Welche Rolle spielt der islamische Glaube in der Behandlung von psychischen Erkrankungen
Welche Rolle spielt der islamische Glaube in der Behandlung von psychischen Erkrankungen

Welche Rolle spielt der islamische Glaube in der Behandlung von psychischen Erkrankungen

Mimoun Azizi

Hintergrund:

Europa erlebt seit dem Ausbruch der Bürgerkriege im Irak und Syrien einen riesigen Zustrom von Flüchtlingen, die meisten von ihnen sind muslimischen Glaubens. Im Vergleich zu westlichen Gesellschaften ist in diesen Ländern die Religion Teil des Alltags. Die Mehrheit der muslimischen Flüchtlinge sind praktizierende Muslime. Durch die Erlebnisse im Bürgerkrieg und durch die Flucht an sich sind sehr viele dieser Flüchtlinge psychisch erkrankt und bedürfen einer psychiatrischen Behandlung.Zielsetzung:Es geht darum zu verstehen, welche Rolle der islamische Glaube bei psychischen Erkrankungen spielt bzw. spielen könnte. Es wird der Frage nachgegangen, ob der islamische Glaube Auswirkung auf die Prävalenz psychischer Erkrankungen hat. Des Weiteren geht es darum zu eruieren, inwieweit der islamische Glaube, sofern die Menschen gläubig sind, die Ausprägung psychischer Erkrankungen beeinflusst und welche Rolle der muslimische Glaube in der psychotherapeutischen Behandlung von Menschen muslimischen Glaubens spielt bzw.spielen sollte.Methode:Psychische Störungen wurden in muslimischen Gemeinschaften beurteilt und religiöse Faktoren, die zu diesen Störungen führten, wurden bewertet und in einer statistischen Form präsentiert. Es wurden hierzu die in Pubmed vorhandenen Studien eruiert und ausgewertet bzw. beurteilt. Dabei zeigte sich, dass Studien zu diesem Thema sehr rar sind.Ergebnisse:Es hat sich herausgestellt, dass der Islam und die Spiritualität einen enormen Einfluss auf die Entwicklung bestimmter psychischer Erkrankungen, sowie die Wahrnehmung dieser Erkrankungen haben. Darüber hinaus gibt es gewisse Widersprüche zwischen der islamischen Wahrnehmung und Bewertung psychischer Erkrankungen und den Klassifikationen dieser Erkrankungen in DSM V und ICD 10. Die unterschiedlichen Kriterien in
der DSM V und ICD 10 Klassifikation können nicht ohne weiteres auf die psychisch erkrankten Menschen aus der muslimischen Glaubensgemeinschaft übertragen werden.Offensichtlich führt der feste Glaube bei den Muslimen zu einer anderen Wahrnehmung und Verarbeitung von psychischen Erkrankungen.Hierzu wurde 2013 eine Studie vom indischen Journal der Psychiatrie mit dem Titel die„Rolle des Islam in der Behandlung psychiatrischer Erkrankungen“ veröffentlicht. (1) Sie beginnt, wie jede Studie, die sich mit dieser Frage beschäftigt, mit einer kurzen Erklärung der Natur der Religion des Islam und der Angabe der wichtigsten Quellen der Religion. Dabei geht sie auf die Rolle des Koran und der Sunna ein. Die Autoren sprechen von positiven Einflüssen des islamischen Glaubens auf psychische Erkrankungen, ohne diese weiter spezifizieren zu können.Laut dieser Studie scheint der islamische Glaube bzw. die islamische Spiritualität die Motivation, sich einer psychotherapeutischen Behandlung zu unterziehen, zu fördern. Die Spiritualität hat selbst einen positiven Einfluss auf die psychotherapeutische Behandlung. Die Studie konnte aber auch zeigen, dass es erhebliche Widersprüche zwischen den westlich geprägten psychoanalytischen Ansätzen und den muslimischen Prinzipien gibt. Die Autoren führen diese Problematik auf die Bedeutung der Gemeinschaft im Islam, im Gegensatz zudem in den westlichen Ländern propagierten Individualismus zurück. Daraus schlussfolgern die Autoren dieser Studie, dass eine Gruppentherapie, wie sie in den meisten westlichen Psychiatrien üblich ist, für muslimische Patientinnen problematisch ist. Die muslimischen Patienten sind nicht bereit in einer Gruppe über Ihre Probleme zu sprechen, da sie sich zumeinen schämen, zum anderen ihre Probleme anderen nicht mitteilen wollen. Viele muslimische Patienten lehnen solche Gruppentherapien aber auch ab, weil in der Gruppe beide Geschlechter vertreten sind. Über intime Probleme im Beisein von anderen und insbesondere im Beisein des anderen Geschlechts in einer Gruppe zu sprechen, gilt als zutiefst unislamisch. Daher sei die Gruppentherapie für diese Menschen keine Option.Gleichwohl wird in dieser Studie betont, dass Einzeltherapien