steigt mit der Anzahl der eingenommenen Medikamente. An dieser Entwicklung seien jedoch nicht immer die Ärzte beteiligt, sagte Munter. Er würde sich wünschen, dass auch die Patienten mehr eigenverantwortliche Mitbestimmung gegenüber ihren Ärzten praktizierten, um damit den eigenen Heilungsverlauf entscheidend zu beeinflussen. Der praktizierende Mediziner aus Neuss weiter: „Wenn sich die Patienten über ihre Medikamente ebenso intensiv informieren würden wie beim Kauf eines neuen Autos oder einer neuen Waschmaschine, könnte das Risiko, an Arzneimittel- neben und -wechselwirkungen zu erkranken oder zu sterben, deutlich verringert werden.“

Munter fordert in diesem Zusammenhang mehr Fortbildung und Aufklärung für Ärzte und Patienten sowie den verpflichteten Einsatz von elektronischen Arzneimittelinformationssystemen und mehr Geld für Arzneimittelsicherheitsforschung. Auch müssten Medikamente in Form, Farbe und Zusammensetzung normiert werden.

„Der erhöhte Konsum von Arzneimitteln kann nicht nur den Patienten schädigen, sondern auch und im erheblichen Maße unsere Umwelt“, führte Dr.Norbert Konradt von der Qualitätsüberwachung Wasser der Stadtwerke Düsseldorf aus. So belegen Untersuchungen aus jüngster Zeit größere Vorkommen von Arzneimittelrückständen wie Antibiotika, Diclofenac und Carbamazepin im Rhein. Zwar seien sie in der geringen Konzentration für den Menschen nicht bedenklich, jedoch können sie das aquatische Ökosystem empfindlich stören.

Humanarzneimittel sind ein unverzichtbarer Bestandteil des heutigen Lebens. Sie bestehen aus biologisch aktiven Substanzen, die entweder durch unsachgemäße Entsorgung über die Toiletten oder nach ihrer Anwendung als schwer abbaubare Ausgangssubstanzen oder als Umwandlungsprodukte via Urin und Fäkalien ausgeschieden werden und so in das kommunale Abwasser gelangen. Jährlich werden große Mengen zahlreicher Wirkstoffe verbraucht.

So werden in Deutschland mehr als 30.000 Tonnen Arzneimittel in Form von insgesamt 2.500 Aktivsubstanzen konsumiert. „Arzneimittel im Wasserkreislauf schaden der aquatischen Umwelt. Deshalb ist es dringend geboten, die Einträge zu verringern. Dabei sind erst durch die moderne Spurenanalytik auch geringste Arzneimittelrückstände in der Umwelt nachweisbar und die Eintragswege belegbar, wies Dr. Konradt bei seinem Vortrag in Düsseldorf hin.

Der Eintrag in die Gewässer erfolgt mit industriellen Abwässern bei der Produktion und anschließend bei der Verwendung als Human- und Tierarzneimittel. Letztere belasten über die Gülle das Grundwasser und über Auswaschprozesse des Bodens die Oberflächengewässer. Humanarzneimittel werden über die Kliniken, Großpraxen und die häusliche Verwendung in die kommunalen Kläranlagen transportiert, die einige Medikamente nicht ausreichend abbauen können. Deshalb gibt es zurzeit in NRW Untersuchungen zu einer weitergehenden Aufreinigung der Abwässer.

Einfluss auf unser Wasser

Arzneistoffe sind als biologisch wirksame Substanzen konzipiert. Schon bei geringen Konzentrationen können sie negative Auswirkungen insbesondere auf aquatische Organismen wie Fische und Amphibien haben. Am Beispiel des Einflusses Carbamazepins auf Karpfen zeigte Dr. Konradt auf, wie schwierig die Interpretation der Ergebnisse ist. Auch der Mensch hat über den Trinkwasserkonsum Teil an der aquatischen Umwelt. So lässt sich Carbamazepin im Rhein und auch im Rohwasser nachweisen, auch wenn die Konzentration seit dem letzten Jahrzehnt langsam abnimmt. Erst die mehrstufige Aufbereitung führt zu einem Trinkwasser, das frei von Arzneimittelwirkstoffen ist.

Zur Verminderung der Belastung fordern die Wasserversorger und ihre Verbände die stärkere Berücksichtigung der Umwelt, eine Beschränkung des Antibiotikaeinsatzes insbesondere in der Landwirtschaft, die Sammlung stark belasteter Abwässer von Kliniken und Großpraxen, eine Verbesserung der Abwasserreinigung und eine durchgehende behördliche Umweltüberwachung. Aber auch jeder Einzelne kann bei der Verringerung der Abwasserbelastung mithelfen, indem er Medikamentenrückstände richtig entsorgt.

Immer wieder stellt sich die Frage: Wohin mit den Arzneimittelresten?

