Das letzte Wort

Seit Ende letzten Jahres verfüge ich nun auch über eines dieser fesselnden Wunderdinger, die liebevoll landläufig „Smartie“, oder ganz persönlich und noch liebevoller „mein Smartie“ genannt werden.

Ich bin also einer von denen, die an Bahnhöfen mit geneigtem Haupt endlos fasziniert auf Taubenscheiße zu glotzen scheinen und sich mitten im Gespräch abrupt abwenden, um bereits einen Moment später die Unterhaltung um unverzichtbare Information zu bereichern.

Ich habe drei Wochen – „fulltime“ investieren müssen, um einen ansatzweisen Überblick über die unglaublichen Möglichkeiten meines neuen Freundes zu erhalten, aber es hat sich gelohnt: ich habe schon die Tastensperre entdeckt und Dank unterschiedlichster „apps“, bin ich immer auf dem Laufenden was die Verspätungen von Bus und Bahn betrifft.

Lange Zeit stand ich diesem Hirnersatz sehr kritisch gegenüber.

Als alternder Beziehungsmensch sah ich die Gefahr, zu Gunsten der vielen praktischen Funktionen das Denken schlagartig ganz zu vergessen und lästige, zwischenmenschliche Auseinandersetzungen mit der Entschuldigung aufzulösen: „Das hab‘ ich nicht so gemeint, das hat das Schreibprogramm falsch wiedergegeben.“

Dann stellte ich jedoch überraschender Weise fest, welch generationsübergreifende Verbindungen dieses Medium herstellt: Simmsende Omas, die wortreich, aber fehlerfrei ihre Enkel zum Pfannkuchenessen einladen und Neffen im Auslandssemester, die mit mehr Tippfehlern als Worten anhand atemberaubender Fotos den Hauch der weiten Welt an Daheimgebliebene verschicken.

Und nie reagierten die eigenen Kinder prompter auf eine Nachfrage, als per sms: „Kommst Du? Das Essen ist … Hey, nimm die Finger aus dem Topf!“

Hochinteressant im Zusammenhang mit meinem neuen Smartie und geradezu beziehungsorientiert, finde ich die Kundenbetreuung in Form eines „Chat“.
Wer sagt, im Zeitalter des Smartphone werden zunehmend Tiefe und Weisheit langjähriger Beziehungen durch flüchtigen und bloßen Informationsaustausch im menschlichen Miteinander ersetzt, der täuscht. Gerade heute Morgen wieder habe ich einen überaus freundlichen Mitarbeiter des O2-Kundencenters kennengelernt.

„Guten Tag, mein Name ist A. Dirksen. Was kann ich für Sie tun?“
Sehr zuvorkommend und aufmerksam nimmt sich A. Dirksen meines Anliegens an, erträgt jede noch so dämliche Nachfrage mit größter Geduld und gibt auch Antwort auf die Frage, die ich in anderer Wortfolge zum siebten Mal stelle.

Stunden später, nach Klärung des eigentlichen Sachverhalts wird es Zeit Abschied zu nehmen.

Ich: „Vielen Dank.“
A.D: „Gerne.“

A. D: „Haben Sie sonst noch Fragen?“
Ich: „Nein, Danke.“
A.D:„Wunderbar!“
Ich: „Ja. Einen schönen Tag!
A.D: „Ebenso.“
Ich: „Also ich geh dann jetzt?“
A.D: „Ja.“
Ich: „Und Tschüss.“
A.D: „Tschüss!“
Ich: „Ich ‚leg‘ dann jetzt auf‘, oder wie nennt man das hier?“
A.D: „:-)“

Ich kann schreiben was ich will. A. Dirkes hat immer das letzte Wort.

Bis ICH entscheide, dass es reicht und einfach „off“ gehe.

Autor:

Femke Zimmermann aus Düsseldorf

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