Schnauze-Voll-Tag

Kennen Sie das auch ? So Tage, an denen man meint, es sei außer einem selbst niemand auf der Welt, dem es soo schlecht geht ? Tagelanges, monatelanges Zusammenreißen – immer gut funktionieren. Der Haushalt, die Familie, der Job, die Einkäufe, die Ernährung, die Figur, die Freunde, die gesellschaftlichen Verpflichtungen – wozu das alles eigentlich ? Wozu ?

Was ist schon ein Haushalt ? Der Staub türmt sich auf den Möbeln, wird immer wieder abgewischt und kommt dennoch wieder.

Familie ? Die Kinder sind aus dem Haus und leben ihr eigenes Leben. Die Eltern sind ausgewandert nach Spanien und träumen davon, später einmal von Ihnen gepflegt zu werden, wenn es in Spanien nicht mehr funktioniert. Oder sie leben getrennt voneinander und haben neue Lebensgefährten, mit denen man überhaupt nicht übereinstimmen kann. Oder sie sind bereits verstorben und man kann sie nur noch auf dem Friedhof besuchen – am besten an einem grauen kalten Novembertag.

Job – ja, das ist ja ohnehin ein Thema für sich. Vor der Arbeit schon antanzen, die Pause am besten auch noch im Büro verbringen mit den Kollegen bei einem halb abgebissenen Brötchen am Computer, der auch immer wieder zickt. Natürlich länger bleiben – das ist Corporate Identity, glücklich übernommen von den Japanern, die den Arbeitsplatz überhaupt nicht mehr verlassen. Im Vordergrund steht immer nur die Arbeit, die Profitmaximierung des Unternehmens – und wenn Sie caritativ tätig sind in einem nichtprofitablen Unternehmen, dann treibt Sie das Gewissen, noch eins drauf zu legen nach Feierabend.

Oder Sie sind selbstständig und nehmen hin und wieder mal Urlaub, den Sie beim Finanzamt einreichen dürfen. Denn das Finanzamt ist jetzt Ihr Arbeitgeber – Eingangssteuersatz von 42 % bei einem Jahreseinkommen von 52.000 Euro. Da bleibt bei allem Fleiß nicht viel übrig. Und wenn Sie Ihr Geschäft aufgeben müssen nach Jahrzehnten fleissiger Arbeit, weil die Aufträge ausbleiben, dann rutschen Sie in Hartz-IV und haben genauso viel Geld, als hätten Sie die letzten Jahre nie gearbeitet.

Die Einkäufe ? Im Supermarkt ? Das ich nicht lache ! Das ist alles hochgepeppte Chemie, die Sie dort erwerben – auch wenn das alles noch so schön glänzt. Dahinter verbirgt sich der leibhaftige Tod auf Raten !

Die Ernährung – wann denn, wo denn ? Wo bekommen Sie denn Ihr Mittagessen ? In der Kantine ? Die Salate von der Fabrik klein geschnippselt ? Die Eintöpfe vom Catering gebracht ? Abends spät noch frisch kochen gegen 21 Uhr ? Wie soll das denn gehen ?

Die Figur ? Vom ständigen Mopsen aus den verbotenen Schachteln, um den Tag noch halbwegs zu überstehen, werden Sie immer fetter und demzufolge auch immer kleiner. Wer in die Breite geht, schrumpft. Einkauf bei Pimkie oder H & M ? „Oh, Ihre Größe führen wir nicht.“

Die Freunde ? Ja, wo sind sie denn ? Gestern waren sie doch noch da ! Warum ruft heute, ausgerechnet heute, denn keiner an ? Warum haben die denn nie Zeit ? Wann klingelt denn mal jemand an der Tür ohne sich vorher anzumelden, so ganz spontan. Ich weiß, bei Ihnen wird immer spontan geklingelt – bei mir nicht !

Gesellschaftliche Verpflichtungen ? Klar – jede Menge ! Mit dem Chor ein Wochenendausflug. Mit den Kollegen ein Treff auf dem Weihnachtsmarkt zu Zeiten, wo man für einen Glühwein zwischen tausend Holländern zwei Stunden ansteht für den Wein und nochmal zwei Stunden für die Rückgabe des Pfandgutes. Das nehme ich dann lieber doch mit nach Hause.

Urlaubsfotos anschauen bei einem pflegeleichten Paar, das sich seit zwanzig Jahren immer noch liebt – da kann man doch nur mit Neid hinschauen und geht am besten gar nicht hin !

Der Partner ? Was macht der eigentlich immer im Internet ? Sitzt mir gegenüber beim Frühstück, beim Abendessen, im Restaurant, bei der Familie – immer mit dem Smartphone in der Hand. Mit wem kommuniziert der eigentlich immer so viel ? Warum kann ich mich bei dem eigentlich nicht einloggen, heimlich auf seinem Handy, wenn er mal nicht guckt ? Er hat sein Paßwort geändert ! Warum ? Wer ist Maria auf Facebook, mit der er neuerdings befreundet ist ? Ich kenne sie nicht ! Was schreiben die sich heimlich ?

Die Fernsehwoche des Glücks ? Was soll denn der Bullshit ? Glück wäre es, wenn wir nicht die monatliche Zwangsabgabe an die Rundfunkanstalten hätten von 17,77 Euro ! Die muß jetzt jeder entrichten, der noch im Mutterleib wohnt !

Die ARD-Glückswoche geht mir am Popo vorbei ! Es ist November und wie in jedem November erlaube ich mir den Novemberblues ! Jawohl ! Ich brauche kein Glückstagebuch und auch keine Glückskekse. Ich will schlank, bleich und interessant sein ! Ich brauche drei Luxusgüter: Ruhe, Zeit und Liebe !

Wer liebt mich denn noch ? Und wenn ja, warum ? Es weiß doch kaum noch jemand in dieser verblödeten Welt, was Liebe ist !

Ich sollte spanisch lernen und nach La Gomera gehen ! Dahin, wo die Althippies sitzen ! Dort gibt es Avocados und Gomera-Bananen und spanischen Rotwein im Original. Dort kommen möglicherweise auch gute Gedanken, wenn man am Hafen sitzt und die ankommenden Schiffe betrachtet. Vielleicht bringen diese Schiffe ja das Glück ?

Ich glaube, auf Gomera gibt es keinen „Schnauze-Voll-Tag“ !

Es gibt so viele Tage im Jahr: den Weltspartag, den Tag der Nettigkeit, den Tag der Kinder, den Welttag der Küsse – ich plädiere für den „Schnauze-Voll-Tag“ !

ICH HABE EINFACH DIE SCHNAUZE VOLL !

Autor:

Karin Michaeli aus Düsseldorf

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