problemlos angenommen werden, wobei auch hier entscheidend ist, ob es sich um einen Therapeuten oder eine Therapeutin handelt. Muslimische Frauen bevorzugen Therapeutinnen und muslimische Männer eher Therapeuten. Die Studie weist aber auch daraufhin, dass die psychotherapeutischen Techniken überarbeitet werden müssen, um auch diesen Patienten der Behandlung gerecht zu werden. Sie befürworten die Entwicklung einer kognitiven Verhaltenstherapie nach den islamischen Prinzipien. Sie verweisen auch auf die bereits im islamischen Mittelalter in diesem Bereich tätigen Ärzte. Es gab zahlreiche muslimische Gelehrte, die sich mit den psychiatrischen Krankheiten befassten und sie beschrieben hatten. Zu diesen Gelehrten gehört Abu Bakr Muhammad Zakaria Al-Razi (925 n.Chr.). Er ist der erste muslimische Arzt, der die Psychotherapie erforschte und bei seinen Patienten anwendete. Diese erfolgte in Form von Gesprächen und Gebeten. Er war es auch, der versuchte, verschiedene psychische Erkrankungen, wie die Depression, zu kategorisieren und weitere Symptome von verschiedenen psychischen Störungen zu beschreiben.
In der Behandlung der Depressionen griffen muslimische Ärzte wie Al-Razi auf die Religion zurück, um den Patienten Hoffnung zu machen und sie zu motivieren. Dabei wurden ganz bestimmte Verse aus dem Koran rezitiert und in der therapeutischen Sitzung mit dem Patienten diskutiert, um mit negativen Ereignissen fertig zu werden, da der Koran eine Menge von Versen hat, die die Barmherzigkeit Gottes betonen. So heißt es in der Sure 94,Vers 5-6: „So, wahrlich, mit jeder Schwierigkeit gibt es Erleichterung“. In der Sure 12, Vers 87 wird das Prinzip Hoffnung explizit angesprochen: „Und gebe niemals die Hoffnung auf Allahs beruhigende Barmherzigkeit auf“. Und weiter heißt es In Sure 65, Vers 2-3: „Und für die, die Allah fürchten, bereitet er immer einen Ausweg vor, und Er versorgt ihn aus Quellen, die er sich nie vorstellen konnte. Und wenn jemand auf Allah vertraut, so ist Allah für ihn ausreichend. Denn Allah wird sicherlich seinen Zweck erfüllen: Wahrlich, Allah hat alle Gebote zugesandt.“ Die Integration der Religion in der psychotherapeutischen Behandlung hat in der islamischen Welt Tradition und wird bis heute weiterhin auch so praktiziert. Denn nicht selten sind es die Imame, die als erste Ansprechpartner bei solchen psychischen Erkrankungen involviert werden. Diese lesen den Patienten aus dem Koran vor und animieren den Patienten sich verstärkt Gott zuzuwenden. Die Gebete dienen der Strukturierung des Alltags.Nicht selten führen psychische Erkrankungen zunächst zur Entstehung von Suizidgedanken,die jederzeit in Suizidhandlungen übergehen können. Der Selbstmord ist im Islam verboten.Die islamische Religion bekämpft den Selbstmord auf zweierlei Weise, indem sie die Ursachen des Selbstmordes, wie Substanzmissbrauch direkt verbietet: „Tötet und zerstört euch nicht, denn Gott ist barmherzig.“ (Sure 4, Vers 29).
Mohamed, der Prophet des Islam,sagte: „Wer Selbstmord durch Drosseln begeht, wird sich in der Höllenfeuer ewig drosseln lassen, und wer Selbstmord begehen will, der wird sich selbst im Höllenfeuer stechen.“(Sahih al-Bukhari 2: 23: 446) Andrerseits erklärt die islamische Religion, dass alles Leiden,Leben, Tod, Freude und Glück Gottes Wille sei. Gott ist verzeihend und wird den Menschen von seinem Leid erlösen, wenn dieser fest im Glauben ist (vgl. Sure 62). Erneut äußert sich der Prophet Mohamed hierzu. „Gott wird ihm sein Leid und seine Trauer wegnehmen und ihm stattdessen Freude machen (...), denn wer Gott liebt und vertraut, den wird Gott nicht verlassen.“ (Sure 3, Vers 159)Zwangsstörungen und das Grübeln bezeichnet der Islam als Obsessionen bzw. „Wasawes“.Sie sind das Werk des Teufels, des „Shaytan“. Hier, insbesondere hier, ist der Rückgriff auf die Religion bzw. auf die koranische Lehre in der therapeutischen Behandlung in den islamischen Ländern Standard.Andere Ursachen wie der Alkohol, die ebenfalls schwere psychische Folgen haben könnten,werden im Islam verboten. Im Islam spielt zudem die Familie eine entscheidende Rolle. Sie bietet nicht nur Zusammenhalt und Wärme, sondern sie fungiert auch als Erzieherin. In der Familie lernen die Kinder das Geben und Nehmen und man erzieht sie sozial. Egoismus und antisoziales Verhalten werden nicht geduldet.
