Hommage an das Altmodische

Alleine das Wort: altmodisch – es war mir beim Betreten auf diese Welt eigentlich klar, das ich niemals altmodisch sein wollte. Niemals ! Die wenigen Momente, wo ich mich altmodisch erlebte in Kindheit und Jugend, waren sehr schmerzlich.

Zu uns kam früher einmal im Jahr eine Schneiderin ins Haus. Sie lebte dort mehrere Wochen, bezog Quartier im Gästezimmer und saß bei allen Mahlzeiten mit am Tisch. Abends bei den Plauderstunden im Wohn- und Rauchzimmer saß sie ebenfalls mit dabei und wir ergötzten uns an ihren Wortbeiträgen über mollige Menschen, die in allzu engen Kleidern ausschauen würden, wie Leonie, die nackte Fleischwurst. Dann schilderte sie in epischer Breite, welche Figuren sie in ihrem Leben schon abgemessen habe und wir wußten, das im nächsten Haus unsere Figuren jeder Beschreibung spotten würden.

Das Eßzimmer war ausgelegt mit Stoffen, Schnittmustern, aneinandergereihten Kleidungsteilen und feinen weißen Papieren, auf die die Schnittmuster mit feinem Rädchen kopiert wurden, um sie sodann auszuschneiden.

Mehrmals täglich traten wir zur Anprobe an. Meinen flehentlichen Bitten, die Kleider und Röcke enger zu nähen und vor allen Dingen auch kürzer, wurde nie entsprochen. Meinem frühpubertären Wunsch, Busen, Po und Beine zu zeigen, konnte ich nicht gerecht werden und ich litt Höllenqualen in Kleidern, die zwar neu – aber hoffnungslos altmodisch waren.

Nachts träumte ich von den „Fähnchen“ von der Stange, die meine Mutter dank unserer soliden Schneiderin niemals kaufen mußte. Ich sah mich in kurzen, dünnen Flatterfähnchen heiß begehrt von allen Jungs in der Umgebung und in meinen Träumen war ich die „Fähnchenkönigin“.

Gekrönt wurden die altmodischen Kleider von ebenso altmodischen Schuhen. „Moppi-Schuhe“ nannten meine Schulkollegen diese Schuhe. „Et hot Moppi-Sandalen un !“ schrien sie in dem Dialekt, der in meinen Ohren noch gräßlicher und noch altmodischer klang, als meine Kleidung ausschaute.

Sonntags ging ich mit meinen Eltern häufig ältere verwandte Tanten und Onkeln besuchen. Schwere dunkelbraune Möbel standen im düsteren Sonntagszimmer, der sogenannten „goud Stuff“ (gute Stube), die nur zu hohen Fest- und Feiertagen betreten werden durfte.

Hier lauerte in jeder Ecke das Plusquamperfekt, um bei falschen Redewendungen erbarmungslos zuzuschlagen. In der guten Stube war alles altmodisch bis hin zum Gespräch. Ungeschriebene Gesetze hatten Macht genug festzulegen, das in diesen Gesprächen in der guten Sonntagsstube mit den altmodischen Möbeln und der schwer tickenden Sieben-Geißlein-Uhr niemals über wirkliche Probleme gesprochen werden durfte. Was der Krieg aus den Menschen gemacht hatte, wie die Flüchtlinge behandelt wurden, ob das kleine Mädchen, das da alleine zwischen all den dunkel gekleideten Erwachsenen saß in seinem altmodischen Kleid auch wirklich glücklich war – all die wirklich wichtigen Themen wurden auf mystische Art und Weise ausgeklammert und die altmodische Konversation nahm mühseelig beim Genuß der altdeutschen Apfeltorte auf Sammeltassentellerchen ihren Gang.

Am altmodischsten war in diesem Milieu der stündliche Gong der Standuhr. Er paßte mit seinem Klangvolumen so wenig in den kleinen Raum, wie der Klang einer Schiffsirene zu einer Fahrradklingel. Aber es störte niemand, wurde noch nicht mal zur Kenntnis genommen.

Über allem lag ein leichter Duft von Tosca 4711, den sich die Damen sonntags gerne auflegten. Ein penetranter altmodischer Duft strömte von ihnen aus, wenn sie ihre parfümgetränkten spitzenumhäkelten Stofftaschentüchlein aus dem Handtäschelchen zogen, um sich damit den imaginären Schweiß von der Stirn zu wischen...

Aber nun, viele Jahre später, ist alles Altmodische aus meinem Leben verschwunden. "Anziehfähnchen“ kaufe ich von der Stange.Die Sonntagsbesuche finden statt bei Leuten, die in terracotta-getönten Zimmern mit Edelparkett auf Futonmatrazen sitzend den Lotussitz beherrschen und mir freundlich deuten, es ihnen gleichzutun, nachdem ich meine Schuhe vor der Tür abgestreift habe.

Glücklicherweise sind meine Beine altmodisch geblieben – ich kann so nicht sitzen und darf den einzigen Hocker benutzen, der im Raum steht. Von altdeutschem Apfelkuchen ist ebenfalls keine Spur zu sehen. Zum grünen Tee werden Bananenchips gereicht aus brasilianischem biologischen Anbau. Es werden Räucherstäbchen vom Typ Nag Champa angezündet und dazu werden Stille Meditationen durchgeführt.

Psst: Aber manchmal, wenn die guten Energien zwischen uns strömen und wir bei uns selbst ankommen, dann nehme ich heimlich mein Fläschlein Tosca 4711 aus der Tasche und versprenge üppig ein paar dicke Tropfen um mich herum von dem altmodischen Duft.

Tief atme ich ein, imaginiere mir eine Sieben-Geißlein-Uhr mit altmodischem Gong, sehe unsere Hausschneiderin vor mir dem Armband um den Arm, auf dem ein Samtkissen mit Stecknadeln thronte. Dann werde ich nostalgisch und bin entsetzlich stolz darauf, altmodisch zu sein.

Autor:

Karin Michaeli aus Düsseldorf

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