Der Zahn der Zeit

Ich sitze im Café Leyensieffer auf der Kö in der ersten Etage. Vor mir auf dem Teller drei Stücke Torte, die kleine Schokobuttercreme, eine große Käsesahne und eine Aprikosenschnitte mit Pudding und Streuseln. Bewußt habe ich mir für meine schwerwiegenden Gedanken des Abschieds dieses Etablissement ausgesucht, da ich immer schon den Duft von frisch gebackenen Teigwaren der süßen Art als etwas sehr Sinnliches empfunden habe. Der Abschied soll ein leichter Abschied sein. Ich bin es gewöhnt, mich vor Prüfungen, Eheschließungen, Scheidungen und allen Abschieden sonstiger Art lukullisch zu befriedigen. Das kommt von den Mehlknödeln, die ich als Kind immer zur baldigen Genesung von Kinderkrankheiten aufgetischt bekam, weil das meine Lieblingsspeise war – und immer noch ist. Aber finden Sie mal in Düsseldorf ein Lokal mit Mehlknödeln – unmöglich.

Neben mir bestellen die Gäste ein Hühnerragout – es wird nur vier Minuten später serviert und stinkt animalisch. Das leichte zur Seite rutschen nützt mir nichts. Zu meinem Abschiedsschmerz gesellt sich dieser üble Mikrowellengeruch des fünfmal gekochten, eingefrorenen und wieder aufgetauten Ragouts. Ich verstehe das Café Leyensieffer nicht – wie kann es so etwas nur zulassen ? Wäre ich doch nur ins Eiscafé gegangen. Aber nun bin ich schon mal hier und habe die aufgeschlagene Tageszeitung vor mir liegen. Sarkozy geht – Hollander kommt. Hoffnung keimt in mir, das der Sturm auf die Bastille im Jahre 1789 nicht umsonst gewesen sei. Hollander wird es schaffen, eine neue Weltenordnung der sozialen Gerechtigkeit zu errichten – ohne Blutvergießen und ohne Facebook. Eine schöne Frau hat er schon und er fährt einen Kleinwagen.

Es macht mich nicht glücklich. Ich bin gefühlte 200 Jahre alt und denke daran, daß ich nach mittelalterlichen Lebenserwartungen schon gar nicht mehr leben dürfte. Es tröstet mich nicht. Geduldig habe ich mir die nach Meinung der Ärzte überflüssigen, nicht mehr nach den Kriterien der Lehrbücher funktionierenden Körperteile im Laufe meines Daseins entfernen lassen. Vom Blinddarm über die Mandeln bis hin zu diversen Zähnen und sonstigen Teilen habe ich alles geduldig über mich ergehen lassen. Zugegebenermaßen mit Erfolg und im tiefen Vertrauen auf meine Selbstheilungskräfte.

Aus diesem Grund bin ich ja vielleicht so alt geworden, wer weiß es schon so genau. Aber jetzt kommt der finale Countdown. Die von vier Zahnärzten bestätigte notwendige Extraktion von drei Backenzähnen steht nun fest. Marlene Dietrich war nach einem solchen Eingriff hohlwangig und ging nicht mehr aus dem Haus. Damals gab es wohl noch keine Prothesen und Implantate – vielleicht war sie auch nicht in der Techniker Krankenkasse versichert. Aber sie hatte schönere Beine als ich und lebte in Paris. Dort braucht man nicht rauszugehen. Die Champs Elysees sind nicht mehr das, was sie mal waren. Überall nur noch Fastfoodketten und Schmutz auf der Prachtallee. Da wäre ich auch nicht mehr rausgegangen.

Aber ich lebe hier in Düsseldorf, in Klein-Paris und möchte die 200-Jahrfeier der Jazz-Ralley mitmachen, möchte mit weit aufgerissenem Mund so wie immer „Blueberry Hill“ mitsingen. Ich frage Sie, wie soll das ohne diese fehlenden Backenzähne denn gehen ? Wie sieht das denn aus ? Und wenn die Prothese kommt – wird sie halten ? Und wenn Implantate kommen – wie lange dauert es, bis ich morgens im Brötchen sie wiederfinde ?

Es gibt keinen Trost in dieser Situation. Gut, ich gebe zu, das die Zahnarzthelferin möglicherweise recht hatte, als sie sich mitleidig ein wenig Zeit für mich nahm. Alles, was jetzt noch piekst im Körper, wird sich verabschieden. Von wackeligen Zähnen geht ja viel Unheil aus, meinte sie. Sie hatte nach Zahnextraktionen keinen Tennisarm mehr, die Schultern schmerzten nicht mehr und gehen konnte sie danach auch schmerzfrei. Auf meine fragenden Augen hin erzählte sie weiter, sie habe danach beim schmerzfreien Tanzen ihren jetzigen Ehemann kennengelernt. Auch das tröstet mich nicht – ich habe ja schon einen Mann. Einen esoterischen Mann sogar, der noch alle Zähne hat und von ärztlichen Eingriffen nichts hält. Erst recht nichts von zahnärztlichen Eingriffen. Nach seiner Meinung fahren alle Zahnärzte einen Lamborghini oder Ferrari und finanzieren das mit meinen drei Backenzähnen.

Ich bestelle mir vor lauter Kummer am hellichten Tag einen Mirabellenschnaps und vergesse, das ich nur 12,- Euro im Portemonnaie habe. Nach dem dritten Mirabell fällt es mir ein. Da beläuft sich die Gesamtrechnung schon auf ca. 16,- Euro. Mein Lebensgefährte hat, wie immer, sein Handy nicht eingeschaltet. „Unglücksrabe“ - das Wort will sich einfach nicht bei mir einnisten. „Schätzchen“ - hallt es stattdessen in meinem inneren Ohr, „Schätzchen“ , komm das schaffst Du. Das mit der Rechnung ? Nein, das mit den Zähnen. Was ist die kleine Blamage, hier mit nicht genug Geld zu sitzen gegen die Zähne ? Wer hier bei Leyensieffer nicht bezahlen kann, der steht auch noch Schlimmeres durch !

Mein Rücken streckt sich – entzückt nehme ich eine kognitive Dissonanzreduktionen bei mir wahr. Ein neues Leben beginnt ab morgen. Befreit von Wackelzähnen und damit einhergehenden Zipperlein bis hin zum Herzkaspar werde ich die 300 Jahre alte Prothesenkönigin werden. Jawohl, ich werde es stemmen, werde mit Wohlgefallen in die Fußstapfen meiner Ahninnen treten, denen das Zähneziehen auch nicht erspart geblieben ist und die nun wohlwollend leicht tadelnd vom Himmel auf mich und der Nachbarn Hühnerragout herabschauen. „Mädchen, wenn es weiter nichts ist...“ - höre ich sie raunen durch das auf Kipp gestellte Fenster zur schönen Kö-Seite hin.

Nun freue ich mich auf morgen – "Was muß das muß", sagt die Rheinländerin in mir. Zwar noch zögernd, aber nach drei Mirabellenschnäpschen immerhin schon sehr bestimmt !

Autor:

Karin Michaeli aus Düsseldorf

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