„Alte Arzneimittel gehören nicht in die Toilette, sondern in den Müll! Die graue Tonne ist nicht nur der einfachste und bequemste Weg der Entsorgung, sondern auch ein umweltverträglicher. Da der Hausmüll in Düsseldorf der Müllverbrennungsanlage zugeführt wird, werden die Arzneimittel zerstört, sodass kein Eintrag in die Umwelt erfolgen kann. Auch die Abgabe an Schadstoffsammelstellen der Abfallentsorgungsunternehmen ist möglich“, so Norbetr Konradt,

Info:

Arzneimittel gelangen meist unmittelbar nach ihrer Anwendung über das Abwasser aus Haushaltungen und Betrieben in das kommunale Abwasser. Ein kleiner Prozentsatz (ca. ein bis drei Prozent dieses kommunalen Abwassers gelangt über Mischwasserüberläufe bei Regenwetter direkt in die Oberflächengewässer. Auch Abwasser aus Haushaltungen, die nicht an die kommunale Kanalisation angeschlossen sind (ca. ein bis zwei Prozent), gelangt direkt in die Oberflächengewässer. Aber über 95 Prozent des kommunalen Abwassers erreichen die Kläranlagen.

Das Ausmaß der Elimination in der heutigen Kläranlage variiert je nach Substanz, wobei beispielsweise Bezafibrat relativ gut und Carbamazepin nicht eliminiert wird. Im Auslauf kommunaler Kläranlagen wird ständig ein breites Spektrum an Humanarzneimittelwirkstoffen in Konzentrationen deutlich über 1 ìg/l nachgewiesen. (Internationale Kommission zum Schutz des Rheins (IKSR) Stadtwerke Düsseldorf).

Die zentrale Düsseldorfer Trinkwasserversorgung geht ursprünglich zurück auf das Jahr 1870. Ein 30 kilometerlanges Rohrnetz versorgte damals 60.000 Düsseldorfer. Heute versorgen drei Wasserwerke Tag für Tag über 600.000 Menschen in Düsseldorf und Mettmann mit durchschnittlich 140.000 Kubikmetern - das sind 140 Millionen Liter frischem Trinkwasser.

Die Kraft der Natur

Bis zu 30 Meter dicke Kies- und Sandschichten unter der Mittelsohle des Rheins reinigen das Wasser gleich zweifach: Erstens waschen die Kiese und Sande Schmutz- und Trübstoffe aus. Zweitens bauen in den Erdschichten enthaltene Mikroorganismen zahlreiche Schadstoffe ab. So hat das Wasser bereits eine sehr gute Qualität, wenn es in den Brunnen der Wasserwerke ankommt.

Gemeinsam für sauberes Trinkwasser

In den drei Wasserwerken im Norden und Süden Düsseldorfs wird das Wasser dann nach dem sogenannten „Düsseldorfer Verfahren“ aufbereitet. Es wurde Mitte der 1950er-Jahre entwickelt, um das natürliche Filtersystem aus Kiesen und Sanden bei seiner Arbeit zu unterstützen. Zunächst testeten die Forscher Aktivkohle: eine feinkörnige Kohle, die auch in der Medizin genutzt wird. Nach kurzer Zeit gaben die Stadtwerke Düsseldorf zusätzlich Ozon hinzu. Das aus drei Sauerstoffatomen bestehende Gas oxidiert Eisen, Mangan und organische Substanzen im Wasser und entkeimt es. Das Ergebnis war beeindruckend: Zusammen eignen sich Aktivkohle und Ozon sehr gut für die Wasseraufbereitung. Das „Düsseldorfer Verfahren“ ging in Serie. 1961 nahmen die Stadtwerke in der Nähe des Messegeländes ihre erste Aufbereitungsanlage in Betrieb. Nur wenige Jahre später folgten zwei weitere in Flehe und Holthausen.

Nebenwirkungen können gefährlich sein

Bei vielen Bakterien wirken Antibiotika nicht mehr. Der Grund: Die Erreger sind gegen die Arzneimittel resistent geworden. Schuld daran ist in vielen Fällen ein zu sorgloser und zu häufiger Umgang mit Antibiotika; widerstandsfähige Bakterien können überleben und gegen das Mittel resistent werden, also unempfindlich gegen das Antibiotikum. Das Schmerzmittel Paracetamol kann der Leber schaden, das Blutbild verändern und Allergien auslösen. Aspirin kann zu Magenblutungen, Geschwüren im Darm und Asthma führen. Zudem hemmt es die Blutgerinnung.Ibuprofen und Diclophenac gehen auf die Nieren und können ebenfalls Magenblutungen und Darmgeschwüre auslösen.

Fast jeder Patient schluckt zu viele Pillen

Nicht alle Medikamente, die jungen Patienten helfen, sind auch für ältere Menschen geeignet. Schon gar nicht, wenn zehn oder mehr unterschiedliche Präparate auf einmal eingenommen werden. Da aber eine Krankheit im Alter oft nicht isoliert auftritt, müssen ältere Patienten häufig eine Reihe von unterschiedlichen Arzneimitteln gegen verschiedene Erkrankungen einnehmen, was das Risiko für Wechsel- und Nebenwirkungen deutlich erhöht. Fast ein Drittel der Medikamente wird ohne „Evidenzbasis“ verschrieben, das heißt, dass es keinen wissenschaftlichen Nachweis für den Nutzen gibt. Das ist das Ergebnis einer kleinen Vorabstudie (169 Patienten aus 22 allgemeinmedizinischen Praxen) der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Andreas Sönnichsen, Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin und Familienmedizin der Universität Witten/Herdecke.

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