"Der Patient hat immer recht"

Über 12 Millionen Menschen unter chronischen Schmerzen. Nach wie vor werden viele Schmerz-Patienten nicht ausreichend behandelt:
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Seniorenrat: Dr. Ralf Rassmann hielt Vortrag über Schmerzen im Alter

Schmerz ist überlebenswichtig. Würde der Mensch keinen Schmerz empfinden, kann er sogar daran sterben. Es gäbe kein Warnsignal, wenn er sich verletzt, die Knochen bricht und z.B. eine Blinddarmentzündung bekäme. Was beweist: Schmerz kann nicht nur schützen, sondern auch warnen.

In Deutschland leiden etwa 12 Millionen Menschen unter chronischen Schmerzen. Nach wie vor werden viele Schmerz-Patienten nicht ausreichend behandelt: Oft dauert es bis zu 10 Jahre, bis ein Schmerz-Patient in einer spezialisierten Praxis oder Klinik behandelt wird. Mehr als 600.000 Patienten mit chronischen Schmerzen nehmen starke Schmerzmedikamente. Nur etwa jeder 10. erhält tatsächlich die erforderlichen Medikamente.

Wie man Schmerzen definiert und was man dagegen tun kann, waren einige der wichtigsten Fragen zum Thema "Schmerzen im Alter" der letzten Sitzung des Seniorenrates der Landeshauptstadt Düsseldorf. Um diese und viele andere Fragen beantworten zu lassen, luden die Seniorenratsmitglieder unter dem Vorsitz von Gregor Jungbluth den Mediziner Dr. Ralf Rassmann zur Sitzung ein. Der Allgemeinmediziner praktiziert in einer Gemeinschaftspraxis in Kaiserswerth auch in den Bereichen Schmerztherapie und Sportmedizin.

Dr. Rassmann definiert Schmerzen als ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis. Schmerzen sind grundsätzlich sehr sinnvoll: Sie dienen als biologischer Alarm, als Warnruf des Körpers. Bei akutem Schmerz löst ein äußerer Reiz, etwa eine Gewebeverletzung, Signale aus, die über Nervenverbindungen zum Gehirn gelangen. Dort rufen sie die subjektive Schmerzwahrnehmung hervor. Sie soll vor allem verhindern, dass wir uns noch mehr verletzen.

Woran ich meinen Schmerz erkenne, ist für den Mediziner eine der Fragen, die in seiner Praxis immer wieder auftauchen und für ihn einfach zu beantworten ist. „Wenn ein Patient sagt, er habe Schmerzen, dann empfinde er sie auch. Darum hat der Patient immer recht. Ich kann einem Patienten, der über Schmerzen in meiner Praxis klagt, nicht entgegnen, das kann nicht sein. Vielmehr muss nach der Ursache eines Schmerzes geforscht werden. Da nicht immer offensichtlich ist, was den Schmerz verursacht, muss nicht selten in detektivischer Kleinarbeit die Ursache gefunden werden“ so Rassmann.

Schmerzmessung:

Eines der wichtigsten Instrumente ist die Messung per Skala – also die Bestimmung durch die vom Patienten empfundenen Stärke seines Schmerzes. Da gibt es die numerische Schmerzskala 0-10 und die bildlich dargestellte „Smileys“ Skala für Kinder.
Dabei sei jedoch zu beachten, dass jeder Schmerz sehr individuell ist; soll heißen, dass der Patient, der seinen Schmerz auf der Skala bei 3 sieht ohne weiteres tatsächlich sogar bei 7 oder liegen kann. „Die Skala dient in erster Linie dazu, ein Verlaufsurteil - was hatte ich vorher und wie groß ist der Schmerz jetzt - abzugeben. Durch die regelmäßige Schmerzmessung wird die Schmerztherapie ständig den individuellen Bedürfnissen des Patienten angepasst. So wird verhindert, dass der Schmerz dauerhaft (chronisch) wird. Gleichermaßen ist das Führen eines Schmerztagebuches wichtig, um den Schmerzverlauf besser beurteilen und beeinflussen zu können.

„Die Behandlungen von Schmerzen sind so vielseitig wie die Arten von Schmerzen. Über Kopfschmerzen und Migräne Schmerzen bis Phantomschmerzen und schweren chronischen Schmerzen und vieles mehr. Doch für alle Arten gelte, sich dem Schmerz nicht einfach hinzugeben, sondern ihn nach Möglichkeit wieder loszuwerden oder zumindest abzumildern“ so der Schmerzmediziner. Schon eine positive Einstellung des Patienten kann oft helfen.

Zwar ginge dadurch nicht jeder Schmerz einfach weg, jedoch sei z. B. die Hinwendung darauf, was man trotz seines Schmerzes noch alles machen kann, besser als darüber nachzudenken, was man nicht mehr kann. Auch solle man sich nach Möglichkeit viel bewegen und sich zum Beispiel Ablenkung verschaffen, um dem Schmerz keine Hauptrolle einnehmen zu lassen.

Schmerz wegnehmen, bevor er entstehen kann

„Natürlich müssen Schmerzen auch mit Medikamenten behandelt werden. Nicht selten sogar mit Opioide und Morphinen“. Hier rät Dr. Rassmann in jedem Fall, die Form der Tablette zu bevorzugen. Oft würden Spritzen verabreicht, die immer mehr an Bedeutung verlieren, weil es die Patienten ortsabhängig mache und sie darauf angewiesen, dass immer ein Arzt in der Nähe ist, der sie verabreicht. Daher sei es unabdinglich seine Schmerzen selbst zu managen.