Die Familie ist aber auch ein wichtiger Pfeiler in der Behandlung psychisch erkrankter Familienmitglieder. Sie bietet Schutz und Zuflucht und sie garantiert, dass der oder die Betroffene nicht isoliert und stigmatisiert werden. Sie bietet aber auch Schutz vor Verarmung, damit wird dem bzw. der Betroffenen eine große Sicherheit vermittelt. Die Familie fühlt sich für den Betroffenen verantwortlich und versucht alles Mögliche, um ihm zu helfen. Daher sind Familientherapien nicht selten und sie sind mit den islamischen Prinzipien vereinbar.Eine große Rolle in der Behandlung psychisch erkrankter Menschen in der islamischen Welt spielt die Musiktherapie. Die Musiktherapie wurde nachweislich bereits im 8. Jh. in der Behandlung von psychischen Erkrankungen angewendet. Sie fand ihre Anwendung in der Behandlung von Depressionen, von Schlaflosigkeit, Stress, Schizophrenie, Demenz und kindlichen Störungen wie Autismus. Das Al-Mansouri-Krankenhaus in Kairo, welches von Malik-al-Mansour im Jahr 1284 gegründet wurde, verfügte über eine psychosomatische Abteilung, in der die Musiktherapie zu den Standardtherapien gehörte. Die Meditation und das Rezitieren des Koran gehörten und gehören ebenfalls zu den Therapiemethoden in der Behandlung psychischer Erkrankungen. Die Meditation, im Islam „Thikr“ genannt,praktizieren insbesondere die Sufis, um auch die Seele vor Unheil zu schützen und sich von Stress zu befreien. Das Rezitieren des Koran ist eine sehr häufige Methode, die von sehr vielen Betroffenen praktiziert wird. Die Rezitation hat einen meditativen Charakter.Die Aromatherapie spielt in der gesamten islamischen Welt in der Behandlung auch psychischer Erkrankungen eine signifikante Rolle, dabei werden z.B. Moschus, Rose,Sandelholz, Oud und Weihrauch eingesetzt. „Psychiatrie und Islam“ eine Studie aus dem Jahr 2004 von Saxby Pridmore und Mohamed Iqbal Pasha, veröffentlicht in Australasian Psychiatry, untersucht den Zusammenhang zwischen psychischer Gesundheit und den Regeln innerhalb der islamischen Gesellschaften. (2) Die Studie konnte zeigen, dass in Saudi-Arabien und in Pakistan die überwiegende Meinung herrscht, dass psychische Erkrankungen eine Strafe Gottes seien und dass diese Menschen von bösen Geistern besessen seien.Dementsprechend ist auch die Behandlung, die aus Bestrafung und Exorzismus besteht.Psychisch erkrankte Patienten in Ägypten, im Libanon, im Iran, in Malaysia, im Iran und anderen islamischen Staaten hingegen werden in der Psychiatrie, zum Teil stationär und zum Teil ambulant behandelt. Dabei spielen die genannten Verfahren wie Meditation, Rezitation und die Anwendung von ätherischen Ölen eine entscheidende Rolle.Auch eine gesetzliche Betreuung existiert im Islam. Gemäß dem islamischen Recht, hat der Staat die Befugnis und sogar die Pflicht, die finanziellen Angelegenheiten einer Person, die an „Schwachsinn“ erkrankt ist, zu kontrollieren (Al-Hajjer). Das gleiche Recht verleiht der Islam dem Staate im Falle von Menschen, die unter Spielsucht (Safahah) leiden.
Die Studie „Die Zuordnung von psychotischen Symptomen zu Jinn bei islamischen Patienten“von Anastasia Lim, Hans Hoek und Jan Dirk Blom setzt sich mit optischen und akustischen Halluzinationen bei muslimischen Patienten auseinander. (3) Dabei kommt diese Studie zu zwei Ergebnissen. Zum einen, dass zu diesen Themen kaum Studien existieren und zum anderen, dass solche Symptome, wie optische oder akustische Halluzinationen, den bösen Geistern, sogenannten Jins, zugeschrieben werden. Danach orientiert sich auch die Therapie,die aus Meditation, Rezitation, Musiktherapie und in der Behandlung durch ätherische Öle besteht aber auch zunehmend mit der Einnahme von Psychopharmaka kombiniert wird.
Zusammenfassung:
In der Behandlung von psychisch erkrankten Menschen in den islamischen Ländern spielt die Religion eine signifikante Rolle. Muslimische Patienten stehen einer Gruppentherapie eher ablehnend gegenüber. Hingegen wird eine Familientherapie gern angenommen. In der Behandlung von psychisch erkrankten Menschen werden in erster Linie Geistliche aufgesucht, die die Meditation, das Rezitieren von Suren als Mittel der Wahl ansehen. Doch zunehmend kommt eine Kombinationstherapie, bestehend aus religiösen Handlungen,medikamentöser Therapie und Psychotherapie westlicher Prägung zum Einsatz.