Dazu gehöre auch selbstverantwortlich mit den Schmerzmitteln umzugehen. Wer in der Regel im Acht-Stunden-Rythmus seine Schmerzmedikation einnehme, jedoch schon nach sechs Stunden starke Schmerzen verspüre, könne das Medikament auch früher einnehmen. In jedem Fall solle man durch den Arzt auch feststellen lassen, ob man überhaupt auch richtig eingestellt ist. Als oberste Maxime gelte es, den Schmerz wegnehmen, bevor er entstehen kann.

Morphine nicht immer der beste Weg

Leider nimmt Morphium nicht bei jedem den Schmerz weg. Das belege zum Beispiel die Number needed to treat (NNT (Die Anzahl von Patienten, die behandelt werden müssen, um eine entsprechende Wirksamkeit zu erhalten). Morphium liegt dabei an dritter Stelle. Soll heißen, dass von drei mit Morphium behandelten Patienten nur einer profitiert.

Aber Opioide und Morphide sind glücklicherweise nicht die letze Möglichkeit. Welche jedoch für den Schmerzpatienten die berste ist, sollte immer erst abgeklärt werden.
Mittlerweile gibt es auch ein Verfahren der gezielten Nervenstimulation zur Schmerzbehandlung an einzelnen Nervenwurzeln, die für die Schmerzweiterleitung verantwortlich sind. Es nennt sich spinale Ganglionstimulation, wobei eine dünne Elektrode die Nervenfasern präzise dort stimuliert, wo Schmerzen aus den verschiedensten Körperregionen in das Rückenmark gelangen und von dort ihre quälenden Signale in das Gehirn senden. Vorteil: keine oder geringe Nebenwirkungen.
Auf die terminale Sedierung mochte Rassmann jedoch nicht weiter eingehen. „Diese wird in der Palliativmedizin angewendet - auch palliative Sedierung genannt. Das kämme bei den allermeisten hier jedoch ohnehin nicht infrage, weil ich davon ausgehe, dass Sie ja alle weiter am leben teilnehmen wollen“, sagt Rassmann.

Beipackzettel verhindert Akzeptanz

„Alle kennen diese ellenlangen Beipackzetteln, die den Patienten mehr verwirren, und unleserlich klein bedruckt sind. Oft verleiten sie mit ihren schrecklichen Nebenwirkungen dazu, dass die Patienten das verschriebene Medikament erst gar nicht einnehmen. Doch diese Beipackzettel sind gesetzlich vorgeschrieben und eigentlich mehr juristische Informationsblätter als medizinische. Wer nach dem lesen des Beipackzettels unsicher ist, solle nicht eigenmächtig handeln, sondern sich in jedem Fall an seinen Arzt wenden, rät Dr. Rassmann.

Nach einem sehr interessanten und kurzweiligen Beitrag, an dem sich die Seniorenratsmitglieder und Besucher rege beteiligten, beendete Dr. Rassmann seinen Vortrag mit viel Applaus und fügte hinzu: „Es gibt noch so viel zu sagen, was den Rahmen dieser Sitzung jedoch sprengen würde“.

Dennoch bat Rassmann die Anwesenden, einmal sitzend auf den Boden zu schauen und mitzuteilen, was die sie sich dabei fühlten. Fast alle empfanden es als eher unglücklich und unangenehm. Danach sollten sich alle einmal von ihren Plätzen erheben und die Arme weit nach oben zu strecken. Auf die Frage, was sie nun empfanden, waren die Antworten durchweg positiv. Mit diesem kleinen Experiment wollte der Mediziner einmal zeigen, dass auch die Haltung eine wichtige Rolle für einen gesunden Geist und Körper spiele. Denn mit nach oben gestreckten Armen und der richtigen Atmung läßt es sich nicht unglücklich sein - es ist eine Sieger Pose, die man täglich - und so oft es geht - widerholen solle.

Der Vorsitzende des Seniorenrates Gregor Jungbluth bedankte sich bei Rassman für den tollen Beitrag und die stellvertretende Vorsitzende, Ute Schneider fügte hinzu, dass sie diesen Vortrag genossen habe und freue, dass Dr. Rassmann trotz seiner kurz bemessenen Zeit und seiner vielen Patienten an einem Freitag der Einladung des Seniorenrates gefolgt sei. „Dieses Thema lag mir besonders am Herzen, weil es insbesondere für unsere Senioren wichtig ist, zu erfahren, wie man mit dem Schmerz umgehen kann und wo man Hilfe bekommen kann.“

Über Dr. Ralf Rassmann:

Nach seiner Ausbildung zum Allgemeinmediziner an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, praktizierte der 54-jährige zunächst am Bundeswehrkrankenhaus Koblenz und in der Hausarztpraxis Dr. Huth in Willich, bevor er sich in seiner Praxis seit 1998 in der Fliednerstraße in Kaiseswerth niederließ. Mit an Bord sind Dr. Denise Frehen (Allgemeinmedizin und Gefäßchirurgie) und Seline Spierzack (Innere Medizin und Gastroenterologie).

Hinweis:

Informationen über Beipackzettel finden Sie unter: http://www.beipackzettel.de/ und bei der Patienteninfo-Service Website: https://www.patienteninfo-service.de/ Sie ermöglicht Patienten – ganz gleich ob blind oder sehend – einen barrierefreien Zugriff auf die Packungsbeilagen von Medikamenten.

Wichtige Infos über das Thema Schmerzen finden Sie auch bei der Deutsche Schmerzgesellschaft e.V. und bei Schmerzhilfe.de

Autor:

Peter Ries aus Düsseldorf

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