Diskussion:
Bei der Behandlung von muslimischen Patienten in Deutschland spielen religiöse Therapieformen keine Rolle. Zudem konnte festgestellt werden, dass die DSM V und ICD 10 Klassifikationen nicht ohne weiteres auf muslimische Patienten übertragen werden können.Damit werden womöglich bereits in der Diagnostik dieser Erkrankungen Fehler gemacht.Womöglich mit fatalen Folgen in der therapeutischen Konsequenz. Offensichtlich ist ein Umdenken in der Behandlung dieser Patienten, bis hin zur Modifikation der Psychotherapie,erforderlich. Hierzu sind allerdings weitere Studien erforderlich. Die Spiritualität dieser Menschen als weitere Therapieoption in der psychotherapeutischen Behandlung dieser Menschen scheint sinnvoll zu sein. Daher ist die Etablierung einer transkulturellen Psychiatrie dringend erforderlich.

Referenzen:
(1)Sabry WM, Vohra A. Role of Islam in the management of Psychiatric disorders. IndianJ Psychiatry, 2013; 55 (2): 205-214.

(2)Pridmore S, Iqbal Pasha M. Psychiatry and Islam. Australasian Psychiatry,2004; 12 (4):380-385.

(3)Lim A, Hoek HW, Blom JD. The attribution of psychotic symptoms to Jinn in Islamicpatients. Transcult Psychiatry, 2014;52(1): 18-32.Weiterführende Literatur:

(4) Henning M. (2010) Der Koran, Nikol, Hamburg.

(5) Azizi M. (2015) Repetitorium Psychiatrie, ReDiRoma, Remscheid.

(6) Azizi M. (2015) Repetitorium Neurosenlehre, ReDiRoma, Remscheid.

(7) http://link.springer.com/chapter/10.1007%2F3-540-27042-6_3

(8) https://books.google.de/books…

(9) Domenig D. (2001) Migration, Drogen, transkulturelle Kompetenz. Hans Huber, Bern.

(10) Ahmad S. (1998) Die Einbeziehung kultureller, traditioneller und religiöser Normen in die Arbeit der Systemischen Familientherapie und der Narrativen Therapie. Vortragsmanuskript zum Kongress, Trauma und Kreativität, Köln.

(11)Ebner G. (2001) Grundlagen transkultureller Begutachtung. In: Hegemann T, Salman R(Hrsg.) Transkulturelle Psychiatrie; Konzepte für die Arbeit mit Menschen aus anderen Kulturen. Psychiatrie Verlag, Bonn: 232-251

Autor:

Mimoun Azizi aus Hagen

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